Mark Lilla, Professor für
Social Thought an der Universität von Chicago,
bemerkt in einem zeitlich weit ausholenden Essay, dass die
zivilisierende Wirkung der Demokratie auf die Religion, wie sie sich die amerikanischen Staatsgründer ausmalten, nun eine Grenze erreicht habe. "Die führenden Denker der britischen und amerikanischen Aufklärung hofften, dass das Leben in einer demokratischen Ordnung die Christen von einer im Glauben begründeten Realität zu einem
realitätsbegründeten Glauben bringen würde. Amerikas Religion entwickelt sich heute in die entgegengesetzte Richtung, zurück zum ekstatischen, buchstabengetreuen und gutgläubigen Geist der
Great Awakenings. Die benunruhigendsten Auswirkungen sind nicht politischer Art, noch nicht. Sie spielen sich auf kultureller Ebene ab. Die Faszination für die
'Endzeit', der Glaube an persönliche (und eigennützige) Wunder, die Ignoranz gegenüber elementarer Wissenschaft und Geschichtsschreibung, die
Dämonisierung der populären Kultur, die Zensur von Schulbüchern, die abweichenden Ziele der Heim-Schul-Bewegung - alle diese Entwicklungen sind auf lange Sicht hin verstörender als ein paar Sitze weniger im Kongress."
Aus den Besprechungen: Für einen "Triumph der Beobachtung"
hält Steve Erickson
Hector Tobars Studie
"Translation Nation". In einer Mischung aus Alexis de Toquevilles
"Democracy in America" und Che Guevaras "Motorcycle Diaries" erzähle Tobar, wie die
lateinamerikanischen Einwanderer allmählich das Gesicht der Vereinigten Staaten veränderten. Als angenehm bescheiden
würdigt William Deresiewicz die Memoiren
"If This be Treason" des
Übersetzers Gregory Rabassa, dem einige lateinamerikanische Autoren wie Miguel Angel Asturias, Gabriel Garcia Marquez, Julio Cortazar, Mario Vargas Llosa, Jorge Amado und Antonio Lobo Antunes ihren erfolgreichen Eintritt in die englische Welt verdanken. Wenn
Crack Dealer so viel verdienen, warum wohnen sie immer noch bei ihrer
Mutter?" Interessante Fragen, die der Ökonom
Steven D. Levitt in "Freakonomics" (
erstes Kapitel) beantwortet. Und das "unterhaltsalm" und "lehrreich", wie ihm ein von so viel interdisziplinärer Chuzpe sichtlich begeisterter Jim Holt
bescheinigt.
Im
New York Times Magazine, einer
Architektur-Ausgabe, wird die bevorstehende Historisierung der Moderne behandelt. Nicolai Ouroussoff
sorgt sich um das
architektonische Gedächtnis Moskaus. Bauwerke der russischen Avantagarde und der Stalinzeit werden in rekordverdächtigem Tempo abgerissen, meist um gleich darauf in einer gefälligeren Fassung wiederaufzuerstehen. "Das
Hotel Moskau, gebaut zwischen 1934 und 1936, auf der Höhe der Schauprozesse Stalins, zählte nicht zu den besten Werken
Schtschussews. Trotzdem belegte es einen bedeutenden Platz in der Stadtgeschichte. Seine brütende, vage moderne Form, verbrämt mit klassischen Referenzen, Schmucksäulen und
Kasettendecken, weist auf die inneren Kämpfe hin, die die sowjetischen Architekten ausfochten, um Stalins ästhetischen Launen zu genügen.(Die berühmten
ungleichen Türme des Hotels gehen laut Gerücht auf einen Flüchtigkeitsfehler in Stalins Notizen zurück, der ihn dazu brachte, zwei rivalisierende Entwürfe zu genehmigen.)"
Weiteres: Michael Kimmelmann
porträtiert Oscar Niemeyer, deutsches Urgestein der Moderne und Erbauer von
Brasilia. Pilar Viladas
beschreibt, wie der Sotheby-Angestellte James Zemaitis das Interesse für
Möbel des 20. Jahrhunderts steigerte, und damit nebenbei deren Wert. Matt Steinglass
erzählt, was der Architekt Vann Molyvann für Phnom Penh, die Hauptstadt des unabhängigen
Kambodscha plante. Bis dann die Roten Khmer kamen.