Es gibt noch eine
andere Linke in Amerika als jene, die allein auf Differenzen und Identitäten setzt (und sie mit peniblen Kategoriensystemen in Social-Justice-Theorien wie Gender oder Queer Studies definiert), nämlich diejenige Linke, für die der übliche Verdächtige "
Neoliberalismus" heißt. Sie organisieren sich bei den "Democratic Socialists of America (
DSA)", einer immer einflussreicheren Organisation. Zu ihren Repräsentantinnen gehören
Alexandria Ocasio-Cortez oder die Israelkritikerin
Ilhan Omar, erklärt Thomas Assheuer in einem lehrreichen Hintergrundartikel in der
Zeit. Und auch die
Philosophin Nancy Fraser zählt dazu. Für sie ist der "Neoliberalismus" "jene unheilige Allianz aus Marktradikalen und
Kulturlinken, die in den Neunzigerjahren von
Bill Clinton geschmiedet worden sei. Clinton habe das Versprechen von Freiheit und
diversity benutzt, um seiner neoliberalen Politik den Charme des gesellschaftlichen Aufbruchs zu geben. Ohne Rückgriff auf den Feminismus ('mehr Frauen in Vorstandsetagen'), ohne den
spirit von
Antirassismus und Multikulti, von Lesben- und Schwulenbewegung, kurz: ohne die Verheißung von ethnischer Vielfalt,
empowerment und Aufstieg ('Streng dich an, dann schaffst du es') wäre es Clinton niemals gelungen, den Markt von der Kette und das Herz der Wall Street höher schlagen zu lassen - der Widerstand in der Bevölkerung wäre zu groß gewesen." Vielleicht ist es ja auch die Spaltung der Linken in diese beiden gleich gaga Fraktionen, die Trump erst ermöglichte?
Gesellschaft ist
keine Organisation, obwohl alle, die davon träumen sie zu ändern, sie wie eine Organisation behandeln wollen, schreibt
Armin Nassehi in der
FAZ. Von Belang ist diese Einsicht in Bezug auf die
Bekämpfung von Corona und die Frage, wie durchsetzbar Maßnahmen sind: "Politische Liberalität hat sich in der europäischen Denkgeschichte vor allem als
Schutzrecht gegenüber dem Staat durchgesetzt - wenn man so will: gegen die Organisierbarkeit der Gesellschaft. Sie musste Organisationen erfinden, um koordiniertes Verhalten trotzdem etablieren zu können: die Fabrik ebenso wie die Verwaltung, das Unternehmen ebenso wie Bildungsinstitutionen. Das Selbstbild des 'Gesellschaftlichen' dagegen ist
Freizügigkeit in dem Sinne eines möglichst wenig programmierbaren Verhaltens." Christian Rath
kritisiert unterdessen in der
taz, dass die neusten Corona-Maßnahmen wieder
Grundrechte einschränken - unter den Augen "
schläfriger Parlamente".
In der
NZZ kann der Philosoph
Maurizio Ferraris über jene Kollegen nur den Kopf schütteln, die
Coronamaßnahmen wie das
Tragen von Masken oder das Einschränken des Versammlungsrechts kritisieren: "Jeder, der es möchte, kann
dem eigenen Leben ein Ende setzen (…). Niemand hat jedoch das Recht, einen Infektionsherd zu bilden." Und weiter: "Die Philosophen, die sich gegen die Maskenpflicht auflehnen, bilden eine homogene Gruppe. Sie schreiben allesamt dem
Neoliberalismus jene Eigenschaften zu, die in der McCarthy-Ära dem Kommunismus vorgeworfen wurden: Sie sprechen mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit von fortschreitender Verwüstung, von
Nihilismus und Herrschaft der Technik, als würden wir noch im 19. Jahrhundert leben."
Ebenfalls im
NZZ-Feuilleton
rät die Neurowissenschaftlerin
Rebecca Böhme dazu, die Zeit der Kontaktbeschränkungen zu nutzen, indem wir "unseren eigenen
Berührungsbedürfnissen nachspüren, diese zulassen und uns selbst diese erfüllen." Viel retweetet wird eine
Visualiserung von Ansteckungsgefahren durch Corona in der englischsprachigen Ausgabe von
El Pais.