Im Kino

Du bist so'n Hero

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
01.07.2026. Delfine im Abenddämmer entschädigen für die Lücke im Lebenslauf: Markus Gollers Seenotrettungsfilm "23 000 Leben" ist mit Corinna Harfouch, Ulrich Matthes und Franka Potente stark besetzt. Und entpuppt sich der Film leider als ein reichlich gefühliges Stück Agit-Prop, der die Geschichte der Organisation "Jugend Rettet" auf eine persönliche Bewährungsprobe reduziert.

Was wohl Papa dazu sagen würde, fragt sich Lukas' Mutter (Franka Potente) mit gut ausgeprägtem Sinn fürs öffentlich Melodramatische, als der Sohn ihr bei einem Besuch im Restaurant eröffnet, er wolle sein Studium unterbrechen und eine NGO gründen, um in Seenot geratenen Migranten helfen zu können. Mitte der Zehnerjahre trieb die verschärfte Kontrolle an den Außengrenzen im Schengen-Raum Hundertausende Flüchtlinge aus Vorderasien und Afrika zur lebensbedrohlichen Überfahrt von der libyschen Küste an die Ufer der EU. Mit juvenilem Idealismus möchte Lukas 2016 ein ausrangiertes Schiff im Internet kaufen und mit einer Mannschaft selbst tatkräftig in See stechen. Seiner Familie schaudert es vor den Konsequenzen, die diese Entscheidung nach sich ziehen könnte: Wie soll später die dadurch entstehende Lücke im Lebenslauf vor Arbeitsgebern rechtfertigt werden?

Markus Gollers Spielfilm "23 000 Leben" fiktionalisiert die Geschichte der zivilgesellschaftlichen Seenotrettungsorganisation "Jugend Rettet", die von 2016 bis 2017 im zentralen Mittelmeer zahlreiche Rettungsfahrten unternahm und von italienischen Behörden in einen jahrelangen Prozess wegen des Verdachts auf Beihilfe zur unerlaubten Einreise in die EU verwickelt wurde - ein schließlich zugunsten der NGO beendetes Gerichtsverfahren, das seitdem als Präzedenzfall gegen die staatliche Kriminalisierung von Seenothilfe gilt. Diese Geschichte erzählt der Film in mehreren dramaturgischen Etappen als ein unbeholfenes Rührstück.

"Der Gedanke wurde zu einem Gefühl" heißt es zu Beginn über den Initiationsmoment der Hilfsorganisation und auch im Kino des Regisseurs Markus Goller ist stets der Gedanke allzu starken und eindeutigen Gefühlen bestenfalls nachgeordnet: Gemeinsam mit seinem langjährigen Drehbuchschreiber Oliver Ziegenbalg koppelt er seit je her die Überwindung von Problemen publikumswirksam an wohlstandsgesicherte Selbstfindungsprozesse. Selbst von einer Seenotrettungsorganisation erzählen die beiden vorwiegend als persönliche Bewährungsprobe. Den "Jugend Rettet"-Gründer spielt Louis Hofmann als gutherzigen Idealisten mit verdattert-unschuldigem Engelsgesicht, der nach Seeeinsätzen zu Hause posttraumatischen Albträumen ausgesetzt ist (des Nachts flutet es die Wohnung), aber durch den Dank der von ihm Geretteten entschädigt wird: "Du bist so'n Hero!".


Doch auch NGOs können von Gefühlen allein nicht angetrieben werden, selbst wenn fehlende Professionalität mit Energie und Leidenschaft ausgeglichen wird. Die Frage nach der notwendigen Finanzierung einer Seenotrettung beantwortet der Film ohne Angst vor der gut geölten Agitprop-Pointe: Die Bankangestellten geben süffisant zu bedenken, dass sie eine Bank und keine Hilfsorganisation seien, die Vertreterin einer Hilfsorganisation sagt mit Bedauern das Gegenteil und der Bundestagsrepräsentant schließt dialektisch, dass er als Abgeordneter weder die Aufgaben einer Hilfsorganisation noch die einer Bank zu erfüllen habe. Das gesamtgesellschaftliche Versagen ist vorgezeichnet.

Aber auch um einträglich scheinende Werbekollaborationen ist es nicht sonderlich gut bestellt. Ein aufstrebender Hersteller für E-Zigaretten bietet monetäre Unterstützung an, wenn die Aktivisten sich dafür bereit erklären, ihre Rettungsmissionen in gesponserten T-Shirts anzutreten. Gleichwohl: Welche Außenwirkung entfaltet schon die Aufschrift "Eine nette Art von Genuss" medial? Immerhin die Büroräume spendiert die Deutsche Filmakademie kostenfrei - wodurch die Schauspielerin Katja Riemann in "23 000 Leben" die schmeichelhafte Gelegenheit bekommt, sich als Mildtäterin gleich selbst spielen zu können.

Erst die private Stiftung eines Ehepaars aus Kreuzberg (Corinna Harfouch und Ulrich Matthes) ermöglicht den Kauf eines ehemaligen Patrouillenbootes, das auf den Namen "Iuventa" getauft wird. An dessen Bord werden die adoleszenten Aktivisten für die bereitwillig hingenommene Lücke im Lebenslauf durch den traumhaften Anblick von im Abenddämmer schwimmenden Delfinen und beherzten Köppern ins Wasser entschädigt. In einem Tonfall, der zwischen pathosumtoster Betroffenheit und jovialer Kurzweil vermitteln möchte, überaffirmiert und infantilisiert "23 000 Leben" seine Haltung letztlich selbst: "Du weißt, dass es richtig ist!".

Kamil Moll

23 000 Leben - Deutschland 2026 - Regie: Markus Goller - Darsteller: Louis Hofmann, Mala Emde, Katharina Stark, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Katja Riemann - Laufzeit: 112 Minuten.