Im Kino
Ein Abstand, der fast ein Graben ist
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
09.06.2026. Angela Schanelecs "Meine Frau weint" erzählt von einer Handvoll Menschen, die an ein paar Tagen in und um Berlin miteinander zu tun haben. In deren Gesprächen schimmert immer wieder eine Grundfrage durch: wie mit einem anderen Menschen leben?
Zweimal kommt in "Meine Frau weint" eine Baustelle ins Bild, jeweils von schräg oben, aus einiger Entfernung als Totale gefilmt. Es entsteht offensichtlich irgendwas Großes, zahlreiche Gerätschaften sind im Einsatz, an Hochhausfassaden sind Gerüste angebracht, Menschen laufen geschäftig von A nach B. In diesen beiden Einstellungen nimmt Angela Schanelecs Kino momenthaft etwas in den Blick, das er ansonsten auf Abstand hält: Die Funktionszusammenhänge der modernen Gesellschaft; materielle Zusammenhänge, deren Triebkräfte Technik und Kapital sind, nicht menschlicher Eigensinn.
Thomas (Vladimir Vulević), eine der Hauptfiguren in "Meine Frau weint", ist Kranführer. Deshalb die Baustelle. Deshalb, außerdem, die rote Kunststoffweste, die Thomas in der ersten Szene des Films trägt. Später findet diese Weste eine Entsprechung in der Arbeitskleidung einer Gruppe von Rettungssanitätern. Und vielleicht auch in den Uniformen, die die Mitglieder einer Blaskapelle tragen, die in einer weiteren langen Einstellung im Bildhintergrund musiziert - bis die Musik durch Platzregen unterbrochen wird. Kleine Marker des Funktionalen, die Schanelec in ihrem Film verteilt; und die ihm doch fremd bleiben, wie stille Boten einer anderen Realität.
Ganz und gar nicht fremd wird sich in "Meine Frau weint" fühlen, wer Schanelecs Kino auch nur ein bisschen gewogen ist. Wo ihre letzte Filme oft harte, unvermittelte Schnitte durch Raum und Zeit legten, kehrt "Meine Frau weint" zur kompakteren Form von Frühwerken wie "Das Glück meiner Schwester" oder "Mein langsames Leben" zurück. Der Neue erzählt von einer Handvoll Menschen, die an ein paar Tagen in und um Berlin miteinander zu tun haben. Fast wie eine einzige Bewegung, die in ihre Einzelteile zerteilt wird. Viele Fahrradfahrten, mal alleine, mal zu zweit, mal durch die Stadt, mal durch den Wald. Einmal tanzen vier zu einem Leonard-Cohen Song (wen der hinterher nicht tagelang als Ohrwurm verfolgt ist bewundernswert resilient) auf einer Terrasse. Es wirkt fast, als studierten sie eine Choreografie für einen Tiktok-Clip ein.

Aber noch einmal zurück zur ersten Szene. Die spielt nicht auf der Baustelle, sondern in einem Büro mit Blick auf die Baustelle. Lange bleibt eine Einstellung stehen, die eine recht kahle weiße Wand zeigt und einen Stuhl davor, auf dem Thomas sitzt. Er spricht mit zwei Frauen, die zumeist nicht zu sehen sind, nur zu hören. Es geht in dem Gespräch, wie in allen Gesprächen des Films, immer gleichzeitig um Konkretes, Persönliches, Intimes und um Grundsätzliches, Abstraktes, Allgemeines. Man tauscht sich über Kollegen aus und über ein Sofa, das man gekauft hat, es fallen jedoch auch Sätze wie: "Ich finde, es ist einfach gut, nachzudenken, bevor man etwas tut." Anders als spätere Gespräche im Film ist dieses erste sprunghaft und einigermaßen ziellos. Dennoch scheint bereits eine Grundfrage durch: wie mit einem anderen Menschen leben? Im Verborgenen, angstvoll, lauert eine zweite: wie alleine?
Die Frau, die weint, ist Thomas' Frau und heißt Laura (Agathe Bonitzer). Wir treffen sie zunächst, gemeinsam mit Thomas, in einem Park. Sie erzählt, dass sie einen Unfall hatte. Zwei lange Gespräche zwischen den beiden widmen sich der Genese dieses Unfalls. Genauer gesagt spricht in diesen Szenen fast nur Laura, während sich die beiden gemeinsam durch die Stadt bewegen. Der Unfall hat offensichtlich etwas mit der Beziehung von Thomas und Laura zu tun. Was genau das ist: Eben um das herauszufinden spricht Laura zu Thomas.
Lauras Monolog erhält sein Gegenstück gegen Ende des Films in einem Monolog von Thomas. Wie in ihrem Monolog ein anderer Mann auftaucht, taucht in seinem eine andere Frau auf. Eine Frau mit dichtem, schwarzem Schamhaar, das ihn gleichzeitig anzieht und abschreckt. Das Grundsätzliche, an dem alle Gespräche in "Meine Frau weint" rühren, ist nicht selten das Geschlechtliche. Dass sie gerne Sex hat, sagt Laura einmal. "Aber das kann nicht das Einzige sein". Ein andermal redet sie darüber, dass sie und Thomas ein Kind haben könnten, aber keines haben.
Laura und Thomas sprechen beide deutsch mit Akzent. Im Umgang mit diesen Sprachfärbungen wird der Abstand ganz besonders deutlich, der Schanelecs Filme vom Rest des deutschen Kinos trennt. Ein Abstand, der fast ein Graben ist. Akzente sind bei Schanelec keine sozialen Markierungen, sie verschleifen die Sprache des Films auch nicht naturalistisch in Richtung Alltagssprache; vielmehr haben sie eine skulpturale Qualität insofern, als sie die Anstrengungen hörbarer machen, die die sprachliche Produktion von Sinn notwendig begleiten.
Soll heißen: Der Umgang mit Akzenten rührt an etwas Grundsätzlichem in Schanelecs Kino und dessen Umgang mit Sprache. Kein einziger Satz, der in ihren Filmen fällt, wird ins Unreine gesprochen, jeder einzelne ist das Resultat sorgfältiger Überlegung. Oder vielleicht besser, da wir in die Figuren ja nicht hineinschauen können: Alle werden sie so formuliert, als wären sie das Resultat sorgfältiger Überlegungen. Jedenfalls haben sie immer etwas Insistierendes (nicht, das ist ein himmelweiter Unterschied: etwas Deklamierendes; es sind keine Theatersätze). Eben diese Qualität wird durch die Akzente noch einmal intensiviert - weil schon die bloße stimmliche und grammatische Artikulierung jedes einzelnen Satzes als eine bewusste Formanstrengung erscheint. "Mein Kopf platzt!" ruft Thomas in einer Schlüsselszene.
Lukas Foerster
Meine Frau weint - Deutschland 2026 - Regie: Angela Schanelec - Darsteller: Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer, Birte Schöink, Pauline Rebmann - Laufzeit: 93 Minuten.
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