9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2020 - Gesellschaft

Transrechte gefährden nicht Frauenrechte, beteuern einige Genderforscherinnen und die Grünen-Abgeordnete Tessa Ganserer in der taz. Dan holen sie die Keule aber doch gleich wieder aus: "Es ist jedoch nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, trans* Frauen das Frausein abzusprechen, sie als geschlechtlich abartige Männer darzustellen, die sich unlauter Zugang zu Frauenräumen verschaffen wollen. Diese Entmenschlichung weist starke historische Parallelen auf. Mit ähnlicher Argumentation wurden in der Nazidiktatur homosexuelle, sexualitäts- und geschlechtsnonkonforme Menschen stigmatisiert und ermordet."

Beugen sich ÄrztInnen heute schneller in vorauseilendem Gehorsam den "politischen Forderungen" von Trans-Aktivisten, fragt sich Birgit Schmid in der NZZ. Sie diagnostiziert einen "Transgender-Trend": Die Anzahl der geschlechtsangleichenden Operationen hat sprunghaft zugenommen - vor allem bei jungen Mädchen, die sich als Jungen sehen, weiß Schmid: "In Schweden veröffentlichte die Gesundheitsbehörde Anfang Jahr einen Bericht, wonach Transgender-Diagnosen von 13- bis 17-jährigen Mädchen um 1.500 Prozent zugenommen haben zwischen 2008 und 2018. Ans Tavistock Centre in London, eine auf minderjährige Transgender spezialisierte Klinik, gelangen inzwischen über 1.700 Mädchen pro Jahr. Vor zehn Jahren waren es um die 30." Schmid kritisiert vor allem die Verkürzung des diagnostischen Prozesses.

"Wir müssen lernen anzuerkennen, dass wir frei sind. Das bedeutet, dass an unserer Freiheit, ob uns das gefällt oder nicht, einige Menschen sterben werden!", sagt der Philosoph Markus Gabriel im Corona-Interview mit Ronald Pohl (Standard). Er mahnt zu mehr Eigenverantwortung: "Der Gedanke, dass es uns gelingen könnte, in einem demokratischen Rechtsstaat Corona mit den Methoden einer kommunistischen Diktatur auszumerzen, ist illusorisch. Die einzige Art und Weise, eine Pandemie zu beenden, besteht in einer Kombination der Eigenverantwortung von Akteuren, die staatlich nicht zum Handeln gezwungen werden, mit dem medizinischen Fortschritt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit der SZ macht Christina Végh, Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, einen großartigen Vorschlag, wie man die jetzt leeren Museen nutzen könnte: Schulunterricht. "Natürlich würde ich zuerst daran denken, unsere Vermittlungsprogramme weiterzuführen. Aber daneben sind doch auch unsere - jetzt leer stehenden - Räume sehr viel sicherer als die engen, schlecht gelüfteten Klassenzimmer. In Abstimmung mit Lehrern oder Schulleitern könnte man diese umfunktionieren und andere Formen des Unterrichts installieren. Ich würde den Schulen gerne zurufen dürfen: Wir sind da! Kommt in unsere Vermittlungsprogramme. Oder - wenn euch damit gedient ist - haltet euren Unterricht bei uns ab!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2020 - Gesellschaft

Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank fürchtet in seiner taz-Kolumne, dass die AfD in ihrer kommenden Desiderius-Erasmus-Stiftung, die dank des gloriosen Status von Parteistiftungen mit Abermillionen Euro gefördert werden wird, Begriffe "reclaimen" und eine weiche, aber darum um so effizientere Einflusspolitik führen wird: "So wird unter Demokratie etwa die Herrschaft des Volks als einer einzelnen ethnischen Gruppe verstanden oder wie von Gauland neulich als Widerstand gegen die vermeintliche 'Corona-Diktatur' stilisiert; unter 'Pluralismus' ein Ethnopluralismus, in welchem die Menschheit wieder nach Herkünften verteilt werden soll. Wenn Konservative einen 'Rassismus gegen Weiße', 'Sexismus gegen Männer' oder gar 'Rassismus gegen Polizisten' feststellen, ein Bundesinnenminister gar 'deutschenfeindliche Straftaten' zählen will, sind sie stets schon dieser Strategie auf dem Leim gegangen."

Die Regeln für den aktuellen kleinen Lockdown sind ein bisschen willkürlich, scheint es. Das Kulturleben und die Gastronomie fallen weithin aus. Aber Gottesdienste dürfen stattfinden, obwohl gerade Gottesdienste oft zu Superspreader-Events wurden, wundert sich Daniela Wakonigg bei hpd.de: "Im Frühjahrs-Lockdown, als noch ein Verbot für Präsenz-Gottesdienste bestand, hatten die Religionsgemeinschaften mit Verweis auf die Religionsfreiheit ihren Einfluss auf die Politik geltend gemacht und so schließlich doch noch ihre Erlaubnis für die Durchführung von Gottesdiensten mit leibhaftig anwesendem Publikum erhalten. Diesmal reagierte die Politik bereits in vorauseilendem Gehorsam."

"Der Eindruck, dass dem Staat die Religion wichtiger sei als Kultur, ist verheerend", findet auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda bei Zeit online. "Und dass ich mir auch in den kommenden Wochen weiter Socken in einem vollen Kaufhaus kaufen darf, mich aber nicht mit der Weltdeutung der Kunst in einem Museum auseinandersetzen kann, ist mindestens erklärungsbedürftig."

Ebenfalls auf Zeit online verteidigt der Theologe Johann Hinrich Claussen die Ausnahme für Kirchen. Und die Schriftstellerin Nora Bossong findet Kritik daran sogar intolerant: "Diese steht einer Gesellschaftsgruppe wie den Kulturschaffenden, die sich im gleichen Atemzug gern mit ihrer besonderen moralischen Verantwortung brüstet, ausgesprochen schlecht. Gerade von einem Bereich wie dem steuerlich hochsubventionierten Theater, der unabhängig von jeder Pandemie unentwegt Verständnis für seine Notwendigkeit auch von Menschen fordert, die rein gar nichts mit dieser Kunst anfangen können, ist es ein Zeichen peinlicher Kurzsichtigkeit und narzisstischer Arroganz, dieses Verständnis nicht für andere Bereiche des menschlichen Lebens aufzubringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2020 - Gesellschaft

Heute soll an französischen, aber auch Berliner Schulen um 11.15 Uhr eine Gedenkminute für den enthaupteten Lehrer Samuel Paty abgehalten werden. Die Diskussion um den islamistischen Terror in Europa geht weiter.

Folgende Szene in Neukölln schildert Julius Betschka im Tagesspiegel. Ein Mann in traditioneller arabischer Kleidung zieht an einem Strick einen Mann mit Frauenperücke hinter sich her. Er trägt eine Maske mit dem Gesicht Emmanuel Macrons. Die Szene ist auf einem Video (das nicht sehr deutlich ist) dokumentiert: "'Yallah, Yallah', ruft der Mann im weißen Gewand und zieht die Person mit der Macron-Maske wie einen Gefangenen durch die belebte Straße. In der anderen Hand trägt er einen schwarzen Ledergürtel, der ihm als Peitsche dient. Auf arabisch beschimpft er den Mann unter anderem als 'Ungeziefer' und 'Hund'."

Der Gegensatz zwischen genderistischem und klassischem Feminismus, der sich neulich in eine Hasskampagne gegen J.K. Rowling Bahn brach (unsere Resümees), existiert auch in Deutschland. Emma dokumentiert auf ihren Seiten einen Aufruf der "Sex Worker Action Group", die gegen eine geplante, aber wegen Corona ausfallende Lesung von Alice Schwarzer in Berlin protestieren wollte: "Wir stehen gemeinsam ein für einen intersektionellen, inklusiven Feminismus. In unserem Feminismus haben wir reichlich Platz für Sexarbeitende, Trans*Menschen, Migrant*innen, Muslima/Muslime und BIPOC Frauen*. Wir sind angewidert und müde, dass wir immer wieder mit ansehen müssen wie Menschen wie Alice Schwarzer eine Plattform geboten wird, wie sie Gewalt gegen Minderheiten zu Profit machen."

Bei queeren Verbänden wächst die Wut darüber, dass die Ermittlungsbehörden nach dem Attentat von Dresden nicht klar benennen, dass offenbar Schwulenfeindlichkeit der Grund dafür gewesen sei, berichtet Tilmann Warnecke auf Zeit online. "Als Thomas L. Anfang Oktober in der Dresdner Innenstadt von einem mutmaßlichen Islamisten angegriffen und erstochen wurde, war er nicht allein unterwegs. Thomas L. ging mit seinem Lebenspartner durch die Stadt, die beiden sollen sich kurz vor der Tat umarmt haben. Auch der Partner wurde bei dem Angriff schwer verletzt. Doch bislang haben die sächsischen Ermittlungsbehörden und auch die Bundesanwaltschaft dazu geschwiegen, dass die Tat auch ein homofeindliches Motiv gehabt haben könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2020 - Gesellschaft

Sophia Zessnik unterhält sich mit dem Londoner Streetworker und Buchautor JJ Bola über Männlichkeitsbilder. Dabei betont Bola, dass Männer natürlich Nutznießer patriarchaler Strukturen sind, aber eben nicht nur: "Solange es jemanden unter mir gibt, den ich dominieren kann und dem es schlechter geht als mir, fühle ich mich stark. Dabei übersehen wir, dass Männer öfter Opfer von Gewaltverbrechen werden, häufiger drogenabhängig sind und/oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. Auch ist die Suizidrate bei Männern höher als bei Frauen. Statt also am patriarchalen System festzuhalten, sollten wir uns für eine geschlechtergerechtere Gesellschaft einsetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2020 - Gesellschaft

Simon Strauß zweifelt in der FAZ, ob die jetzt neu beschlossenen Corona-Maßnahmen, die den Kulturbetrieb wieder besonders hart treffen, rechtlich standhalten werden: "Wenn jetzt beispielsweise die Theaterintendantin eines nicht-staatlichen, also weisungsunabhängigen Bühnenhauses auf die Idee kommt, beim Gericht einen Eilantrag gegen die Verordnungen einzureichen und recht bekommt und ihr andere betroffene Branchen folgen, könnten die Notstandsregelungen wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen."

Jetzt rächen sich eben die "Kompromisse", die im Sommer bezüglich der Corona-Pandemie eingegangen wurden, um die Wirtschaft zu retten, schreibt Slavoj Zizek in der NZZ. Er will Corona mit Marx heilen: "Man muss aus marxistischer Perspektive - und das ist meine - allen Mut zusammennehmen, um diese Hoffnungslosigkeit offen annehmen zu können und einen radikalen sozioökonomischen Wandel ins Auge zu fassen: endlich eine direkte 'Politisierung' der Wirtschaft mit einer weit stärkeren Rolle des Staates und gleichzeitig einer weit grösseren Transparenz der Staatsapparate gegenüber der Zivilgesellschaft."

Weitere Artikel: Auf Zeit Online plädiert auch Georg Dietz, die Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato zitierend, "für eine andere Gesellschaft, eine andere Form von Markt und Marktwirtschaft, eine andere Form und Funktion von Staat, der positiv, konstruktiv, innovativ gedeutet wird, als 'unternehmerischer Staat'." In der SZ erklären Florian Cramer, Professor für Bildkultur und Wu Ming 1, Mitglied des Schriftsteller- und Kulturtheoretiker-Kollektivs Wu Ming, die Verschwörungswelt von QAnon.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2020 - Gesellschaft

Das Kopftuch für Mädchen, die noch nicht in der Pubertät sind, war lange Zeit auch in islamischen Staaten unüblich. Es hat sich erst mit dem Erstarken des Islamismus durchgesetzt. In Deutschland wird es bisher akzeptiert, kritisiert in der Zeit Necla Kelek, die auch im Verein "Terre des Femmes" unermüdlich gegen diese Praxis kämpft. Denn das Kopftuch bedeute "eine Rollenzuschreibung, die sich nicht mit dem Grundgesetz und den Grundsätzen einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft verträgt: Konservative Muslime leben in der Vorstellung, dass Mann und Frau gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt seien. Dem Koran nach ist der Mann das überlegene Wesen. 'Männer stehen über den Frauen', heißt es in Sure 4, Vers 34. Die sexuelle Verfügbarkeit der Frau, sagt der anerkannte Islamwissenschaftler Tilman Nagel, sei 'Kern und Inbegriff des Verhältnisses von Mann und Frau' im Islam. Das Kopftuch - also das Verbergen der weiblichen Reize vor Fremden durch Verhüllung in der Öffentlichkeit - ist so etwas wie das besitzanzeigende Symbol dieser Apartheid, der Trennung nach Geschlechtern." Die Zeit veröffentlicht flankierend eine Umfrage: 71 Prozent der Deutschen lehnen ein Kopftuch für Mädchen unter 14 Jahren ab.

Ebenfalls in der Zeit äußert Mouhanad Khorchide, der für einen reformierten Islam eintritt, Zweifel am Sinn des neu gegründeten "Expertenkreises gegen Muslimfeindlichkeit" im Bundesinnenministerium. So nützlich der Kampf gegen Diskriminierung, so sehr fürchte er, "dass die immer einseitigere Rede von den 'durch die Mehrheitsgesellschaft' diskriminierten Muslimen eine falsche Trennlinie zieht: zwischen Nichtmuslimen und Muslimen, zwischen Mehrheit und Minderheit. Als stünden sie sich in Deutschland als feindliche Blöcke gegenüber. So ist es aber nicht. Das Beharren auf der angeblichen Spaltung unserer Gesellschaft nach Religionszugehörigkeit ist ein identitätspolitischer Irrtum, der den Identitären gefallen dürfte - seien sie nun Rechtspopulisten oder Vertreter des politischen Islams. Letztere treten auch deshalb so vehement als Anwälte einer benachteiligten Minderheit auf, um sich selbst gegen Kritik zu immunisieren. Zugleich betreiben sie Hetze gegen Muslime wie mich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2020 - Gesellschaft

Christian Wernicke unterhält sich in der SZ mit einer deutschen Lehrerin, die sich traut, ihren Schülern die Mohammed-Karikaturen zu zeigen (allerdings will sie doch lieber anonym bleiben). Die Karikatur von Kurt Westergaard (die mit dem Turban, hier) zeigt sie allerdings nur, "wenn ich die Schüler gut kenne. Und sie mich. Das erste Mal habe ich die Karikatur 2015 gezeigt, nach dem Attentat auf Charlie Hebdo. Das war kontrovers. Kein Schüler hat zwar das Attentat gebilligt. Aber ebenso wollte auch niemand billigen, dass man diese Mohammed-Karikaturen verbreitet. Dieser Widerspruch bleibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2020 - Gesellschaft

Corona lässt die Jungen mit ihrem Feier- und Sozialisationsbedürfnis plötzlich wieder Jugend sein. Jugend im Sinne einer Alterskohorte, die sich von den Älteren scharf unterscheidet. Jahrzehntelang war diese Grenze aufgeweicht worden, das ist vorbei, meint Jens Balzer auf Zeit online: "Wer vorher noch völlig selbstverständlich als silver raver in jugendlichen crowds auf dem Dancefloor im Club mitturnte, bleibt nun durchweg zu Hause und lässt die Jugend - nun wieder verstanden als biografisch klar definierte Alterskohorte - unter sich. Und schüttelt selbst befremdet den Kopf über die verantwortungslosen Gesellen und Gesellinnen, die sich ohne Maske und Abstand auf Schlauchboot-Raves oder bei illegalen Freizeittanzveranstaltungen vergnügen. In diesem kleinen Feld hat die Pandemie jedenfalls jetzt schon zu einer Retribalisierung geführt, zu einer Neuordnung der Verhältnisse zwischen den Alterskohorten; insofern ist diese Veränderung eben doch exemplarisch. Denn Ähnliches kann man abseits von den partikularen Problemen urbaner Partykulturen etwa auch beim alltäglichen familiären Umgang zwischen Erwachsenen und Jugendlichen beobachten. Wer seine Kinder beim Homeschooling während des ersten Lockdowns unterrichten oder auch nur beaufsichtigen musste, der oder die sah sich plötzlich wieder in der Rolle der elterlichen Autorität, die man doch längst überwunden geglaubt hatte, in Wahrheit aber bis dahin nur an den schulischen Lehrkörper delegierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2020 - Gesellschaft

Eine Studie zu Rechtsextremismus und Rassismus in Polizeibehörden ist sehr wohl fällig, insistiert der Soziologie Wilhelm Heitmeyer im Gespräch mit Sebastian Leber im Tagesspiegel. Denn es gehe darum, die Zustände in den Dienststellen selbst zu untersuchen: "Die interne Kritikbereitschaft ist gering, gerade jüngere Polizisten müssen fürchten, dass sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, auf die sie in Einsätzen und anderen gefährlichen Risikokonstellationen unbedingt angewiesen sind. So entsteht ein hoher Konformitätsdruck. Das Nichteinschreiten ist auch das Ergebnis von Normalisierungsprozessen. Was als normal gilt, kann man ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr problematisieren. Solche Prozesse sind natürlich auch in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft erkennbar - Normalitätsstandards verschieben sich."