Im Kino
Die Anlässe sind nichtig
Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
04.03.2026. Wider die Kultur der unterstellten bösen Absichten: İlker Çataks Berlinalegewinner "Gelbe Briefe", ist ein Film zur rechten Zeit. Und eine Absage an die langweiligen Ausstattungs-Exzesse des Gegenwartsfilms gelingt Çatak auch.
Gerade noch feiert Derya (Özgü Namal) in dem Stück ihres Mannes, des Dramatikers und Professors Aziz (Tansu Biçer), einen großen Bühnenerfolg in Ankara - als die Stellschrauben des mit latenten Repressionen arbeitenden Systems sich zu drehen beginnen: Das Kulturbetriebspaar ist eine Spur linker und in den politischen Ansichten verbindlicher als die Gepflogenheiten des Linksliberalismus es gerade noch zulassen. Die Anlässe sind nichtig: Ein verweigertes Foto hier, ein Social-Media-Posting dort - alles in allem ein bisschen zu viel Regierungs- und Machtskepsis. Die Folge: gelbe Briefe mit Kündigungen und Anklage; der Beginn einer Zermürbungsstrategie, um Derya und Aziz fortlaufend zu isolieren - und nicht zuletzt auch voneinander zu entfremden.
In seinem vorangegangenen Film, dem oscarnominierten "Das Lehrerzimmer", betrachtete der Berliner Filmemacher İlker Çatak exemplarisch anhand von Vorkommnissen an einer Schule die präzise Mechanik von Empörung und Ausschluss: was passiert, wenn Ideologie die Möglichkeitsräume für ein klärendes Gespräch oder auch nur einer Diskurskultur im Zeichen von "agree to disagree" fortlaufend schleift und eine Kultur der unterstellten bösen Absichten und die Hegemonie der Moral das gesellschaftliche Gespräch bestimmen. Ähnliche Aspekte der Isolation und Zermürbung informieren auch "Gelbe Briefe" - wenngleich Çatak den mikrosoziologischen Blick vom "Lehrerzimmer" (wo es eher um binnengesellschaftliche Hackordnungen ging) erweitert: Diesmal sehen sich zwei, mit sehr greifbaren Folgen für die eigene Existenz, einem kaum je wirklich greifbaren Staatsapparat gegenüber, der sich hinter Briefen, Polizeiaktionen und autoritären Gerichten versteckt.
Vielleicht auch deshalb fehlt "Gelbe Briefe" die Dringlichkeit des durchgetakteten Uhrwerks, als das "Das Lehrerzimmer" funktionierte. Was kein Nachteil ist: "Gelbe Briefe" ist eher Zustands- und Folgenbeobachtung, Darstellung einer voranschreitenden Verzweiflung und der Versuche, ihrer Herr zu werden, sich darin einzurichten oder einen Ausweg zu finden. Und ein Warnruf: Der Autoritarismus beginnt nicht erst dann, wenn man nachts abgeholt und gefoltert wird. Sondern wenn ein Staat einzelne seiner Bürger aufgrund ihrer Meinung systematisch wie Feinde zu behandeln beginnt. Der Autorismus beginnt auch nicht dann, wenn Menschen ermordet werden. Sondern wenn man ihnen systematisch und gezielt die Existenz und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verbaut.

Um diese Form der Repression nicht zu exotisieren, bedient sich Çatak eines einfachen, aber in seiner Kühnheit so verblüffenden wie effektiven Kunstgriffs, der nicht zuletzt dem Gebaren der deutschen Filmförderung geschuldet ist, die vorsieht, dass dort, wo Fördermittel fließen, auch Produktionsarbeit zu leisten ist: Berlin spielt Ankara, Hamburg spielt Istanbul (wohin die Familie zu Aziz' Mutter umzieht, als sie ihre schöne Wohnung in Ankara aufgeben muss). Beide Städte werden nicht mit viel Produktionsaufwand maskiert und exotisiert, sondern in ihrer erkennbaren Berlin- und Hamburghaftigkeit belassen - zwei Texttafeln weisen explizit auf diesen quasi-Brecht'schen Umstand hin.
Das ist nicht nur eine Absage an die immer langweiligeren Ausstattungs-Exzesse des Gegenwartsfilms und deren meist künstlerische Schlichtheit bei produktionstechnischem Maximalismus, sondern verwehrt dem hiesigen Publikum außerdem die bequem distanzierte Position eines äußeren Beobachters. Zugegeben, man muss Çatak in diesem Punkt nicht komplett folgen. In dem Film gibt es diffuse Proteste gegen einen ebenso im Diffusen bleibenden "Krieg", Çatak schneidet dazu auf eher beschaulich wirkende Berliner Gymnasiastenproteste wider Israels Vorgehen gegen die Hamas; als wäre das reale Vorgehen hiesiger Behörden gegen teils höchst aggressive und offen antisemitische Gaza-Proteste vergleichbar mit dem Durchgreifen des Staates in "Gelbe Briefe" gegen ein an sich harmloses Kulturbürger-Engagement. Hier vergreift sich der ansonsten sehr konzentrierte Film an den Maßstäben.
Stärker ist der Film als Meditation über den Alltag unter der Repression eines Staates, der sich nicht drakonisch gibt, sondern seinem Durchgreifen vermittels bloßer Amtsvorgänge Legitimität zu verleihen versucht: Aziz ist Idealist, versucht sich als Taxifahrer durchzuschlagen und an einer Off-Bühne ein neues Theaterstück über seine jüngsten Erfahrungen unterzubringen. Derya ereilt derweil das Angebot, als beliebte Schauspielerin in eine unpolitische Seifenoper zurückzukehren - sofern sie dafür Teile ihrer Social-Media-Präsenz löscht und vom politisch engagierten Theater Abschied nimmt. Das alles auch noch auf einem staat- und regierungsnahen Sender. Frühere Weggefährte und Hitzköpfe zeihen beide derweil des Verrats, weil sie ihre eh schon ramponierte Existenz aus der Schusslinie des Staates bringen wollen.
Soll man sich arrangieren? Und vor allem: Wie sich arrangieren? Die Lösung steht bei Çatak in den Wolken. Nur dies steht nach "Das Lehrerzimmer" und nun den "Gelben Briefen" fest: Çataks Kino versteht sich als Plädoyer gegen die Unkultur des selbstgerechten Urteils über die Mitmenschen. Dass dieser Film in einem Berlinale-Jahrgang, der wie kein zweiter der letzten Jahrzehnte von selbstgerechten Urteilen über einen Menschen wie in diesem Fall Jurypräsident Wim Wenders überschattet war, den Goldenen Bären gewann, und zwar sicher nicht zu Unrecht, ist gleichfalls sicher kein Zufall.
Thomas Groh
Gelbe Briefe - Deutschland 2026 - Regie: İlker Çatak - Darsteller: Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bilgin, Aydin Isik u.a. - Laufzeit: 128 Minuten.
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