Magazinrundschau - Archiv

Der Spiegel

163 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 17

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - Spiegel

Aus den USA berichtet Jochen Siegle von einer "Art Meuterei: Egal ob Globalisierungsgegner oder Öko-Verbände, Lokalpolitiker, Wirtschaftsvereinigungen oder 'Fair Trade'-Aktivisten - die Kritik an der Kaffeehauskette Starbucks wird ausgerechnet auf dem Heimatmarkt in den USA immer lauter. "Dem Imperium, das mittlerweile auf weltweit knapp 6800 Filialen angewachsen ist, wird vor allem seine aggressive Expansionspolitik vorgehalten: Alteingesessene Kaffeebars, so die Kritiker, würden aus ihren Vierteln vertrieben". Noch härter, so Siegle, "trifft den Röst-Multi ein anderer Vorwurf: 'Starbucks ist nach wie vor für die Verarmung von Millionen von Kaffeebauern mitverantwortlich', schimpft Melissa Schweisguth von der Menschenrechtsorganisation Global Exchange. Das Unternehmen beziehe weniger als ein Prozent Kaffee aus 'fairem Handel'." Mehr über den Protest auf zwei Internetseiten der Starbucks-Gegner: ihatestarbucks und starbucked.

Nur im Print gibt es ein Spezial zur Frankfurter Buchmesse. Darin klagt Volker Hage, dass die Autoren von indiskreten Liebesromanen (Maxim Biller etc.) immer schlechter werden. Ferner: ein Interview mit Juliette Binoche über die Liebeskomödie "Jet Lag", ein Interview mit der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja (mehr) "über weibliche Lügen und staatliche Zensur", ein weiteres Interview mit Karl Corino über seine Musil-Monografie, ein Artikel darüber, wie Elke Heidenreich "Bücher zu Bestsellern macht". Im Ortstermin ist der Spiegel "auf der Suche nach dem Zettelkasten des Meisterdenkers Niklas Luhmann". Und im Sportteil verbirgt sich ein Artikel zu Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern".

Im Titel über die Gouverneurs-Wahlen in Kalifornien schreibt Alexander Osang über Arnold Schwarzenegger - der arbeite "sein Leben ab wie einen Fitnessplan."

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - Spiegel

"Es ist zuweilen gar nicht einfach, die Vereinigten Staaten zu sein", meint Madeleine Albright im Interview - und dass sie immer sage: "Einige Amerikaner haben die UNO noch nie gemocht, weil es dort so viele Ausländer gibt." Außerdem erfährt man, was Joschka Fischer ihr auf Nachfragen über seine Zeit als Straßenkämpfer erzählt hat.

Leider nur im Print ein Brief von Albert Vigoleis Thelen, der dem Verleger Georg Olms 1967 eine Lesung von Martin Walser beschrieb: "Was er gelesen hat, werden Sie wissen, ganz schwüle Sachen. Bettgier triefender Frauen, Mannesnot unter Wasser, über Wasser, forkelnde Brunst; aber dann sind es Schwule, die einem den Atem berauben, während er dem Dichter selbst nicht ausgeht. Scharf hält er das Publikum im Auge und blättert mit Hilfe von eingelegten Zetteln um ..."

Besprochen wird Leander Haußmanns "Herr Lehmann"-Verfilmung. Thomas Brussig rezensiert Julia Francks neuen Roman "Lagerfeuer". Schließlich gibt es einen Beitrag über das neue Buch von Wolfgang Schäuble, mit dem dieser sich, nach den Worten des Spiegel, um das Amt des Bundespräsidenten bewirbt.

Der Titel klagt über das "Kreuz mit dem Koran".

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - Spiegel

Mathias Schreiber urteilt über die Memoiren von Fritz J. Raddatz: "Es ist ohne Zweifel das Beste, was dieser Autor je geschrieben hat." Und hat manches gefunden, das "für dieses in jeder Hinsicht unverschämte, zuweilen hoch amüsante Bekenntnisbuch" spreche - etwa die darin geschilderte, "schräge Kultur-Rallye mit der 'mondänen' Gabriele Henkel durch New York." Auch und gerade, weil Raddatz mit seinen rundum verteilten Beleidigungen von Leuten, die er "alle einst umworben hat", sich in Wahrheit nur selbst verletze. Eben: ein "in jeder Hinsicht" unverschämtes Buch.

Weitere Artikel: Ein Gespräch mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, über "die unterdrückte Debatte zur EU-Verfassung" sowie ein Artikel zum Zielkonflikt von Strafverfolgung und Datenschutz im Internet: Es geht um die Probleme, die die Entwickler einer Tarnsoftware für Netzsurfer von der TU Dresden mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden bekommen haben.

Nur im Print: Artikel über Don DeLillo und sein neues Werk "Cosmopolis", über den Bestsellerautor Scott Turow, über die frühen Jahre der RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin und über die Hamburger Tagebuchnotizen von Samuel Beckett aus dem Nazi-Deutschland von 1936.

Der Titel ist den "Lasteseln der Nation" gewidmet: den Arbeitenden. So darf Kurt Biedenkopf die schleichende Rückkehr des 19. Jahrhunderts, die "steuerliche Förderung" der Hausdienerschaft nämlich, bejubeln: "Riesiges Potenzial".

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - Spiegel

Online erfahren wir diesmal, dass nach der Studie einer Marketingagentur mehr als die Hälfte der 14- bis 49-jährigen, der Haupt-Zielgruppe der Werbung also, deren englisch gehaltene Botschaften nur so ungefähr verstehen. Zum Beleg angeführt wird, dass viele den Slogan "Powered by Emotion" mit "Kraft durch Freude" übersetzt haben. Vielleicht haben die Befragten die Umfrage einfach nicht besonders ernst genommen?

Ansonsten: Thomas Hüetlin beschreibt die Hysterie um David Beckham und deren Vermarktung in Spanien.

Nur im Print: wie ein Sängerwettstreit nach westlichem Vorbild "zum wohl erfolgreichsten TV-Ereignis der arabischen Welt" wurde - und "der Orient" dabei das Wählen übte. Ein kurzes Interview mit Jonathan Franzen , dessen erster Roman "Die 27ste Stadt" demnächst in Deutschland erscheint. ("Als ich den Roman schrieb, studierte ich Germanistik. Ich war sehr von der deutschen Literatur beeinflusst, speziell von Franz Kafka und Karl Kraus.") Ein Interview mit Innenminister Otto Schily über "die amerikanische Art der Terrorbekämpfung". Und ein kurzes Interview mit Michael Frayn über sein "Willy-Brandt-Stück" mit dem Titel "Democracy".

Magazinrundschau vom 08.09.2003 - Spiegel

Regisseur Leander Haußmann macht sich sichtlich Sorgen darüber, dass am Ende vor allem sein Film 'Sonnenallee' für die aktuell rollende Ostalgie-Welle verantwortlich gemacht werden könnte. Und so erklärt er erst mal, was seines Erachtens auf die 'Sonnenallee' folgte: "Die DDR geriet mehr und mehr zu einem Produkt der Künstlichkeit. Sie wurde ein originelles Label für jugendliche Freaks und Puristen auf der Suche nach dem verlorenen Kick, eine Spielwiese für Romantiker zwischen Kitsch und Revolution. Das freute mich, weil es einer heiteren, selbstironischen Kommunikation zwischen Ost und West zu verdanken schien, die wir auch mit unserem Film herbeiführen wollten." Während das, was gegenwärtig geschieht, damit nun gar nichts mehr gemein habe: "Es ist die Lust am straffreien Vorzeigen und Verwenden der Embleme verfassungsfeindlicher Organisationen, die in den aktuellen Ostalgie-Shows deutlich wird; die Schwamm-drüber-Mentalität vieler Westdeutscher und die Selbstzufriedenheit jener Täter und Mitläufer von einst, die glauben, dass die Zeit der Scham nun endgültig vorbei sei." Ob das aber nun den von Haußmann erhofften Unterschied macht?

Außerdem: Hilmar Schmundt erklärt, warum die Welt der Computerspiele immer mehr der realen Welt zu gleichen beginnt - die Schnellrestaurants im Paralleluniversum des Electronic-Arts-Spiels 'Sims' also beispielsweise neuerdings 'McDonald's' heißen: "Dass die Markenwelt machtvoll in die Phantasiewelt drängt, kann nicht überraschen. Während ein Großteil der Wirtschaft lahmt, expandieren viele Daddelkonzerne unbeirrt weiter. Mittlerweile geben die deutschen Kunden mehr Geld für Computer- und Videospiele aus als für Kinokarten - kaum vorstellbar, dass solch ein Riesenmarkt werbefreie Zone bliebe." Zugleich ruft dann im Internet aber auch schon, wie man erfährt, der Aktivist Tony Walsh etwa "zum virtuellen Protest vor den McDonald's-Filialen in der Spielwelt auf. Und Harrison Ford versichert im Interview, dass er keine Filme mache und jemals gemacht habe, "die zeigen wollen, dass die amerikanische Kultur dem Rest der Welt überlegen ist." Sondern, und das ist dann ja schon bemerkenswert: "Im Gegenteil".

Im Print: Ein Gespräch mit Christa Wolf "über ihr Leben in der DDR" und "ihre Aufzeichnungen aus 41 Jahren".

Und der Titel schließlich beschäftigt sich mit der Attraktivität von Verschwörungstheorien zum 11. September - denn, so will jedenfalls der Spiegel wissen, "schon ein Fünftel der Deutschen glaubt ihren Halbwahrheiten".

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - Spiegel

Viel zu lesen diesmal. Zunächst einmal gehen Jürgen Dahlkamp und Georg Mascolo den Stasi-Vorwürfen gegen Günter Wallraff nach - denn "plötzlich, als wären die Siebziger nie vergangen, geht es wieder um alles oder nichts, geht es ums Große und aufs Ganze, geht es so wie damals, als keiner der Kämpfer im Kalten Krieg auch nur einen Schritt zurückwich. Wallraff gegen Springer. Springer gegen Wallraff."

Weiter geht es mit den verwirrenden Liebesfilmen, die am Lido zu sehen sind. Zum neuen Werk von Bruno Dumont etwa: "Der französische Regisseur ('L'Humanite') ist berüchtigt für die unerbittlich genaue Darstellung auch erotischer Brutalität. Diesmal zeigt er in 'Twentynine Palms' ein in der amerikanischen Wüste herumirrendes Paar. Nach allem, was vorab bekannt wurde, folgt der Film der Devise: Sie vögeln und sie hassen sich."

Manfred Dworschak berichtet von der lieben Not tausender "begeisterter Tüftler", sich mit teuren Apparaten zu Hause einen perfekten Espresso zuzubereiten - was hierzulande zu einer Art Volkssport geworden zu sein scheint. Und Julia Koch berichtet von der Einführung des neuen Schulfachs "Benehmen" in Bremen - was sich immerhin schön reimt (genau wie der Titel des Beitrags: "Sitte mit Witte").

Schließlich gibt es Auszüge aus den Gesprächsprotokollen des Funk- und Telefonverkehrs vom 11. September in New York, die letzten Donnerstag in New York veröffentlicht wurden. Der Spiegel räumt allerdings selbst ein, dass die Protokolle "keinen Anlass geben, die Geschichte des 11. September 2001 neu zu schreiben."

Der Titel über "Die Schiiten" sieht den Irak schon auf dem Weg zum Gottesstaat.

Magazinrundschau vom 25.08.2003 - Spiegel

"Sex, Lügen & Politik" steht diesmal auf dem Titelblatt. Darüber das Wappen von Hamburg, das der Spiegel anschaulich mit einem erigierten Penis geschmückt hat. Ganz gelassen geht der Spiegel, der sich noch vor wenigen Wochen über die bauchfreie Mode junger Mädchen echauffiert hat, auch mit der Affäre Immendorff um. Der Marktwert seiner Bilder wird sicher steigen, meint Barbara Schmid und zieht einen Vergleich mit Baselitz: "Als er 1963 sein Werk `Die große Nacht im Eimer´ vorstellte - einen onanierenden Jungen mit überdimensionalem Penis - verfolgte ihn die Justiz wegen pornografischer Darstellung. Ein ungeheurer Skandal war das damals - und bald rissen sich die Museen in der ganzen Welt um ihn."

Günter Grass spricht im Interview zu seinem neuen Lyrikband "Letzte Tänze" über das Erotische in der Literatur: "Nach einer Lesung kam ein Mann zu mir, vielleicht Mitte 50, und sagte, er wolle sich bei mir bedanken. 'Ich habe mit 16 Ihre Novelle gelesen, was ich damals eigentlich nicht durfte. Und ich muss Ihnen sagen: Danach habe ich einfach viel fröhlicher onaniert.' Auch das ist eine Wirkung von Literatur."

Weitere Artikel: Wolfgang Thierse verkündet im Interview ziemlich stolz: "Ich habe sicher mehr Marx gelesen als Gerhard Schröder". Sandra Maischberger erklärt in einem Interview, warum sie es nun mit einer großen Talk-Sendung in der ARD versuchen möchte. Und der republikanischen Senator Richard Lugar, der gerade den Irak bereist hat, plädiert im Interview dafür, dass die USA ihre Besatzung mindestens fünf Jahre lang aufrechterhalten sollen: "Denken Sie mal an Deutschland. Da sind wir ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer präsent, und niemand sieht uns als Besatzer." Im Irak ist das jedoch offenbar anders, wie ein Report von Claus Christian Malzahn, Olaf Ihlau und Volkhard Windfuhr zeigt.

Im Print: Ein Dossier ist der Funkausstellung in Berlin gewidmet. Dazu gehört ein Beitrag zum Digitalkino als "Zukunft der Filmtheater" sowie ein Interview mit Wim Wenders zum gleichen Thema - nämlich über "die Folgen der Digitaltechnik für die Filmkunst".

Magazinrundschau vom 18.08.2003 - Spiegel

Nun ist es soweit: Das Adorno-Jahr scheint in seine heiße Phase zu treten - und da wird auch an ketzerischen Beiträgen nicht gespart. Johannes Saltzwedel jedenfalls bietet schon einmal alles auf, was an Unfreundlichem über den Philosophen gesagt werden kann - und auch gesagt wurde. Etwa Hannah Arendt, für die Adorno "einer der widerlichsten Menschen, die ich kenne" war. Oder Odo Marquard, der klagt, dass viele Jahre lang jeder Geisteswissenschaftler Adornos Denk- und Schreibgestus "wie die Masern" hat überstehen müssen. Im Stil eines Enthüllungsartikels listet Saltzwedel außerdem tabellarisch alle "Kehrseiten" Adornos auf - weil die drei jüngst erschienen Adorno-Biografien (von Stefan Müller-Doohm, Detlev Claussen und Lorenz Jäger, Leseproben hier) diese nämlich seiner Ansicht nach "nahezu unerwähnt lassen": die heute bekannten Dokumente zeigten Adorno als "Papier-Marxisten", als "verwöhnten Eierkopf", als "braven Sohn" und vor allem als "Erotiker, der sich unentwegt in Affären stürzt, um dann durch Schreibarbeit der Sehnsucht zu entrinnen". Saltzwedel hebt hervor: "Bordellbesuche sind belegt". Außerdem gibt er folgende Anekdote wieder: "An der Fußgängerampel konnte Professor Adorno ungestraft seine Gattin mit dem Spazierstock fortschubsen, um freie Sicht auf eine attraktive junge Dame zu gewinnen." Und schließlich wird dann auch noch diese Tagebuchnotiz Adornos aus dem Jahr 1949 zitiert: "Das Weekend mit Carol. Wir aßen im Rumpelmeier, ich setzte ihr das Programm auseinander, das wir streng innehielten; Genießen der Vorlust ... Nachmittag der äußersten Exzesse, in völliger Helle und Klarheit. Echte Masochistin: zweimal ihr Orgasmus nur beim freilich erbarmungslosen Schlagen ... Das Kunststück beim Lieben von hinten einen ganz einzuschließen ... Morgens nackte Reprise. Menschlich und geistig gereift." Das nennen wir eine Minima Moralia!

Im Print: ein Interview mit Detlev Claussen über die pädagogische Verführungskunst Adornos. Außerdem wird "Hier spricht Berlin" vorgestellt, ein Band mit Kurzgeschichten von Georg Dietz, Nils Minkmar, Peter Richter, Claudius Seidl und Anne Zielke, die "den Hype um die Hauptstadt Berlin attackieren". Der Titel ist dem großen Stromausfall in den USA gewidmet.

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - Spiegel

Fast nur Innenpolitik diesmal. Dietmar Hipp meint: "Die Justiz als unabhängige Dritte Gewalt? Davon kann in Deutschland zumindest bei den Staatsanwälten keine Rede sein." Denn: "Seit dem wilhelminischen Kaiserreich blieben die entscheidenden Gesetzesbestimmungen für die Zwitter-Behörde gleich. 'Die Beamten der Staatsanwaltschaft haben den dienstlichen Anweisungen ihres Vorgesetzten nachzukommen', heißt es zackig wie eh und je." Hipp zählt alle Fälle aus der jüngsten Zeit auf, in denen bekannt geworden ist, wie Innenminister auf die Ermittlungen von Staatsanwälten massiv Einfluss genommen haben, vermutet aber vor allem eine hohe "Dunkelziffer".

Natürlich nicht im Netz zu lesen ist Joachim Fests großartiges Porträt von Sebastian Haffner, dessen Natur das "Konvulsivische" war, wie Fest schreibt, "Gelassenheit dagegen eine für den zivilisierten Umgang mit der Welt erlernte Tugend". So erzählt Fest von einer Begegnung mit Haffner kurz nach dem Fall der Berliner Mauer: "Das ganz und gar Verrückte sei eingetreten, kam er mir im Dezember 1989 in Berlin entgegen, er fühle sich 'lächerlich' gemacht und müsse mit der 'entsetzlichsten Niederlage' zurechtkommen, die ihm je widerfahren sei. Zeitlebens habe er die Politik nach rationalen Kriterien betrachtet - wenn man so will, als eine Art Tauziehen. Die Spielregeln erlaubten den beteiligten beinahe alles: das Vertrauen in die rohe Kraft, Irreführung, das Ausnutzen einer gegnerischen Schwäche, Hinterlist. Nur eines sei immer außerhalb des Denkbaren, man könne fast sagen, 'verboten' gewesen: dass die eine Partei einfach ihr Ende des Seil aus der Hand lasse, weil sie den Spaß verloren hat. Eben das werfe er Gorbatschow vor. Was jetzt ende, sei die Möglichkeit politischen Urteilens: 'Ich bin überflüssig. Das hat nicht einmal Hitler erreicht. Aber der Herr Generalsekretär, den alle Welt so sympathisch und umgänglich findet - dem ist es gelungen.'"

Mit Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker sprach der Spiegel "über das deutsch-amerikanische Verhältnis und die Zukunft der EU". Und mit Hollywood-Produzent Jerry Bruckheimer über sein Erfolgsrezept. Es wird behauptet, der Einstieg Haim Sabans bei Pro 7 Sat 1 "verändere die deutsche Medienlandschaft grundlegend". Von Suhrkamp-Chef Günter Berg hat der Spiegel etwas "über Pannen im Lektorat" erfahren. (Es ist ja seltsam mit dem Internet: Die eigenen Artikel stellt der Spiegel nicht kostenfrei online. Die FAZ macht es genau so. Nun aber stelllt Spiegel online einen Artikel der FAZ am Sonntag online: Georg Diez schreibt ein Porträt über Ted Honderich, der dem Suhrkamp-Verlag seinen neuesten Antisemistismusstreit einbrachte.) Und schließlich gibt es auch noch einen Artikel zu den Antisemitismusvorwürfen gegen Mel Gibsons neuen "Jesus-Film".

Der Titel handelt diesmal von "subtilen Marketingtricks", mit denen "Phänomene des normalen Lebens als krankhaft dargestellt" würden, sexuelle Unlust und die Wechseljahre etwa. Die schon beinah dialektische, jedenfalls klug formulierte Folgerung des Spiegel: "Die Behandlung von Gesunden sichert das Wachstum der Medizinindustrie."

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - Spiegel

Nun fragt auch der Spiegel, ob Leo Strauss als Pate der US-amerikanischen Neokonservativen gelten kann - sowie im Allgemeinen nach dem Einfluss von Universitätslehrern auf einflussreiche US-Politiker und konservative Ideologien. Gerhard Spörl meint, man solle lieber von Mischungen vieler Ideen ausgehen, die zudem auch immer ebenso viele Väter haben. Außerdem seien Paul Wolfowitz und Richard Perle "Schüler eines anderen Professors mit deutschem Namen, der ebenfalls in Chicago lehrte, aber dort erst kurz vor Strauss' Emeritierung ankam: Albert Wohlstetter (mehr hier, hier und ein Artikel über Strauss und Wohlstetter hier), geboren in New York, lehrte die Theorie der Sicherheitspolitik und hatte auf Wolfowitz (der bei Strauss lediglich zwei Kurse besucht hatte) und Perle eine bleibende Wirkung. Aggressivität statt Passivität in der Außenpolitik, der Wille zur Veränderung statt des alten Status-quo-Denkens lassen sich auf Wohlstetter zurückführen - die Voraussetzungen der neuen Pax Americana."

Weitere Artikel: Gerald Traufetter berichtet von einem amerikanischen Geografie-Doktoranden, dessen Arbeit von US-Geheimdiensten als erhebliches Sicherheitsrisiko eingestuft wird: Er hat sich aus allgemein zugänglichen Quellen ein Bild vom "materialisierten" Teil aller virtuellen Netze verschafft, vom weltweiten Verlauf der entsprechenden Glasfaserkabel nämlich, und "zudem eine Software geschrieben, mit der sich für jeden in seiner Karte ausgewiesenen Ort berechnen lässt, welche Folgen ein Anschlag dort hätte." Dominik Cziesche hat sich mit dem neuen Buch des ehemaligen Bundesministers Andreas von Bülow "Die CIA und der 11. September" beschäftigt, der mit seinen dort nun ausführlich dargelegten Verschwörungstheorien ja schon länger durch die Republik tourt. "Alles Unsinn" befindet Cziesche. Und Matthias Matussek erzählt, wie Fidel Castro Kuba nun in die völlige Isolation zu steuern scheint.

Leider nur im Print zu lesen ist ein Interview mit Daniel Barenboim über "israelische Besatzungswillkür und palästinensische Gewaltkultur". Ebenso wie ein Interview mit Benjamin Lebert über "schöne Mädchen und seinen neuen Roman 'Der Vogel ist ein Rabe'". (Vielleicht später mal hier nachsehen, ob der Spiegel doch noch einen der Artikel freigeschaltet hat.) Der Titel untersucht die "Operation Dosenpfand".