Russland verlegt Streitkräfte an die
belarussisch-ukrainische Grenze. Zugleich betreibt der belarussische Diktator Lukaschenko eine
diskrete Mobilisierung in der Landbevölkerung. Die Minsker Journalistin Janka Belarus
stellt in einer
taz-Kolumne bange Fragen: "Hat Putin Lukaschenko wirklich unter Druck gesetzt und ihn dazu gedrängt, das '
Brudervolk'
als Kanonenfutter für seinen Krieg zu opfern? Und wenn man den Unwillen und die Unfähigkeit der Belarussen zu kämpfen berücksichtigt, bedeutet das dann nicht, dass hinter dem Rücken der 'lahmen' belarussischen Armee
russische Sperrkommandos stehen und schießen würden, wenn die belarussischen Soldaten zu fliehen versuchten? Dabei sollte man auch Lukaschenkos Angst berücksichtigen, ohne persönliche bewaffnete Sicherheitskräfte dazustehen, und auch die vor einer 'Palastrevolution'."
In
Moskau ist die Stimmung auch eher mau,
erzählt die Russlandkorrespondentin der
taz, Inna Hartwich: "So mancher aus der Stadtverwaltung der Hauptstadt verlässt nun heimlich seinen Arbeitsplatz und kommt nicht wieder. Deren Kündigungen finden die Kolleg*innen später in den Schreibtischschubladen, finden ihre
nicht abgewaschenen Kaffeetassen. In manchen Abteilungen sollen
bis zu 30 Prozent der Angestellten fehlen, berichtet das russischsprachige Online-Medium Wjorstka (Layout). Vor allem IT-ler fehlen, in einer Stadt, dessen Bürgermeister seit Jahren auf Digitalisierung setzt und sie durchaus erfolgreich vorangetrieben hat."
Viel retweetet wird ein nüchterner und
sehr klarer Artikel der PolitologInnen
Andrea Kendall-Taylor und
Michael Kofman in
Foreign Affairs. Selbst wenn
Russland verliert, warnen sie, bleibt es eine Gefahr: "Trotz der konventionellen Verluste Russlands in der Ukraine ist sein
Atomwaffenarsenal ein logischer Ausgleich für seine konventionelle Verwundbarkeit und stellt eine
glaubwürdige Bedrohung dar. Westliche Politiker sollten daher nicht davon ausgehen, dass Russland die europäische Sicherheit nicht mehr gefährden kann, und sie sollten sich auch nicht vorstellen, dass Russland seine verlorenen militärischen Fähigkeiten nicht wiedererlangen kann. Russland verfügt nach wie vor über ein beträchtliches latentes Macht-, Widerstands- und Mobilisierungspotenzial, auch wenn das derzeitige Regime nicht in der Lage ist, diese Ressourcen zu nutzen." Die Autoren raten darum aber nicht etwa zum einlenken, sondern zu einer klugen
Eingrenzungspolitik und zur Unterstützung der
demokratischen Opposition im Exil.
Russische Soldaten haben vor ihrem Abzug die
Museen in Cherson geplündert. Putins Geschichtsfälschungen, die seine imperialen Fantasien stützen sollen, werden immer dreister,
erzählt der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker
Konstantin Akinsha in der
NZZ: "Die russische Besetzung der südukrainischen Stadt Cherson eignet sich hervorragend als Fallstudie. Unmittelbar nachdem Cherson in die Hände der Russen gefallen war, schossen im Zentrum
Plakate, auf denen russische historische Persönlichkeiten abgebildet waren, welche einst in ferner Vergangenheit die Stadt besucht hatten, wie Pilze aus dem Boden. Unter dem Titel 'Cherson, die
Stadt mit russischer Geschichte' waren auf den Plakaten der berühmte Dichter Alexander Puschkin, Denis Dawidow, ein Held des Krieges gegen Napoleon, sowie Generalissimus Alexander Suworow, der militärische Führer aus der Zeit Katharinas der Großen und Pauls des Ersten, abgebildet. Der Text auf der Puschkin gewidmeten Plakatwand erwähnte nicht, dass der Dichter in das Provinznest
verbannt worden war. Gleichermaßen könnte
Italien, 'der Nachfolgestaat' des Römischen Reiches, die Stadt Owidiopol in der Region Odessa für sich beanspruchen, nur weil
Ovid von Kaiser Augustus dorthin verbannt worden war."
Der russische Schriftsteller
Ilja Danischewski hatte bis vor dem Krieg noch
offen schwul in Moskau gelebt. Damit ist es jetzt vorbei, erzählt er in der
FAZ: "Am 27. Oktober hat die Duma das Gesetz zum Verbot der 'Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen' in erster Lesung auf den Weg gebracht (sicherlich wird es, wie jedes andere menschenfeindliche Gesetz in Russland, in vollem Umfang verabschiedet werden), und während ich früher für meine Antikriegshaltung und für meine Abscheu gegen die Annexion der Krim strafrechtlich verfolgt werden konnte, so kann ich jetzt auch für das
Erzählen meiner ersten Liebesgeschichte verfolgt werden, ebenso wie für die Gedichte, die ich geschrieben habe. ... Das Gesetz macht alle meine öffentlichen Aktivitäten, mein persönliches Leben, meine Biografie zu einem
Verbrechen."
"Das neue Gesetz sieht vor, dass LGBTQIA+-Inhalte
auch für Erwachsene nicht mehr abgebildet werden dürfen",
erläutert Hella Camargo bei
hpd.de. "Dies umfasst nicht nur Filme, Musik oder Bücher, sondern auch Soziale Netzwerke, in denen unter anderem über Homo- oder Bisexualität oder über geschlechtsanpassende Maßnahmen
nicht mehr informiert und diskutiert werden darf. Als Begründung wird eine wilde Mischung angegeben."
Die Stadt Paris hat
Sacré Coeur unter Denkmalschutz gestellt, die Linke ist stinksauer,
berichtet Stefan Brändle im
Standard, weil sie die
Kommune von 1871 und die Französische Revolution durch die Basilika verunglimpft sieht: "Die Kirche sei ein
reaktionäres Protzwerk gegen die Pariser Kommune, sagte die Abgeordnete Danielle Simonnet von der Partei der 'Unbeugsamen'. Ihr Parteichef Jean-Luc Mélenchon brachte die Dinge via Twitter auf den Punkt: 'Dieser Bau verherrlicht den Mord an 32.000 füsilierten Kommunarden.' Der Volksaufstand der Pariser Kommune war im Mai 1871 von der Armee
blutig niedergeschlagen worden. Die Kommunarden, deren Todesopfer heute eher auf 6.500 bis 10.000 geschätzt werden, brachten selbst - obschon viel weniger zahlreiche -
Kirchenleute um, darunter ihre wichtigste Geisel, den Pariser Erzbischof Georges Darboy. Zum Gedenken daran begann zwei Jahre später auf Drängen royalistischer Katholiken der Bau von Sacré-Cœur. Die Arbeiten sollten über 40 Jahre lang dauern."