Im Kino

Schwitzende Steine

Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
02.10.2024. Als der Michael Bay der Architekturdokus erweist sich Victor Kossakovsky in seinem neuen Film. "Architecton" lässt spektakulär Partikel in Zeitlupe tanzen, überzeugt jedoch vor allem in seinen unvermittelten Schnitten vom Großen ins Winzige.

Zwischendrin eine Sequenz mit im Licht funkelnden Steinen auf einem vibrierenden Untergrund. Wahrscheinlich liegen sie auf einem rhythmisch auf und ab wippenden Sieb, das sie von Feuchtigkeit und Schmutz befreien soll. Die in extremer Zeitlupe registrierten Gebilde schnellen im Gleichklang in die Höhe, stoßen dabei ständig aneinander, sodass Partikel durch die Luft schwirren. Es sieht aus - die Kamera befindet sich mitten im Geschehen - als würden die Steine ekstatisch tanzen, schwitzen. Der omnipräsente Filmscore von Evgueni Galperine dröhnt und posaunt hier für einmal nicht pathosgeladen, sondern untermauert mit filigran treibenden Beats eben diese Assoziation: eine Steinchendisco!

Zuvor ist in Victor Kossakovskys neuem und wie für seine jüngere Filmografie typisch bildgewaltigem Dokumentarfilm "Architecton" dieser Roh- und Baustoff der Natur abgetrotzt worden, nun wird er zur Basis für menschengemachte Strukturen, um die - vor allem: um deren Vergänglichkeit - der Film kreist. Zerstörte, teilzerstörte, im Bau befindliche Bauten und die Zerstörung der Umwelt, die notwendig wird, um sie zu errichten: Riesige Steinmassen wirbeln in einer Sinfonie aus krachenden und knarzenden Tönen durch die Luft, bis sie schließlich, einem tosenden Wasserfall gleich, den Hang eines Felsmassivs herunterregnen. Gewaltig und schön zugleich, scheint der Film zu sagen.

Bei solchen Drohnenflugaufnahmen sind die Kamerabilder analog zur "Discoszene" extrem verlangsamt und von einer derartigen, noch die feinsten Gesteintexturen herauspräparierenden Schärfe, dass sie uns wie zum Greifen nahe vorkommen. Die spürbare Lust des Films, das Publikum zum Staunen zu bringen, es in seine Bilder hereinzuholen, lässt sich als Kinospektakel genießen. Oder aber man macht darin einen faden Ästhetizismus aus, dem jeglicher Vermittlungswille und das menschliche Maß abhandengekommen ist. Ob nun positiv oder negativ besetzt: Bezogen auf seinen audiovisuellen Maximalismus ist "Architecton" so etwas wie der Michael-Bay-Film unter den Architekturdokus.


"Architecton" will nicht weniger als überwältigen, magische Bilder bieten, die uns so nur die (High-End-Digital-)Filmkamera zeigen kann. Es ist, als hätten sich Kossakovksy und mit ihm der für seine visuell exaltierten Filme bekannte US-Verleiher A24 an der Feststellung des Filmtheoretikers Siegfried Kracauer orientiert, nach der es der Film wie kein anderes Medium vermag, die Welt der besonders kleinen, großen und ephemeren Phänomene für die Menschheit aufzuschließen, sie durch seine technischen Möglichkeiten zu verzaubern, ohne dabei tricksen zu müssen.

Kossakovksy interessiert sich offenkundig mehr für den "Zauber" des Kinos als für die selbstreflexiven Trends des neueren Dokumentarfilms, welchen Fragen nach Autoren- und Zeugenschaft, dem Wahrheitsgehalt seiner Darstellungen und eine Ethik des Filmemachens umtreiben. "Architecton" geht es in erster Linie darum, einprägsame Kinobild- und -klangwelten zu bauen - unabhängig davon, was ihre Bedingungen und Potentiale sein mögen. 

Ganz diskursenthoben und frei von menschlicher Perspektive ist der Film freilich doch nicht. Zu den Totalen und Details gesellen sich neben traumgleichen Parcours durch schwarzweiße Antikruinen auch alltägliche Momente der Kontemplation: Wo sich andernorts schweres Gerät durch endlos breite Steinbrüche und die Schuttberge türkischer Erdbebenregionen wühlt, wird im ländlichen Italien inmitten eines großzügigen Anwesens händisch ein Steinkreis errichtet. Der betagte Stararchitekt und -designer Michele De Lucchi weiß, was er bis zum Ende seines Lebens im Garten betrachten möchte: einen Kreis aus unbearbeiteten Steinen von mehreren Metern Durchmesser, der nach Fertigstellung von niemandem außer seinem Hund betreten werden darf, in dem die Natur wuchert, wie sie will.

Immer wenn "Architecton" von seinen megalomanen Bildern und Klängen zu diesem Ort wechselt, stellt sich Entspannung ein. Man kann dem Nieselregen und dem Hämmerklopfen der Arbeiter zuhören, denen De Lucchi die Handgriffe dirigiert. Hier ist der Film geradezu intim. Auch der Epilog folgt keiner Überwältigungsästhetik mehr, sondern entlässt uns nach anderthalb Stunden sanft aus dem Kinosaal. Kossakovksy sitzt mit De Lucchi im Garten; ein längeres - und deutlich für die Kamera konstruiertes - "Philosophengespräch" setzt ein, und das, nachdem der Film vorab Sprache allenfalls nebenbei aufschnappte.

Man müsse künftig zu einem Bauen kommen, bei dem die Architektur und die Natur wieder in einen gemeinsamen Kreislauf eintreten, sagt der Baumeister. Hin zu einer Zukunft, in der es keine Betonwüsten, keine bloß tote Materie mehr gibt, die man erst mühselig abtragen muss, damit Neues entstehen kann. Nachhaltige Architektur, alternative Stoffe. Beide Männer sind sich einig: Der Beton, der direkt wie indirekt im Mittelpunkt des filmischen Geschehens stand, ist der Baustoff der Vergangenheit.

Wird "Architecton" auf den letzten Metern zu einem Message-Movie? Und wie hängt der Epilog mit dem Prolog des Films zusammen, der uns geisterhafte Drohnenaufnahmen von völlig ausgebombten Plattenbauriegeln zeigt, die Putins Russland in der Ukraine hinterließ und noch hinterlässt? Ist es nicht geradezu zynisch - so gefühlt der Tenor im Anschluss an die Berlinale-Premiere des Films im Februar 2024 - mit einem solchen Ende den Blick aufs Material und eben nicht auf die Menschen, die in ihm leben oder nicht mehr leben (können), zu richten? Schwer zu sagen, was das Triptychon aus Prolog, Epilog und Mittelstück zusammenhält. Zumindest mich fasziniert auch noch Monate nach der Festivalpremiere gerade das an "Architecton": der unvermittelte Schnitt vom Großen ins Winzige, vom Anorganischen zur Gesellschaft, von der Sinnesüberflutung hin zum Landidyll.

Tilman Schumacher

Architecton - Deutschland, Frankreich 2024 - Regie: Victor Kossakovsky - Laufzeit: 98 Minuten.