Wenn
Julian Assange an Amerika ausgeliefert und als Spion verurteilt wird, wird es
keine Whistleblower mehr geben, der Preis - 175 Jahre Haft - wird zu hoch sein,
warnt in der
Berliner Zeitung Milosz Matuschek, der sich wundert,
wie wenig in den Zeitungen über diesen Prozess berichtet wird: "Wenn Regierende oder Staatsbedienstete Verbrechen begehen und sich unter den Schutz des Staatsgeheimnisses flüchten, ist das Band zwischen Regierten und Regierenden durchschnitten. In einer Demokratie kann es keinen legitimen
Geheimnisschutz für Verbrechen Einzelner geben. Eine
Regierung, die das vor der Öffentlichkeit vertritt, putscht von oben nach unten. Ein
Justizsystem, welches das mitmacht, wird zum Komplizen. Und eine
Öffentlichkeit, die dazu schweigt, hat Demokratie nicht verstanden und letztlich auch nicht verdient."
Die
FAS hat zu Beginn der fehlenden
Buchmesse ein Dossier mit Schriftstellertexten zum
Thema "
Körper" gemacht. Hier spricht auch die Historikerin
Ute Frevert mit Novina Göhlsdorf über ihr
neues Buch "Mächtige Gefühle - Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung - Deutsche Geschichte seit 1900" und trifft eine Unterscheidung für die heutige Debatte: "Demokratien leben durch Streit und Auseinandersetzung. Die
Freund-Feind-Differenz aber hat hier keinen Platz. Demokratien kennen
Gegner, aber keine Feinde. Im Begriff des Feindes, der gehasst wird, steckt eine Vernichtungsenergie, die Demokratien fremd ist und sie zerstören würde. Das zentrale Demokratie-Gefühl heißt, seit dem 19. Jahrhundert,
Vertrauen - ein Vertrauen zwischen Staat und Bürgern, aber auch ein Vertrauen der Bürger untereinander, das ohne Bespitzelung und Denunziation auskommt."
In der
Berliner Zeitung glaubt die Schriftststellerin
Kathrin Schmidt, dass die Gefahren, die von
Covid ausgehen, vor allem
von der Pharmaindustrie hochgespielt würden, um Kasse zu machen. Doch traue sich kaum jemand, das zu sagen: "Es zeichnete sich in den letzten Jahren bereits sehr deutlich ab, dass die
Debattenkultur auch hierzulande schweren Schaden nimmt, wenn sie zu einer Art
Gesinnungsbeweiskultur verkommt. Ich vermisse auch Intellektuelle unter jenen, die sich dem nicht beugen wollen. Dabei weiß ich durchaus, wovon ich spreche: Zum Beispiel würde auch ich nicht wagen, meine derzeitige, nicht gerade einfache Hypothese der Überrumpelung oder Inhaftnahme von Regierungen weltweit durch
überwachungskapitalistische und pharmaindustrielle Interessenverbände, die sich dem Aus des kapitalistischen Finanzsystems im Februar/März 2020 gegenübersahen und denen ein plötzlich auftauchendes
Virus gerade recht kam, überall frank und frei und detailliert zu äußern, weil ich mich gesinnungsdiktatorischen Angriffen nicht gewachsen fühle."
Jede Gesellschaft braucht bei aller Streitlust und Debattenkultur auch
einen Konsens über das, was sie zusammenhält. Das ist keine Gesinnungsdiktatur,
antwortet die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin
Eva Horn auf Kathrin Schmidt. "Ob man es mag oder nicht: wir leben derzeit tatsächlich in einer
Expertokratie, einem politischen System, das nicht von demokratischen Abstimmungen oder Aushandlungsprozessen bestimmt ist, sondern von Sachzwängen. Und was diese Sachzwänge sind, erklären uns Wissenschaftler." Richtig sei, dass es auch Wissenschaftler wie
Wolfgang Wodarg und
Sucharit Bhakdi gebe, die Corona für nicht schlimmer als eine Grippe halten: "Wissenschaft lebt von Kontroverse, oft wird hitzig diskutiert, es werden Review-Prozesse eingeleitet und Positionen modifiziert. Bemerkenswert ist, dass Corona-Skeptiker wie Wodarg oder Bhakdi diesen Selbstreinigungsprozess der Wissenschaft aber
gerade vermeiden. Sie
publizieren nicht in Journalen, die ihre Qualität durch aufwendige Review-Verfahren sichern, sondern als populäres Buch, im Fernsehen oder ein YouTube-Video. ... Was so entsteht, ist eine Debatte, die auf Laien
wirken mag wie eine wissenschaftliche Diskussion. Aber sie ist es nicht."