Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 19.07.2005 - New York Times

Während der Präsidentenwahlen war Michael Ignatieff im Iran, um Vorlesungen über Demokratie und Menschenrechte zu halten. Im New York Times Magazine berichtet er von überraschend selbstbewussten Diskussionspartnern, Professoren, die über seinen gottlosen Glauben an die Menschenrechte nur lächeln, und Studenten, denen seine Reformvorschläge zu vorsichtig waren. "Die Frauen in der Klasse waren nicht sehr erfreut über meine Bemerkung, dass sie die Scharia von innen heraus verändern sollten. 'Es muss ein Recht für alle geben, nicht zwei Systeme, ein islamisches Gesetz und daneben ein säkulares', meinte eine Studentin. Ich sagte, dass ich übereinstimme, aber es sei unklar, wie man das im derzeitigen Iran erreichen könne. Die Studentinnen fanden dies zu defätistisch. 'Wir sind sehr froh, dass sie in unseren Kurs gekommen sind, Professor', sagte eine zu mir, 'aber Sie sind zu nett zum Gesetz der Scharia. Es muss abgeschafft werden, nicht verändert.'"

John Hodgman stellt eine Science-fiction-Serie vor, die das konservative Genre mit weltlichen Bezügen auf den Kopf stellt. In der Neuauflage der Siebziger-Serie Kampfstern Galactica sind die Bösen wunderschön und gläubig, und die Guten betrügen, wo es nur geht. "Die meisten der teuflischen Cylonen sehen aus wie Menschen und haben Gott gefunden. Skrupellos prinzipientreu und tiefreligiös, werden die Cylonen von Fans sowohl mit Al Qaida als auch der evangelischen Rechten verglichen. Und die Menschen, denen sie unermüdlich nachstellen, sind fehlbar und komplex. Ihre Shirts sind nicht hauteng oder farblich codiert; Weltraumreisende tragen Krawatte."

Weiteres: Im Aufmacher rät Matt Bai den Demokraten, ihre Themen wie die Republikaner als Geschichten zu verpacken. Und Christopher Caldwell sinniert im Zusammenhang mit Datensammlern wie Amazon darüber, ob die Freiheit letztlich gegen die Bequemlichkeit verliert.

Vorerst nur im Netz wird der neue Harry Potter besprochen. Schnellrezensent Michiko Kakutani applaudiert brav und stellt Rowlings Zyklus schon mal in eine Reihe mit Baums "Wizard of Oz" und Tolkiens "Lord of the Rings".

In der New York Times Book Review: Paul Gray vermisst in John Irvings neuem Roman "Until I Find You" (erstes Kapitel) die Konflikte und damit auch das Leben: "Nichts fordert Jack Burns heraus oder verwundert ihn, keine schicksalsträchtigen Entscheidungen prüfen seine Seele oder scheuern sie auf." Vom platten ersten Satz noch abgeschreckt, hat David Carr in John Dickers "The United States of Wal Mart" dann doch ein "nuanciertes" Porträt des Konsumgiganten vorgefunden, der mit seinem Umsatz von 288 Milliarden Dollar mehr Geld bewegt als viele Staaten. William F. Buckley Jr. hat seine 1976 begonnene Reihe rund um den Superspion Blackford Oakes nun abgeschlossen, und Charlie Rubin preist "Last Call for Blackford Oates" (erstes Kapitel) als würdiges Finale und einen der besten Bände der Serie. Fantastisch findet Lou Cannon, wie Laurence Leamer in seiner Biografie "Fantastic" Arnold Schwarzeneggers siegreiche Kampagne um den Gouverneursposten in Kalifornien beschreibt, die ausführliche Schilderung der Bodybuilderzeit gefällt ihm weniger gut (erstes Kapitel).

Magazinrundschau vom 12.07.2005 - New York Times

In einem langen Porträt im New York Times Magazine umkreist James Bennet die Frage, ob Syriens Präsident Bashar al-Assad wirklich für Offenheit und Demokratie steht oder einfach ein arabischer Diktator nach traditioneller Bauart ist, dessen westliche Maske langsam bröckelt. "Obwohl er in Washington teilweise als bloße Marionette gesehen wird, behauptet er, dass er kurz davor steht, die alte Garde aus den Zeiten seines Vaters durch pragmatische Technokraten zu ersetzen. Während seine syrischen Kritiker ihn als Gefangenen im Sytem seines Vaters sehen, als Mitläufer oder einfach Unschlüssigen, behauptet Assad, er habe einen Plan, könne ihn aber nur in einer Geschwindigkeit umzusetzen, die Syrien angesichts der turbulenten Vergangenheit und sozialen Spannungen auch aushält. Wie dem auch sei, er handelt wie ein Mann, der viel Zeit hat."

Außerdem diskutiert Jim Holt die Richtlinien, die niederländische Ärzte für das Töten von schwerkranken Neugeborenen fordern (mehr). Gretchen Reynolds fragt sich, ob Spenderorgane von verstorbenen Drogensüchtigen oder Fettleibigen kommen dürfen. Und Rob Walker stellt Marc Ecko vor, der mit Ecko Unltd. Kleider für HipHopper und solche, die es werden wollen, verkauft.

Die Book Review: "Wir vermissen Rudy, sogar einige der Leute, die ihn nicht ausstehen konnten, vermissen ihn." Rudolph Giuliani könnte seinem Londoner Kollegen Ken Livingstone als Vorbild dafür dienen, wie man eine terrorgeplagte Stadt wieder aufrichtet. Gerade rechtzeitig stellt James Traub mit Fred Siegels "The Prince of the City" (erstes Kapitel) das erste ausführliche und dabei "aufschlussreiche" Porträt des New Yorker Ex-Bürgermeisters vor (hier eine mulitmediale Zusammenfassung). Ein wundervolles Buch für den Liegestuhl auf dem Sonnendeck, meint Henry Alford zu Elizabeth Kostovas Geschichte über die zeitgenössiche Jagd nach dem Urvampir Vlad, den Pfähler. Wäre "The Historian" (erstes Kapitel) bloß nicht so unglaubwürdig überladen! Scott Eyman lässt den legendären Hollywood-Mogul Louis B. Mayer (der hinter Metro-Goldwyn Mayer) mit "Lion of Hollywood" (erstes Kapitel) in Fleisch und Blut wieder auferstehen, wenn man Manohla Dargis' Lobeshymnen glauben darf. Steve Leveens Leseanleitung ''The Little Guide to Your Well-Read Life" kommt Ruth Franklin dagegen lebensfremd und konsumorientiert vor, ebenso wie Leveens Firma Levenger, die alles anbietet, was man zum Lesen (nicht) braucht.

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - New York Times

Im prallvollen Magazine wogt der religiöse Kulturkampf. Im Aufmacher sieht Noah Feldman sowohl die Evangelikalen wie auch die Säkularisten auf dem falschen Dampfer und schlägt eine Rückbesinnung auf glücklich tolerante Zeiten vor. "Vor dem Aufkommen des Gesetzes-Säkularismus haben die Amerikaner an öffentlichen, symbolischen Manifestationen des Glaubens nicht auszusetzen gehabt. Bevor der wertebasierte Evangelikalismus die Szene betrat, befürworteten die Amerikaner grundsätzlich eine Trennung der Institutionen von Staat und Kirche. Die beiden modernen Bewegungen haben diese Auffassungen jeweils revidiert."

In einem wehmütig-ironischen Kommentar beneidet Charles McGrath die freizeitorientierten Franzosen, die sich gegen den weltweiten Trend zur Arbeitszeitverlängerung und zum Daueraktivismus stemmen. "Die Defense Advanced Research Projects Agency arbeitet daran, den Metabolismus der Soldaten dahingehend zu verändern, dass sie mit Willenskraft Blutungen stoppen und bis zu einer Woche effektiv funktionieren können, ohne zu essen oder zu schlafen. Sie könnten sogar eine kurze Weile ohne Sauerstoff überleben. An so etwas würden die Franzosen nicht einmal im Traum denken." Sie atmen einfach gern!

Außerdem: Stephen Rodrick besucht den englischen Independent-Regisseur Michael Winterbottom bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Cock and Bull Story". Angesichts des anstehenden G8-Gipfels in Edinburgh konjugiert James Traub am Beispiel des Kongo noch einmal die Hauptprobleme der Entwicklungshilfe durch: korrupte Regierungen, Gewalt und permantentes Chaos. Und Amanda Griscom Little informiert kurz über Destiny USA, ein Shopping-Unterhaltungs-Forschungskomplex nahe New York, der das größte und umweltfreundlichste von Menschenhand erschaffene Gebilde des Planeten werden soll.

In der New York Times Book Review bestaunt Stacey D'Erasmo das monumentale Wandgemälde, das Luis Alberto Urrea mit seinem Roman "The Hummingbird's Daughter" (erstes Kapitel) entworfen hat. Das Buch sei alles zugleich: "eine linke Hagiographie, ein mystischer Bildungsroman sowie eine melancholische Nationalhymne Mexikos". Clyde Prestowitz warnt vor "Three Billion New Capitalists" (erstes Kapitel) durch ungebremstes Offshoring, und Henry Blodget kann nur zustimmen. Alan Wolfe gratuliert Louis Hartz' Standardwerk "The Liberal Tradition in America" zum Fünfzigsten, warnt aber vor Hartz' Faible fürs Paradoxe (hier die Rezension von Arthur Schlesinger Jr. aus dem Jahr 1962). A. O. Scott stellt einige neue Bücher zum Boss Bruce Springsteen vor (ein paar Fotos mit gesprochenem Kommentar hier), während Dave Itzkoff und Alan Light sich dem Rest der aktuellen Musik- und Bandliteratur widmen.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - New York Times

Michael Ignatieff diskutiert im New York Times Magazine kundig und historisch weit ausholend die Mission Amerikas, weltweit die Demokratie zu verbreiten. Verschiedene Präsidenten haben es versucht: in Deutschland, in Vietnam, in Osteuropa. Ein nobles Vorhaben, das aber zu zwiespältigen Ergebnissen führen kann, wie George W. Bush gerade erfährt. "Der Terrorismus hat dazu geführt, dass die Freiheit fremder Völker und die nationalen Interessen der USA übereinstimmen. Aber nicht jeder glaubt daran, dass ein demokratischer Naher Osten Amerika sicherer machen wird, nicht mal mittelfristig. Thomas Carothers vom Carnegie Endowment for International Peace etwa zweifelt an der 'leichtfertigen Annahme, dass es eine direkte Verbindung zwischen demokratischem Fortschritt und dem Austrocknen des islamischen Terrorismus gibt.' Eine Demokratisierung in Ägypten könnte zum Beispiel kurzfristig nur die Muslimische Bruderschaft an die Macht bringen."

Weitere Artikel: Nancy Updike porträtiert den israelischen Schriftsteller Etgar Keret, der mit seiner politischen und ideologischen Enthaltsamkeit recht originell und erfolgreich ist. Jaime Wolf stellt den Radiomoderator Nic Harcourt vor, der mit seiner Show Morning Becomes Eclectic zum Herold unbekannter Musiker geworden ist. Im Titel grübelt Jonathan Dee, wie man Kindern erklären soll, dass sie noch vor ihrer Geburt mit HIV infiziert wurden.

In der New York Times Book Review: Die polnische Journalistin Hanna Krall hat in ihrem Erzählband "The Woman From Hamburg" (erstes Kapitel) einen neuen Stil kreiert, den die begeisterte Elena Lappin "Holocaust Gonzo Journalismus" tauft. "Sie berichtet die grundsätzlichen Fakten, versieht sie aber mit einem romanhaften Dreh, was ihre Interviews zu eleganten, vielschichtigen Erzählungen macht. In Madeleine G. Levines subtiler Übersetzung spricht Kralls ausdrücklich kunstlose Prosa mit der Kraft der Fiktion - eine mysteriöse Verschmelzung, die sie in ihrer Geschichte 'Salvation' auch anerkennt. 'Bei meiner Arbeit als Reporterin habe ich gelernt, dass logische Geschichten, ohne Rätsel und Löcher, in denen alles offensichtlich ist, meistens unwahr sind. Und dauernd geschehen Dinge, die man beim besten Willen nicht erklären kann.'"

Weitere Besprechungen: Wer etwas über den skandalumwölkten Dichter Robert Lowell erfahren will, sollte besser Lowells Lyrik lesen statt der jetzt erschienenen Briefe (Auszüge), rät Walter Kirn. Jeffrey Steingarten findet Tom Hodgkinsons Vorschläge, jede Stunde des Tages perfekt mit Müßiggang zu füllen, bis drei Uhr nachmittags ganz nett, dann wird es ein wenig eintönig. Hodgkinson ist übrigens nicht nur Autor von "How to Be Idle" (erstes Kapitel), sondern seit 1993 auch der Gründer der schönen britischen Zeitschrift The Idler. Sollten wir das New York Police Department mit Taschenausgaben der "Sonnette aus dem Portugiesischen" ausstatten, fragt sich David Orr, dem in zwei aktuellen Romanen aufgefallen ist, dass Gewalt auch durch Poesie verhindert werden kann.

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - New York Times

Die rapide Entwicklung der Stadt von 1860 bis 1920 lässt sich direkt an der Sprache der Romane ablesen, behauptet Robert Alter in seinem schmalen Buch "Imagined Cities". Jed Perl zumindest ist nach der Lektüre überzeugt, dass es ohne Städte keinen Flaubert, Dickens oder Kafka gegeben hätte. "Nur die Metropolis konnte ebenso exaltiert groteske wie unglaublich karge Bilder heraufbeschwören. In Kafkas "Prozeß" sieht Alter den verwirrenden Lärm, das Durcheinander und die unüberschaubare Unordnung der städtischen Szenerie als ein 'äußeres Spiegelbild der moralischen und spirituellen Unordnung' im Innern von K.'. Die Leere der Stadt, von ein paar eindrücklichen Bildern durchbrochen - Schemen hinter einem Fenster, Geräusche aus einem Betrieb - beschwören eine innere Landschaft herauf."

Garry Trudeau leidet zum Glück nicht am "Woody-Allen-Syndrom", schreibt Kurt Andersen in seiner Besprechung von Trudeaus fein austariertem Comicband über Einsatz und Verwundung eines Soldaten im Irak-Krieg. "Weder an Phase 1 (verzweifelt versuchen, ernst zu sein) noch Phase 2 (die Fähigkeit verlieren, lustig zu sein). Diese Geschichte von Krieg und Amputation und Depression und physischer Therapie kann sogar lustig, ja vielleicht noch überraschender, frei von jedem Antikriegs-Argument sein."

Weitere Besprechungen: Phoenixgleich lässt John Crowley mit "Lord Byron's Novel" (erstes Kapitel) den legendären letzten Roman Lord Byrons aus der Asche der Geschichte (Byron hat das Manuskript nach eigenen Aussagen verbrannt, weil es sich zu sehr der Realität annäherte) wieder auferstehen, notiert Christopher Benfey, der die Mischung aus "gotischer Extravaganz" und "pikaresker Abenteuergeschichte" allerdings für gewöhnungsbedürftig hält. Ethisches Verhalten wird durch die Gesellschaft und ihre Kultur bedingt und nicht durch die Gene, erfährt Sally Satel aus der Schrift "The Ethical Brain" (erstes Kapitel) des Neurowissenschaftlers Michael S. Gazzaniga.

In den USA wird die Schwulenehe zwar zunehmend von den Gerichten akzeptiert, aber noch lange nicht von der Bevölkerung und der Politik, berichtet Russell Shorto, der sich für das New York Times Magazine bei der rechtsreligiösen Arlington Group umgesehen hat, die mit ihrem Marriage Amendment Project professionell und dezidiert gegen allzu Liberales vorgeht.

Außerdem: Guy Trebay widmet sich dem Phänomen des martialisch-clownesk anmutenden "Krump-Tanzens" (mehr), das im südlichen L.A unter den Jugendlichen der ärmeren Viertel Furore macht. Anlass ist wohl David LaChapelles Filmdokumentation "Rize". Richard A. Clarke befürchtet, dass die amerikanische Freiwilligenarmee der USA der Menge an globalen Konflikten auf Dauer nicht gewachsen ist. Im Kurzgespräch mit Deborah Solomon spricht sich der oberste Gesundheitswächter Richard Carmona für die Stammzellenforschung aus.

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - New York Times

Orhan Pamuks (noch nicht auf Deutsch erschienene) Erinnerungen von "Istanbul" enden für Christopher de Bellaigue viel zu früh. Er hätte in seiner Besprechung gerne gewusst, was der Schriftsteller von der aktuellen Annäherung an Europa hält (Wir empfehlen ihm ein aktuelles Interview auf unserer englischsprachigen Schwesterseite). "Für viele säkulare Türken hat das Wort 'Nachahmung' einen unguten Klang. Natürlich schäumen sie, wenn es heißt, ihr Streben nach einer europäischen Identität sei Nachäfferei. Pamuk ist eine Ausnahme, ein säkularer Türke, der zu integer ist, die Authentizität in einer derart gekünstelten nationalen Mission zu suchen - die er exemplarisch in seinem Elternhaus besichtigen kann, wo das Klavier unberührt da steht, das Porzellan nur zur Show vorhanden ist und der Art Nouveau-Wandschirm nichts zu verbergen hat. Wieder wendet er sich auf der Suche nach Sinn den heruntergekommenen Außenbezirken Istanbuls und dem Fotografen Ara Guler zu, dessen Bilder Istanbul illustrieren und der Pamuks Faszination für Verfall und für Schnee teilt."

Weitere Artikel: In einem Essay skizziert Lila Azam Zanganeh die Entwicklung der frühen französischsprachigen afrikanischen Literatur, die - natürlich - in Paris ihren Ausgang genommen hat. James Shapiro preist die gesammelten Essays des Literaturkritikers John Bayley, der Lesen immer für eine Talentsache gehalten hat. "Alleine was Bayley über Philip Larkin und Isaac Babel zu sagen hat, und besonders sein unvergessliches Stück über Paul Celan rechtfertigt den Preis dieses Buches". Niall Ferguson stellt zwei neue Bücher über Stalin vor, in denen untersucht wird, warum das Unternehmen Barbarossa die Sowjetunion trotz eindeutiger Agentenberichte so überrascht hat. Der Aufmacher ist John F. Harris' Biografie "The Survivor" gewidmet, in der Bill Clinton laut Alan Ehrenhalt hart aber fair behandelt wird. Fürs europäische Ego kränkend kurz besprochen werden Umberto Ecos "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana", das Thomas Mallon überdies zu hermetisch findet, und Nick Hornbys "A Long Way Down", das Chris Heath immerhin als "spielerisch" klassifiziert.

Brauchen wir die Folter, fragt sich Joseph Lelyveld in einem langen Essay im New York Times Magazine. In Anbetracht der Tatsache, dass ein Verbot in Krisenzeiten offensichtlich illusorisch ist, tendiert Lelyveld zur "Folter light" mit strengen gesetzlichen Auflagen. Die könnte so aussehen, wie es etwa bei einem libyschen Agenten in den Achtzigern funktioniert hat. "Alles was es brauchte war die vollständige, schrittweise Dekonstruktion des Weltbilds, das der Gefangene hatte. Dazu wurde ihm in unvorhersagbaren Abständen ein Blick in arabische Zeitungen gewährt, die von Unruhen und irgendwann einer Revolte in Tripolis berichteten, um schließlich auf der Titelseite den Tod Ghaddafis und den Kollaps des Regimes anzuzeigen. Der Gefangene konnte nicht wissen, dass die Zeitungen von der CIA nur für ihn gedruckt wurden. Also zog er die gewünschte Schlussfolgerung, dass er niemandem mehr Gefolgschaft schuldete außer seinem freundlichen Vernehmungsbeamten. Von Anfang bis Ende zog sich die Befragung ein knappes Jahr hin, wie mir erzählt wurde."

Deborah Solomon erfährt im Interview vom Maler Ed Ruscha, der die USA auf der Biennale in Venedig vertritt (im Gegensatz zu den afghanischen Kollegen aber leider nicht im Netz vertreten ist), wie Autos die amerikanische Kunst beeinflusst haben. Und Jon Gertner zweifelt, ob die Erfindung eines gesunden Zigarettenfilters so positiv ist.

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - New York Times

Deborah Friedell zweifelt an der Aussagekraft von Statistiken mit den häufigsten Wörtern eines Titels, deren neueste vollautomatische Version Amazon mittlerweile bereithält (hier ein Beispiel). "So ein Protokoll zu lesen heißt eine Welt zu betreten, in der alle aufgenommenen Wörter gleich gewichtet sind, jedes bekommt genau einen Eintrag. Während Amazons Übereinstimmungsliste uns die Häufigkeit der Wörter 'Tag' und 'soll' bei Whitman zeigt, schaffen es 'enthalten' und 'Mengen' nicht in die Top 100. Genausowenig wie 'sein' bei Hamlet oder 'verdammt' in 'Vom Winde verweht'. Die Kraft dieser Wörter bleibt selbst von den stärksten Computern unentdeckt."

Weitere Artikel: Barry Gewen beschreibt überzeugend, wie sich die historische Lesart des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs schon immer den aktuellen Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst hat. Die aktuellen Veröffentlichungen betonen nun die globalen Dimensionen von 1776. Randy Kennedy macht auf die gern verschwiegene Praxis des Buchhandels aufmerksam, die prominente Platzierung eines Bandes nicht von dessen Qualität oder dem Geschmack des Händlers, sondern allein von den finanziellen Zuwendungen der Verlage abhängig zu machen.

Außerdem bespricht George Johnson zwei Bücher, die sich mit den höchst menschlichen Fehden der Astrophysiker über die Herkunft und Beschaffenheit des ewigen Alls beschäftigen. Und die Sommerbücher des Jahres werden vorgestellt, und zwar in den Bereichen Reise, Kochen, Garten und in Form einiger sommerspezifischer Romane. Schließlich ist mittlerweile die literarische Karte Manhattans abrufbar.

Im New York Times Magazine geht es ums Geld. Joseph Nocera versucht vom erfolgreichen Hedge-Fonds-Manager Cliff Asness zu erfahren, wie man Risiko und Ertrag am besten ausbalanciert. Stephen Metcalf stellt jene vor, die in diesen unsicheren Zeiten am meisten verdienen. Gary Rivlin wittert eine Neuauflage des Silicon-Valley-Booms. Außerdem gibt es einen Cartoon zum Rosenkrieg bei Morgan Stanley.

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - New York Times

Dass The Nation 140 Jahre lang überlebt hat, ist Besessenen wie Victor S. Navasky zu verdanken, der nun seine Memoiren über die Zeit als Herausgeber des ruhmreichen linksliberalen Meinungsblattes veröffentlicht hat (erstes Kapitel). Thomas Powers ist ganz befeuert von solch journalistischer Hingabe. "Sein Bericht über die täglichen Hindernisse ist wunderbar vollständig, eine Art Anleitung, so detailliert wie eine Bezirks-Straßenkarte, über die praktischen, politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Herausforderungen, die auf jeden zukommen, der ein geldvernichtendes Magazin betreibt. Dazu gehört, Männer mit Millionen zu überzeugen, eine Kanzel bereitzustellen für ein kritzelndes Lumpenpack, das sich über alles aufregt, während man gleichzeitig die oft provozierten Mäzene irgendwie dazu bringen muss, sich auf ihre Zungen zu beißen." William F. Buckley Jr., Navaskys berühmtes Gegenstück von der konservativen National Review, antwortet auf Renditefragen in ähnlicher Manier. "Sie erwarten doch von der Kirche auch nicht, dass sie Profit macht."

In den höchsten Tönen lobt Toni Bentley Lyndall Gordons "Vindication" (erstes Kapitel), ein Porträt der Frauenrechtler-Ikone Mary Wollstonecraft: wegen der Eleganz, Klarheit und der vielen neuen Erkenntnisse. Sehr überzeugend beschreibt Reza Aslan in "No God but God" (erstes Kapitel) die innerislamische Auseinandersetzung über die zukünftige Marschrichtung der Umma, meint Max Rodenbeck. Der Westen sei Zeuge eines Konflikts, den er nicht beeinflussen könne, von dem aber nichtsdestotrotz die Zukunft eines Großteils der Welt abhänge. Adrian Nicole LeBlanc empfiehlt "Without Apology" (erstes Kapitel), Leah Hager Cohens Porträts von vier Boxerinnen, jedem, der mehr über Kampfesmut in jeder Hinsicht erfahren möchte.

Poker hat in den USA eine erstaunliche Renaissance erlebt, seit das Spiel im Fernsehen als perfektes Drama inszeniert wird. Im New York Times Magazine stellt Pat Jordan Daniel Negreanu vor, der vor kurzem zum besten Spieler der Welt gekürt wurde, dem seine Mutter aber immer noch ein Lunchpaket ins Casino mitgibt. "Mehr noch als Negreanus Wissen und erhebliche Intelligenz ist es die Aggressivität, die ihn zu einem wirklich Großen macht - manche nennen es auch Skrupellosigkeit. Einmal bluffte er seine eigene Freundin, ebenfalls eine professionelle Spielerin, aus einem großen Spiel. 'Ich habe mit gar nichts gesetzt, und sie hat zurückgezogen. Um noch ein wenig Salz in die Wunde zu streuen, hab ich ihr meine Karten gezeigt. Sie stürmte ins Bad, und wir konnten hören, wie sie Türen schlug, schrie und Sachen zerschmetterte. Als sie wieder herauskam, trat sie mir vors Schienbein und sagte, ich soll ein Taxi nach Hause nehmen.' Sie ist nicht mehr seine Freundin."

John Bowe geht der Frage nach, warum die meisten Hotel- und Barmusiker von den Philippinen kommen. 120.000 sollen über die Welt verstreut tätig sein. Und Cynthia Gorney porträtiert Tracy Della Vecchia, die Mütter vernetzt, deren Kinder im Irak für Bush und die USA kämpfen.

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - New York Times

Mit Verve verreißt Christopher Hitchens den "Johns Hopkins Guide to Literary Theory and Criticism", den er als Symbol einer elitär-verschwurbelten Sprachwissenschaft geißelt, die zuviel Foucault und Derrida gelesen hat. "Die Franzosen haben einen Ausdruck für diese Sorte Prosa: la langue de bois, die hölzerne Zunge, mit der nicht Nützliches oder Erhellendes gesagt werden kann, die aber mannigfaltige Entschuldigungen für das Beliebige und Unehrliche bietet."

Weitere Artikel: In einem kurzen Essay enttarnt Jeff Shesol die Legendenbildung, die um Ronald Reagan betrieben wird, als Mittel, um ganz aktuelle Ziele zu rechtfertigen. Geoff Nicholson musste bei Caleb Carrs hochoffiziell genehmigtem und sehr ernst gemeintem neuen Sherlock-Holmes-Abenteuer "The Italian Secretary" trotz allem an die Simpsons denken. Grausam und doch blutleer kommt Chuck Palahniuks neuer Roman "Haunted" daher, seufzt Tom Shone, der den Gothic-Erneuerer und "Fight Club"-Autor Palahniuk bisher mit Interesse verfolgt hat. 75 Millionen Fans soll die Autorennserie Nascar in den USA schon haben, staunt Jonathan Miles, der aus diesem Anlass zwei der wenigen literarischen Annäherungen an die Welt der Im-Kreis-Raser vorstellt.

Christopher Caldwell sorgt sich im New York Times Magazine um die britischen Freiheitsrechte: Auf der Grundlage von anti-social behavior orders können dort erstaunliche Eingriffe in das Privatleben unliebsamer Bürger vorgenommen werden. "Es gibt eine steigende Tendenz, Leuten genau das zu verbieten, was sie früher nach dem Motto 'Es ist ein freies Land' getan haben", wie zum Beispiel laute Musik hören, Graffitis malen oder betteln. "Man muss die Übertretung nicht einmal selbst begehen. Es wurde vorgeschlagen, Hundebesitzer für einen widerspenstigen Hund zu bestrafen und Eltern für das Schuleschwänzen oder Vergehen ihrer Kinder. Die Dinge verkomplizierten sich noch letztes Jahr, als Aktivisten das House of Lords beinahe überzeugt hätten, Eltern zu verbieten, ihren Kindern eins auf den Hintern geben. Es muss den fassungslosen Eltern so vorkommen, als würden sie bald in jedem Fall strafrechtlich verantwortlich gemacht, mal weil sie ihre Kinder disziplinieren, mal weil sie es nicht tun."

Weiteres: Michael Sokolove porträtiert in der Titelreportage Senator Rick Santorum, den nach George Bush wichtigsten religiösen Politiker der USA. Der 47-jährige Santorum gilt mittlerweile als einflussreicher Impulsgeber der republikanischen Partei. Und Alex Witchel bewundert die Autorin und Produzentengattin Gigi Levangie Grazer, die nicht nur reich, sondern auch geistreich zu sein scheint.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - New York Times

Mark Lilla, Professor für Social Thought an der Universität von Chicago, bemerkt in einem zeitlich weit ausholenden Essay, dass die zivilisierende Wirkung der Demokratie auf die Religion, wie sie sich die amerikanischen Staatsgründer ausmalten, nun eine Grenze erreicht habe. "Die führenden Denker der britischen und amerikanischen Aufklärung hofften, dass das Leben in einer demokratischen Ordnung die Christen von einer im Glauben begründeten Realität zu einem realitätsbegründeten Glauben bringen würde. Amerikas Religion entwickelt sich heute in die entgegengesetzte Richtung, zurück zum ekstatischen, buchstabengetreuen und gutgläubigen Geist der Great Awakenings. Die benunruhigendsten Auswirkungen sind nicht politischer Art, noch nicht. Sie spielen sich auf kultureller Ebene ab. Die Faszination für die 'Endzeit', der Glaube an persönliche (und eigennützige) Wunder, die Ignoranz gegenüber elementarer Wissenschaft und Geschichtsschreibung, die Dämonisierung der populären Kultur, die Zensur von Schulbüchern, die abweichenden Ziele der Heim-Schul-Bewegung - alle diese Entwicklungen sind auf lange Sicht hin verstörender als ein paar Sitze weniger im Kongress."

Aus den Besprechungen: Für einen "Triumph der Beobachtung" hält Steve Erickson Hector Tobars Studie "Translation Nation". In einer Mischung aus Alexis de Toquevilles "Democracy in America" und Che Guevaras "Motorcycle Diaries" erzähle Tobar, wie die lateinamerikanischen Einwanderer allmählich das Gesicht der Vereinigten Staaten veränderten. Als angenehm bescheiden würdigt William Deresiewicz die Memoiren "If This be Treason" des Übersetzers Gregory Rabassa, dem einige lateinamerikanische Autoren wie Miguel Angel Asturias, Gabriel Garcia Marquez, Julio Cortazar, Mario Vargas Llosa, Jorge Amado und Antonio Lobo Antunes ihren erfolgreichen Eintritt in die englische Welt verdanken. Wenn Crack Dealer so viel verdienen, warum wohnen sie immer noch bei ihrer Mutter?" Interessante Fragen, die der Ökonom Steven D. Levitt in "Freakonomics" (erstes Kapitel) beantwortet. Und das "unterhaltsalm" und "lehrreich", wie ihm ein von so viel interdisziplinärer Chuzpe sichtlich begeisterter Jim Holt bescheinigt.

Im New York Times Magazine, einer Architektur-Ausgabe, wird die bevorstehende Historisierung der Moderne behandelt. Nicolai Ouroussoff sorgt sich um das architektonische Gedächtnis Moskaus. Bauwerke der russischen Avantagarde und der Stalinzeit werden in rekordverdächtigem Tempo abgerissen, meist um gleich darauf in einer gefälligeren Fassung wiederaufzuerstehen. "Das Hotel Moskau, gebaut zwischen 1934 und 1936, auf der Höhe der Schauprozesse Stalins, zählte nicht zu den besten Werken Schtschussews. Trotzdem belegte es einen bedeutenden Platz in der Stadtgeschichte. Seine brütende, vage moderne Form, verbrämt mit klassischen Referenzen, Schmucksäulen und Kasettendecken, weist auf die inneren Kämpfe hin, die die sowjetischen Architekten ausfochten, um Stalins ästhetischen Launen zu genügen.(Die berühmten ungleichen Türme des Hotels gehen laut Gerücht auf einen Flüchtigkeitsfehler in Stalins Notizen zurück, der ihn dazu brachte, zwei rivalisierende Entwürfe zu genehmigen.)"

Weiteres: Michael Kimmelmann porträtiert Oscar Niemeyer, deutsches Urgestein der Moderne und Erbauer von Brasilia. Pilar Viladas beschreibt, wie der Sotheby-Angestellte James Zemaitis das Interesse für Möbel des 20. Jahrhunderts steigerte, und damit nebenbei deren Wert. Matt Steinglass erzählt, was der Architekt Vann Molyvann für Phnom Penh, die Hauptstadt des unabhängigen Kambodscha plante. Bis dann die Roten Khmer kamen.