"Sind
16 Menschenleben nicht einen Mörder wert?", fragt der russische Oppositionelle
Wladimir Kara-Mursa im großen
Zeit-Interview mit Alice Bota. Er schildert, was ihm in der Haft und in der Zeit unmittelbar vor dem Gefangenenaustausch passierte. Elf Monate verbrachte er in
Isolationshaft, dann wurde er plötzlich in ein anderes Gefängnis in Moskau transferiert - die ganze Zeit wusste er nicht, was passiert: "Da standen der Gefängnisdirektor und ein Konvoi aus Männern in Zivilkleidung. Sie sagten: Du hast 20 Minuten, um zu packen. Ich war mir sicher, dass sie mich in den Wald bringen und erschießen. Aber sie brachten mich zum Flughafen." Von Gefangenenaustausch zu sprechen, trifft es nicht, betont er: "Das war kein Gefangenenaustausch. Es war eine
lebensrettende Mission." Er wisse "dass die deutsche Bundesregierung sehr viel Kritik einstecken muss für diesen Austausch. Ich verstehe, dass einige Argumente dagegensprechen. Aber für mich ist der wichtigste Unterschied zwischen einer Diktatur und einer Demokratie der, dass in einer Demokratie nichts wichtiger ist als
der Wert eines Menschenlebens."
Die heutigen
Straflager in Russland stehen den Gulags von einst in nichts nach,
erfährt der Philosoph
Olivier Del Fabbro (
NZZ) von den ehemaligen Gefangenen Olexi Kabakow und Walentina Petrowa. Beide kämpften im
Asow-Stahlwerk und gerieten in russische Gefangenschaft. Walentina Petrowa schildert ein Massaker. "Am 29. Juli 2022 sei es merkwürdig still im gesamten Lagerkomplex gewesen. Alle Männer aus den Baracken wurden im Hof aufgereiht und neu aufgeteilt. Insbesondere die Mitglieder der Asow-Brigade wurden zusammen in eine Baracke abgeführt. '
Die Wächter lachten und sagten, dass es eine Show geben werde', sagt Petrowa. Um 23 Uhr 30 seien die Wächter aufgeregt durch die Korridore gelaufen. Sie hätten alle Schlösser kontrolliert und die Luken der Zellentüren geschlossen. Dann habe wieder totale Stille geherrscht. Plötzlich habe sie eine heftige Explosion gehört, sie habe deren Schockwelle spürt. 'Die Männer schrien nach Hilfe. Dann hörten wir die Pistolenschüsse.' Beim Massaker von Oleniwka sind etwa fünfzig bis sechzig Gefangene durch eine
Detonation eines undefinierten Explosionskörpers ums Leben gekommen." Kabakow und Petrowa kamen bei einem Gefangenenaustausch frei.
Konstantin Akinscha zeigt in der
FAZ, was die
Kleidung der von Russland Freigelassenen über Putin verrät. In der Sowjetunion, so Akinscha, wurde penibel darauf geachtet, Häftlinge bei einem Gefangenenaustausch mit Anzug, Krawatte und Robbenfellmütze auszustatten, damit dass Regime sich der Weltgemeinschaft als human präsentieren konnte. Diesmal hingegen wurden "russische Oppositionelle wie Ilja Jaschin, Wadim Ostanin und Kevin Lick, ein neunzehn Jahre alter deutsch-russischer Doppelstaatler,
in Lageruniformen in die Türkei geschickt." Die "Orchestrierung des Gefangenenaustauschs in Putins Russland offenbart eine radikale Veränderung im Vergleich zur sowjetischen Tradition aus dem Kalten Krieg. Die Führung der UdSSR war um ihr Image im Westen besorgt; Putin ist es nicht. Im Vergleich zu Breschnew wirkt er wie ein
kleinlicher Sadist, der seine Gefangenen um jeden Preis demütigen will. Die Führer der Sowjetunion rollten auch für die Spione und Killer, die aus westlicher Gefangenschaft zurückkehrten, keine roten Teppiche aus, stellten keine Ehrengarde auf und
küssten sie nicht öffentlich. Über ihre Heimkehr berichteten keine Medien."
"Was ist auf der Insel los?" Jochen Bittner versucht in der
Zeit eine Analyse der gewaltvollen Demos in Britannien. Die Frustration beschränke sich nicht auf "einige Hundert
gewaltbereite Rassisten, denen die Fake-News gelegen kamen, um in Sommernächten ihren Hass auszuleben." Die dringlichen Fragen, die die hohen Einwanderungszahlen in Großbritannien aufwarfen, wurden zu lange von der Politik ignoriert - gleichzeitig demonstrieren radikale Islamisten: "Starmer hat es also mit einem Land zu tun, in dem sich zwei Gruppen radikalisiert haben: jene, die Zuwanderung als Bedrohung empfindet, und jene, die sich im Widerstand gegen eine angeblich islamophobe Gesellschaft sieht. Beides ist das Resultat von Jahren politischer Fehler, von
zu viel Großzügigkeit bei der Einwanderung und von
zu viel Nachsicht gegenüber Islamisten. Es wird nicht reichen, einen Sommer lang mit dem scharfen Schwert des Gesetzes Gewaltausbrüche zu ahnden, um dieses Problem zu entschärfen."
Droht in Großbritannien ein
Bürgerkrieg? So behauptete es jedenfalls Elon Musk auf Twitter. Gina Thomas hält in der
FAZ mit dem Historiker
Robert Tombs dagegen. Es gebe, gibt sie Tombs wieder, "bestimmte Parallelen zum Jahr 1642, als in England der Bürgerkrieg ausbrach." Damals aber "habe den kaum jemand gewünscht. Dennoch sei der schlimmste interne Konflikt in der englischen Geschichte ausgebrochen. Tombs verwies auf die seinerzeitige Angst vor dem Verlust von Rechten, von Freiheiten und vor der Auslieferung an den Papismus oder den puritanischen Fanatismus. So unzufrieden die Menschen heute mit ihren Politikern auch seien, sosehr Masseneinwanderung und importierter religiöser Fanatismus jetzt für Unruhe sorgten, seien das Ausmaß der heutigen Ängste und die Paranoia geringer - trotz den in sozialen Medien gestreuten Verschwörungstheorien."
Zwar sind die falschen Angaben zu dem Täter von Southport direkt widerlegt worden, die Gründe für die Ausschreitungen in
Britannien rührten aber ganz woanders her, schreibt Thomas Kielinger in der
Welt: "Premierminister Keir Starmer, das wird offensichtlich, erbt eine
schleichende Entfremdung zwischen großen Teilen des Bürgertums und der offiziellen Politik, die zu lange der multikulturellen Ausdehnung Großbritanniens das Wort geredet hat als dem wichtigsten Positivum der Moderne. Im Grunde entspringt der Ruf '
Genug ist genug' keiner exklusiven Besorgnis des rechten Meinungsklimas, sondern hat die Köpfe weiter Kreise auch des mittleren Bürgertums ergriffen."