Im Kino

Ein letztes Lied auf den Lippen

Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
26.03.2026. Den Außenseiter zum Mittelpunkt machen: Richard Linklaters "Blue Moon" mit Ethan Hawke als alternder Songdichter Lorenz Hart haucht dem Genre des Künstler-Biopics neues Leben ein.

Am Anfang begegnen wir dem Musical-Autor Lorenz Hart (Ethan Hawke) am Ende seines Weges: Allein und betrunken, eine Schattengestalt mit einem letzten Lied auf den Lippen, schleppt er sich durch den nächtlichen New Yorker Regen, bricht schließlich zusammen, um wenig später im Krankenhaus an einer Lungenentzündung zu sterben.

Nachdem der Film den frühen Tod seines Protagonisten als Fluchtpunkt der Erzählung gesetzt hat, spielt "Blue Moon" an einem einzigen Abend, sieben Monate zuvor, am 31. März 1943, und an einem einzigen Schauplatz: der Bar Sardi's. Hierher flüchtet der frustrierte Hart aus der Premierenvorstellung von "Oklahoma!", der ersten Zusammenarbeit des Komponisten Richard Rodgers (Andrew Scott), der zuvor 25 Jahre lang Harts Arbeitspartner war, und über 1000 Songs für ihn vertonte, mit dem Autor Oscar Hammerstein II (Simon Delaney). Rodgers & Hammerstein avancierte später zum erfolgreichsten Duo der amerikanischen Musical-Theater-Geschichte.

Der Sardi's-Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) kennt Hart gut genug, um zur theatralischen Begrüßung eine Szene aus ihrem gemeinsamen Lieblingsfilm, dem ein Jahr zuvor gestarteten "Casablanca", nachzustellen. Und er kennt ihn gut genug, um ihm nur widerwillig einen ersten Drink einzuschenken, weil er weiß, dass Hart, wenn er einmal mit dem Trinken anfängt, nicht mehr aufhören kann. Auf den ersten Drink folgen in der Tat viele weitere, den ganzen Film hindurch, bis zum bitteren Ende.


Regisseur Richard Linklater und Drehbuchautor Robert Kaplow blicken auf das amerikanische Showgeschäft der Vierziger in "Blue Moon" also aus der Perspektive des Zurückgelassenen, Gescheiterten, dessen Außenseitertum vielfach codiert ist: Als Künstler hat Hart für die All-American-wholesomeness, mit der seine Kollegen das Publikum der Kriegszeit aufzumuntern versuchen, nur verachtenden Spott übrig. Als Mann, dessen Homosexualität in seinem Umfeld weniger offenes Geheimnis als Gegenstand andauernder Spekulation ist, unterhält er sie mit andeutungsreichen Frauengeschichten. Als jüdischer Zyniker witzelt er unentwegt darüber, wie seine Branchenkollegen ihr Judentum hinter anglisierten Nachnamen zu verstecken versuchen.

Im Werk des umtriebigen Independent-Filmemachers Richard Linklater steht "Blue Moon" in einem doppelten Kontext: Einerseits ist er eine Art Komplementär- und Gegenstück zu seinem anderen aktuellen Film: "Nouvelle Vague": zwei auf historischen Tatsachen beruhende Filme, die respektive vom Anfang und vom Ende einer großen Künstlerkarriere handeln; zwei Filme über Männer, die sich weigern, nach den Regeln ihres jeweiligen Metiers zu spielen. Linklater selbst ähnelt seinen Protagonisten darin, dass er in zwei sehr unterschiedlichen Filmen, mit Mut zum kleinen Format und zum strengen Konzept, einem so langweilig festgefahrenen, in normierten Bahnen verlaufenden Genre wie dem Künstler-Biopic neue Impulse abgewinnt.

Andererseits ist der Film der vorläufige Endpunkt der dreißigjährigen Zusammenarbeit Linklaters mit Ethan Hawke als Hauptdarsteller. Wie in ihrem ersten gemeinsamen Film "Before Sunrise" (1995) und dessen zwei Fortsetzungen, geht es auch hier darum, was an Ideen und Konzepten, an Möglichkeiten und Perspektiven entstehen kann, wenn sich das Kino ganz bewusst darauf verlegt, Menschen beim Sprechen zuzusehen.

Ging es in der "Before"-Trilogie jedoch um Sprache als Medium von Beziehung, darum, wie sich zwei Menschen, indem sie miteinander reden, sich kennen, lieben und ihre Verbindung über Jahre aufrecht zu erhalten lernen, ist sie in "Blue Moon" der letzte Halt eines Verzweifelten. Jeder im Film liebt und bewundert Hart für seine Wortgewandtheit, seinen Humor, seine ungehemmte Begeisterung für seine Arbeit, niemand jedoch kann ihm mindestens so sehr helfen, wie es nötig wäre, um weiter mit ihm arbeiten zu können. Hawke spielt diesen ewigen Außenseiter, der zunehmend durch jedes Raster rutscht, als Besessenen, klein, gedrungen, getrieben, ewig Zigarre rauchend. Dass der Schauspieler künstlich gealtert wurde, um einen Mann zu spielen, der einige Jahre jünger ist als er selbst, sorgt für einen sonderbaren Verfremdungseffekt.

Linklaters und Hawkes gemeinsames Projekt ist es, den Außenseiter zum Mittelpunkt zu machen. Im Verlauf des Films füllt sich die Bar mit dem Premierenpublikum, mit Rodgers und Hammerstein, Fotografen, Reportern und Blitzlichtern, nur um sich dann wieder zu leeren. Die Frau, auf die Hart von Beginn an wartet, die zwanzigjährige Studentin Elizabeth Weiland (Margaret Qualley), mit der ihn eine auf tiefer gegenseitiger Bewunderung beruhende Freundschaft verbindet, kommt, und geht wieder. Hart bleibt allein zurück, an der Bar, mit einem Drink. Zum Abschied läuft der größte Hit, den er der Welt hinterlassen wird: "Blue Moon".

Nicolai Bühnemann

Blue Moon - USA 2026 - Regie: Richard Linklater - Darsteller: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Andrew Scott, Simon Delaney, Bobby Cannavale - Laufzeit: 100 Minuten.