"
Alter Mann,
geh weg!" rufen die Menschen in
Kasachstan und meinen nicht nur Langzeitherrscher Nursultan Nasarbajew, sondern das ganze "
verkrustete Machtsystem", schreibt Silke Bigalke in der
SZ: "Der verhasste 'alte Mann' Kasachstans steht beispielhaft für andere Machthaber auf dem Gebiet der
früheren Sowjetunion, die sich seit Jahrzehnten am Status quo festkrallen und dabei den Anschluss verlieren an die Realität in ihren Ländern. Das auffälligste Beispiel bisher ist Alexander Lukaschenko, der in
Belarus längst keinen Bezug mehr dazu hat, was die Menschen dort wollen. Auch
Wladimir Putin scheint nach 22 Jahren an der Macht dem politischen Alltag Russlands entrückt zu sein. Doch während die 'alten Männer' in ihren Palästen am liebsten nichts verändern würden, entwickeln sich die Gesellschaften in ihren Ländern weiter."
Mit den Unruhen in
Kasachstan hat die postsowjetische Sphäre an einer unerwarteten, als stabil geltenden Stelle Risse bekommen,
schreibt Barbara Oertel in der
taz: "Nur wenige Tage genügten, um unter dem Druck von Massenprotesten die Regierung zu Fall zu bringen, den Staat zu Konzessionen zu zwingen und auch die Machtposition des ehemaligen Langzeitpräsidenten
Nursultan Nasarbajew zu erschüttern. Dass die Demonstranten trotzdem nicht weichen und sich billig abspeisen lassen wollen, sagt einiges über diese Bewegung aus, die so plan- wie kopflos ist. Sie ist Ausdruck einer über lange Zeit gewachsenen
bitteren Erkenntnis, dass sich eine kleptokratische Herrscherdynastie schamlos bereichert, während für große Teile der Bevölkerung allenfalls ein paar Brosamen abfallen." Russland wird durch die nun nach Kasachstan geschickten Truppen wieder mehr Einfluss in dem Land bekommen,
meint Inna Hartwich, ebenfalls in der
taz.
Währenddessen entwickelt das
Vereinigte Königreich sein Geschäftsmodell als Oligarchen-Butler weiter. Allein der
Nasarbajew-Clan besitzt
Londoner Immobilien im Wert von 330 Millionen Pfund,
berichtet Thomas Rowley bei
opendemocracy.net: "Obwohl Präsident Nursultan Nasarbajew 2019 nach 29 Jahren im Amt zurücktrat, blieb sein System der Verteilung der wirtschaftlichen Profite Kasachstans
an die Elite und nicht an das Volk bestehen. Einem Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG aus dem Jahr 2019 zufolge besitzen 162 Personen
50 Prozent des Reichtums des Landes. Tatsächlich sind geheime Zahlungen und Offshore-Vehikel seit langem ein Merkmal des Elitenlebens in dem Land, in dem US-amerikanische und britische Energieriesen in den 1990er Jahren um den Zugang zu den Öl- und Gasfeldern wetteiferten."
Mit den Ereignissen in Kasachstan kommt auch erstmals die "
Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit", ein Militärbündnis unter russischer Führung, ins Spiel, schreiben Friedrich Schmidt und Reinhard Veser in der
FAZ: "Das ist eine Premiere - und zwar nicht nur, weil der Kreml damit erstmals offiziell an der gewaltsamen Beendigung von Protesten in einem Nachbarland mitwirkt. Im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens wird die Organisation, die auf Russisch
ODKB abgekürzt wird, damit erstmals aufgrund der militärischen Beistandsverpflichtung in ihrem Vertrag tätig. Plötzlich steht die Organisation im Zentrum eines internationalen Konflikts, die bisher
als Papiertiger verspottet wurde und keine praktische Funktion zu haben schien." Der bis heute Strippen ziehende Ex-Autokrat Nursultan Nasarbajew hatte immer auf eine gewisse
Distanz zu Russland Wert gelegt - das ist nun vorbei, so die beiden
FAZ-Autoren.
"Dass Jahrzehnte nach dem Zerfall der
Sowjetunion so viele Nachfolgestaaten
undemokratisch sind, hat auch was mit
europäischer Ignoranz und falschen Prioritäten zu tun",
meint Viktor Funk in der
FR: "Die EU muss endlich ein tiefes Interesse an ihren östlichen Nachbarn entwickeln, deren Jugend und demokratische Kräfte fördern und Handelsbeziehungen an ethische Werte knüpfen."
Seit der Pandemie ist
Nordkorea abgeschotteter denn je, schreibt Thomas Hahn in der
SZ. Auch
unabhängige Nachrichten, wie sie das von dem Iren Chad O'Caroll gegründete Portal
NK News lieferte, gibt es nicht mehr. "Nordkoreas Gesundheitssystem hält nicht viel aus, deshalb ist die Anti-Coronavirus-Strategie von Machthaber Kim Jong-un und seiner Regierung klar: Sie haben die Grenzen konsequenter denn je dicht gemacht. So gut wie
keiner darf rein, selbst die Zugänge internationaler Hilfsorganisationen sind gekappt, der Tourismus ist gestoppt. Flüchtlinge aus dem Norden kommen fast keine mehr in Südkorea an. Die Bewegungsfreiheit innerhalb Nordkoreas war mindestens zeitweise stark eingeschränkt. Es gab schon ernstzunehmende Gerüchte von harten Lockdowns, bei denen Menschen
zu Hause verhungert seien, weil sie nicht raus durften."
China steckt in einem "kollektiven Burnout" - und das Versprechen
Wohlstand für alle löst sich längst nicht ein, berichtet Lea Sahay auf Seite 3 der
SZ: "Mindestens 600 Millionen Menschen, also etwa 40 Prozent der Chinesen, leben immer noch in Armut, haben nicht mehr als umgerechnet
140 Euro pro Monat zur Verfügung. Das ist die Zahl, mit der Ministerpräsident Li Keqiang im Mai 2020 das eigene Land schockte. Sie hungern nicht, aber für viele könnte das Mittelklasseleben in Shanghai und Peking, wo ein Kaffee fünf Euro kostet und das Appartement mehrere Millionen, nicht weiter entfernt sein als London oder Paris. Besonders der
Besitz einer Immobilie ist in China mehr denn je Voraussetzung, um zu
heiraten. Nur drei von zehn Menschen in Chinas 800-Millionen-Arbeiterschaft haben eine weiterführende Schule besucht, fast 500 Millionen haben ihre Ausbildung vorzeitig abgebrochen."