Im Kino
Gefühle hinter den Krallen
Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
24.09.2024. Ein Rädchen greift ins andere in Sven Unterwaldt jrs "Die Schule der magischen Tiere 3". Doch während der Film einer Überfülle an beschädigten Schülern und magischen Tieren durchaus geschickt Herr wird, mangelt es dem neuen Beitrag zum medienübergreifenden Erfolgsfranchise leider an Fantasie und Herz.
Die Geschichten der "Die Schule der magischen Tiere"-Bücher funktionieren alle nach einem einfachen Muster. Immer stehen ein bis zwei Schüler im Mittelpunkt, die zur 24-köpfigen Klasse von Miss Cornfield in der Wintersteinschule gehören. Jedes Kind hat ein Problem wie ADHS, Uncoolness, zerrüttetes Elternhaus oder Angst vor Wasser zu bewältigen. Von ihrer Lehrerin und deren Bruder Mortimer Morrison erhalten sie deshalb ein magisches Tier, das nicht nur sprechen kann, sondern ihnen wie eine Krücke dient. Die Tiere sind Spiegel ihrer Besitzer und beste Freunde auf Lebenszeit, die helfen Frust und Ängste zu überwinden sowie eine entspanntere Perspektive auf Leben und Umwelt zu finden.
Die Kinder und die Tiere sind aber auch bunt gemischt, was ihre Probleme, Herkunft und Eigenarten angeht. Die Romane kommen mal als Krimi daher, mal als Mediensatire, mal als Abenteuer in der Wildnis. Die Reihe, in der seit 2013 jedes Jahr zwei Bände veröffentlicht wurden, hat neben dem beschriebenen Haupt- noch einen Nebenstrang, in dem ein schon bekanntes Kind mit seinem Tier im Urlaub ein Abenteuer erlebt. Und dann gibt es noch eine Krimireihe für Erstleser. Zentraler Protagonist ist ein Eisbär, der Fälle über verschwundene Plätzchen und Ähnliches löst. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Besagter Urlaubsnebenstrang wurde nötig, weil die Kinder aus vergangenen Geschichten in den neuen Büchern kaum noch Platz finden. Zu groß ist inzwischen das Getümmel aus Kindern und Tieren. Nur Ida Kronenberg und ihr Fuchs Rabatt, die nominellen Hauptfiguren, können sich sicher sein, dass Autorin Margit Auer sie regelmäßig wieder aufgreift. Die Filmreihe, die es nun auch schon seit 2021 gibt, stützt sich meist nur grob auf die Bücher, die beschriebene Mischung aus einem klaren Muster und einem buntem Inhalt bleibt aber präsent. Entscheidend ist, dass die Filme eine andere Entwicklung zu nehmen scheinen: statt immer mehr aus allen Nähten zu platzen, konzentrieren sie sich zunehmend.

Der erste Film unter der Regie Gregor Schnitzlers war krachend daran gescheitert, alles unter einen Hut zu bekommen. Das Drama, der Krimi, die Albernheiten, das Staunen und die Niedlichkeit: Alles stand hilflos herum und ergab weder für sich noch zusammen etwas. Seit Sven Unterwaldt jr. Regie führt, gelingt die Konzentration zusehends. Seine beiden Filme zeigen eine klare Linie in den Geschichten, besitzen so etwas wie eine optische Strategie und runden alles noch mit Pop-Musik voller eingängiger Hooks und Breaks ab. Selbst aus der Figurenvielfalt macht Unterwaldt eine Tugend.
"Die Schule der magischen Tiere 3" handelt von Helene (Emilia Pieske) und Silas (Luis Vorbach). Sie ist zumindest oberflächlich eine eingebildete Schnöselin, die verzweifelt, weil ihre Eltern nicht mehr reich, sondern bankrott sind. Keine Villa, keine Markenklamotten mehr. Sie bekommt den Kater Karajan, der aus Paris stammt und ebenso seine Unsicherheit mit Überheblichkeit überspielt, auf Nähe mit seinen Krallen reagiert. Silas wiederum ist in Helene verliebt, hat aber weder Stil noch Geld. Seine Liebe für Paläontologie versteckt er hinter der harten Schale eines Boxers, er könnte ja für einen Nerd gehalten werden. Sein Tier ist das knuffige, schreckhafte, vegane Krokodil Rick, das nur auf den ersten Blick schreckenerregend erscheint.
Nicht nur die Tiere ergänzen ihre Menschen, auch die Nebenplots ergänzen die zentrale Problematik. Überall geht es um Mode, Oberflächlichkeit, innere Werte, um Liebe und Vertrauen. Von überall kommen die Echos des Problems, wie schwer es ist, zu sich zu stehen. Auch weil Unterwaldt sich darauf versteht, Nebenfiguren zu nutzen. Schuldirektor Siegmann (Justus von Dohnányi) oder die aus dem zweiten Teil bekannte Schülerin Anna-Lena (Lilith Julie Johna) sind weder mitgeschleppte Überbleibsel oder kaum noch erwähnte Schatten, sondern haben mal mehr, mal weniger wichtige Funktionen. Hier ist nichts überladen, die Rädchen greifen ineinander. (Und für die Fans der Bücher stehen im Vorder- und Hintergrund aus den Büchern bekannte Schüler herum, die ihre Tiere und ihren Auftritt noch bekommen werden - so die Reihe denn fortgesetzt wird.)
Kurz: Alles hat Hand und Fuss - nur will die Magie nicht überspringen. Die Figuren sind dafür da, dass sie ihre Probleme schnell lösen und etwas lernen, mit Leben werden sie nicht gefüllt. Die Schauspieler changieren - von von Dohnányi abgesehen - zwischen nett, blass und hölzern. Was die Tiere angeht, verfolgt der Film zwar eine Strategie - das zuerst schreckliche Krokodil, dass dann tapsig ist, die Gefühle hinter den Krallen -, aber auch sie sind bloß zweckdienlich, Charisma oder bleibender Eindruck: Fehlanzeige. Drama und Inszenierung bleiben an so kurzer Leine, dass nichts die kompakte, kindgerechte, harmoniesüchtige Sachlichkeit gefährdet.
Am Erfolg bei der Zielgruppe, vor allem Grundschulkindern, wird das sicherlich nichts ändern. Neben mir wurde fröhlich mitgesungen, vor der Leinwand wurde beim Abspann euphorisch getanzt. Unterwaldts Film ist, wie gesagt, nicht schlecht. Nur ist schade, mit wie wenig Fantasie und Herz er sich einem kunterbunten Haufen Tieren und unsicheren Schülern nähert. Mehr als die Erfüllung einer Aufgabe liefert er leider wieder nicht ab.
Robert Wagner
Die Schule der magischen Tiere 3 - Deutschland 2024 - Regie: Sven Unterwaldt Jr. - Darsteller: Emilia Maier, Loris Sichrovsky, Emilia Pieske, Luis Vorbach, Lilith Julue Johna, Justus von Dohnányi - Laufzeit: 105 Minuten.
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