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Heute in den Feuilletons

Kampfbereit in Chanel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.09.2010. Oh those Germans, ruft Jeff Jarvis in seinem Blog: In Deutschland schimpfen Datenschützer  über Google und befürworten Personalausweise mit RFID-Chips. Ein Blog der New York Times wirft einen Blick auf David Foster Wallaces nachgelassenen Roman "The Pale King". Netzpolitik meldet: Depubliziertes wird republiziert. Die FR feiert Hayao Miyazakis Anime "Ponyo". Die anderen feiern "The American" von Anton Corbijn, der in der Welt über die Musik von Herbert Grönemeyer spricht.

Welt, 15.09.2010

Johannes Wetzel traf in Paris den Theaterregisseur Peter Brook und sprach mit ihm über sein Stück "Warum warum": Es "ist ein Nachdenken darüber, was Schauspielersein bedeutet. Dazu hat Brook die Väter des modernen Theaters aufgerufen: Edward Gordon Craig, Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold, Antonin Artaud. 'Sie standen am Anfang, als die Idee der Regie noch ganz neu war. Ich hatte ursprünglich ein gewaltiges Projekt, das genauso lange gedauert hätte wie das 'Mahabharata'. Als daraus nichts wurde, haben wir aus diesem Material 1995 das Stück 'Qui est la' (Wer da) - und jetzt 'Warum Warum' destilliert.' Und das wieder ohne Fragezeichen."

Der Fotograf Anton Corbijn spricht im Interview übers Bildermachen und über seinen Film "The American", für den ein bekannter deutscher Popstar die Musik schrieb: "Herbert Grönemeyer hat schon immer gesagt: Du machst Filme, du solltest richtige Filme machen. Deshalb nötige ich ihn, immer etwas für mich zu tun. Letztes Neujahr fuhr ich nach Berlin und zeigte ihm einen Rohschnitt. Eine Woche später fragte ich, ob er die Musik komponieren wolle. Die Studioleute waren ziemlich nervös, sie googelten Herbert und merkten, er ist ein deutscher Rocksänger. Das hat sie noch nervöser gemacht. ... Weil ich ein Freund von ihm bin, wusste ich, er kann es. Er hat ein großartiges Talent für Melodie, und er ist ein großer Klavierspieler. Ich mag es, wenn Herbert nur spielt."

Weitere Artikel: In der Glosse erzählt Paul Badde von einem Gebet in der Kirche Santa Mairia in Portico. PP. ist sehr erfreut, dass man Susan Boyle verboten hat "Perfect Day" zu singen.

Besprochen werden eine CD von Robert Plant, eine Ausstellung über Konrad Zuse im Deutschen Technikmuseum in Berlin, Christof Loys Inszenierung der "Sizilianischen Vesper" in Amsterdam und Colm Toibins Roman "Brooklyn".

Aus den Blogs, 15.09.2010

Schon wieder eine Weltverschwörung. Netzpolitik.org meldet: "Nachdem das depublizierte Archiv von tagesschau.de vor einiger Zeit mal im Netz aufgetaucht ist, haben ein paar fleißige Freiwillige depub.org geschaffen, um das Archiv der Nachwelt zu erhalten. Dort findet sich mittlerweile auch eine Suchfunktion, mit deren Hilfe man das Archiv durchsuchen kann."

(Via Rivva) "Oh, those Germans!", ruft Jeff Jarvis in seiner Buzzmachine. Er erlebte, wie der Datenschutzbeauftragte aus Schleswig-Holstein Thilo Weichert gegen Google wetterte - und dann folgte dies: "Weichert also stood on stage supporting the German government's move to require digital ID cards with embedded RFID. The Greens don't agree; they are worried about the card. But Weichert goes farther: He says the ID cards should be used to verify identity on the internet. Now he's spooking *me* about privacy."

Nächstes Jahr erscheint David Foster Wallaces nachgelassener Roman "The Pale King,", meldet Dave Itzkoff in einem Blog der New York Times. Der Roman spielt unter kleinen Angestellten: "Michael Pietsch, the publisher of Little, Brown and the editor of the novel, said in a statement that in the novel, Mr. Wallace 'takes agonizing daily events like standing in lines, traffic jams, and horrific bus rides - things we all hate - and turns them into moments of laughter and understanding.'"

Techcrunch präsentiert das neueste Gadget - einen praktischen Camcorder!



TAZ, 15.09.2010

Auf der Meinungsseite erklärt der Amerikanist Norbert Fintzsch Nützlichkeitserwägungen bei der Einwanderungspolitik zu Salonrassismus, dessen Argumentationsmuster bis in die Jahre 1910 zurückreichten.

Im Kulturteil porträtiert Ingo Arend die Berliner Kuratorin Chen Yang, die von Mitte aus "kulturelles Entrepreneurship" zwischen Deutschland und China betreibt. Besprochen werden Matthew Barneys Ausstellung im Schaulager Basel und Peter Birkes Studie über die Organisation unorganisierter Arbeiter "Die große Wut und die kleinen Schritte" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).

Und Tom.
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FR, 15.09.2010

Die FR bringt einen Text des Autors Cem Gülay, der nicht von den üblichen drei, sondern von sechs Generationen türkischer Einwanderer spricht: Facharbeiter, Drecksarbeiter, Kinder der Facharbeiter (auch Generation Chance), Kinder der Generation Ganz unten, Kinder der Generation Kanak Attack, Kinder der Generation Chance. Leider kehren die Generation Chance und ihre Kinder wieder zurück in die Türkei: "Und wer bleibt? Die Generation Kanak Attack und ihre Kinder. Sie geht nicht ins Ausland, weil sie gar nicht die Bildung dafür besitzt. Sie kehrt auch nicht zurück in die Türkei, weil sie dort fremd ist. Wenn die Generation Chance zu einem großen Teil auswandert, nimmt sie ihre Kinder mit. Zurück bleibt also auch die Generation Wut. Und was bleibt der Generation Wut? Kriminalität und Religion. Nein? Wut minus Chance = Kriminalität und Fundamentalismus. Einfache Gleichung, oder?"

Weiteres: Einfach hingerissen ist Daniel Kothenschulte von Hayao Miyazakis Anime "Ponyo", ärgert sich allerdings sehr über die Constantin-Film, die den Film zwei Jahre lang gebunkert hatte, bevor sie ihn in Deutschland auf die Leinwand brachte. Peter Michalzik schwant Böses für Hamburg, das sich für sein Schauspielhaus einen neuen Intendanten suchen muss: Friedrich Schirmer ist Knall auf Fall zurückgetreten. Harry Nutt macht sich anlässlich des neuen Merkur-Heftes einige Gedanken über Konservatismus und Freiheit.

Besprochen werden das Projekt "Blühende Landschaften" am Berliner Maxim Gorki, Junips Album "Fields" und Tom Segevs Simon-Wiesenthal-Biografie (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

NZZ, 15.09.2010

Joachim Güntner besuchte eine Gesprächsrunde im Neuköllner Theatersaal zum Gedenken an die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig und berichtet, dass ihre Kollegen die Probleme in der Bekämpfung der Jugendkriminalität nicht nur auf der Straße sehen: "Vom Jugendrichter Günter Räcke war am Montagabend zu hören, Kirsten Heisig habe einiges bewegt, die Grundprobleme aber türmten sich weiterhin zu einer 'Lawine' auf. Räcke beklagte politisch korrekte 'Sprechtabus' und bemerkte zu kriminologischen Statistiken, die eine Abnahme der Jugendgewalt behaupten, er sei es leid, sich 'von Leuten mit Zahlen sagen zu lassen, dass es unsere Probleme gar nicht gibt'."

Weitere Artikel: Eva Holz Egle spricht mit Psychoanalytikerin Ingrid Feigl und Innenarchitekt Stefan Zwicky darüber, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen in seinem Einrichtungsstil widerspiegelt. Thomas Schacher hat das San Francisco Symphony Orchestra auf dem Lucerne Festival gehört.

Besprochen werden die zwei Bücher über die Geschichte der Schweiz, von Thomas Maissen und Volker Reinhardt, Maria Beigs gesammelte Werke und der kunsthistorische Band "Sigfried Giedion und die Fotografie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 15.09.2010

Die Soziologin Naika Foroutan will gar nicht bestreiten, dass es Integrationsprobleme gibt - allerdings mahnt sie dringend dazu, im Gegenzug auch auf die ergriffenen Maßnahmen und die vielen Erfolge hinzuweisen. Und einen Vorwurf des Kollegen Gunnar Heinsohn (in der FAZ, nachlesbar bei achgut.com), sie unterschlage wichtige Statistiken, findet sie glatt "demagogisch": "Vor allem, wenn Gunnar Heinsohn eine Bundesstatistik aus den sechziger Jahren der Vollbeschäftigung einer Länderstatistik nach Strukturwandel, Wiedervereinigung und Wirtschaftskrise gegenüberstellt."

Weitere Artikel: Elke Heidenreich ist in Shanghai, und zwar auf der Expo, als mutmaßlich mitveralimentierte Zeugin einer gigantischen "Ring"-Verschickungsaktion. Aufregendes trägt sich zu: "Wotan hat Jetlag, die neue Brünnhilde eine Krise, weil sie die Inszenierung nicht kennt, Sieglinde isst Apfelmüsli, Fricka steht kampfbereit in Chanel." In Frankreich kommt es, wie Joseph Hanimann berichtet, gerade zu mancher merkwürdigen Windung, weil Verbrechensstatistiken zwar die Staatsangehörigkeit (z.B. "rumänisch"), nicht aber die Volkszugehörigkeit (z.B. "Roma") der Täter verzeichnen dürfen. Jürg Altwegg informiert darüber, dass Noam Chomsky einmal mehr dafür eintritt, dass ein Holocaust-Leugner (in diesem Fall, bereits einsitzend: Vincent Reynouard) aus Gründen der Meinungsfreiheit weiter den Holocaust leugnen darf (mehr dazu hier).

In der Glosse meldet Gerhard Stadelmaier "SOS" bei den Theatern in Hamburg (Intendant Friedrich Schirmer tritt zurück) und Karlsruhe (ein bis zwei Sparten in Gefahr). Auf der Medienseite geht es um Nicolas Berggruens Beteiligung am El-Pais-Eigner Prisa. Über eine mögliche, von Nicolas Sarkozy in Auftrag gegebene Geheimdienstaktion gegen Le Monde berichtet Jürg Altwegg und meint eher lakonisch, "dass kleine und größere Watergates in Paris zur Tagesordnung gehören". Hingewiesen wird auch auf den Streik der in Zukunft "flexibler" bezahlten taz-Auslandskorrespondenten.

Besprochen werden ein Konzert der Stars (Website) in Köln, Niels-Peter Rudolphs Inszenierung von Tennessee Williams' Stück "Baby Doll" am Wiener Volkstheater, Hayao Miyazakis endlich in Deutschland anlaufender Anime "Ponyo" und Bücher, darunter Christian Mährs Thriller "Alles Fleisch ist Gras" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 15.09.2010

Sage und schreibe die gesamte Aufmacherseite ist Anton Corbijns neuem Film "The American" mit George Clooney in der Rolle des smarten Profikillers gewidmet. Susan Vahabzadeh schreibt die Kritik. Und Patrick Roth bekam einen Slot im Interviewplan des Schauspielers: "Ich bin aber nicht eitel, ich begrüße das eher, das Altern. Sonst hätte ich mir schon längst die Haare gefärbt. Trotzdem, mir war bei diesem Film zum Beispiel klar: die junge Frau in der Sexszene, das könnte meine Tochter sein ... Nein, Moment mal - das war jetzt unglücklich formuliert. Sie sehen, ich werde konfus, wenn ich an die Szene nur denke!"

Weitere Artikel: Desiree Waibel porträtiert den exzentrischen Milliardär (Gründer der Modellbau Firma Revell) Jacque Fresco, der sich im hohen Alter als Futurologe betätigt und in Paris für seine Visionen feiern ließ. Niklas Hofmann resümiert das Symposium "Verbotene Filme" im Berliner Filmhaus, in dem es um das Urheberrecht im Zeitalter der Digitalisierung ging (mehr hier). Laura Weißmüller besucht Tadao Andos Skulpturenmuseum in Bad Münster am Stein. Patrick Bethge hat eine Tagung über den kommenden Ebook-Markt in München verfolgt. Ralf Konersmann erinnert an das Erscheinen von Freuds "Unbehagen in der Kultur" vor achtzig Jahren.

Auf Seite 1 berichtet Thomas Kirchner, dass Geert Wilders und amerikanische Populisten daran arbeiten, eine "Internationale des Hasses" gegen den Islam zu gründen: "Auch nach Israel hat die neue Internationale der Islamfeinde enge Beziehungen." Ein wichtiger Hinweis!

Besprochen werden Bücher, darunter Adolf Muschgs neuer Roman "Sax" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).