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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2004. In der SZ plädiert Stephan Maus gegen eine kommunale Käfighaltung von Autoren. Die NZZ findet die iranische Zensur nicht effizient. In der FR bietet Peter Fuchs gegen die Gewalt an den Schulen eine Trostperspektive aus systemtheroetischer Sicht. Die taz läutet dem Sterbegeld das Totenglöckchen. Die FAZ warnt Walser: Ist Rowohlt ein  seriöses Haus?

SZ, 18.02.2004

Autor Stephan Maus polemisiert gegen Literaturpreise, von denen er bitte niemals einen bekommen möchte: "Literarische Preise und Stipendien erniedrigen und verhöhnen den Autor, statt ihn zu ehren. Die kommunale Käfighaltung von Autoren ist ein viel zu wenig beachteter gesellschaftlicher Missstand. Auch ist es unstattlich, in öffentlichen Dankesreden seine Verwandtschaft zu Büchner, Heine und Co herbeizulügen. Ebenso traurig: Irgendeine städtische Sparkasse stiftet eine Summe in der Höhe des Monatsgehaltes einer ihrer Putzfrauen und verlangt dafür vom Dichter ein PR-Gerede in einer neongrellen Mehrzweckhalle, für das sie bei einer Werbeagentur das Zehnfache bezahlen müsste.... All die herrlichen Autobahnen, die man von dem schönen Geld bauen könnte."

Jonathan Fischer wiegt sich im Rhythmus von Kwaito, der neuen südafrikanischen Musik: "Kwai für die Rage, To für die Townships, ein Synonym für Wut, Verausgabung, Rausch. Wenn es ein Symbol gibt für die Veränderungen zwischen den Apartheid- und Post-Apartheid-Generationen, dann ist es diese Musik. Findige schwarze Deejays haben einst westliche House-Musik-Importe auf verringerter Geschwindigkeit abgespielt und mit lokalem Slang garniert. Der Sound-Bastard eroberte über Nacht den heimischen Popmarkt. Und schaffte, was noch so viele Politiker-Appelle niemals bewirken könnten: Die weiße und schwarze Jugend Südafrikas auf einen gemeinsamen Rhythmus einzuschwören."

Weiteres: Andreas Zielcke sieht im Maut-Debakel das ganze Drama des modernen Verwaltungsstaates: "Der Staat muss mit Steuerungsinstrumenten von gestern Aufgaben bewältigen, die ihm der Markt, die Technologie, die Demographie, die Ökologie von morgen stellen." Francesca Guidice berichtet, dass Frankreich nach mehr als zwanzig Jahren den schreibenden Ex-Terroristen Cesare Battisti an Italien ausliefert und damit von der Doctrine Mitterand abrückt, die "linke Kämpfer" vor einer "fragwürdigen Justiz" schützen sollte. Ulrich Raulff spricht mit dem Peter Gruss, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft über sein Institut, die Hochschulen und warum beides nicht zusammengeht. Caroline Neubaur ist baff: In der Februar-Ausgabe des Magazine Litteraire hat sie ein Interview mit Lacan gelesen, in dem sich der Psychoanalytiker ganz normal ausdrücken kann. Julian Weber macht uns mit den beiden mustergültigen Musikern Dani Siciliano und Joseph Fischer bekannt, die "mitten in der falschen Pracht der Unterhaltungsindustrie ihre Integrität bewahren möchten". Alexander Kissler berichtet, wie das Bistum Magdeburg um Gläubige buhlt. Jürgen Berger meldet, dass Karin Beier Regisseurin bei den Wormser Nibelungen-Festspielen wird.

Besprochen werden Romuald Karmakars bereits auf der Berlinale heftig gefeierter und geschmähter Film "Die Nacht singt ihre Lieder" (Jürgen Berger findet ihn großartig) und ein Band über die "Kultur der 60er Jahre".

NZZ, 18.02.2004

Der Kulturwissenschaftler Tirdad Zolghadr berichtet über die Zensur im Iran, die sich auf den zweiten Blick als weniger unnachgiebig und "allgegenwärtig" erweist, als man erwarte. Gerade die strengen Sittenregeln würden in der zeitgenössischen Kunst durch persönliche Beziehungen oder durch eine Rhetorik, die das Unverständnis des Establishments ausnutzt, unterlaufen: "Viele Anspielungen und Subtexte werden deshalb schlechthin übersehen - von platten, zoologisch-politischen Metaphern bis hin zu leicht abstrahierten, homoerotischen Sujets -, und vieles Weitere lässt sich mit etwas rhetorischem Feingefühl durchsetzen. So argumentierte die Dozentin Afsaneh Z., dass die Anatomie in den in Teheran allgegenwärtigen offiziellen Märtyrergemälden leider stets etwas stümperhaft gerate, worauf sie in eigener Regie ein Seminar für Aktzeichnen einführen und unterrichten durfte."

Weiteres: Cornelia Isler-Kerenyi erzählt von den Ausgrabungen auf der "kleinen, armen, kaum bekannten" Insel Kythnos. Besprochen werden die Ausstellung "Architectures non standard" im Pariser Centre Pompidou ("viel Form, aber (zu) wenig Inhalt"), sowie Bücher, darunter Jean-Marie Lustigers Matthäus-Exegesen "Die Verheissung: Vom Alten zum Neuen Bund", Ursula Krechels poetologisches Handbuch und Tsunetomo Yamamotos Kodex-Sammlung "Hagakure. Der Weg des Samurai" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 18.02.2004

Der Systemtheoretiker Peter Fuchs kommt in einem Artikel über Gewalt an den Schulen zu einer für Pädagogen vermutlich entsetzlichen Selbsteinsicht: "Gewalt an Kindern im Erziehungskontext, das also, was man früher die Züchtigung der Körper nannte, ist seit einigen Dekaden (und glücklicherweise) sozial verpönt. Aber die Hoffnung, die sich unter anderem daran knüpfte, nämlich, dass die ungezüchtigten Kinder ihrerseits Gewalt verpönen würden, diese Hoffnung ist gescheitert. Versucht man zu verstehen, wieso es zu diesem Scheitern kommen konnte, in das sich das Scheitern ungezählter Reformversuche hineinverknotet, so bietet sich folgende Antwort an: Erziehung, vor allem schulförmige Erziehung, ist ein hoch unwahrscheinliches Ansinnen, ist ein Sinnangebot, das eher den Reflex der Abwehr weckt." Fuchs bietet im folgenden einige Trostperspektiven aus systemtheoretischer Sicht.

Kerstin Grether durchschaut in einer Besprechung von "America's Sweetheart" die Strategien der Courtney Love: "Man hört 'America's Sweetheart' den Wunsch an, von der männlichen Rock-Community endlich ebenso an die Brust genommen und begehrt zu werden, wie der weiße Rapper Eminem von der schwarzen Rap-Community und dem ganzen Rest. Immerhin hat Courtney - zusammen mit Pink-Produzentin Linda Perry - zu diesem Zweck die Rockmusik neu erfunden."

Weitere Artikel: Christian Schlüter empfiehlt in einem Times mager, der einen Excellence Award verdient hätte, einen Blick auf die überaus komische Website von Toll Collect. Besprochen werden eine Ausstellung über die Symbolik des Rauchens in Rotterdam, Thomas Ades' Oper nach Shakespeares "Sturm" im Londoner Covent Garden und ein Berliner Tanzspektakel, in dem sich Christoph Winkler von Giorgio Agambens "Homo sacer" inspirieren ließ.

Auf der Standpunke-Seite vergleicht Micha Brumlik (mehr hier) den Islamismus mit den anderen beiden Totalitarismen. Er unterscheide sich "vom darwinistischen Geschichtsglauben der europäischen Faschisten und dem Geschichtsdeterminismus der Stalinisten nur durch seine Inhalte. Der Form nach, im Glauben also, durch ein überhistorisches Gesetz einen der demokratischen Entscheidung entzogenen Auftrag erhalten zu haben, der gegebenenfalls mit terroristischen Mitteln durchzusetzen ist, gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen."

Auf der Medienseite wird ein Aufruf von WDR-Redakteuren abgedruckt, die "Qualität statt Quote" fordern.
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TAZ, 18.02.2004

Der Globalisierungstheoretiker Matthias Greffrath meditiert auf der Meinungsseite über den Wegfall des Sterbegelds als einen wenig bemerkten tiefen Einschnitt in der Gesundheitsreform: "Vor zwanzig Jahren trug die Sozialversicherung in der Regel noch die vollen Kosten des Begräbnisses, im Schnitt wurden 4.200 Mark ausgezahlt, 1989 wurde der Betrag halbiert, 2003 noch einmal, und nun fällt das Sterbegeld ganz weg. 'Normalisierung der Überversorgung', wie es so schön heißt. Es ist eine, die tiefer schneidet als die zehn Euro beim Arzt. Eine metaphysische Normalisierung. Mit ihr werden nun die Toten privatisiert. Das ist eine strukturelle Innovation. Denn die Toten - von den Hünengräbern in der Lüneburger Heide über den Dorffriedhof bis zum großstädtischen Krematorium - waren bislang immer die Sache der Gemeinde."

Helmut Höge zeigt in einem Hintergrundstück zu Hochhuths McKinsey-Stück, dass die Westberliner Mentalität keineswegs ausgestorben ist: "Jahrzehnte vor dem Mauerfall schrieb der kiffende Kabarettist Wolfgang Neuss in der taz: 'Der Mauerbau hatte auch sein Gutes - die schlimmsten Leute haben damals die Stadt verlassen.' Diese Leute standen hier jedoch nach 1989 alle sofort wieder auf der Matte, um sich die besten Filetstücke im Osten zu sichern." Was ruhten wir damals in Frieden!

Jan-Hendrik Wulff zeigt in einer Recherche über türkische Textilläden mit religiös korrekter Kleidung viel Multikulti-Verständnis für die Kopftuchmode: "In der deutschtürkischen Parallelgesellschaft, wo ein komplementäres Verständnis von Männern und Frauen noch weitgehend zum Familienalltag gehört, ermöglicht der demonstrative Verzicht auf freizügige Einblicke eben auch Bewegungsfreiheit."

Und Hans von Seggern berichtet, dass sich Udo Jürgens jetzt von Obi sponsorn lässst. In tazzwei porträtiert Susanne Stieffel Lea Rosh.

Und nicht vergessen: Tom

FAZ, 18.02.2004

Dass Martin Walser den Suhrkamp Verlag verlässt, wundert "igl." in der Leitglosse nicht. Aber, prophezeit er, Walser, "der Medienkritiker, der die Schlagzeilen mehr liebt als er zugeben mag, wechselt jetzt wohl zu einem Verlag, der die Schlagzeilen in jüngster Zeit mehr anzog als ihm lieb sein konnte. Auf Walser und Rowohlt wird noch mancher Reim gemacht werden."

Paul Ingendaay berichtet über die Buchmesse auf Kuba, die von Deutschland boykottiert wurde, nachdem Castro mehr als 70 kubanische Intellektuelle ins Gefängnis geworfen hatte. "... dass die Entscheidung der Bundesregierung auf Opportunismus beruhte, steht wohl außer Zweifel. In China knüpft Schröder lukrative Kontakte zu einer Regierung, deren Begriff von Menschenrechten keiner Untersuchung standhält. Für Kuba, das sich leicht und folgenlos abstrafen läßt, gelten offenbar andere moralische Standards. Mit der preiswerten Kuba-Sanktion hat Schröder beim amerikanischen Präsidenten verlorene Sympathien zurückgewonnen. An diesem Schritt gibt es nichts zu bewundern."

Der Geologe A. M. Celal Sengör schlägt Alarm, weil die türkische Regierung unter Erdogan versucht, gerade erst gesetzte objektive Standards für die Wissenschaften in der Türkei zu boykottieren: "Unter den neuen Kriterien und Voraussetzungen war es unmöglich geworden, Wissenschaftler akademisch zu fördern, die nicht auf international akzeptablem Niveau arbeiteten. Das scheint viele Akademiker zu betreffen, die an den Universitäten und den Forschungsanstalten von Tübitak die islamistisch-konservative Weltanschauung der Regierung Erdogan unterstützen."

Weitere Artikel: Thomas Wagner fragt sich, ob die MoMA-Schau in Berlin "mit Millionen Euro Leihgebühr" für das MoMA nicht zu teuer bezahlt ist, zumal ein "tragfähiges Konzept" für die Neuordnung der Berliner Sammlungen nicht in Sicht sei: "... aus der atlantischen Transaktion spricht eher Kleinkrämerei, die sich Glanz auf Zeit ausleiht, den selbst zu entfalten sie sich offenbar nicht zutraut." Oliver Jungen war bei einer Tagung über die Wissenschaftler des Stefan-George-Kreises. Heinrich Wefing meldet Rekordvorbestellungen für Mel Gibsons Film "Passion", der am Aschermittwoch mit "weit über 2.000 Kopien" in den USA anlaufen wird. Joachim Kalka schreibt zum Tod des Übersetzers und Autors Herbert Schlüter. Andreas Rosenfelder berichtet über den ersten "Herzkreis"-Prozess - es geht dabei um ein Spiel nach dem Schneeballsystem, bei dem einige viel gewonnen und viele viel verloren haben. Tomasz Torbus feiert das Kamenzer Schloss als das "letzte genuine Bauwerk des visionären Schinkel", das ohne den Pächter Wlodzimierz Sobiech allerdings wohl schon abgerissen worden wäre.

Auf der Medienseite porträtiert Michael Martens die serbische Zeitung Politika, die in diesem Jahr hundertsten Geburtstag feiert. Sie ist eine nationale Institution, die jedoch ihr Renommee fast verspielt hat, als sie sich zum Sprachrohr Milosevics machte. Und pek. annonciert die Reihe "Hollywood im Aufbruch. Das amerikanische Kino 1967-1976" auf 3sat. Auf der letzten Seite schreibt Jordan Mejias über die Feierlichkeiten des New York City Ballets zum hundertsten Geburtstag seines Gründers George Balanchine (mehr). Rudolf Schmitz porträtiert die Künstlerin Maria Lassnig (mehr), die heute den Max-Beckmann-Preis erhält. Und Oliver Tolmein berichtet über einen Prozess, bei dem erstmals eine lebensrettende Maßnahme als Körperverletzung geahndet werden könnte.

Besprochen werden das Konzert von Blumfeld in Frankfurt (besonders angetan hat es Patrick Bahners das Stück "Sonntag": "Das Lied vom Tag des Herrn ist ein Stück der Naturtheologie, aus der man im klassischen Zeitalter der deutschen Literatur Kunstphilosophie gemacht hat."), der Film "Cold Mountain", eine Aufführung von Händels "Semele" am Theatre des Champs-Elysee und eine Ausstellung der Sammlung Pontus Hulten, mit der das schwedische Moderna Museet wiedereröffnet wird.