Wenige Wochen ist es her, dass russische Oppositionelle bei einem Gefangenenaustausch freikamen (
unsere Resümees).
Belarussische Oppositionelle waren nicht dabei, die westliche Welt sollte sich aber um sie bemühen, sagt die belarussische Oppositionelle
Tatiana Kolesnikowa, Schwester der inhaftierten Querflötistin Maria Kolesnikowa, zu Alice Bota in der
Zeit. "Beim Gefangenenaustausch zwischen Russland und dem Westen wurde ausgehandelt, wie hoch der Wert eines Menschenlebens ist, und die Antwort lautete: mehr als das rechtsstaatliche Urteil gegen einen Mörder, den Putin zurückhaben wollte - und schließlich bekam. Darauf beruft sich nun Kolesnikowas Schwester: Wer einmal nachgegeben hat, könnte es auch
ein zweites Mal tun, um Menschen zu retten. Hat der Austausch zwischen Russland und dem Westen nicht gezeigt, dass sich der Kampf um jedes Leben lohnt?"
Im
VAN-
Interview mit Merle Krafeld geht
Tatiana Kolesnikowa noch weiter auf die Haftbedingungen ihrer Schwester ein, die sich nun in Isolationshafts befindet, Kontakt zur Außenwelt ist ihr untersagt. "Sie wollen größeren Druck auf sie ausüben, um sie psychisch zu brechen. Vielleicht wollen sie sie glauben machen, dass sie im Jahr 2020 einen Fehler gemacht haben, und sie wollen ihnen weiß machen, dass sie
mittlerweile vergessen sind. Wir wissen, dass einigen Gefangenen in den Strafkolonien immer wieder gesagt wird: 'Du wurdest vergessen, niemand wartet draußen auf dich, man braucht dich nicht mehr.' Und ich glaube, das gilt auch für Maria und die anderen, die in Isolationshaft sind. Aber es ist auch ein Signal an die westlichen Länder, sich zu engagieren und vielleicht Verhandlungen aufzunehmen für die Freilassung der politischen Gefangenen, um die westlichen Länder wissen zu lassen: 'Wenn sie nicht von euch gerettet werden, werden diese Menschen
wahrscheinlich sterben.'"
Im ukrainischen Kamjanka steht ein Museum, das
Alexander Puschkin und
Peter Tschaikowski gewidmet ist. Durch den russischen Angriffskrieg ist das Erbe beider Künstler heftig umstritten und die ukrainische Regierung hat angeordnet, die Puschkin-Statue aus dem Park vor dem Museum zu entfernen,
berichtet Ivo Mijnssen in der
NZZ. "Bei Tschaikowsky wirkt die 70-jährige Direktorin Halina Taran hingegen etwas ratlos. Sie, die das Museum seit 1999 leitet, ist keine Revolutionärin und wohl auch keine glühende Nationalistin. 'Wir sollten Tschaikowsky
nicht dem Feind überlassen', sagt sie. Das heißt, dass sie ihn neu deutet, gewissermaßen als Proto-Ukrainer. 'Sein Urgroßvater hatte Kosaken-Wurzeln, aber er wusste das nicht', führt sie aus. (...) Die Bereitschaft, Tschaikowski entweder zu verstoßen oder als ukrainischen Künstler komplett neu zu erfinden, fehlt. Die Energie, dies neben dem Verteidigungskrieg zu tun, ist schlicht nicht da. Dazu kommt, dass die Position des Kulturministers in Kiew seit über einem Jahr unbesetzt ist. Weil dort wenig entschieden wird, steht auch die
Puschkin-Statue weiterhin an ihrem Ort."
Warum wählen im
Osten Deutschlands etwa doppelt so viele Menschen die
AfD wie im Westen? Es liegt nicht daran, dass sie die Demokratie nicht schätzen, meinen der
Religions- und Kultursoziologie Detlef Pollack und die
Autorin Susanne Schädlich in der
FAZ mit Blick auf eine Studie der Universität Münster, die Pollack gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern erstellt hat: "In dieser Studie kommen wir zu dem Ergebnis, dass ein
Dreiersyndrom aus Abwehr des Fremden, wahrgenommener Nichtanerkennung und Misstrauen gegenüber Institutionen entscheidend für die Ausbildung rechtspopulistischer Neigungen ist. Menschen, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern rechtspopulistische Parteien wählen, haben das Gefühl, die Politik greife auf ihre gewohnte Lebenswelt über. Sie mute ihnen zu, Zuwanderung und die damit verbundene wachsende kulturelle und ethnische Diversität willkommen zu heißen, und erwarte von ihnen, sie sollten Migranten mit ihren Steuerzahlungen finanziell unterstützen, neue Geschlechterverhältnisse und alternative Lebensstile akzeptieren und ihren Stolz auf das eigene Land bezähmen. Zugleich sehen sie sich in einer
inferioren Position und erleben sich als benachteiligt, als nicht anerkannt und nicht beachtet."
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine aktuelle, von der
FAZ in Auftrag gegebene Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, über die Thomas Petersen in der
FAZ berichtet: Die Ostdeutschen befürworten mehrheitlich durchaus die Demokratie, heißt es auch dort, doch die Umsetzung wird stärker kritisiert. Es entstehe dass "Gefühl,
immer mehr bevormundet zu werden. ... Meistens, so der Eindruck, wird das, was sie selbst im Alltag tun, als falsch, wenn nicht gar moralisch verwerflich gebrandmarkt. Bei den Bürgern kommt die Botschaft an: 'Du hast die falschen politischen Ziele, du fährst das falsche Auto, du isst das Falsche, du bist ein unmoralischer Mensch.' Dieses Gefühl ist heute auch in Westdeutschland weitverbreitet, doch in Ostdeutschland ist dies noch stärker der Fall." Denn es rührt dort an einen empfindlichen Punkt: "Natürlich wissen die meisten Ostdeutschen sehr gut, dass die Bundesrepublik keine Diktatur ist. Doch sie haben genug
Erfahrungen mit einem Staat gemacht, der ihnen bis ins Privatleben hinein vorschreiben wollte, was sie zu denken und wie sie sich zu verhalten hätten, um zu wissen, dass sie das nie wieder haben wollen."
Jessica Ramczik hat für die
taz mehrere Veranstaltung des
PEN in Ostdeutschland besucht, wo für die
Meinungsfreiheit geworben werden sollte. "Der Gesprächsbedarf ist auch in Dresden groß. Als Moderatorin Lydia Jakobi die Ergebnisse der Allensbach-Studie 2021 anspricht, wonach nur noch 65 Prozent der Befragten glaubten, dass man seine Meinung in Deutschland frei sagen könne, sieht man nickende Köpfe. Es sei nicht so sehr die Beschränkung der Meinungsfreiheit, die bedenklich sei, so Jakobi, vielmehr
fehle eine Diskussionskultur. Einer der Zuschauer, laut Handmeldung
Compact-Leser, sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland deutlich bedroht. Grundlage für diese Annahme sind die
750 Anzeigen wegen sogenannter Hassnachrichten, die das Habeck-Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und sein Abgeordnetenbüro gestellt hätten. Der Redebeitrag erntet Widerspruch. Es entspinnt sich eine Debatte über die Grenzen des Sagbaren. Dennoch: Am Ende scheint das Publikum sich selbst mit einer Teilnehmerin der Dresdner Corona-Spaziergänge darauf einigen zu können, dass es
mehr Zuhören im Diskurs brauche. Über die Ausformung ist man sich jedoch uneinig."
Außerdem: In Wien wurde das
Grabmal Sigmund Freuds geschändet, berichtet in der
FAZ Kira Kramer, die sich fragt, ob die Ablehnung von Judentum und Psychoanalyse "strukturanalog" ist.