Im Kino
Menschen, Kram, Müll
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
27.11.2024. Gleichzeitig als Geisterbahn und als Nostalgieobjekt dient Hongkongs historische Kowloon Walled City in "City of Darkness". Soi Cheangs traditionsbewusster, erstklassig inszenierter Actionilm lässt einen identitätslosen Fremden in dieses urbane Moloch eintauchen - und träumt gleichzeitig von der Freiheit.
Identität ist in der Welt, durch die Chan Lok-Kwan (Raymond Lam) sich bewegt, nur gegen Blutgeld zu haben. Als illegaler Immigrant nach Hongkong gekommen, prügelt er sich in einer Szene früh im Film in einem Club, um an die Finanzmittel für ein gefälschtes Visum zu gelangen. Der Zweck heiligt die Mittel: Entschieden wird der Kampf unter anderem mithilfe grüner Glasscherben. "Tomorrow Seems so far away/The Earth Continues to Rotate/Do You wanna dance tonight" singt Priscilla Chan zum Gekloppe auf der Tonspur, und obwohl es in "City of Darkness", dem neuen Werk des Genrekinogroßmeisters Soi Cheang, fast ausschließlich um beschädigte Leben, malträtierte Anatomie und Halsabschneiderei geht, ist der Film gleichzeitig von Anfang bis Ende von einer infektiösen Kanto-Pop-Euphorie durchdrungen.
Lok-Kwan muss gleichwohl das eine oder andere Tal der Tränen durchschreiten, bis auch er Teil des Grooves wird. Die falschen Papiere beschaffen soll ihm der Gangsterboss Mr. Big (Sammo Hung), der den Neuankömmling bei erster Gelegenheit übers Ohr haut und seine Untergebenen auf ihn hetzt. Lok-Kwan schnappt sich kurzerhand einen Beutel voller weißem Pulver (in diesem Film kommt man grundsätzlich besser weg, wenn man sich, anstatt aufwändige Pläne zu schmieden, schlicht der Mittel bedient, die gerade zur Hand sind) und schüttelt seine Häscher ab - im Zuge einer rasanten Verfolgungsjagd, die in einem durch die nächtlichen Straßen Hongkongs donnernden Doppeldeckerbus ihren artistischen Höhepunkt findet.
Nun möchte er statt seiner Kampfkraft eben die Drogen zu Geld und dadurch sich selbst zu einem Rechtssubjekt machen. Die Suche nach einem Absatzmarkt führt ihn zu dem Ort, der im Originaltitel des Films, "Twilight of the Warriors: Walled In", aufgerufen wird: Offiziell stand die Hochhaussiedlung Kowloon Walled City, wiewohl komplett von der damaligen Kronkolonie Hongkong umschlossen, bis zu ihrem Abriss 1993 unter chinesischem Hoheitsrecht. Faktisch war das keine drei Hektar große Gelände aber lange ein rechtsfreier Raum, in dem die Häuser wildwuchernd in die Höhe strebten und das organisierte Verbrechen das Leben der auf engstem Raum zusammengepferchten Einwohner fest im Griff hatte.

Wenn Lok-Kwan zum ersten Mal vor der Walled City steht, hält der bis dahin dauerbewegte Film für einen Moment inne. Den Anblick muss man einfach auf sich wirken lassen: Wie aus einer anderen Zeit, wenn nicht aus einer anderen Realität gefallen wirkt dieser urbane Koloss nicht nur im Film, sondern auch auf historischen Fotografien (siehe zum Beispiel hier). Der Kontrast zu der modernen Großstadt, der die Siedlung umgibt, ist unübersehbar: Chaotisch und überbevölkert war beziehungsweise ist Hongkong auch andernorts, die Walled City jedoch kann man fast nur mithilfe eines geologischen beziehungsweise biologischen Vokabulars beschreiben: wie eine amorphe, von den Gezeiten gegerbte Gesteinsformation schaut sie von außen aus, wie in einem Ameisenhaufen wuselt in ihrem Inneren das Leben.
In diesen Ameisenhaufen stürzt sich Lok-Kwan nach kurzem Zögern; im Folgenden verlässt der Film die Walled City nur noch sehr gelegentlich. (Wie, um kurz nach Luft zu schnappen.) Ansonsten bewegt sich die Kamera, bewegen sich die Figuren wie Fische im Wasser in den liebevoll dem historischen Vorbild nachgebildeten Sets; wir quetschen uns mit ihnen durch enge Gassen, huschen über windschiefe Treppen, eilen durch Wohn- und Geschäftsräume, die kaum klar voneinander geschieden sind, wie überhaupt Innen und Außen fließend ineinander übergehen in der Walled City. Immer wieder krachen wir außerdem auf der Flucht vor Gewehrsalven durch Fenster, stürzen nach besonders rabiaten Faustschlägen durch Vordächer und Markisen in Häuserschluchten, deren Grund nicht auszumachen ist.
Die Welt, die der Film konstruiert, ist nicht nur hochgradig beweglich, sondern auch komplett vollgestellt. Wohin man auch blickt: Menschen, Kram, Müll, in immer neuen Konstellationen. Wie schon in seinem freilich deutlich düstereren Serienkillerfilm "Limbo" (2021) zelebriert Soi Cheang auch in seinem neuen Streich eine Ästhetik des Wimmelbilds, die mit so viel Lust am ornamentalen Detail gefertigt ist, dass sie sich gewissermaßen selbst trägt. Die Handlung im engeren Sinne kommt, sobald wir mit der Hauptfigur in die Walled City eintauchen, jedenfalls eine ganze Weile praktisch zum Stillstand. Lam-Kwans Versuche, diesen schlichtweg nicht kartografierbaren, nur intuitiv navigierbaren Schauplatz zu erkunden und langsam einen Platz in ihm zu finden, sind dem Film erst einmal Attraktion genug. (Fast ist "City of Darkness" in diesem Passagen näher an Open-World-Computerspielen a la "Grand Theft Auto" als am narrativen Kino.)
Das Oeuvre Soi Cheangs verortet sich, zumindest solange es sich nicht in die eher unerquicklichen Fantasy-Blockbustergefilde der "Monkey King"-Filme verirrt - auf einem Kontinuum zwischen Action und Horror. Während "Limbo" und auch die Groteske "Mad Fate" (2023) zuletzt Grusel- und Terrormotive betonten, ist "City of Darkness" in erster Linie gut geöltes Martial-Arts-Kintopp. Wenn in der zweiten Filmstunde die von Anfang an angelegte - in der Tat bereits im Vorspann etablierte - dramatische Dimension des Spektakels Fahrt aufnimmt, gerät der Film in etwas routinierteres Fahrwasser. Insbesondere die Hauptfigur wird im Laufe des Films "normalisiert", ist irgendwann kein Fremder ohne Pass und Perspektive mehr, sondern Dreh-und Angelpunkt eines Unterwelt-Königsdramas. Es geht um jahrzehntelang gehegte Rachepläne, nicht angetretene Erbschaften und Männerfreundschaften, die dem einen oder anderen Stresstest ausgesetzt werden. Ausgefochten wird das alles in Prügelorgien, die vom begnadeten Stunt-Koordinator Kenji Tanigaki mit genau der richtigen Mischung aus kreativer Anarchie und Präzisionshandwerk in Szene gesetzt werden. Kein bloßer Handkameraimpressionismus, sondern: Chaos mit System.
Erfreulich oft mittendrin: Sammo Hung, lebende Legende des Hongkong-Actionsfilms und auch im Alter von 72 Jahren noch mit einer fabelhaft-geschmeidigen Rundlichkeit gesegnet. Seine Präsenz alleine zeigt schon an, worum es Soi Cheangs Film mindestens auch, vielleicht gar zuallererst geht: Traditionspflege. Die 1980er Jahre, in denen der Film spielt, waren auch die goldene Ära eben jenes urbanen Hongkong-Actionkinos, in dessen Nachfolge "City of Darkness" sich, robust und selbstbewusst, verortet. Gelegentlich, etwa in Johnny Maks stilbildendem "Long Arm of the Law" (1984), war die Walled City selbst Schauplatz dieser zumeist melodramatisch unterfütterten Gangland-Epen. Deutlich häufiger setzten die Hongkong-Thriller der Zeit allerdings wohnlichere Viertel wie das atmosphärische Mongkok oder das glamouröse Wan Chai ins Bild. Mit inzwischen gut drei Jahrzehnte Abstand jedoch taugt die Walled City, einst als Schandfleck empfunden, offensichtlich nicht nur zum Schauplatz eines perfekt durchgestylten Actionfilms, sondern auch als Nostalgieobjekt.
Das beginnt beim Produktionsdesign: "City of Darkness" schwelgt regelrecht in der rekonstruierten Dingwelt und Konsumkultur der 1980er - insbesondere in deren grindigeren, schrundigeren Aspekten. In der Walled City floriert, nur zum Beispiel, nicht nur der Handel mit harten Drogen, sondern auch der mit Pornovideos. Genüsslich scannt die Kamera eine Regalfront mit einschlägigen VHS-Kasetten ab. Der immense Erfolg, dem der Film in Hongkong beschieden war, lässt sich wohl nur in diesem Zusammenhang erklären: Die unwiederbringlich verlorenen verwinkelten Gassen der City haben sich über die Jahre zu einer kulturellen Fantasie verdichtet, die viel zu tun hat mit den Transformationen Hongkongs seit der schrittweisen Inkorporierung in das chinesische Staatsgefüge seit 1997. Tatsächlich ist die Walled City in Soi Cheangs Film von Anfang an in ein eher warmes, fast heimeliges Licht getaucht; sie wird nicht nicht nur als Abenteuerspielplatz und Geisterbahn, sondern gleichzeitig auch als Schutzort individueller Autonomie inszeniert. Ein Ort, an dem alle nebeneinander existieren können: Junkies, Ladenbesitzer, Gangster, Schulkinder, Prostituierte, ein Ort, an dem, wie es einmal im Film heißt, jeder der will, Arbeit findet, und in dem einer wie Lok-Kwan zu guter Letzt auch ohne Ausweis eine Identität erlangen kann.
Wie viele kulturelle Fantasien ist auch diese in sich nicht allzu kohärent: Du kannst, zeigt der Film, in der Walled City buchstäblich an jeder Ecke (und sie besteht quasi ausschließlich aus Ecken) aufs Maul bekommen, wenn Du Pech hat, hängt Du irgendwann leblos zwischen zwei Hauswänden in einem Kabelgestrüpp und die Passanten fragen sich, wie zum Teufel sie Deine Leiche da herunterbekommen sollen. Dir können aber auch aus heiterem Himmel aus einem Fenster eine warme Mahlzeit und ein paar Schluck Limonade angeboten werden. Außerdem kannst Du zwischen den engen Häuserschluchten Drachen steigen lassen und wenn Du bis ganz oben aufs Dach kletterst, bietet sich Dir womöglich die schönste Aussicht der Welt. Der Traum von Freiheit, zeigt Soi Cheang, blüht auch und gerade unter misslichsten Umständen. Der vermutlich beste Actionfilm des Jahres ist "City of Darkness" obendrein.
Lukas Foerster
City of Darkness - Hongkong 2024 - OT: Twilight of the Warriors: Walled In/Jiu Long cheng zhai · Wei cheng - RegieL Soi Cheang - Darsteller: Raymond Lam, Louis Koo, Sammo Hung, Richie Jen, Chun-Him Lau, Philip Ng - Laufzeit: 126 Minuten.
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