Erst am 30. September hatte Russland
Cherson annektiert,
erinnert Bernhard Clasen in der
taz. Nun ziehen sich Putins Truppen zurück aus der Stadt und der Region, und die Ukraine meldet
41 befreite Ortschaften, in denen
die Minen geräumt werden müssen,
mehr etwa im
Guardian. Andere Städte, so Clasen, stünden aber noch unter Beschuss der Russen. "Indessen ist
Russland auch von innen zunehmend geschwächt. Dutzende von Ehefrauen und Müttern aus der Region Kursk, deren Männer für den Krieg eingezogen wurden, sind in dem russischen Grenzort Ort Valuyki, 125 Kilometer nördlich von Svatove, in der Region Belgorod eingetroffen. Sie fordern, so berichtet der ukrainische Dienst von
BBC, den Abzug ihrer Angehörigen aus der Kampfzone um Svatove in der Region Luhansk."
Putin hat sich zum Rückzug aus der annektierten Stadt nicht geäußert, berichtet Friedrich Schmidt in der
FAZ, diese Hiobsbotschaften zu überbringen, überließ er seinen Untergebenen.
Irina Peter
porträtiert für die
taz die junge Journalistin Liza (Name geändert), die von Tbilissi aus für das russische Studentenmagazin
Doxa schreibt. Sie ist eine von über
113.000 Russinnen und Russen, die nach Kriegsbeginn nach Georgien flüchteten. Dort leben auch Tausende ukrainische Flüchtlinge, die keinen Fluchtweg nach Westen fanden: "Liza hat das Gefühl, dass sich die russische und ukrainische Community
aus dem Weg gehen. Auch zwischen ukrainischen und russischen Journalisten ist ihr in Tbilissi
kein Austausch bekannt. Sie selbst möchte niemanden aus der Ukraine retraumatisieren: 'Vielleicht hat sich das mittlerweile geändert, aber zu Beginn war es absolut klar, dass es völlig sinnlos ist, sich bei Leuten, die gerade vor Bomben geflüchtet waren,
zu entschuldigen.' Sie fühlte damals eine starke Schuld. Erst einige Zeit nach Kriegsausbruch traute sie sich, ihren ukrainischen Freunden zu schreiben. Zu groß war ihre Angst, sie könnten Liza hassen - doch sie taten es nicht."
Die
taz hat einige Journalisten aus Russland, Belarus und der Ukraine zu einem Workshop eingeladen. Ihre Texte erscheinen in einer Beilage. Janka Belarus
schreibt über das komplizierte
Verhältnis der Sprachen: "Jahrelang hat Lukaschenko versucht,
alles Belarussische zu zerstören. Und doch höre ich heute auf den Straßen von Minsk viele junge Leute, die Belarussisch sprechen. Das freut mich. Das Schöne ist, dass es für Belarussen einfach ist, mit Ukrainern zu kommunizieren. Zwar spricht jeder in seiner eigenen Sprache, aber die Verständigung klappt bestens. Russen, die beide Sprachen für '
gebrochenes Russisch' halten, können da oft nicht mithalten. Dabei geht es nicht um sprachliche Unfähigkeit, sondern
um Imperialismus. 30 Jahre lang waren sie nicht in der Lage, den
Namen unseres Landes auszusprechen, aber sie berufen sich ständig auf das Lied 'Die Jugend ist mein Belarussija'. Deutsche sind offensichtlich imstande sich zu merken, dass das Land jetzt Belarus und nicht mehr Weißrussland heißt. Für Russen scheint das eine unlösbare Aufgabe zu sein. Nun denn: Bringen wir es ihnen bei."
Die
Flucht von Künstlern und Intellektuellen
aus Russland erinnert Ulrich M. Schmid in der
NZZ an die Auswanderungswellen während der Sowjetzeit. Und: "In Russland selbst werden oppositionelle Kulturschaffende zunehmend marginalisiert. In der wichtigsten Moskauer Buchhandlung gibt es etwa eine interne Anweisung, dass Bücher von
Ulitzkaja,
Akunin oder
Gluchowski nur mit dem Buchrücken und
nicht mit der Vollansicht des Covers in die Regale eingestellt werden dürfen. Semfiras Lieder werden aus den Programmen der russischen Radiosender entfernt. In den Konzertagenturen zirkulieren inoffizielle
schwarze Listen. Die besten Stimmen der russischen Kultur haben immer weniger mit Russland zu tun. Dem offiziellen Mainstream bleibt nur der
Griff in die Mottenkiste: Das Staatsfernsehen zeigt nun im Auftrag des Kulturministeriums loyale Politiker, Schauspieler und Autoren, die patriotische Aussagen von Puschkin bis Dostojewski rezitieren."
Außerdem:
Oxana Matiychuk hat in der
SZ die Herausforderung angenommen, mit der
Deutschen Bahn von Deutschland zurück in die Ukraine zu fahren.
Selbst im Krieg funktioniert in der Ukraine einiges besser als in Deutschland, stellt sie fest: "Das
Internet zum Beispiel oder der Kurierdienst Nova poschta, der alles Mögliche - ob ein kleines Paket oder eine Palette voll Hilfsgüter - schnell und zuverlässig liefert, und das
bis an die Frontlinie."
Schon dass Jürgen Kaube heute in der
FAZ auf einen Artikel
Jacques Attalis in
Les Echos aus dem Oktober zurückkommt, zeigt, wie schlecht die
deutsch-französische Öffentlichkeit funktioniert. Attalis Artikel ist in Deutschland natürlich nicht zu lesen und steht hinter der Zahlschranke der Pariser Wirtschaftszeitung. Der ehemalige Berater François Mitterrands warnt darin vor einem
deutsch-französischen Krieg. Das
deutsche Geschäftsmodell - billiges Gas aus Russland, billige Verteidigung aus den USA, teure Exporte nach China - schildert er als zerbrochen, so Kaube in seinem Resümee. Gleichzeitig verschlechtern sich die deutsch-französischen Beziehungen wegen
divergierender Interessen und der üblichen belustigten Indifferenz deutscher Politiker gegenüber französischen Empflindlichkeiten. "Attalis Text ist zu kurz, als dass man ihm eine Analyse der europäischen Situation entnehmen könnte. Den Krieg malt er nach Art von Intellektuellen an die Wand, die nur die
Vision der maximalen Katastrophe für ausreichend halten, um die Leute aufzuwecken... Berechtigt ist aber sein Hinweis auf die Gefahren eines
nonchalanten Nationalismus, der ohne Mythen auskommt und darum glaubt, gar keiner zu sein."