Im Kino
In der Hose war mehr Freiheit
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
29.04.2026. Eine Frau baut sich in "Rose" eine neue Identität als Mann auf. Markus Schleinzers klug verdichteter Film erzählt von überraschenden Freiräumen, die sich in einer puritanischen Gesellschaft auftun. Und auch von der Brutalität, mit der sie sich wieder schließen.
"Is nich nur mein Gesicht. Hat alles eine neue Form jetzt", sagt der unbekannte Fremde einmal, der mit einer Besitzurkunde für ein verwildertes Grundstück in der Dorfgemeinschaft auftaucht, von den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges und wie aus dem Nichts. Niemand kennt den Mann mit den vernarbten Gesichtszügen, der angibt, als Kind einen Sommer auf dem Gutshof verbracht zu haben. Aber zu lang ist es her, dass das Vieh unter den Dorfbewohnern aufgeteilt wurde, zu viel Zeit ist vergangen, in der sich niemand für den Verfall des Hofs verantwortlich gefühlt hat.
Tatsächlich ist das Misstrauen der Dorfgemeinschaft nicht anlasslos, denn der Fremde kommt zu ihnen mit einer geborgten Identität. Von den Kriegswirren begünstigt, ergriff Rose (Sandra Hüller) die Chance, als Mann zu leben, kämpfte zunächst unentdeckt als Soldat in der Armee und versucht nun, da sie in den Besitz jenes Dokumentes kam, das sie/ihn zum Erbberechtigten erklärt, sich eine karge, aber unabhängige Existenz aufzubauen, fernab vom Töten und den Vergewaltigungen - auch an diesen hat sie teilgenommen, um nicht als Frau erkannt zu werden - des scheinbar endlosen Krieges.
Immer wieder erzählt der österreichische Regisseur Markus Schleinzer in seinen Filmen von Doppelleben, von Täuschungsmanövern, von - zumeist vergeblichen - Versuchen, sich ein anderes Leben, eine andere Identität anzueignen als jene, die seinen Protagonist*innen zugeteilt wurde, vermeintlich vom Schicksal, jedenfalls aber von den rigiden Gemeinschaften ihrer Zeiten. "In der Hose war mehr Freiheit", so fasst Rose lakonisch ihre Gründe für den Geschlechterwechsel zusammen, und damit ist tatsächlich alles zur Genüge gesagt.

Zunächst scheint es Rose zu gelingen, sich widrigsten Umständen zum Trotz ein von harter Arbeit auf dem rauen Land geprägtes, aber selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Selbst die arrangierte Ehe mit Suzanna, der Tochter eines reichen Bauern, vermag sie zu schließen, ohne aufzufliegen - begünstigt von den Tabus einer puritanischen Gesellschaft, in der es keineswegs selbstverständlich ist, dass Eheleute je den nackten Leib des Partners erblicken. Oder dass Frauen allzu viele Fragen bezüglich des Verhaltens ihrer Gatten stellen.
Begünstigend kommt in diesem Arrangement überdies hinzu, dass auch Suzanna eine unausgesprochene eigene Agenda mit in diese Verbindung bringt, die für ein kurzes Zeitfenster zu einer echten, wahren Beziehung wird. Das Versteckspiel geht zwar lang, aber nicht ewig gut, und sobald der Schock über Roses Enttarnung infolge einer allergischen Reaktion auf einen Bienenstich überwunden ist, begreift Suzanna, dass sich hier auch ihre womöglich einzige Chance auftut. Auf ein Leben jenseits der Kontrolle durch einen Mann. Die Chance, sich selbst zu gehören. Überhaupt ist "Rose" auch ein Film über unerwartete Freiräume, die sich in einer Gesellschaft auftun, in der es so vieles gibt, über das man nicht spricht. Und darüber, mit welch selbstverständlicher Brutalität diese Freiräume wieder geschlossen werden.
Die größte Stärke von Markus Schleinzers Film liegt in seinem unbedingten Willen zur Verdichtung. Wo andere Filmemacher der Versuchung des opulenten Historienpanoramas vielleicht nicht widerstanden hätten, inszeniert Schleinzer "Rose" in gerade einmal 90 Minuten in harten Schwarzweißbildern, die so karg und rau anmuten wie das Leben, von dem sie erzählen, die aber nichtsdestotrotz niemals unzugänglich oder abweisend wirken. Irgendwo zwischen Naturalismus und einer in Dialog wie Off-Erzählung zum Ausdruck gebrachten, eigentümlichen Literarizität gelingt es Schleinzer, alles Dekorative zu vermeiden und zu einem fast archaischen Ausdruck zu finden. Seine Protagonistinnen degradiert er niemals zu reinen Funktionsträgerinnen, um zu etwas Überindividuellem zu gelangen. Vielmehr gelingt ihm der komplizierte Balanceakt, ihnen ihre Würde, ihre Agenda und nicht zuletzt auch eine gewisse Unlesbarkeit, ein Rätsel zuzugestehen - und doch, durch ihre individuelle Tragödie hindurch zu so etwas wie einer grundlegend menschlichen Erzählung durchzustoßen.
Jochen Werner
Rose - Österreich 2026 - Regie: Markus Schleinzer - Darsteller: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese - Laufzeit: 93 Minuten.
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