Im Kino

Hey Regisseur

Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
04.12.2024. Vierbeiner, die eine religiöse Stätte in einer japanischen Ortschaft bevölkern, stehen in "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" im Mittelpunkt. Kazuhiro Sodas beobachtender Dokumentarfilm interessiert sich jedoch auch für die Zweibeiner des Ortes, die durchaus unterschiedliche Meinungen haben zu den Tieren.


Nach einer bekannten Faustregel sollte man Filme lieber ohne Tiere und Kinder drehen, weil ihre Launenhaftigkeit für eine durchgeplante Produktion schnell zum Albtraum werden kann. Der Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" untermauert diese Regel gleich in der Eröffnungsszene. Ein niedliches, rotbraunes Kätzchen nähert sich darin dem Richtmikrofon des Filmemachers, um den (eigentlich vor Windgeräuschen schützenden) Puschel gnadenlos mit seinen Krallen zu traktieren. Für die Herangehensweise des japanischen Regisseurs Kazuhiro Soda ist dieser spontane Moment bezeichnend. Die unberechenbaren Vierbeiner, die sich um einen Shinto-Schrein im beschaulichen Küstenort Ushimado angesiedelt haben, sind für ihn keine Bedrohung eines starren inhaltlichen Konzepts, sondern dienen als dankbare Herausforderung für einen Film mit ungewisser Richtung.

Wie es der Titel verspricht, widmet sich Soda zunächst den Katzen am Schrein, der zwar angeblich eine Sehenswürdigkeit ist, jedoch viel zu unscheinbar wirkt, um ein echter Touristenmagnet zu sein. Teilweise auf Augenhöhe mit den Tieren folgt die Kamera ihrem Alltag, der überwiegend aus Schlafen und Fressen besteht. Gefüttert werden sie häufig von Bewohnern und Besuchern, aber ein Rest Raubtier steckt noch immer in ihnen. Während ältere Herren am Ufer fischen, lauern die Vierbeiner verschlagen unter den Autos, schnappen sich im entscheidenden Moment einen noch zappelnden Fisch und teilen die Beute anschließend mit ihren Jungen.

Die Katzen bestimmen den Film mit tapsigem Charme und geschmeidiger Zickigkeit, dienen Soda jedoch auch als Aufhänger, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Meinungen zu den Tieren sind unterschiedlich. Für viele sind sie eine Bereicherung, etwa für eine Frau, die in ihrer eigenen Wohnung keine Katzen halten darf und deswegen regelmäßig zum Schrein pilgert, um von ihrem drögen Alltag "geheilt" zu werden. Kinder sind sowieso Feuer und Flamme: "Je mehr Katzen, desto süßer!". Die überwiegend älteren Bewohner zeigen sich dagegen oft genervt, weil die Tiere alles vollkacken.



Dass es dem Filmemacher ohne weiteres gelingt, Zugang zu den Menschen zu finden, liegt auch daran, dass er lediglich als 1-Mann-Filmteam auftritt und für die Kamera ebenso zuständig ist wie für den Ton. "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" ist zwar der mittlerweile zehnte Beitrag in Sodas Reihe der "beobachtenden" Filme, aber die Kamera ist gerade kein scheinbar unsichtbarer Betrachter wie es beispielsweise in den Arbeiten Frederick Wisemans der Fall ist, sondern nimmt aktiv am Geschehen teil. Von den Bewohnern wird der Fremde als Kuriosum gesehen, mit "Hey Regisseur" angekumpelt und gerne von neugierigen Senioren wie auch aufgekratzten Schulkindern belagert.

Soda trifft mit seiner unaufdringlich höflichen und kindlich vitalen Art stets den richtigen Ton. Nie bekommt man das Gefühl, er würde seine Gesprächspartner in eine für den Film notwendige Richtung drängen. Was diese Offenheit mit sich bringt, ist eine manchmal recht rumpelige Kameraführung. Abgesehen von einigen komponierten Einstellungen vom Hafen im Morgengrauen, von der rosa schimmernden Kirschblüte oder den im Sitzen schlafenden Kätzchen, wirken die Bilder unmittelbar, sind auch immer wieder kurz von der Überforderung gezeichnet, schnell auf eine Situation reagieren zu müssen.

Mit fortschreitender Laufzeit spannt "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" sein soziales Netz immer weiter. Zunächst sind es Rentner, die am Schrein Blumen pflanzen oder saubermachen, und dabei vom Alltag in der Nachkriegszeit erzählen. Später widmet sich der Film unter anderem einem exzentrischen Fotografen, einer Feiertagszeremonie oder einer Gemeindesitzung. Immer wieder führt das Gespräch dabei zu den Katzen, zu denen man sich an diesem Ort zwangsläufig auf die ein oder andere Art verhalten muss. Einige kraulen ihnen den Bauch, andere stellen Wasserflaschen auf, damit sie nicht in ihre Gärten kommen. Auch der Regisseur muss sich positionieren, als während eines Taifuns plötzlich eine kläglich miauende Katze Zuflucht vor seinem Fenster sucht.

Ein Leitmotiv des Films ist die Notwendigkeit, auf andere reagieren zu müssen. Gesucht wird ein Weg, der Gefühl und Vernunft sowie Fürsorge und Ordnung vereint. Wie schwer das sein kann, zeigt eine Aktion, bei der die Katzen eingefangen und sterilisiert werden. Die Arbeit wird zwar von Tierfreunden übernommen, aber die Fangaktionen fallen mitunter so rabiat aus, dass die Katzen sich dabei unweigerlich verletzen. Um zu helfen, muss man notfalls auch ein wenig Gewalt anwenden.

"Die Katzen vom Gokogu-Schrein" lässt seine tierischen Protagonisten eigensinnig und anarchisch genug, um sie nicht als bloße Allegorie zu missbrauchen. Trotzdem erzählt der Film mit seiner spezienübergreifenden Empathie viel über die Herausforderungen des Zusammenlebens. Lange widmet sich Soda einmal einer Gemeindesitzung, in der über einen neuen Vorhang für den Schrein diskutiert wird. Bedeutend ist diese Szene nicht nur aus dramaturgischen Gründen - die Einweihung des Vorhangs markiert den Schluss des Films -, sondern auch, weil sie zeigt, wie man einander geduldig zuhört, um die kollektive Kostenteilung möglichst gerecht zu gestalten. Eine funktionierende Gesellschaft wie hier lebt von Kompromissen, die den Einzelnen möglichst wenig einschränken. Dabei sind Tiere explizit mitgemeint. Oder wie es bei der Gemeindesitzung einmal heißt: "Die Götter mögen es, wenn sich alle einbringen".

Michael Kienzl

Die Katzen vom Gokogu-Schrein - Japan 2024 - OT: Gokogu no neko - Regie: Kazuhiro Soda - Laufzeit: 119 Minuten.