9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2018 - Ideen

Im taz-Interview mit Edith Kresta spricht die Soziologin Cornelia Koppetsch über die verhärteten Fronten im politischen Diskurs, über die Spießigkeit der Kosmopoliten und die linksliberalen Mittelschichten als Motor der Globalisierung: "Als Kosmopoliten bezeichne ich die akademisch gebildete, zumeist in urbanen Zentren ansässige Mittelschicht, die sich an Werten wie Toleranz und Weltoffenheit orientiert, politisch interessiert und zivilgesellschaftlich engagiert ist. Angepasst sind sie insofern, als sie durch Selbstoptimierung und unternehmerisches Handeln das Projekt des Neoliberalismus verinnerlicht haben, auch wenn sie diesem eigentlich kritisch gegenüberstehen und sich gegen eskalierende Ungleichheiten aussprechen. Doch verhalten sich linksliberale Werte zum neuen Kapitalismus wie ein Schlüssel zum Schloss."

In der taz hält Tania Martini das Tragische an Jürgen Habermas' großer Rede zu Zukunft Europas fest, die er fatalerweise an die "tonangebenden Eliten" in eben jenem Kreis adressierte: "Stellen Sie sich vor, der Spiritus Rector der BRD warnt sein Publikum vor dem Rückfall ins 19. Jahrhundert und alle bleiben auf ihren Stühlen sitzen, bis der Servicearbeiter den nächsten Sekt bringt... Man weiß nicht, ob aus Selbstzufriedenheit oder weil sie verstanden haben, dass Öffentlichkeit so nicht mehr funktioniert. Was bleibt, ist die Ordnung der Inszenierung. Vielleicht ist Konsens eben doch das Ende der Politik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2018 - Ideen

Habermas habe er nie gemocht, bekennt in der Welt der Schriftsteller Joachim Lottmann und vernahm entsprechend am Mittwoch, als Habermas den Deutsch-Französischen Medienpreis erhielt (unser Resümee), auch nur "hohle Phrasen" und ein "Hochamt der Selbstgerechtigkeit": "Das hat alles mit dem 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Keinerlei Antworten oder auch nur Gedanken zum politischen Islamismus. Kein Wort zu jener Situation in fünf oder zehn Jahren im blutig versinkenden Zwei-Milliarden-Afrika. Kein Wort zur Demografie bei uns und ihren Folgen in den nächsten zwei Generationen, wenn auf einen Teenager acht Greise kommen. Dafür soll für jede Dummheit und jedes haarsträubende Missmanagement in Drittweltstaaten der Westen verantwortlich sein, am besten gleich und sehr wortgewaltig denunziert als 'wir'. Eigentlich ist solch eine Arbeit am ewigen Weinberg des Selbsthasses und ein Verleiten ganzer Bevölkerungsteile in die falsche Richtung verantwortungslos. Und wenn Habermas einen Rechtsruck konstatiert, hat er zwar recht, und das ist natürlich schrecklich. Doch trägt er nicht sogar dafür eine Mitverantwortung?"

In der SZ hörte Cerstin Gammelin unterdessen einen Habermas, "der weiß, dass die eigene Kraft nicht mehr reichen wird, die Werte, für die er ein Leben lang gekämpft hat, zu verteidigen. Und der seine Erben wohl nicht für stark genug hält, dies zu tun."

Endlich regt sich Widerstand gegen die "linke Orthodoxie" an angelsächsischen Universitäten, schreibt Markus Schär in der NZZ mit Blick etwa auf den Psychologieprofessor Jordan Peterson, der sich dagegen wehrte, Transgender-Personen mit den von ihnen gewünschten Pronomen  ("ze", "xem") anzusprechen - (und nun mit maskulinistischen Programmen durch die USA und Kanada tourt, unser Resümee). Schär meint: "Die Ideen der 'alten weißen Männer' von Plato bis Kant führten zwar unbestreitbar zu Kolonialismus und Imperialismus, zu Wirtschaftskrisen und Umweltkatastrophen; aber sie schufen zugleich eine Zivilisation, die den Menschen gemäß allen denkbaren Maßstäben mehr Lebensqualität, Freiheit und Glück bietet - gerade auch Personen, die sich nicht als Männer oder Frauen fühlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2018 - Ideen

Was also ist das Web? In der NZZ holt der italienische Philosoph Maurizio Ferraris ganz weit aus und erkennt schließlich: "Das Web hat am deutlichsten und besser als jedes historische Ereignis oder jeder technische Apparat gezeigt, dass wir mobilisierte und unterworfene Tiere sind, bereit, auf Befehl zu handeln, ohne den Grund für unsere Handlungen zu verstehen. Das Web hat ebenso deutlich gemacht, dass Handeln unser wichtigster Wert ist (was, wenn nicht ein grundsätzliches Bedürfnis nach Aktivität und Anerkennung, treibt uns dazu, unentgeltlich und mit womöglich katastrophalen Folgen Inhalte in den Social Media zu posten?). Das ist keine Entfremdung, also kein Ereignis, das uns - die vernunftbegabten Tiere - in mobilisierte Tiere verwandeln würde, sondern eben eine Offenbarung: Wir dachten, am Anfang sei das Denken, aber am Anfang ist die Handlung."

Immerhin, ein weißer Mann ist nicht automatisch gleich ein Täter, konzediert die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan in Zeit online (die auf einen Artikel Anselm Nefts über modische Opferdiskurse antwortet): Aber "im Kontext struktureller Gewalt bedeutet Schuld nicht, Privilegien innezuhaben, sondern diese nicht zu reflektieren. Ein weißer Mann, wie er auch von Neft angeführt wird, ist selbstverständlich nicht sofort Täter oder Mittäter, nur weil er ein weißer Mann ist. Hört er aber jenen, die keine weißen Männer sind, nicht zu, und denkt nicht darüber nach, was es wohl gesellschaftlich bedeutet, ein weißer Mann zu sein, stabilisiert er ein System, das anderen schadet."

In einem vom Merkur übernommenen Essay warnt Jörg Scheller auf Zeit online vor einer festgelegten Leitkultur, die die Menschen entmündigt: "Vielfalt ist weder ein positiver noch ein negativer Wert per se. Sie kann nicht dekretiert werden. Vielfalt muss verhandelt, gewollt, erprobt und erlebt werden. Man muss um sie werben, muss ergebnisoffen für sie argumentieren, darf sie nicht als 'selbstverständlich' setzen. Wer aber Vielfalt ablehnt, da sie 'von oben' verordnet werde, kann nicht auf redliche Weise 'von oben' geförderte oder gar durchgesetzte Homogenität verlangen. Hoffnung auf eine kodifizierte Leitkultur ist letztlich ein Ausdruck des Wunschs nach Sicherheit auf Kosten der Freiheit."

Weiteres: In der NZZ verteidigt Robert Nef das Eigentum gegen Marx. Der Soziologe Stefan Müller-Doohm würdigt die kritische Theorie der Frankfurter Schule. Und Norbert Niemann warnt im Freitext-Blog mit Heinrich Mann davor, nur den Populisten mediale Aufmerksamkeit zu schenken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2018 - Ideen

Je zivilisierter unsere Gesellschaften, desto verstörender das "Andere", schreibt Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ über den Umgang moderner Gesellschaften mit Bettlern und Gestrandeten und letztlich der unangenehmen Perspektive des eigenen Todes: Es "fehlen uns - mehr denn je vielleicht - soziale Formen, um in der realen Präsenz dessen leben zu können, was uns heute als bedrohliches Anderssein beunruhigt: in der realen Präsenz von Armut, von Krankheiten ohne verfügbare Therapie - und in der realen Präsenz des Todes als physischen Ereignisses."

Viel zu wenig wahrgenommen wird in Europa das globale Ausgreifen Chinas, warnt Mark Siemons in der FAZ und fordert eine viel intensivere Auseinandersetzung auch mit den Ideen des Landes von sich selbst und der Welt: "Auch unabhängig von der gegenwärtigen kommunistischen Führung vollzieht sich die chinesische Art von Globalisierung .. in einem Erwartungshorizont, der sich von dem der westlichen Staaten deutlich unterscheidet. Wenn man universelle, zuerst in Europa geprägte Prinzipien - konkret: Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit - auch in der Zukunft sichern will, muss man diesen Horizont ernst nehmen."

Außerdem: Die AfD berät an diesem Wochenende, nach welcher historischen Gestalt sie ihre Parteistiftung, die mit Millionen Euro aus der Staatskasse rechnen darf, benennen will. In der FAZ nehmen der Historiker Andreas Wirsching Gustav Stresemann und die Erasmus-Forscherin Nicolette Mout Erasmus von Rotterdam vor möglichen Ansinnen der Partei in dieser Richtung in Schutz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2018 - Ideen

Weltbürger sein heißt nicht, ortlos zu sein, antwortet Jan Philipp Reemtsma in der Zeit auf einen Einwurf Wolfgang Streecks (unser Resümee). Warum soll man nicht beides sein und sich sogar in der Fremde heimisch fühlen können? "Wir sind (ich paraphrasiere den Philosophen Richard Rorty) möglicherweise in mancher Hinsicht Monaden, aber 'well-windowed monads', reich befensterte. Oder, mit Peter Rühmkorf zu sprechen: '1 2 3 4 - das ungelernte Ich. / Es weiß nicht viel, doch es erkundigt sich.'"

Margarethe von Trotta würde Reemtsma wohl zustimmen. Als Tochter einer nach dem Krieg staatenlosen deutsch-baltischen Aristokratin in Düsseldorf aufgewachsen, hat sie lange in Frankreich und Italien gelebt: "Das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, hatte ich nie", sagt sie im Interview mit der Zeit (das eigentlich ihrem neuen Dokumentarfilm über Ingmar Bergman gewidmet ist). "Doch ich sehe das nicht als Verlust oder als Nachteil, es kann ja auch etwas haben, dass man immer neugierig ist auf andere Menschen. Ich bin unglaublich neugierig."

"Das Erstarken der Reaktion signalisiert meistens zugleich den Aufbruch", schreibt die Historikerin Hedwig Richter in der taz mit Blick auf die sich ausbreitenden Populismen und zeichnet ein trotz allem optimistisches Bild: "Wir leben in einer Zeit großartiger Veränderungen - und entsprechend formieren sich die Gegenkräfte. Noch nie war die Welt so eng vernetzt und aufeinander angewiesen, noch nie gab es so lange Frieden in Europa. Vor allem: Nie zuvor hatten Frauen so viele Rechte wie in unseren Demokratien. Es sind denn auch kaum die Entrechteten, die sich im Populismus aufbäumen, sondern es sind die Kräfte, die gegen die Zukunft kämpfen. Wie die Studien der Politikwissenschaftlerin Dina C. Mutz für die USA nahelegen, protestieren im Populismus nicht die 'Left behind', vielmehr fürchten privilegierte weiße Männer um ihre Vorrechte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2018 - Ideen

Im Interview mit dem Freitag macht der norwegische Wirtschaftswissenschaftler Karl Ove Moene einen Vorschlag, wie man der wachsenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich begegnen könnte: Alle Länder müssten zehn Prozent ihres Nationaleinkommens  als Grundeinkommen an ihre Bevölkerung verteilen, die UN soll es überwachen. Das können sich nur reiche Länder leisten? Stimmt nicht, meint Moene: "Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war Norwegen das ärmste Land in Europa, ein Außenseiter mit niedrigen Lebensstandards, irgendwo hoch oben am Nordpol. Jetzt ist es das reichste Land in Europa. Es hat mehr Wirtschaftswachstum als andere europäische Länder - auch wenn man das viele Öl außer Acht lässt. Norwegen fing nicht an umzuverteilen, als es reich wurde, es wurde reich, weil es umverteilte."

Alex Rühle besucht für die SZ Théophile de Giraud, den Vordenker der Antinatalisten, die ein Ende der menschlichen Fortpflanzung wollen, um die Erde vor der Überbevölkerung zu retten. Schon jetzt verbrauchen wir zu viele Ressourcen: De Giraud hat in diesem Zusammenhang den zwar nicht wirklich schönen, aber doch treffenden Neologismus 'Surpollupopulation' (aus Pollution für Verschmutzung und surpopulation für Überbevölkerung) geprägt. Außerdem, so de Giraud, sei der Mensch ja augenscheinlich nicht dazu in der Lage, sein Verhalten zu ändern. Im Gegenteil. Obwohl wir wissen, wie schädlich unser konsumptives Verhalten ist, verbrauchen wir immer noch mehr."

Der australische Philosoph Peter Singer hält im Interview mit der FR an einer weitestmöglichen Auslegung der Meinungsfreiheit fest, denn: wie soll man ohne Gegenrede seine eigenen Argumente überprüfen? Einzige Einschränkung: "Ich unterstütze Gesetze gegen rassistische Verunglimpfung, da die Verunglimpfung ein Versuch ist, Hass zu schüren, indem man sich an unsere Emotionen wendet. Sorgfältige wissenschaftliche Diskussionen darüber, ob es Unterschiede zwischen Rassen gibt, sollten jedoch nicht mit Versuchen, Rassenhass zu schüren, gleichgesetzt werden."

Was darf Karikatur? Darüber streiten im Freitag Jürgen Roth und Sophie Passmann. Anlass ist die Entlassung des Chef-Karikaturisten der Süddeutschen Zeitung, Dieter Hanitzsch, dem wegen einer Netanjahu-Karikatur Antisemitismus vorgeworfen wurde. "Der SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye soll gefordert haben, bei 'Karikaturen künftig ganz auf das Stilmittel der Überzeichnung zu verzichten, um solche rassistischen Stereotype zu vermeiden', liest man nach den Hanitzsch-Turbulenzen. Nähme man Kreye beim Wort, wäre die komische Kunst in jeglicher Spielart aus der Welt, für immer", meint Jürgen Roth, der solche Absichten dem "Diversity"-Mantra einer "verrückt gewordenen, ungebildeten, moralpolitisch verhärteten, feindfixierten postmodernen Linken" anlastet.

Ach ja, der Altherrenstammtisch der weißen Männer hat Angst vor "Denkverboten", höhnt Sophie Passmann zurück. Die kapieren einfach nicht, dass sich die Welt geändert hat und man heute auf Anstand hält: "Die meinungs- und diskursbildende Öffentlichkeit besteht nicht mehr nur aus feixenden Herren, die recht unbeschadet durch die Welt schreiten und deswegen Zeit für etwas Ulk haben. Es gehört sich, Rücksicht auf Minderheiten zu nehmen und auf Gruppen, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten durch Sprechverbote, Unterdrückung, Marginalisierung oder sogar Vernichtung stumm gemacht wurden. Es ist das einzig Zeitgemäße."

Außerdem: In der NZZ macht der Literaturwissenschaftler Adrian Daub das Internet fürs Trolling verantwortlich. Und Andrian Lobe gruselt sich bei einem Vortrag des Starphysikers Michio Kaku in Boston über den "menschlichen Körper als nächster digitalisierter 'Industrie'".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2018 - Ideen

Vor 25 Jahren veröffentlichte Botho Strauß, der damals noch eher als Linker galt, seinen "Anschwellenden Bocksgesang" und löste damit eine Sensation aus, die heute keinem der prominenteren Intellektuellen mehr zuzutrauen wäre. Der Essay, auf den Ronald Pohl im Standard zurückblickt,  sorgte mit seinen Sprachprägungen auch für Belustigung: "Abseits von Geschmacksfragen erweist sich Botho Strauß' Generalabrechnung mit dem damals 'links' verorteten Zeitgeist aber als gegenwartsnah und analysetauglich. Ein Vierteljahrhundert nach dem Bocksgesang grundiert sein Brunft- und Wehgeschrei die Revanchegelüste aller jener Populisten, zu deren Agenda es erklärtermaßen gehört, mit dem liberalen Erbe von 1968 abzurechnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2018 - Ideen

Jonathan Freedland erklärt in einem fulminanten Leitartikel im Guardian, warum er einerseits vor dem Vergleich mit den Dreißigern zurückscheut, warum es ihm aber andereseits angesichts der von Trump produzierten Bilder von Kindern, die ihren Eltern entrissen werden, und angesichts der Roma-feindlichen Parolen von Matteo Salvini geradezu fahrlässig erscheint, diese Analogie nicht aufzurufen. "Die Zeichen sind da, wir müssen es nur ertragen, sie zu sehen. Etwas passiert mit unserer Welt. Auch andere haben bemerkt, wie die globale Architektur nach 1945 zu bröckeln beginnt, da Trump das westliche Bündnis zugunsten autoritärer Tyranneien untergräbt. Aber die Nachkriegsordnung löst sich auch auf eine noch heimtückischere Weise auf. Um es deutlich zu sagen: die Normen und Tabus, die nach dem Holocaust aufgerichtet wurden, erodieren. Ungefähr siebzig Jahre lang, ungefähr die Spanne eines menschlichen Lebens, haben sie überdauert." Lesenswert auch ein Artikel von Owen Jones: "Ungarn macht die EU zum Gespött. Es ist Zeit es herauszuwerfen."

Ausgerechnet im "Bataclan" soll ein Rapper auftreten, der den Dschihad besingt, die Vorzüge der Scharia preist und den Laizismus ablehnt. Den Streit, der darüber entbrannt ist, nimmt Claudia Mäder in der NZZ zum Anlass, die Unterwanderung des Laizismus durch Rechte und Linke zu analysieren. Ihr Fazit: "Während die Laizität hier abgeschwächt wird, um die Spezifität einer gesellschaftlichen Minderheit stärker hervortreten zu lassen, wird sie auf der anderen Seite verschärft, um ebendiese Minderheit besser ausschließen zu können. Beide Varianten demontieren den Gedanken, der die Laizität zur bestechenden Vision macht: Ein Staat, der jeden Menschen, egal welcher Herkunft, zuallererst als Individuum anspricht und nicht als Angehörigen irgendeiner Gruppe behandelt, wäre heute gefragter denn je. Dass dagegen ein universalistisches Konzept als Katalysator für die gesellschaftliche Fragmentierung missbraucht wird, kann beim adjektivlosen Laizisten nur eine Reaktion hervorrufen: don't like."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2018 - Ideen

Julia Kristeva leugnet mit dem Brustton der Empörung jegliche Kooperation mit der bulgarischen Stasi, dabei ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ihre gesamte neulich ans Licht gekommene Akte gefälscht worden sein kann (unsere Resümees), schreibt Richard Wolin im bei chronicle.com. Übrigens muss man nicht auf diese Akten gucken um zu wissen, wie Kristeva und ihre Tel Quel-Gruppe mit Philippe Sollers (und leider auch Roland Barthes) damals gepolt war: "Im Jahr 1968 unterstützte die Tel Quel-Gruppe - die sich im Jahr 1967 kurzsichtigerweise mit der KPF alliiert hatte - den Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei: einen Akt der Tyrannei, dem es gelang, die letzten Hoffnungen auf einen 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' zu beseitigen. Im Stil der ideologischen Rechtfertigungen der Stalin-Ära argumentierten die Telquelianer,, das jene, die die ruchlosen Sowjets kritisierten, der Bourgeoisie halfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2018 - Ideen

Kosmopolitismus übernimmt keine Verantwortung, erklärt Wolfgang Streeck, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, in der Zeit, Verantwortung entstehe nur aus Zugehörigkeit, weshalb Streeck für einen lokalen Patriotismus plädiert: "Politik ist weder Wohltätigkeit noch Kampf für den eigenen Vorteil oder darf doch keins von beiden ausschließlich sein: Ihr Thema ist die gerechte Ordnung eines Ganzen, das sich als Ganzes versteht und Mitglieder hat, die sich für es verantwortlich fühlen und berechtigt und in der Lage, es mitzugestalten. Die Welt kann kein solches Ganzes sein." Die "kosmopolitisch fühlenden Universalisten" leben laut Streeck - ohne es zu merken - Margaret Thatchers Devise: "'There is no such thing as a society, there are only individuals and their families' - es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen und ihre Familien".