Die
Deutschlandfunk-Sendung "Kultur heute" scheint komplett auf Transkriptionen von Interviews zu verzichten. Gestern wurde dort der bekannte Historiker
Jörg Baberowski zur Bundestagsresolution über den
Holodomor befragt - hier der
Link zur Audiodatei. Es ist der Twitter-
Notiz seines Kollegen
Bert Hoppe zu verdanken, dass Baberowskis Aussagen außerhalb der Audiodatei zur Kenntnis genommen werden. Baberowski kritisiert den Beschluss des Bundestags und unterstellt, dass er
vorgeschoben ist, um die Deutschen vom Holocaust zu entlasten. "Das ist für die
Selbstverständigung der Deutschen keine so gute Sache, dass man den
Holocaust sozusagen entsorgt, indem man sich jetzt auch mit dem Holodomor identifiziert", sagt Baberowski zur
Dlf-Moderatorin Anja Reinhardt. "Das ist eine Angelegenheit der Ukrainer, die das als ihren nationalen Mythos brauchen;
wir brauchen das nicht."
Da die Äußerungen Baberowskis ein Gewicht in der Debatte haben, zitieren wir etwas aus dem Interview noch etwas ausführlicher. Baberowski sieht die Resolution des Bundestags als einen Akt der
Geschichtspolitik: "Es ist nichts Ungewöhnliches, dass mit Geschichte Politik gemacht wird, und jetzt im Augenblick ist es an der Zeit, dass
Solidaritätsadressen an die Richtung von Kiew verschickt. Es ist ja kein Zufall, dass das Verlangen dieses Verbrechen als Genozid einzustufen,
jetzt kommt, und nicht vorher." Der Holodomor sei zwar ein Menschheitsverbrechen, aber es bestehe keine Einigkeit darüber, "ob das ein Genozid war, ob das eine absichtlich herbeigeführte Hungersnot gewesen ist, um die Ukrainer zu töten und als Nation auszulöschen, oder ob das nicht doch eher Folgewirkung einer
katastrophalen Kollektivierungsstrategie war. Und es gibt auch keine Einigkeit in der Frage, ob das ein russisch-imperiales Projekt war, oder ob das nicht doch eher ein
bolschewistisches Projekt gewesen ist." Baberowski erläutert in der Folge, dass der Holodomor sozusagen ein Instrument war, um eine nationale
ukrainische Identität zu schmieden. Es sei darum gegangen, die Idee der Nation "
mit einem Mythos zu verbinden, der diesen Zweck erfüllen kann. Es ist ja oft so, dass sich Nationen über gemeinsames Leiden definieren." Baberowski betont in der Folge, dass der Begriff ds Genozids auf
Kasachstan viel eher zutreffen würde, weil die Hungermorde dort dazu dienten, die nomadische Lebensweise zu zerstören.
Der Hungermord an den Kasachen heißt "
Ascharschylyk" (
mehr dazu in unserer Magazinrundschau) erzählt Othmara Glas heute in einem kleinen Hintergrundartikel für die
FAZ. Anderthalb bis zwei Millionen Kasachen sollen in der Zeit von 1930 bis 1933 ums Leben gekommen sein. Der Begriff des
Genozids sei wegen der langen Nähe des kasachischen Regimes zu Russland allerdings nicht durchgesetzt, so Glas. Dabei wurde Kasachstan durch die Hungermorde
radikal verändert: "Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge kehrte nach der Hungersnot nach Kasachstan zurück. Nicht nur der Ascharschylyq hinterließ Spuren. Auch die Zwangsansiedlung von Russen und Ukrainern, die Deportationen von Koreanern und Deutschen führten dazu, dass die Kasachen bis in die Neunzigerjahre hinein nur zwischen
30 und 50 Prozent der Bevölkerung Kasachstans ausmachten."
Dem Historiker Bert Hoppe ist übrigens auch der Hinweis auf eine ziemlich skandalöse Aussage
Alice Schwarzers in einem
NZZ-Interview zu verdanken, aus dem auch wir gestern zitierten.
Die Deutschen argumentieren immer wieder im Namen der Maxime "
Nie wieder Krieg", schreibt die Historikerin
Tatjana Tönsmeyer im
Spiegel. Den Ukrainern aber gehe es mit ihrem "Nie wieder" um etwas anderes, nämlich um "
Nie wieder Besatzung". Der Zweite Weltkrieg sei ein
Okkupationskrieg gewesen. Dem deutschen Terror fielen Abermillionen Menschen zum Opfer, und zwar
meist Zivilisten: "Man möchte es
in Großbuchstaben schreiben: In der ehemaligen Sowjetunion, Polen, dem damaligen Jugoslawien, Griechenland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Norwegen und Ungarn überstieg die Zahl der zivilen Toten jene der gefallenen Soldaten. Die Ukraine etwa zählt rund
fünf Millionen zivile Opfer sowie weitere drei bis vier Millionen tote Ukrainer in den Reihen der Roten Armee."
Ein Ende des Krieges ist nicht absehbar, sagt die Politikwissenschaftlerin
Gwendolyn Sasse, die gerade das Buch
"Der Krieg gegen die Ukraine" veröffentlicht hat im
Gespräch mit Susanne Lenz (
Berliner Zeitung). Sie befürchtet, dass eine
Wiederherstellung der Ukraine in den Grenzen von 1991 schwierig werden könnte: "Die Frage vor allem im Donbass ist, wer in diesen Gebieten überhaupt noch lebt."
Maria Kolesnikowas Zustand ist weiterhin ernst, sagt ihre Schwester
Tatjana Chomitsch im
SZ-Interview mit Silke Bigalke. Über die Diagnose oder den Grund der Operation hat die Familie keine Informationen erhalten. Zuletzt saß Kolesnikowa in einer
Strafzelle: "Das ist eine Einzelzelle zur Bestrafung, gewöhnlich verbringen politische Häftlinge dort nicht weniger als zehn Tage. Das wissen wir aus der Praxis. Es gibt dort oft keinen Bettbezug,
es gibt kein Bett,
nur ein Brett, das tagsüber an die Wand geklappt wird. Das bedeutet, der Häftling darf tagsüber weder darauf sitzen noch liegen, er muss stehen. Es gibt zwar einen kleinen Stuhl und Tisch, aber sie sind sehr unbequem. Solche besonderen Bedingungen werden
extra für die politischen Häftlinge geschaffen. Es kann sein, dass ihnen in der Strafzelle die wichtigsten Hygienemittel fehlen, Zahnbürste, Zahnpasta, Handtücher, Shampoo oder Seife. Sie dürfen nicht spazieren gehen, haben oft keine Bücher und keine Möglichkeit, Briefe zu schreiben."
In diesem Jahr wurde
linker Antisemitismus "
salonfähig", schreibt im Aufmacher der
Welt der israelische Botschafter in Berlin,
Ron Prosor, nicht nur mit Blick auf die Documenta 15. (
mehr in Efeu) "Nach fast jedem linksantisemitischen Ausfall stellen sich in der Regel
die immer gleichen Israelis an die Seite der
Israelfeinde. Sie erinnern dabei an den '
Grizzly Man' aus
Werner Herzogs gleichnamigem Film. Dieser lebte über 13 Sommer hinweg in Alaska mit Grizzlybären zusammen, wollte sie verstehen, gab seinen Schützlingen Namen, führte eine innige Beziehung mit ihnen. Es half nichts, am Ende fiel er eben doch seinen
pelzigen Freunden zum Opfer."
Verpackt in eine Liebeserklärung an ihre Mutter zeichnet die schottische Schriftstellerin
A.
L.
Kennedy ein
Bild des Grauens von
Großbritannien: "Die niedrigsten Renten in Europa treffen bei uns auf die höchsten Kosten für Nahverkehr, Waren, Dienstleistungen. Diese
existenzielle Bedrohung betrifft mittlerweile auch Mittelschicht-Menschen, die man früher noch als höflich, leicht christlich angehaucht und
in erträglichem Maße bigott eingestuft hätte. Dietrich Bonhoeffer warnte einst davor, dass, wenn wir unsere Schwächsten und Ausgestoßenen nicht verteidigen, uns selbst das Unheil ereilen wird, das sie zuerst erleiden. Großbritannien hat jahrelang Behinderte, Flüchtlinge, Einwanderer, Sinti und Roma, Menschen in Armut, ob mit oder ohne Arbeit, ins Visier genommen. Wir haben sie völlig unzureichend beschützt. Jetzt hat unser Innenministerium Flüchtlingslager eingerichtet, die nach den
tiefsten Abgründen der Unmenschlichkeit stinken, während britische Vermieter nicht mehr verpflichtet sind, ihre Häuser für Menschen bewohnbar zu halten."