Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 10.05.2005 - New York Times

Elmore Leonards Bücher sind "gnadenlos effiziente Unterhaltungsmaschinen", konstatiert Charles McGrath. In Leonards neuem Roman über "The Hot Kid" Carlos Webster und seinen Aufstieg zur Ikone der Polizei entdeckt McGrath aber so etwas wie eine Ethik des Geschichtenerzählens. "Über die Jahre hat er sein an Hemingway geschultes Ideal eines klaren, einfachen und direkten, ja nahezu transparenten Stils perfektioniert, frei von auktorialen Fingerabdrücken." Nun hat der Rezensent den Eindruck, dass Leonard, der auf die achtzig zugeht, damit beginnt, "seine Berufung zu hinterfragen".

Weitere Artikel: Der wahre Zusammenprall der Kulturen ereignet sich zwischen denjenigen, die an das Unbewusste glauben, also die Religion als Illusion auffassen, und denjenigen, die es ablehnen, also den Glauben als bare Münze nehmen, meint Lee Siegel in seinem Essay zur Neuauflage von Sigmund Freuds "Unbehagen in der Kultur". Eric Foner erfährt aus den "Presidential Recordings" von Lyndon B. Johnson nicht nur viel über die Mechanismen des Regierens, sondern auch einiges über Johnsons farbige Ausdrucksweise (hier einige Beispiele). Laura Kalman empfiehlt "Becoming Justice Blackmun" ihrer Kollegin Linda Greenhouse, nicht nur ein Porträt des bekannten Richters (Nachruf), sondern eine "Horatio Alger-Geschichte der Justiz". James Salter porträtiert Frank Conroy, den langjährigen Leiter des renommierten Schriftsteller-Seminars an der Universität von Iowa, und erinnert sich wehmutsvoll an die Abende mit Conroy und seinem silbernen Martini-Shaker. Kate Zernike hat aus den Briefen des Physikers Richard Feynman mehr über den Popstar erfahren als über den Wissenschaftler.

Dan Halpern versucht im New York Times Magazine aus dem serbisch-muslimischen Regisseur Emir Kusturica schlau zu werden, der mit Ehrungen für seine Filme und mit Schmähungen für seine angebliche Nähe zu Milosevic&Co überschüttet wird. "Kusturica's impulsiver Charakter hat ihm in der Kunst mehr genützt als in der Politik: sein Markenzeichen ist eine außer Rand und Band geratene, raue Energie. Wie brutal sein Thema auch sein mag, seine Filme sind voller Freude, vorangetrieben von Screwball-Klassikern. Und immer gibt es verdammt viel Musik. Wenn es eine Szene in einem Kusturica-Film gibt, in der keine Blechbläser verwickelt sind, kommt bestimmt gleich eine. Währenddessen trotten überall Tiere herum und schleichen sich mit großer Nachdrücklichkeit in die Handlung: magische Truthähne, schwebende Fische, klauende Elefanten, plündernde Bären, eine Phalanx aus Gänsen. Ein zarter Dialog zwischen Liebenden beinhaltet wahrscheinlich einen Hund, der im Hintergrund ausdauernd ein Kissen zerfetzt. Man kann sich eine Szene, in der zwei Männer sich inmitten eines Kriegsgebiets unterhalten, fünfmal anschauen, bevor man bemerkt, dass sich einer der Männer während des Gesprächs wie nebenbei die Schuhe mit einer wild protestierenden Katze poliert."

Weiteres: Genießen wir unsere Vorstellung vom eigenen Selbst, bevor die Wissenschaft sie als Illusion entlarvt, rät Jim Holt, den die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung beunruhigen. Melanie Thernstrom berichtet von drei Afrikanerinnen, die als Kinder verschleppt wurden, um Rebellenführern in Uganda als Ehefrau zu dienen. Im Titel informiert Susan Dominus über einen Aufstand der geschiedenen Väter, die sich für eine gerechtere Gesetzgebung zusammenschließen.

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - New York Times

Alle Augen sind auf den Nahen Osten gerichtet. Aber die Welt verändern werden nicht diese Verlierer der Globalisierung, sondern die Gewinner wie China und Indien, schreibt Thomas L. Friedman in seinem Traktat "The World is Flat" (erstes Kapitel), nach Meinung Fareed Zakarias eine ebenso weitsichtige wie "exzellente" Standortbestimmung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Durch die technologische Vernetzung wird die Geografie immer unbedeutender. Bill Gates bringt es auf den Punkt. "Wenn man vor dreißig Jahren die Wahl gehabt hätte, als Genie in Bombay oder Shanghai oder als durchschnittliche Person in Poughkeepsie geboren zu werden, hätte man Poughkeepsie gewählt, weil dort die Chancen auf ein wohlhabendes und erfüllendes Leben viel größer waren, erklärt er Friedman. 'Jetzt', sagt Gates, 'würde ich lieber als Genie in China geboren werden als ein Normalo in Poughkeepsie." Hier stellt Friedman seine wichtigsten Argumente kurz in einem Artikel vor.

Trotz aller essayistischen Brillanz zieht der Schriftsteller Jonathan Lethem seinen Kafka den mehr als 300-seitigen Reflexionen Roberto Calassos über K. vor. Denn "Kafka ist so zugänglich für Leser wie er dunkel ist für Interpreten. In seiner Kommunikation mit dem Unbennenbaren, mag Kafka sich in die Gesellschaft gnostischer Seher reihen. Aber er ist auch so fremd und cool wie die beste Zeichnung von M.C. Escher, so bestürzend derb wie nicht nur Philip Roth und Samuel Beckett sondern auch R. Crumb; so giftig und furchterregend wie Poe und Lynch. Sie ist eine der genauesten und schneidendsten, die je zu Papier gebracht wurde, was von uns niederen Schreibern als Vorwurf aufgefasst werden könnte. Aber sie haut einem auch die Birne weg, wie eine Spur Kokain es tut."

Weiteres: John Grisham bespricht Buzz Bissingers fesselndes Porträt von Tony La Russa ("Three Nights in August"), Manager der Baseballmannschaft St. Louis Cardinals. Hier das Vorwort. Budd Schulberg stellt die "ebenso hingebungsvolle wie peinlich genau recherchierte" Orson-Welles-Biografie von Clinton Heylin vor. Randy Cohen will eine literarische Karte New Yorks entwerfen und bittet alle Leser der New York Times Book Review um Mithilfe. Es geht dabei nicht um die Wohnorte von Schriftstellern, sondern um die Ecken der Stadt, an denen sich deren Geschöpfe herumgetrieben haben.

Peter Maass berichtet im New York Times Magazine von einer neuen Entwicklung im Kampf gegen die Aufständischen im Irak: Ein ehemaliger General der irakischen Armee, Adnan, befehligt eine 5000 Mann starke Kommandotruppe, die mit Billigung der USA und im Auftrag der irakischen Regierung mit schmutzigen, aber erfolgreichen Methoden sunnitische Terroristen bekämpft. Als ein Untergebener berichtet, dass ein Waffenlager der Rebellen entdeckt wurde, gratuliert Adnan dem Mann, nicht ohne ihn gleich darauf zu warnen: "'Wenn auch nur eine einzige AK-47 gestohlen wird, bringe ich Dich um'. Nach einer Pause lächelte er und präzisierte die Drohung. 'Nein', sagte er, 'Töten werde ich nur Deine' - und er benutzte einen groben Ausdruck für den intimsten Körperteil des Offiziers. Es folgte nervöses Gelächter." Hier ein Audio-Kommentar von Maass mit Bildern von den martialischen Kommandos, die Gilles Peress fotografiert hat.

In den weiteren Artikeln rechnet sich Jonathan Dee durchaus Chancen für christliche Videospiele aus. Und Michael Crowley porträtiert den wegen seiner Glücksspielgeschäfte in indianischen Reservaten umstrittenen Lobbyisten Jack Abramoff. Hier kommentiert James Harding Abramoffs Geschäfte im Slate Magazine).

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - New York Times

Sarah Glazer beobachtet wohlwollend, wie die immer zahl- und erfolgreicher werdenden Book on Demand Verlage für frischen Wind in der Buchbranche sorgen. An den traditionellen Verlagshäusern vorbei werden mittlerweile bis zu hunderttausend Exemplare eines Titels verkauft, und auch renommierte Autoren nutzen nun die Möglichkeit, ein Buch ohne Rücksicht auf kreativitätshemmende Konzessionen an die Verleger zu produzieren. "Der New Yorker Literaturagent Harvey Klinger hat kürzlich der Bestseller-Autorin Kathryn Harvey empfohlen, ihren neuesten Roman bei iUniverse herauszubringen, nachdem sie damit bei mehreren New Yorker Verlagshäusern abgeblitzt war. Laut Klinger beschwerten sich die Verleger, dass Harveys Roman 'Private Entrance' (gibt es immer noch nicht) - das er als sexy und spannend bezeichnet - weder in die 'Hühner'-Kategorie passe noch für die Zielgruppe der älteren Leserinnen geeignet sei - manchmal auch als 'Hennen'-Literatur bezeichnet."

David Orr fragt sich, wie es Jorie Graham zum allgemein akzeptierten Superstar der so zersplitterten amerikanischen Dichterszene bringen konnte, eine Diszplin, die "teils aus Professionalität, kokettierendem Geschnatter und Wettbewerbsgeremple" besteht. Graham ist einfach so nett, meint Orr, sie verbindet über alle Fronten hinweg. Ihren neuen Gedichtband "Overlord" findet Orr dann auch "schwammig". Jon Meacham hat Jonathan Mahlers neues Werk "Ladies and Gentlemen, the Bronx Is Burning" verschlungen und ist erstaunt, was im neuralgischen Jahr 1977 in New York so alles passiert konnte (hier das erste Kapitel). So atemlos, dass sie gar nicht zum Besprechen kommt, erzählt Maureen Dowd anhand der Autobiografie "My Life So Far" das Leben von Jane Fonda nach. John Hodgman stellt bei der Besprechung einiger Graphic Novels fest, dass der Superheld trotz allem immer noch das Fundament des Genres darstellt.

Im New York Times Magazine beruhigt uns Steven Johnson mit der Erkenntnis, dass Fernsehen das Gehirn trainiert und damit schlauer macht. Deborah Solomon nimmt Ken Feree, den neuen Chef der gemeinwohlorientierten Corporation for Public Broadcasting, ins Kreuzverhör. Feree scheint mit den Republikanern zu sympathisieren. David Dobbs plädiert für die Aufrechterhaltung der Routine-Autopsie in Krankenhäusern. Im Titel rätselt Michael Lewis über zwei Baseballspieler, die ihre wahre Bestimmung auf dem Feld erst allmählich finden.

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - New York Times

Angenehm selbstironisch erinnert sich der Schriftsteller Salman Rushdie an den "legendären" Internationalen PEN-Kongress (hier die deutsche Filiale) 1986 in Manhattan, als die Schriftsteller noch dachten, es ginge um Ideen. "Ich weiß noch wie ich in den Titelkampf der Schwergewichte Saul Bellow und Günter Grass verwickelt wurde. Nach einer Rede Bellows mit dem bekannten Bellowschen Dreh, wie der Erfolg des amerikanischen Materialismus' das spirituelle Leben der Amerikaner beschädigt habe, erhob sich Grass, um darauf hinzuweisen, dass viele Leute routinemäßig durch die Löcher im amerikanischen Traum fallen würden, und bot Bellow an, ihm ein bisschen echte amerikanische Armut zu zeigen, etwa in der South Bronx. Bellow, verärgert, antwortete in scharfem Ton, und als Grass sich wieder auf seinen Stuhl setzte, der sich zufällig neben meinem befand, bebte er vor Wut. 'Sagen Sie etwas', befahl er. 'Wer, ich?', sagte ich. 'Ja. Sagen Sie etwas.' Also stand ich auf, ging zum Mikrofon und fragte Bellow, warum so viele amerikanische Schriftsteller die Aufgabe vermieden hätten - ich sagte wohl eher provokativer 'unterlassen hatten' -, die immense Macht der USA in der Welt zu thematisieren. Bellow wehrte sich. 'Wir haben keine Aufgaben', sagte er majestätisch. 'Wir haben Inspirationen.'"

Rich Cohen hat Hunter S. Thompson (mehr) besucht, nur wenige Monate vor dessen Selbstmord im Februar. Der Begründer des Gonzo-Journalismus war da schon längst das Opfer seiner eigenen Rolle geworden, schreibt Cohen nun. "Er versenkte einen Strohhalm in einer Plastikdose und nahm sich etwas Kokain auf die Zunge. Er griff in dieser Nacht mehrmals auf die Schublade zurück und holte sich Kokain, Pillen, Marijuana, das er in einer Pfeife rauchte - der Rauch war weich und würzig und blau -, gefolgt von Chivas, Weißwein, Chartreuse, Tequila und Glenfiddich. Der Effekt war unmerklich, aber bald lösten sich seine Züge, der finstere Blick schmolz dahin und seine Bewegungen wurden flüssig und elegant. Um Mitternacht war der Mann, der nur Stunden zuvor als triefäugige Ruine erwacht war, auf seinen Beinen, er fluchte und wedelte mit einer Schrotflinte. Wieder einmal hatte eine Hunter-S.-Thompson-Show begonnen." Nach einem weiteren Schluck Chartreuse liest er Cohen auch seine Lieblingspassage aus "Fear and Loathing in Las Vegas" vor (hier kann man dabei sein, außerdem gibt es diverse Interviewauszüge zum Anhören).

Weitres: Nachdem sie das schockierende Szenario von Kazuo Ishiguros neuem Roman "Never Let Me Go" (erstes Kapitel) verdaut hat, kämpft Sarah Kerr mit faszinierenden Bildern von seltsamer Schönheit und einem "wachsenden existentiellen Unbehagen, das noch lange anhält". Daniel Handler warnt vor einer Überdosis H. P. Lovecraft, zumindest hat er ab Seite 50 der von Peter Straub zusammengestellten Anthologie wirklich Angst bekommen: "nicht die Angst, dass einem unheimliche Kreaturen über den Weg laufen, sondern dass man sonst niemandem mehr begegnet." Frederic Beigbeders Reflektionen über den 11. September sind ins Amerikanische übersetzt worden und bewegen nun Stephen Metcalf, der gebannt zusieht, wie der Tod und das Leid selbst Beigbeder mit all seinem Gehabe "zu einem von uns" machen.

Im New York Times Magazine graut es dem Juraprofessor Jeffrey Rosen vor der "Constitution in Exile"-Bewegung (der Begriff tauchte das erste Mal in einer Buchbesprechung von Douglas H. Ginsburg auf), deren Anhänger die Verfassung in ihrer Auslegung vor 1932 favorisieren, also die Freiheitsrechte des Einzelnen puristisch auslegen, so dass nationale Errungenschaften wie die Sozialgesetzgebung des New Deals oder die Umweltschutzbestimmungen nicht von der Verfassung gedeckt und damit zu stürzen sind. Einige der Favoriten für die nächste freiwerdende Stelle im Supreme Court stehen dieser Denkschule nahe.

Weitere Artikel: Deborah Solomon erfährt von einer ehemaligen CIA-Agentin, warum die Regierung eine Festnahme Osama Bin Ladens vielleicht gar nicht bekanntgeben würde. Und Peter D. Kramer nimmt der Depression jedes künstlerisch-kreative Flair.

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - New York Times

"Jeder Abenteurer ist ein geborener Mythomane." Diese Feststellung aus Andre Malraux' "La Voie Royale'' liest Christopher Hitchens nach der Lektüre von Oliver Todds überzeugender Malraux-Biografie (erstes Kapitel) als Selbstbekenntnis eines genialen Selbstvermarkters und brillanten Wendehalses (hier die andere Seite, von den "Freunden Malraux"). Todd erzählt unter anderem, wie Malraux noch 1944 allen Versuchen der Resistance auswich, ihn für den Widerstand zu gewinnen. "Als er die Lage kippen sah, trat er kurz vor der alliierten Landung in der Normandie ein. Sein Held Napoleon fragte bei jedem neuen General 'Hat er Glück?'. Malraux hatte teuflisches Glück. Er machte einige nützliche Bekanntschaften innerhalb des britischen Geheimdienstes und schaffte es kurzzeitig, in der Belagerung von Straßburg eine gute Figur zu machen." Der Nachruf von 1976 zeigt, wie erfolgreich Malraux mit seiner Methode war.

Weitere Besprechungen: Die Privatsphäre gibt es nicht mehr, weiß William Safire aus "No Place to Hide" (erstes Kapitel) von Robert O'Harrow Jr. und "Chatter" (erstes Kapitel) von Patrick Radden Keefe, die die ungenierte Zusammenarbeit von privaten Unternehmen und Regierungsorganisationen zwecks Erfassung mannigfaltiger Daten über jeden Bürger schildern. Und David Kamp genießt die vergnüglichen Erinnerungen der Gourmetkritikerin Ruth Reichl an die kulinarischen Boomjahre der Neunziger. Hier das erste Kapitel von "Garlic and Sapphires". Hier der erste Gang.

Im New York Times Magazine hält Deborah Solomon einen kurzen Plausch mit dem Schriftsteller Ha Jin, der glaubt, die politische Einflusslosigkeit seiner Kollegen in den USA liegt an ihrer Lehrtätigkeit in Kursen für "creative writing": "Sie treffen sich einfach nicht." Jon Gertner berichtet in der Titelgeschichte von einem Feldversuch, den Medien und Werber herbeisehnen wie fürchten. Durch unschuldig aussehende People Meter soll endlich herausgefunden werden, was Werbung wirklich bringt. Jamie Shreeve diskutiert den wissenschaftlichen Sinn und die ethische Vertretbarkeit der Chimären, die Forscher demnächst durch die Injektion von menschlichen Stammzellen in Tiere erschaffen wollen. Und Linda Greenhouse entlarvt den Schriftsteller Justice Harry Blackmun mit Hilfe jetzt veröffentlichter Tagebuchnotizen als doch nicht immer aufrechten Verfechter von Frauenrechten.

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - New York Times

Es ist das New York Times Magazine, das in dieser Woche die Akzente setzt. In der komprimiert-verständlichen Art und Weise, wie sie vielleicht nur aus der Distanz möglich ist, porträtiert Christopher Caldwell nicht nur die niederländische Politikerin und Menschenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali als "Tochter der Aufklärung", sondern beschreibt auch die Unruhe, die Holland seit den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh ergriffen hat. Den Anfang macht eine eindrückliche Anekdote, die Ali in einer Brasserie nahe des Parlaments in Den Haag erlebt hatte. "Hirsi Ali saß mit dem Rücken zum Restaurant, als ihr ein Student, der offensichtlich zum Islam konvertiert war, an die Schulter tippte. 'Ich drehte mich herum', erinnert sie sich in ihrem eleganten Englisch, 'und sah diesen süßen, jungen holländischen Jungen, etwa 24 Jahre alt. Mit Pickeln! Und er sagte so etwas wie: Madam, ich hoffe die Mudschaheddin erwischen Sie und bringen Sie um.' Hirsi Ali reichte ihm ihr Messer und fragte: 'Warum machst Du es nicht selbst?'"

Als Einführung in den kleinen Japan-Schwerpunkt dieser Ausgabe stellt Arthur Lubow den Andy Warhol Japans vor, Takashi Murakami. Der ist nicht nur der bestbezahlte Gegenwartskünstler der Insel, sondern auch Kurator, Theoretiker, Designer, Geschäftsmann und natürlich eine Berühmtheit. Takashi macht fast nichts mehr selbst, er überwacht aber die Arbeit der Assistenten in seiner Kunstfabrik "Kaikaikiki" (im Webauftritt stellt er sich selbst recht bunt dar). Hier gibt es einige seiner Arbeiten zu sehen, die sich aus Mythen wie Mangas speisen. Dazu noch Fotos von einigen verlorenen Kindmädchen in Tokio oder Aufnahmen einiger Werke der aufstrebenden Modedesigner Japans.

In der New York Times Book Review gibt man sich recht selbstbezüglich diese Woche. So langsam beginnen die Literaten mit der Aufarbeitung des großen Traumas vom 11. September, und Jonathan Safran Foer macht mit "Extremely Loud and Incredibly Close" (erstes Kapitel), eine Geschichte um einen neunjährigen Erzähler, der seinen Vater in den einstürzenden Twin Towers verloren hat, einen vielbeachteten Anfang in Romanform. Walter Kirn zeigt sich zunächst unbeeindruckt von leeren Seiten, Videoeinlagen und anderen Aufmerksamkeitserhaschern. Die kühle Distanz schmilzt allerdings recht schnell. Aus Ärger. "Der Avantgarde-Werkzeugkasten, einst entwickelt, um etablierte Ansichten auseinanderzunehmen und durch rostige Haltungen zu schneiden, scheint nun der beste Weg zu sein, sie wieder herzustellen und aufzufrischen. Keine traditionelle Geschichte könnte die Banalität hervorbringen, die Foer neu abmischt, faltet, in Streifen schneidet in sieben verschiedene Umschläge steckt, um sie dann erstaunlicherwesie wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Die Leser machen dann 'Ooh' und 'Aah' bei Bemerkungen, die sie vorher haben aufstöhnen lassen." Hier liest der geschmähte Autor selbst.

Tom LeClair feiert William T. Vollmanns Geschichtenband "Europe Central" rund um den Zweiten Weltkrieg in Europa als "riesiges, kulturübergreifendes Schaltbrett" das trotz einiger weniger falscher Verbindungen eine ebenso "virtuose" Historienerzählung wie konzentrierte Studie der Gewalt abgibt. Jernnifer Schuessler bewundert W. G. Sebald und dessen nachgelassenen Essay "Campo Santo" (erstes Kapitel): "Dieser großartige Schriftsteller mag abrupt von uns gegangen sein, aber sein Schatten wird bleiben." Hier die melancholischen Hymnen der deutschen Kollegen. In den weiteren Rezensionen bespricht Cynthia Ozick ein wenig gezwungen die Erinnerungen von Joseph Lelyveld, dem ehemaligen Chefredakteur der New York Times, und Walter Isaacson ehrt Stacy Schiffs Studie über Benjamin Franklins Jahre als Botschafter in Frankreich als wichtigste Ergänzung der Franklin-Forschung in den vergangenen Jahren.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - New York Times

Lawrence H. Summers, Präsident der nicht nur ruhmreichen Eliteuniversität Harvard, ist nicht gerade für sein diplomatisches Feingefühl bekannt, bemerkt Rachel Donadio süffisant. Seine Äußerungen zu Frauen in den Naturwissenschaften oder der Zwist mit einigen Professorenstars wie dem nun nach Princeton gewechselten Theologen Cornel West hält sie aber für eher nebensächlich. Es geht um mehr. "Diese Auseinandersetzungen sind trotz ihrer Heftigkeit nur Scharmützel in einer viel größeren Schlacht, die sich in Harvard und darüber hinaus abzeichnet. In mancherlei Hinsicht erinnert sie an die Campus-Unruhen der Sechziger. Allerdings sind die Protestierenden diesmal nicht die Studenten, sondern die Dozenten, die mehr oder weniger in den Werten und dem Glauben der Sechziger verankert sind und nun mit einem Präsidenten aneinandergeraten, der Harvard den heutigen politischen und ökonomischen Realitäten anpassen will." Vielen in der traditionell linksliberalen Universität ist Summers eindeutig zu staatsnah, zu "mainstream", wie Donadio einen Kommentator zitiert. "Summers hat die Zukunft der Vereinigten Staaten im Krieg gegen den Terrorismus ausdrücklich mit dem Erfolg von Harvard verknüpft."

Aus den Besprechungen: Pete Hamill genießt Kenneth D. Ackermans "exzellente" Biografie des politischen Strippenziehers William M. 'Boss' Tweed, der die Kunst der Korruption mit einer im 19. Jahrhundert noch unbekannten Dreistigkeit betrieb (erstes Kapitel). Dazu gibt es den dezent pikanten Nachruf von 1878 als Faksimile-pdf. Liesl Schillinger verweist zunächst auf den deutschen Neonazi-Aussteiger Ingo Hasselbach (mehr) und dessen Bewunderung für Ignatz Bubis, um zu zeigen, wie plausibel Francine Proses neuer Roman "A Changed Man" doch sei. Prose lässt einen amerikanischen Neonazi-Aussteiger sich mit einem jüdischen Menschenrechtler anfreunden (erstes Kapitel).

New York Times Magazine: Auf dem Land, in den am schnellsten wachsenden Gemeinden, den explodierenden Exurbs, ersetzt die Megachurch das Dorfzentrum, beobachtet Jonathan Mahler in einer großartigen Reportage aus Surprise, Arizona. Die Radiant-Gottesmall hat mit hiesigen Gotteshäusern nicht mehr viel zu tun. Zum einen kommen 5000 Menschen in die Wochenendmessen, die eher Glaubensevents sind. "Tatsächlich ist bei Radiant alles daraufhin entworfen, die Leute von anderen Wochenendzielen abzuhalten. Das Foyer besitzt fünf 50-Inch-Plasmafernseher, einen Buchladen und ein Cafe mit einem von Starbucks ausgebildeten Personal, das Espresso zubereitet. (Für diejenigen, die es eilig haben, gibt es einen Drive-Through-Schalter für Milchkaffee außerhalb des Hauptgebäudes.) Krispy Kreme Doughnuts gibt es bei jeder Messe. (Das jährliche Budget für Krispy Kreme liegt bei 16.000 Dollar.) Für Kinder stehen XBoxen bereit (alleine zehn für Fünft- und Sechstklässler). 'Das wollen die', sagt McFarland. 'Man kann entweder dagegen ankämpfen oder anerkennen, dass sie ein Werkzeug für Gott sind.'"

Siebzehn Jahre nach dem Ende des blutigen Kriegs mit dem Nachbarn Irak können sich die iranischen Machthaber endlich die Hände reiben, warnt der ehemalige Sicherheitsberater Richard A. Clarke. "Aus iranischer Perspektive war der Zweck des Krieges, die größte Bevölkerungsgruppe, die Schiiten, im Irak an die Macht zu bringen, Saddam Hussein zu stürzen, die heiligen Stätten der Schiiten zu schützen und möglicherweise die riesigen irakischen Ölvorkommen zu kontrollieren. Nun hat der Iran drei dieser vier Kriegsziele erreicht, dank 13.000 amerikanischer Gefallener und Abermilliarden amerikanischer Steuergelder."

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - New York Times

In einem Essay beklagt Joe Queenan die Inflation der Ghostwriter. Niemand könne sich mehr sicher sein, ob er nun die Meinung des Prominenten oder des angeheuerten Schreiberlings lese. Der Basketballveteran Charles Barkley soll sich darüber beschwert haben, in seiner Autobiografie falsch zitiert worden zu sein. Und durch die ängstlichen, schüchternen, politisch korrekten Zweitautoren seien all diese Werke so unerträglich sauber. Keiner traue sich mehr wie Klaus Kinski in seinen Memoiren zu wüten: "Kein Außenstehender kann sich die Dummheit, Hysterie, das Autoritätsgehabe und die lähmende Langweile vorstellen, die bei einem Dreh für Billy Wilder vorherrscht."

Dass Flo Conway und Jim Siegelman mit ihrem Buch The Dark Hero of the Information Age den Erfinder der Kybernetik Nobert Wiener vor dem Vergessen bewahren wollen, hält Clive Thompson für angebracht. Richtig faszinierend aber findet er die Erkenntnis, wie eine Lebenskrise des zeitweilig mit Einstein auf gleicher Höhe verkehrenden Wiener auch seine Bedeutung für die Nachwelt zerstörte. Zoe Heller bewundert an Ian McEwans Roman "Saturday" (erstes Kapitel) nicht nur die "strukturelle Eleganz und Schlüssigkeit", sondern auch die "aristotelische Disziplin", mit der Mc Ewan die Handlung nur auf einen Samstag im Leben eines distinguierten britischen Neurochirurgen beschränke.

Neil Genzlinger erfährt aus zwei Büchern über Hollywood, die im Augenblick im Wochentakt herauszukommen scheinen, dass die Studios immer weniger Wert darauf legen, dass ein Film im Kino Erfolg hat: Denn dann wird er auch länger gezeigt, und das verzögert den Geldfluss aus dem mittlerweile zentralen DVD-Markt. (Hier das erste Kapitel von "Blockbuster" und hier von "The Big Picture".) Wenig überzeugt ist Jack Shafer vom Etikett "New New Journalism", das Robert S. Boynton einigen von ihm verehrten jungen Journalisten aufklebt. Allerdings, und das müsse man Boyntons Buch zugute halten, schreibt Shafer, bekommt man eine Ahnung davon, was und wer das Genre des literarischen Journalismus ausmacht.

Im New York Times Magazine berichtet Ben Neihart aus der Parallelwelt von Degrassi. Das ist eine 25 Jahre alte kanadische Endlosserie über Jugendliche, die aufgrund ihrer ungewohnten Offenheit in den USA Furore macht. Hier wird über Kondome gesprochen! Mittlerweile ist "Degrassi" ein eigener Kosmos geworden. "Die übriggebliebenen Schauspieler, die sich selbst 'Degrassi Classic' nennen, spielen nun Eltern oder beraten und unterrichten die neue Besetzung. Mit dem Recyceln von Charakteren und Schauspielern können nun Handlungsstränge über Jahrzehnte fortlaufen und damit erwachsene Anhänger mobilisiert werden, die sich an die früheren Ausgaben erinnert fühlen." Stacie Mistysyn hat einen Großteil ihres Lebens in der Serie verbracht. Mit zehn Jahren hat sie angefangen, mit 33 ist sie immer noch dabei.

Weiteres: Stephen J. Dubner stellt einen "Baby-Star" der Wissenschaft vor: Roland Fryer ist Ökonom, 27 Jahre alt, Professor ohne Lehrverpflichtung in Harvard und vor allem - schwarz. Er kann als "Betroffener" ungehemmt erforschen, wo die schwarzen Amerikaner etwas falsch machen. Alex Kotlowitz bringt eine Reportage über Ibrahim Parlak, einst beliebter Cafe-Besitzer in Michigan, nun ein Terrorist - zumindest in den Augen der Regierung. Und Deborah Solomon befragt Jeff Gannon, wie er als falscher Reporter unter falschem Namen zwei Jahre lang einen Zugang zu den Pressekonferenzen des Weißen Hauses bekam.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - New York Times

Einen überraschenden Auftritt in der Literaturbeilage hat der rührige Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit einem Essay über Max Webers "Protestantische Ethik" (hier Webers Text als RTF), die vor 100 Jahren erschienen ist. Die Moderne kommt laut Fukuyama auch ganz gut ohne Säkularisation und Rationalismus aus, die Weber noch als Kennzeichen der menschlichen Entwicklung ansah. Die Spitze des Fortschritts, die für Fukuyama immer noch in den USA zu Hause ist, sei vielmehr tief religiös. "Überraschenderweise trifft die Webersche Vision einer Moderne, die sich durch 'Spezialisten ohne Geist, sinnliche Menschen ohne Herz' auszeichnet, mehr auf das moderne Europa zu als auf das gegenwärtige Amerika. Heute ist Europa ein friedlicher, wohlhabender, durch die EU rational verwalteter Kontinent, der durch und durch säkular ist. Die Europäer benutzen vielleicht Begriffe wie 'Menschenrechte' und 'Menschenwürde', die in den christlichen Werten ihrer Zivilisation wurzeln, aber nur wenige könnten schlüssig erklären, warum sie immer noch daran glauben. Die Geister abgestorbenen Glaubens suchen Europa weitaus mehr heim als Amerika."

In einem Brief aus Peking verschafft uns Mike Meyer einen Überblick über den chaotischen, explodierenden und weltgrößten Buchmarkt. "Nach einem Jahrzehnt in China dachte ich, alles gesehen zu haben: Mord, Knast, Aliens, Rodeo. Aber nichts davon hat mich auf dieses Verlagswesen in der Hochpubertät vorbereitet." Das chinesische Buchgeschäft ist abenteuerlich. Eigentlich dürften nur die 568 staatseigenen Verlage ISBN-Nummern herausgeben und damit Titel herausbringen. "Aber wie in so vielen anderen Sektoren der chinesischen Wirtschaft hat sich unter den geschätzten 30.000 privaten Verlagshäusern ein eigener, inoffizieller Markt mit ISBN-Nummern gebildet. Sie firmieren als 'Kulturhaus' oder 'Buchverkäufer' und agieren wie Abpackbetriebe: sie suchen Titel, kaufen die Rechte und verkaufen sie an staatseigene Verlage, die eine ISBN-Nummer zur Verfügung stellen, gegen eine Gebühr von 1.250 bis 2.500 Dollar. Dann wird das Buch im Namen des Staates herausgegeben. Es ist ein offen illegales System und wird bis zu einem gewissen Punkt toleriert."

Aus den Besprechungen: Ohne Zögern überreicht Henry Alford zwei Hollywoodinsidern für ihre Romane aus dem Zentrum des Filmgeschäfts zwei neugeschaffene Auszeichnungen. Bruce Wagner erhält für "The Chrysanthemum Palace" (erstes Kapitel) den "Schulen-Komiker-Preis", Peter Lefcourt darf sich für "The Manhattan Beach Project" (erstes Kapitel) über den "Koyotenkot-Preis" freuen. Jonathan Ames liest Julian Fellowes' ersten Roman "Snobs" als Führer durch die aussterbende englische Oberschicht: "Ein gutes, kein großes Buch, aber mit vielen großartigen Passagen". Fellowes kennt sich in seinem Sujet aus, er hat das Drehbuch zu Gosford Park verfasst. Harold Evans hat dank Steve Frasers "gründlicher" Untersuchung zur kulturellen und pyschologischen Rolle der Wall Street im Werden der USA (erstes Kapitel) mehr über die Protagonisten des Geldflusses gelernt, ist aber froh, dass Fraser bescheiden bleibt und zur Entwicklung des Dow nur bemerkt: "Er wird fluktuieren."

Im New York Times Magazine versucht James Bennet herauszufinden, ob Mahmoud Abbas es schaffen wird, den Palästinensern zu einem eigenen Staat zu verhelfen. "Sein Stil ist nicht der eines charismatischen Führers, sondern der eines Unterhändlers, und sowohl Palästinenser als auch die Israelis argwöhnen, er sei zu weich. Er hat die oberflächliche Milde eines Unterhändlers, nicht die durchdringende Leidenschaft eines Politikers- vielleicht ein großer Nachteil für den Führer einer Freiheitsbewegung. Aber seine Milde sollte nicht als Unsicherheit missverstanden werden, so wie Arafats aufbrausende Art für Entscheidungsfreude gehalten wurde."

Außerdem stellt Roger Lowenstein die Ideen des Harvard-Ökonomen David Cutler vor, der die Misere des amerikanischen Gesundheitssystems unorthodox mit mehr statt weniger Geld lösen will. Er will Ärzte, die gute Arbeit abliefern, auch besser bezahlen. Langfristig nützt das Wirtschaft und Patienten, glaubt er.

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - New York Times

Al Jazeera ist mit seinen 40 Millionen Zuschauern zur wichtigsten Stimme der arabischen Welt geworden, und wird seinem geplanten englischsprachigen Programm noch bedeutender werden, prophezeit die Reporterin Isabel Hilton, nachdem sie Hugh Miles' Porträt des TV-Senders aus Qatar gelesen hat (erstes Kapitel). Miles sympathisiert bisweilen zu deutlich mit Al Jazeera, findet Hilton. Doch habe der Autor in seiner "faszinierenden" Beschreibung auch einige interessante Geschichten auf Lager: Im Zusammenhang mit Al Qaida bat Colin Powell etwa den Emir von Qatar, Al Jazeera dazu zu bringen, ihre Berichterstattung einzuschränken. Er handelte sich eine Abfuhr ein. 'Ein parlamentarisches System braucht freie und glaubwürdige Medien', sagte er, 'und das versuchen wir zu erreichen.' In einer Region, die oft für ihre demokratische Rückständigkeit kritisiert wird, war das für die USA ein Schlag in den Nacken."

"Irgendwie hat sich das verständliche Gefühl der politischen Bedeutungslosigkeit unter Briten in den Bereich der hohen Künste fortgepflanzt", vermutet Benjamin Markovits. Seine Überlegungen fußen auf der monatelangen Diskussion in England, ob man den Man Booker Prize (die Finalisten sind ausgewählt) denn internationalisieren dürfe. "Tony Blair spielt die zweite Geige an der Seite von Bush, und daraus scheint zu folgen, dass Schriftsteller wie Ian McEwan und Martin Amis nicht nur gegen Bellow und Roth und Updike den Kürzeren zögen, sondern auch gegen Jonathan Franzen und David Foster Wallace. Folgt man diesem Gedankengang, bedeutete die Begrenzung des Booker-Preises auf den Commonwealth, auch dem kleineren Hund die Chance zum Bellen zu geben."

Weiteres: Franklin Foer weist in einem hintergrundreichen Text auf die wachsende Bedeutung des Föderalismus in den USA hin. Einzelne Staaten unterlaufen nationale Politik mit eigenen Gesetzen, etwa im Bereich der von Bush ungeliebten Stammzellenforschung. Weshalb die Demokraten ihr Heil verstärkt auf regionaler und lokaler Ebene versuchen, um damit die republikanische Gesetzgebung sozusagen in letzter Instanz zu verhindern. Und noch ein Buch: Keine Angst, Sarah Churchwells "The Many Lives of Marilyn Monroe" ist nicht einfach nur eine weitere Biografie, beruhigt A. O. Scott. Churchwell gehe es vielmehr um die Mechanismen, durch die MM (ihre Filme) vom unbekannten Model zum Mythos wurde. Und diese Beschreibung gelinge der Autorin trotz der "exzessiven Länge und des lausigen Aufbaus" ihres Buchs recht passabel.

Im New York Times Magazine stellt Daisann McLane den ehrenwerten Leung Kwok-hung vor, in Hongkong besser bekannt als Cheung Mo oder "Langes Haar". Leung Kwok-hung ist Abgeordneter im Stadtparlament und immer für einen spektakulären Auftritt bei Sitzungen gut, darin dem jungen Joschka Fischer offenbar nicht unähnlich. "In einem Meer von Anzügen und Krawatten war der 48-jährige 'Langes Haar' wie ein radikaler Student aus den Sechzigern gekleidet, mit einem ranzigen Tweedjackett über einer schwarzen Hose, die wieder und wieder mit einer Million winziger Stiche geflickt war. Unter dem Jackett trug er ein blaues Sweatshirt mit dem Gesicht seines Idols, ein ungewöhnlicher Held für einen chinesischen Politiker aus Hongkong: Che Guevara. Schließlich zeigte er mit einem Finger auf den Vorsitzenden und erklärte in einer lauten tiefen Stimme, die durch 30 Jahre Demonstrieren auf der Straße und Tausende von Zigaretten gezeichnet war: 'Sie! Mr. Tung! Sie sind nicht berufen und haben kein Recht, vor diesem Gremium zu sprechen. Wir sind von den Menschen Hongkongs gewählt. Sie sind es nicht.'"

Außerdem gibt es einen langen Auszug aus den Memoiren des Chefredakteurs Joseph Lelyveld, der recht farbig von seinen Anfängen bei der New York Times in den Sechzigern erzählt. Damals war er für das Wetter zuständig, dessen Prophezeiung ihm vor der Erfindung des Faxgeräts jeden Tag vom Wettermann im Battery Park in einem braunen Umschlag überreicht wurde. Richard A. Clarke fordert in der Debatte um die erweiterte Ausweispflicht für Menschen in sicherheitsrelevanten Branchen eine unabhängige Institution, die diese Daten, die bis zum Fingerabdruck reichen, verwalten. Ebenso irritiert wie bewundernd berichtet Rob Walker über die Ladenkette C28, die mit religiös verbrämter Mode Erfolg hat. Und Arthur Lubow besucht den gereiften Musiker Beck.