
Angenehm selbstironisch
erinnert sich der
Schriftsteller Salman Rushdie an den "legendären" Internationalen
PEN-Kongress (
hier die deutsche Filiale) 1986 in Manhattan, als die Schriftsteller noch dachten, es ginge um Ideen. "Ich weiß noch wie ich in den
Titelkampf der Schwergewichte
Saul Bellow und
Günter Grass verwickelt wurde. Nach einer Rede Bellows mit dem bekannten Bellowschen Dreh, wie der Erfolg des amerikanischen Materialismus' das spirituelle Leben der Amerikaner beschädigt habe, erhob sich Grass, um darauf hinzuweisen, dass viele Leute routinemäßig durch die
Löcher im amerikanischen Traum fallen würden, und bot Bellow an, ihm ein bisschen echte amerikanische Armut zu zeigen, etwa in der South Bronx. Bellow, verärgert, antwortete in scharfem Ton, und als Grass sich wieder auf seinen Stuhl setzte, der sich zufällig neben meinem befand, bebte er vor Wut. 'Sagen Sie etwas', befahl er.
'Wer, ich?', sagte ich. 'Ja. Sagen Sie etwas.' Also stand ich auf, ging zum Mikrofon und fragte Bellow, warum so viele amerikanische Schriftsteller die Aufgabe vermieden hätten - ich sagte wohl eher provokativer 'unterlassen hatten' -, die immense Macht der USA in der Welt zu thematisieren. Bellow wehrte sich. 'Wir haben keine Aufgaben', sagte er majestätisch.
'Wir haben Inspirationen.'"
Rich Cohen hat
Hunter S. Thompson (
mehr) besucht, nur wenige Monate vor dessen Selbstmord im Februar. Der Begründer des
Gonzo-Journalismus war da schon längst das Opfer seiner eigenen Rolle geworden,
schreibt Cohen nun. "Er versenkte einen Strohhalm in einer Plastikdose und nahm sich etwas
Kokain auf die Zunge. Er griff in dieser Nacht mehrmals auf die Schublade zurück und holte sich Kokain, Pillen, Marijuana, das er in einer Pfeife rauchte - der Rauch war weich und würzig und blau -, gefolgt von Chivas, Weißwein,
Chartreuse, Tequila und Glenfiddich. Der Effekt war unmerklich, aber bald lösten sich seine Züge, der finstere Blick schmolz dahin und seine Bewegungen wurden flüssig und elegant. Um Mitternacht war der Mann, der nur Stunden zuvor als
triefäugige Ruine erwacht war, auf seinen Beinen, er fluchte und wedelte mit einer
Schrotflinte. Wieder einmal hatte eine Hunter-S.-Thompson-Show begonnen." Nach einem weiteren Schluck Chartreuse liest er Cohen auch seine Lieblingspassage aus "Fear and Loathing in Las Vegas" vor (
hier kann man dabei sein, außerdem gibt es diverse
Interviewauszüge zum Anhören).
Weitres: Nachdem sie das schockierende Szenario von
Kazuo Ishiguros neuem Roman "Never Let Me Go" (
erstes Kapitel) verdaut hat,
kämpft Sarah Kerr mit faszinierenden Bildern von
seltsamer Schönheit und einem "wachsenden existentiellen Unbehagen, das noch lange anhält". Daniel Handler
warnt vor einer Überdosis
H. P. Lovecraft, zumindest hat er ab Seite 50 der von Peter Straub zusammengestellten Anthologie wirklich Angst bekommen: "nicht die Angst, dass einem
unheimliche Kreaturen über den Weg laufen, sondern dass man sonst niemandem mehr begegnet."
Frederic Beigbeders Reflektionen über den 11. September sind ins Amerikanische übersetzt worden und bewegen nun Stephen Metcalf, der gebannt
zusieht, wie der Tod und das Leid selbst Beigbeder mit all seinem
Gehabe "zu einem von uns" machen.

Im
New York Times Magazine graut es dem
Juraprofessor Jeffrey Rosen vor der
"Constitution in Exile"-Bewegung (der Begriff tauchte das erste Mal in einer
Buchbesprechung von Douglas H. Ginsburg auf), deren Anhänger die Verfassung in ihrer Auslegung vor 1932 favorisieren, also die
Freiheitsrechte des Einzelnen puristisch auslegen, so dass nationale Errungenschaften wie die
Sozialgesetzgebung des New Deals oder die Umweltschutzbestimmungen nicht von der Verfassung gedeckt und damit zu stürzen sind. Einige der Favoriten für die nächste freiwerdende Stelle im
Supreme Court stehen dieser Denkschule nahe.
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erfährt von einer ehemaligen
CIA-Agentin, warum die Regierung eine Festnahme
Osama Bin Ladens vielleicht gar nicht bekanntgeben würde. Und Peter D. Kramer
nimmt der
Depression jedes künstlerisch-kreative Flair.