Im Kino
Drei Energiefelder
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
12.03.2026. Ein Saukerl alter Schule, ein aufstrebendes Ekel, eine Auftragskillerin mit Killerblick: Christoph Hochhäuslers "La Mort viendra" ist ein heißkalter Neo-Noir, der in einer unlesbaren Stadt spielt.
Tez (Sophie Verbeeck) legt ihre Arme auf die Theke und den Kopf auf ihre Arme und schaut die Frau am Ausschank einfach nur an. Lächelnd und neugierig und insistent. Die Angeschaute weicht dem Blick zunächst aus, erst instinktiv, dann bewusst, bald erwidert sie ihn, erst irritiert, dann ihrerseits neugierig. Ein Flirt zunächst ganz ohne Worte, eine wunderbar konstruierte Nachtlebenminiatur, die zeigt, was alles Tolles passieren kann, wenn zwei der Wahrnehmung und Reflexion fähige Wesen einander begegnen.
Die Szene lässt an eine andere früher im Film denken. An eine Begegnung, die gar keine ist. Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing) trägt ein VR-Headset und greift einer jungen Frau zunächst an die Brust, dann ins Gesicht, steckt ihr einen Finger in den Mund. Arg ebenmäßig ist die Haut der Frau, die gar keine Frau ist, sondern eine Sexpuppe. Keineswegs begegnen sich hier zwei der Wahrnehmung und Reflexion fähige Wesen, vielmehr verschließt sich ein solches Wesen in seiner privaten, technologisch unterfütterten Fantasiewelt.
Eine dritte Szene, ebenfalls vom Filmangang: Patric de Boer (Marc Limpach) liegt im Bett neben zwei Frauen. Die jüngere der beiden kann man im ersten Moment ebenfalls für eine Sexpuppe halten. Allerdings ist sie lebendig und wird von de Boer wenig später am Frühstückstisch rüde herumgeschubst. Dass frau ein zu Wahrnehmung und Reflexion fähiges Wesen ist, garantiert nicht, dass frau auch wie ein solches behandelt wird.
Wie Männer mit Frauen umgehen, wie Begehren sich ausdrückt und unterdrückt wird, wie Technologie das Verhältnis der Geschlechter zueinander und vielleicht auch das Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst neu justiert: Um solche Fragen geht es in Christoph Hochhäuslers "La Mort viendra" andauernd, aber stets nur indirekt. Die Produktion hochtechnisierter Sexspielzeuge zum Beispiel, die in einem Gespräch mal als hygienischere und auch irgendwie ethischere Alternative zur Prostitution angepriesen werden, läuft irgendwo im Hintergrund des Films ab. Mahr hat wohl seine Finger drin, wie eingangs in der Puppe. Genaues weiß man nicht. Im Vordergrund geht es hingegen um Mord und Totschlag. Wobei auch die Thrillerhandlung über weite Strecken opak bleibt. Zusammenhänge erschließen sich erst nach und nach und nie vollständig.

Es geht jedenfalls um Geld, das in den Rahmen von Gemälden geschmuggelt wird und um einen Mann, der, kurz nachdem er mit einem solchen banknotenunterfütterten Bild im Kofferraum bei einer Polizeikontrolle erwischt wurde, erschossen wird. Mahr, ein alternder Gangster und Geschäftemacher, heuert Tez an, um herauszufinden, was passiert ist. Tez ist eine Auftragskillerin, man kennt und respektiert sie in der Szene. De Boer wiederum ist ein Widersacher Mahrs. Jünger als Mahr, zurückgegelte Haare, ein Ehrgeizling. Boer sucht die Nähe zu Zinédine (Mourade Zeguendi), Mahrs rechter Hand.
Damit ist das Feld abgesteckt: ein Saukerl der alten Schule, wie einem Claire-Denis-Film entsprungen, ein aufstrebendes Ekel mit kompliziertem Liebesleben, eine wortkarge Killerin mit Killerblick. Ein Energiefeld ist das eher denn ein klassischer Handlungsraum, oder vielleicht sind es drei Energiefelder, die einander in die Quere kommen. "La mort viendra" entfaltet sich als heißkalter Neo Noir mit entschiedenem, selbstbewußtem Hang zur Abstraktion; Brüssel, der Ort der Handlung, bleibt, von Berliner-Schule-Stammkameramann Reinhold Vorschneider mit fast schon altmeisterlicher Souveränität eingefangen, ein durchweg unlesbarer Raum, mal verschwindet die Stadt hinter Glasfassaden, mal verliert sich der Blick im tristen Gewerbegebiet-Niemandsland. In einer Szene steht Mahr in einem entkernten Geschäftshaus und versucht, sich daran zu erinnern, wie es da früher einmal ausgesehen hat. Aber die Stadt, in der "La Mort viendra" spielt, ist von ihrer eigenen Geschichte hoffnungslos abgeschnitten. Es ist feucht und kühl in diesem Brüssel, ständig beschlagen die Fenster. Eine Kälte, die einem in die Knochen zieht.
Hochhäusler filmt Hochhäuser. "La Mort viendra" schließt einerseits an zwei ältere Großstadtfilme des Regisseurs, "Unter dir die Stadt" und "Die Lügen der Sieger", an, die beide, wie auch jetzt der neue, in Zusammenarbeit mit dem Romancier und Drehbuchautor Ulrich Peltzer entstanden waren. Filme, die von Menschen erzählen, denen die undurchsichtigen Geschäfte, in die sie sich selbst verwickelt haben, über den Kopf wachsen. Andererseits orientiert sich der auf Französisch gedrehte Film deutlicher als seine Vorbilder am Genrekino - an den cool-melancholischen Thrillern Jean-Pierre Melvilles, aber auch allgemeiner an der reichhaltigen französischen Kriminalfilm-Tradition bis hin zu zeitgenössischen Autorenfilm-Umschriften bei Olivier Assayas oder, siehe oben, Claire Denis.
In Hochhäuslers vorherigen Arbeiten mit Peltzer wollten die melodramatisch grundierten Erzählhandlungen nicht immer ganz zu den weitergehenden Ambitionen der Filme passen, zum Versuch vor allem, etwas von der systemischen Komplexität moderner Gesellschaften zu fassen zu bekommen. Dem neuen Film, Hochhäuslers stärkstem mindestens seit "Falscher Bekenner", gelingt dies ungleich besser - eben weil ihm das Genre Halt verleiht, als eine Struktur, die sich selbst erfüllt, als eine Menschenvernichtungsmaschine, die gierig und, wie sich am Ende herausstellt, in der Tat völlig sinnlos vor sich hin schnurrt, bis zur eruptiven Blutfontäne im brachialen Showdown. Das Gesellschaftliche dringt derweil an den Rändern in "La Mort viendra" ein, fast osmotisch, über Erinnerungen und Echos, über das Ungesagte, über Blicke.
Lukas Foerster
La Mort viendra - Deutschland 2024 - Regie: Christoph Hochhäusler - Darsteller: Sophie Verbeeck, Louis-Do de Lencquesaing, Marc Limpach, Mourade Zeguendi - Laufzeit: 101 Minuten.
Kommentieren



