Wladimir Putin hat vor einigen Wochen in einem programmatischen Artikel die "historische Einheit von
Russen und Ukrainern" beschworen (
Unser Resümee).
Viktor Jerofejew sieht Putins Text in der
Welt als Kriegserklärung: "Meiner Ansicht nach weht in diesem Artikel ein
imperialer Geist, und der Text entzieht sich einer logischen Interpretation. Wichtig sind hier nicht historische Beweise für die große tausendjährige Freundschaft zwischen Russland und der Ukraine, sondern imperiale Machtansprüche." In den zwanzig Jahren seiner Regentschaft sei Putin "de facto zu jener
ewigen russischen Autokratie zurückgekehrt, ohne die weder das vorrevolutionäre Russland noch die kommunistische Sowjetunion hätten bestehen können." Der
Westen habe Putin in den letzten Jahrzehnten "die einzigartige Möglichkeit geschenkt, sich
straffrei zu fühlen", so Jerofejew. Interessant in diesem Zusammenhang
ein Artikel von Michail Sokolow bei
Radio Free Europe vor einigen Tagen - Putin lässt eine neue Kommission "zur
historischen Erziehung" aufbauen, die ausgerechnet mit hohen Geheimdienstleuten besetzt ist.
Das Schicksal
Polens in der EU ist "
existenziell bedroht" und ein
Austritt Polens aus der EU sei absehbar, sagt der polnische Verfassungsrechtler
Tomasz Tadeusz Koncewicz im
Zeit-Online-
Interview mit Johanna Roth. Scharfe Kritik richtet er in Richtung EU: "Meine
lieben europäischen Eliten, Sie haben sechs kostbare Jahre verloren, in denen Sie die Fristen verlängert und einen vermeintlich 'fruchtbaren Dialog' geführt haben, während Jaroslaw Kaczynski bereits intrigierte und die
Verfassung Schritt für Schritt kaperte. Sie haben mit dem Brandstifter gespielt, während er das Haus in Brand setzte. Jetzt ist das Haus fast
abgebrannt. (...) Die Kommission ist seit Jahren damit beschäftigt, Ausreden zu finden, um nicht handeln zu müssen. Sie gibt sich als Hüterin der Verträge, aber macht diese noble Aufgabe, die keine Selbstverständlichkeit ist, lächerlich. Die EU als Rechtsgemeinschaft wird nun von denjenigen ausgehöhlt, die in erster Linie dafür einstehen sollten."
Wenn das
polnische Mediengesetz durchkommt, und das wird es letztlich wohl, dürfen nicht-europäische Investoren nurmehr 49 Prozent an einem polnischen Medium besitzen. Das Gesetz richtet sich direkt gegen amerikanische Medienkonzerne,
erläutert Gabriele Lesser in der
taz: "Marek Suski, der Initiator der 'Lex
TVN', bekannte in einem Interview, dass es der PiS darum gehe, 'Einfluss auf den
Inhalt der Sendungen' zu bekommen, indem sich polnische Unternehmer dort einkauften. Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, droht
TVN nun die Umgestaltung in eine
PiS-Propagandaschleuder - wie zuvor schon dem ehemaligen öffentlich-rechtlichen Rundfunk."
Hier Lessers Hintergrundbericht zur tumultartigen Abstimmung im Sejm am Mittwochabend.
Bülent Mumay schickt weiter seine deprimierenden und doch so toll zu lesenden Berichte über den scharfen
Niedergang der Türkei an die
FAZ. Nicht nur in den Wäldern brennt es dort: "Das offizielle Statistikamt veröffentlichte diesen Monat die
höchste Inflationsrate der letzten zwanzig Jahre: 19 Prozent. Den Menschen auf der Straße wie auch dem von Erdogan eingesetzten Zentralbankchef kommt diese Rate gleichwohl unglaubwürdig vor: 'Sämtliche Preissteigerungen liegen über
30 Prozent..." Erdogan sagt: 'Ich bin Ökonom.' Als wäre nicht er Architekt dieser Situation, lauteten seine Statements: 'Von nun an wird die Inflation unmöglich weiter steigen.' Stieg sie doch, wechselte er umgehend den
Leiter der Statistikbehörde aus."
Die
Antimafia-Bewegung ist in der Krise,
schreibt Ambros Waibel in der
taz unter Bezug auf
Danilo Chiricos Buch "Storia dell'antindrangheta". Die beherrschende Position der 'ndrangheta im
Drogenhandel habe sie mit der italienischen Gesellschaft verwachsen lassen: "Durch die dort erzielten enormen Gewinne könne sie sich in alle nur denkbaren Branchen überall auf der Welt einkaufen. Die Notlage, in die viele Betriebe durch die Corona-Pandemie geraten seien, erleichtere ihr
diese Diversifizierung zusätzlich. Diese ökonomische Supermacht habe dazu geführt, dass es gar nicht immer die 'ndrangheta sei, die Politiker korrumpieren und Unternehmen erpressen wolle; vielmehr gehe inzwischen die Initiative
von der Politik aus, die bei der Mafia um Unterstützung bei Wahlen nachsuche, und von der Wirtschaft, die Kapital und billige Dienstleistungen nachfrage, so etwa durch die Kontrolle und Ausbeutung migrantischer Erntearbeiter durch Clanmitglieder ('caporalato')."
Die schlechte Vorbereitung auf die
Katastrophe im Ahrtal war ein Fanal - der Staat versagt in seinen
Sicherheitsversprechen,
schreibt Bernd Rheinberg bei den
Salonkolumnisten. Die Bundeswehr ist dysfunktional. Auch Polizei wurde über Jahre abgebaut, und die Zahl der Stellen wächst erst jüngst wieder, ebenso im Justizapparat. "Man könnte es auf eine an manchen Stellen zu starke neoliberale Verschlankung des Staates schieben. Aber
verschlankt wurde der Staat ja nicht. Es wurde allerdings in den Ressorts jenseits der
sozialen Sicherungssysteme gespart. Er ist also sozialer geworden (und liberaler), aber gleichzeitig in anderen Sicherheitssystemen dysfunktionaler. Vielleicht liegt es ja daran, dass man glaubte, die Komplexitätszunahme der liberalen Gesellschaft an viel zu vielen staatlichen Stellen abbilden, begleiten und befördern zu müssen - und gleichzeitig die '
klassischen'
Aufgaben vernachlässigen zu können."