9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 110 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2020 - Ideen

In der NZZ wird der Autor Ulf Erdmann Ziegler ganz lyrisch, wenn er die Menschen betrachtet, deren Gesichter vom Schein des Handys beleuchtet werden, über das sie sich gerade beugen. "Das Phone ist ein digitales Feuer. Sein kühler Schimmer täuscht, es ist in Wirklichkeit wärmend, ein kleines Lagerfeuer, das nie ausgeht und völlig ungefährlich zu transportieren ist. Das blaue Licht bedeutet den Kontakt mit der Menschheit. Oder ist es nicht sogar so, dass es einen überhaupt erst zum Menschen macht? Der Hund ist da ganz anders, der will überhaupt kein Bild von sich selbst sehen. Ich sehe Menschen auf den Straßen, die beseelt oder sogar beglückt in ihr Phone schauen. Das ist interessant, wie Gespräche die Telefonierenden anspannen, die Textnachrichten sie aber entspannen. Da hatten die Kalifornier ihren Blaise Pascal wohl gut gelesen."
Stichwörter: Pascal, Blaise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2020 - Ideen

Es ist sozusagen Buchmesse. Die Büchertische biegen sich unter Identitätspolitik und modischer Selbstbehauptung. Das ist einer der großen Trends auf dem Buchmarkt und in den Lifestyle-Magazinen. Tania Martini nimmt ihn in der heutigen Messebeilage der taz auseinander. Irgendwie wird der ursprünglich ironische und skeptische Impuls der Postmoderne in diesen Bewegungen, die sich auf sie beziehen, ad absurdum geführt, findet sie: "Schließlich fand man den Gedanken, dass Identitäten nur konstruiert sind, um uns an das zu fesseln, was wir sein sollen, aber vielleicht gar nicht sein wollen, ziemlich gut. Die Freiheit, die in der Dekonstruktion aufschien, war das Gegenteil von Safe Spaces, man begehrte nicht Verbote und forcierte schon gar keine Geständniskultur, sondern suchte lieber das Spiel mit den Masken, wie es bei Michel Foucault hieß, der das wunderbar lapidar auf den Punkt brachte: 'Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: Das ist eine Moral des Personenstands; sie beherrscht unsere Papiere.' Gegenwärtig ist das anders."

Ebenfalls in der taz-Beilage würdigt Ulrike Herrmann den diesjährigen Friedenspreisträger Amartya Sen (die FAZ bringt zugleich als Vorabdruck einen Sen-Essay über "wechselseitige Abhängigkeit und globale Gerechtigkeit"). Und Tom Wohlfarth unterhält sich mit der Philosophin Eva von Redecker über ihr Buch "Revolution für das Leben", in dem sie über neue Protestbewegungen nachdenkt.

Homeoffice hat sich in Coronazeiten zur neuen Normalität entwickelt. Das hat nicht nur Vorteile, warnt der französische Intellektuelle Eric Sadin in einem Artikel, den die Welt aus Liberation übernommen hat: "Für sehr viele Menschen bedeutet das Homeoffice sehr viel schlechtere Arbeitsbedingungen aufgrund von Platzmangel, der Anwesenheit anderer Familienmitglieder im Haushalt und der Pflicht, zwischen verschiedenen Aktivitäten zu jonglieren, vor allem aber der Unterstützung der Kinder bei ihren Schulaufgaben. Diese desorientierende Vermischung von Privat- und Berufsleben verhindert eine eindeutige und ausgewogene Aufteilung der Aktivitäten, was oftmals als neue Form des Burn-outs erlebt wurde. Der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ist ins Innere der Privaträume verlagert worden. Damit sind automatisch auch arbeitsrechtliche Fragen bezüglich des Arbeitsmaterials verbunden, seiner Nutzung wie des Energieverbrauchs. Auch den ökologischen Aspekt, der durch die allgemeine und ununterbrochene Vernetzung entsteht, darf man nicht außer Acht lassen." Vor allem aber sorgt ihn die drohende Auflösung des "sozialen Körpers" der Gesellschaften.

Droht uns die Rückkehr der religiösen Zensur, fragt Pascal Bruckner in der NZZ nach der jüngsten Attacke auf Charlie Hebdo: "Es ist eine hervorragende Sache, dass wir uns heute in Frankreich über Jesus, den Papst und die Evangelien lustig machen können, ohne uns der geringsten Gefahr auszusetzen. Doch es ist bedenklich, dass Vertreter einer einzigen Religion, jener von Mohammed, den Status der Unberührbarkeit reklamieren und Leute mit dem Tod bedrohen, wenn sie sich ihrer Ordnung widersetzen. Eine Demokratie darf das nicht hinnehmen. Vielmehr muss sie sich dauernd der schwierigen Aufgabe stellen, die Religionsfreiheit genauso zu schützen wie die Freiheit, Religionen zu kritisieren. Einzig Gläubige zu unterdrücken oder sie an der Ausübung ihres Glaubens zu hindern, ist verboten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2020 - Ideen

Wenn Julian Assange an Amerika ausgeliefert und als Spion verurteilt wird, wird es keine Whistleblower mehr geben, der Preis - 175 Jahre Haft - wird zu hoch sein, warnt in der Berliner Zeitung Milosz Matuschek, der sich wundert, wie wenig in den Zeitungen über diesen Prozess berichtet wird: "Wenn Regierende oder Staatsbedienstete Verbrechen begehen und sich unter den Schutz des Staatsgeheimnisses flüchten, ist das Band zwischen Regierten und Regierenden durchschnitten. In einer Demokratie kann es keinen legitimen Geheimnisschutz für Verbrechen Einzelner geben. Eine Regierung, die das vor der Öffentlichkeit vertritt, putscht von oben nach unten. Ein Justizsystem, welches das mitmacht, wird zum Komplizen. Und eine Öffentlichkeit, die dazu schweigt, hat Demokratie nicht verstanden und letztlich auch nicht verdient."

Die FAS hat zu Beginn der fehlenden Buchmesse ein Dossier mit Schriftstellertexten zum Thema "Körper" gemacht. Hier spricht auch die Historikerin Ute Frevert mit Novina Göhlsdorf über ihr neues Buch "Mächtige Gefühle - Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung - Deutsche Geschichte seit 1900" und trifft eine Unterscheidung für die heutige Debatte: "Demokratien leben durch Streit und Auseinandersetzung. Die Freund-Feind-Differenz aber hat hier keinen Platz. Demokratien kennen Gegner, aber keine Feinde. Im Begriff des Feindes, der gehasst wird, steckt eine Vernichtungsenergie, die Demokratien fremd ist und sie zerstören würde. Das zentrale Demokratie-Gefühl heißt, seit dem 19. Jahrhundert, Vertrauen - ein Vertrauen zwischen Staat und Bürgern, aber auch ein Vertrauen der Bürger untereinander, das ohne Bespitzelung und Denunziation auskommt."

In der Berliner Zeitung glaubt die Schriftststellerin Kathrin Schmidt, dass die Gefahren, die von Covid ausgehen, vor allem von der Pharmaindustrie hochgespielt würden, um Kasse zu machen. Doch traue sich kaum jemand, das zu sagen: "Es zeichnete sich in den letzten Jahren bereits sehr deutlich ab, dass die Debattenkultur auch hierzulande schweren Schaden nimmt, wenn sie zu einer Art Gesinnungsbeweiskultur verkommt. Ich vermisse auch Intellektuelle unter jenen, die sich dem nicht beugen wollen. Dabei weiß ich durchaus, wovon ich spreche: Zum Beispiel würde auch ich nicht wagen, meine derzeitige, nicht gerade einfache Hypothese der Überrumpelung oder Inhaftnahme von Regierungen weltweit durch überwachungskapitalistische und pharmaindustrielle Interessenverbände, die sich dem Aus des kapitalistischen Finanzsystems im Februar/März 2020 gegenübersahen und denen ein plötzlich auftauchendes Virus gerade recht kam, überall frank und frei und detailliert zu äußern, weil ich mich gesinnungsdiktatorischen Angriffen nicht gewachsen fühle."

Jede Gesellschaft braucht bei aller Streitlust und Debattenkultur auch einen Konsens über das, was sie zusammenhält. Das ist keine Gesinnungsdiktatur, antwortet die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Eva Horn auf Kathrin Schmidt. "Ob man es mag oder nicht: wir leben derzeit tatsächlich in einer Expertokratie, einem politischen System, das nicht von demokratischen Abstimmungen oder Aushandlungsprozessen bestimmt ist, sondern von Sachzwängen. Und was diese Sachzwänge sind, erklären uns Wissenschaftler." Richtig sei, dass es auch Wissenschaftler wie Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi gebe, die Corona für nicht schlimmer als eine Grippe halten: "Wissenschaft lebt von Kontroverse, oft wird hitzig diskutiert, es werden Review-Prozesse eingeleitet und Positionen modifiziert. Bemerkenswert ist, dass Corona-Skeptiker wie Wodarg oder Bhakdi diesen Selbstreinigungsprozess der Wissenschaft aber gerade vermeiden. Sie publizieren nicht in Journalen, die ihre Qualität durch aufwendige Review-Verfahren sichern, sondern als populäres Buch, im Fernsehen oder ein YouTube-Video. ... Was so entsteht, ist eine Debatte, die auf Laien wirken mag wie eine wissenschaftliche Diskussion. Aber sie ist es nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2020 - Ideen

FAZ-Autorin Marie-Luise Knott liest in der Hanna-Arendt-Ausstellung in Berlin einen Brief Arendts an den Autor Ralph W. Ellison, in dem Arendt zugibt, eine Episode im Kampf der Schwarzen gegen die Segregation in den Südstaaten in einem Zeitungsartikel falsch verstanden zu haben. In dem Artikel hatte sie kritisiert, dass die Bürgerrechtsbewegung Schuldkinder gegen einen Mob wütender Weiße in eine Schule geschickt hatten, um für Gleichstellung zu protestieren: "Aus der Geschichte der Juden in Deutschland hatte Arendt in den dreißiger Jahren die Lehre gezogen, dass es strikt auf rechtliche/politische Gleichheit ankam, nicht auf die Abschaffung von Unterscheidungen und Vorurteilen. Denn vor Vorurteilen - das hatte sie am eigenen Leibe erfahren - war man 'nur auf dem Monde' sicher; soziale Unterscheidung ('discrimination') entsprach ihrer Ansicht nach einem zutiefst menschlichen Bedürfnis, dem man nicht mit Gesetzen beikommen könne."

Wir leben in einer Zeit des Ekels, der von Corona nur noch verschärft wird, schreibt der Philosoph Philipp Tingler in der NZZ. Seinen eigentlichen Ursprung lokalisiert er in der Identitätspolitik von rechts (etwa bei Trump), aber auch von links (etwa in der "Heuschrecken"-Metapher): "Spätmoderne Identitätspolitik, von rechts oder links, ruht regelmäßig auf zwei gleichermaßen fragwürdigen Prämissen: einerseits der Idee vom Selbst als Substrat, als fester Entität und Essenz. Andererseits auf einer tendenziell angewiderten Fixierung auf das vermeintlich Andere, das als wesensmäßig, also essenziell verschieden begriffen wird, und 'verschieden' fungiert hier gerne als Euphemismus für unsauber, barbarisch und daher auch moralisch verwerflich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2020 - Ideen

In der NZZ diagnostiziert der Philosoph Alexander Grau die Wiederkehr des autoritären Charakters. Diesmal in Form einer Linken, die "Intoleranz als Toleranz ausgeben. Ihren politischen Gegnern begegnen sie daher mit konsequenter Ausgrenzung, Diskreditierung, gezielter Delegitimierung und allen Techniken der Meinungsmache. Der autoritäre Charakter ist durch die gesellschaftlichen Umwandlungsprozesse der letzten Jahrzehnte nicht verschwunden, er hat lediglich die antiautoritäre Rhetorik übernommen und in ihr Gegenteil verkehrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2020 - Ideen

Die Feministin Susanna Rustin erklärt in einem Guardian-Essay, warum sie keine Butlerianerin ist - weil der Körper für Identität nun mal eine Rolle spielt: "Wir verstehen sexuelle Unterschiede als eine wichtige Facette menschlicher Erfahrung und streben eine Form der Gleichheit an, die diese anerkennt. Wir akzeptieren das viel neuere Konzept der Gender-Identität (das Gefühl, männlich oder weiblich zu sein) nicht als Ersatz. Und wir halten die Idee, dass 'Geschlecht' zugunsten einer inklusiveren Terminologie verworfen werden kann, wie sie von butlerianischen Feministinnen vertreten wird, für naiv. Denn wenn man nicht mehr über 'Geschlecht' spricht und nicht mehr darüber nachdenkt, wie werden wir dann geschlechtsspezifische Unterdrückung erkennen und bekämpfen, nicht nur in westlichen Ländern, sondern auf der ganzen Welt?" (Ergänzend sei dazu auf diesen Artikel des australischen Philosophen Paul Griffith in Aeon hingewiesen, der erklärt, warum die Biologie den Begriff "Geschlecht" braucht, ohne dabei aber die vielen Spielarten zu übersehen.)

Schon der aus Deutschland emigrierte Soziologe Leo Löwenthal hat 1949 in seiner Untersuchung "Falsche Propheten", an die Thomas Assheuer in der Zeit erinnert, sehr aktuell klingende Erklärungen für auch damals schon munter kursierende Verschwörungsfantasien formuliert: "Wenn Leo Löwenthal recht hat, dann fallen Verschwörungsnarrative immer dann auf fruchtbaren Boden, wenn der psychische Apparat des Einzelnen mit einer verwirrend komplexen Gegenwart überfordert ist, genauer: wenn es dem Einzelnen unmöglich ist, seine Krisenwahrnehmungen in ein sinnvolles Schema 'einzulesen', und er das Gefühl bekommt, dem Weltgeschehen wehrlos ausgeliefert zu sein. Verschwörungsgeschichten versprechen Abhilfe, denn ihre Erfinder sind Fachleute fürs Menetekel." Nun müssen wir noch klären, wie das ohne Facebook möglich war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2020 - Ideen

Charlotte Wiedemann, lange Auslandsreporterin der taz, reibt sich in einem Essay die Augen und findet rassistische Bemerkungen bei Autoren, die sie verehrte, Primo Levi etwa, Albert Camus, der für sie durch einen Satz über "Primitive aus Zentralafrika", die die Revolte nicht denken können, vollends disqualifiziert ist, und selbst die Säulenheilige Hannah Arendt. "Wer vors Bücherregal tritt, findet daran heute nur begrenzt noch Halt", konstatiert sie. Und "die Architektur von Wissen zu dekonstruieren, Kulturgeschichte neu zu schreiben, das sind Ziele an einem sehr fernen Horizont. Aber sie können helfen, die Richtung zu peilen - und immer wieder die Ahnung zu tanken, um was für ein fantastisches großes Unterfangen es sich handelt, während die kleine graue Gegenwart mit Bahnhofsumbenennungen ringt." Auffällig übrigens, dass sich Wiedemanns Kritik an drei Denkern des Antitotalitarismus entzündet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2020 - Ideen

In der NZZ bricht der Historiker Andreas Rödder eine Lanze für einen liberalen Konservatismus, der sich gegen die Extreme von links und rechts wehrt. Aber was genau meint er damit? "Die Grundlagen eines liberalen Konservatismus im frühen 21. Jahrhundert sind die der offenen Gesellschaft: die Menschenwürde und der Rechtsstaat, der Ordnung und Humanität sichert; liberale Demokratie und Marktwirtschaft; individuelle und persönliche Freiheit sowie die Entfaltungsfreiheit gesellschaftlicher Institutionen wie Familie, Vereine oder Kirchen. Hinzu kommen der Vorrang gesellschaftlicher Selbstorganisation vor staatlicher Intervention und das Prinzip der Subsidiarität, das individuelle Selbstverantwortung und kollektive Solidarität (in dieser Reihenfolge) verbindet. Wenn es um diese Grundlagen geht, sagen liberale Konservative gegenüber allen Ideologisierungen entschieden Nein: gegen Abwertungen von Gruppen ebenso wie gegen gruppenbezogene Sozialtechnokratie und moralisierende Sprachregulierung, gegen 'Ausländer raus' ebenso wie gegen 'no nations, no borders'. Alles Weitere ist Aushandlung, und dafür existieren keine apriorischen Kategorien."

In der Welt setzt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr eher auf eine neue, zivilisiertere Streitkultur und mehr Mitbestimmung aller Gesellschaftsschichten an politischen Entscheidungen: "In Irland hat sich ein Bürgerrat etwa erfolgreich mit der 'Ehe für alle' auseinandergesetzt. In absehbarer Zeit wäre bei uns unter anderem an Bürgerräte über einen guten gesamtgesellschaftlichen Umgang mit den Corona-Impfungen oder über kommunale Strategien zur Klimaneutralität der Städte zu denken. Die Bürgerräte stehen in der Tradition der Rätebewegung, sollen das Repräsentativsystem jedoch nicht ablösen, sondern ergänzen. Legitimiert werden sie nicht durch Wahlen, sondern indem sie paritätisch durch Losverfahren aus allen Gruppierungen der Bevölkerung gebildet werden. Sie unterlaufen die Zwänge der Wiederwahl, indem sie einmalig zu einem drängenden politischen Problem für einen begrenzten Zeitraum eingesetzt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2020 - Ideen

Was können Nationalstaat und Demokratie im 21. Jahrhundert noch bedeuten, fragt sich der spanische Philosoph José Luis Villacañas Berlanga in der NZZ, und wie können sie im Zeitalter der Globalisierung und der neuen pseudodemokratischen Großreiche gerettet werden? Sein Vorschlag: Föderalismus und Dezentralisierung. "Francisco Pi i Margall, ein bedeutender spanischer Denker des 19. Jahrhunderts, der die Schweiz als Ideal der Verfassungswirklichkeit schätzte, schlug etwa vor, nicht von einem, sondern von drei politischen Prinzipien mit je verschiedenen Bereichen des Handels auszugehen. Er wies die Dimension des alltäglichen Lebens der Stadt zu, die Dimension der Geschichte dem Land und die Dimension der Vernunft dem Staat. Die Vernunft des Staats war dabei nicht als Anspruch einer Überlegenheit konzipiert, sondern als Verpflichtung, Gründe zu finden, welche die Städte und Länder dazu brächten, den Staat zu unterstützen. Offensichtlich ging es Pi i Margall hier um mehr als eine bloße Dezentralisierung und eine Delegierung der Politik an die beiden anderen Dimensionen. Im Zentrum der föderalen Strukturen sollte die Energie wirken, durch freien Austausch und Umgang zu gemeinsamem Handeln hinsichtlich der wesentlichen menschlichen Anliegen zu gelangen."

In einem ausgesprochen schwafeligen Interview mit Peter Unfried von der taz träumt der populäre Philosoph Markus Gabriel unter anderem von einem Job in China: "Jetzt nehmen die noch deutsche Philosophen oder französische Sonstetwas, man kriegt tolle Gehälter - aber lange wird das nicht mehr so sein. In fünf oder zehn Jahren werden sie sagen: Europäer, was soll das? Deshalb brauchen wir - Europäer, Chinesen, alle - gemeinsame moralische Werte, auch aus strategischen Gründen. Denn es bringt ja nichts, wenn wir die Ausbeutung nur umkehren. Wenn Ausbeutung schlecht ist, muss das künftig global gelten."

Mit der Corona-Pandemie machen wir gerade "die typisch 'existenzialistische' Erfahrung, dass unser Leben, trotz den Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Moderne, plötzlich dem Ungewissen, Absurden, ja Katastrophalen ausgesetzt ist. Das muss das Vertrauen in die wunderbare, auf Rationalität gegründete Zivilisiertheit unterhöhlen", meint der Philosoph und Physiker Eduard Kaeser in der NZZ. "Wohl nicht wenige Menschen dürften in der gegenwärtigen Situation zumindest den Anhauch dieser Grundbefindlichkeit verspüren - wogegen übrigens keine Gesichtsmaske hilft. Die Befindlichkeit verlockt zu einem neuen Slogan: Existenz vor Identität. Die Brisanz ist offensichtlich", weshalb wir vor allem die "elementare Botschaft der Existenzialisten" beherzigen sollten: "Ungewissheit ist das unauslöschliche Kennzeichen unserer Existenz - und gerade deswegen eine Ressource der Menschlichkeit. Denn sie bringt das universelle Bedürfnis nach Vertrauen und Solidarität hervor."

Weiteres: Im Tagesspiegel erzählt Redakteur Joachim Huber von den Folgen seiner Corona-Erkrankung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Ideen

Die Kunstzeitschrift Texte zur Kunst hat ein Themenheft mit dem Titel "Anti-Antisemitismus" gemacht (Inhaltsverzeichnis), in dem man sich den Kopf über die Frage zerbricht, ob man "links" und dennoch für Israel und vor allem gegen die Israelboykottbewegung BDS sein kann. Die Frage sei, "wie man über Antisemitismus sprechen kann, ohne intersektional mit ihm verbundene, andere Formen von Diskriminierung zu übergehen", heißt es im Vorwort der Ausgabe. Und wie man mit BDS umgehen soll, daraus wurde sich die Redaktion nicht ganz eins: "So war die Zusammensetzung eines geplanten Roundtable-Gesprächs zur BDS-Bewegung, der unter anderem deswegen nicht zustande kam, da es einigen der angefragten Diskutant*innen zu BDS-kritisch erschien, Gegenstand fortwährender Diskussionen - nicht zuletzt darüber, ob und wie arabische und palästinensische Stimmen hier repräsentiert sein sollten." Der Anlass des Heftes ist wohl auch das, was man den "postcolonial turn" in der Kunst nennen könnte, der BDS in Kunstmilieus so populär gemacht habe: "So hat die Zahl der Sympathisant*innen dieser Bewegung gerade auch in uns nahestehenden Kontexten und Milieus in den letzten Jahren markant zugenommen." Und dabei würden "ideologisch problematische Positionen oftmals unkritisch hingenommen".

Darauf antwortet nun auf der Website der Zeitschrift eine Autorengruppe aus dem Beirat der Zeitschrift, der unter anderem Diedrich Diederichsen angehört, und die erst mal den eigentlichen Ort des Antisemitismus festnagelt: "Das Erstarken antisemitischer Strömungen auch in Deutschland, das nicht nur hierzulande mit zunehmendem Nationalismus und dem Erstarken neuer reaktionärer Koalitionen einhergeht, ist alarmierend." Das Heft richte stattdessen "die Aufmerksamkeit auf andere Szenen". Man wendet sich dagegen, ein Heft als "Anti-BDS-Nummer" zu machen: "Wir halten die damit nahegelegte Identifikation der von durchaus heterogenen Kräften getragenen Organisation des BDS mit Antisemitismus für politisch fatal, und zwar unabhängig davon, wie man selbst zum BDS stehen mag. Diese Identifikation, die in Deutschland dazu führt, dass BDS-Unterzeichner*innen nicht mehr öffentlich auftreten dürfen, wenn eine Veranstaltung von Staatsgeldern finanziert ist - siehe Judith Butler als prominentester Fall -, verschließt die notwendige politische Diskussion."

Die Heft-Redaktion rudert in einer Antwort auf die Antwort zurück: "Auch wenn die Auseinandersetzung mit BDS aus aktuellem Anlass im Vordergrund steht, wird nicht behauptet, dass es sich hierbei um eine monolithische, in jeder ihrer - ja oft berechtigten - Forderungen antisemitische und daher zu boykottierende Bewegung handelt." Im Tagesspiegel hat Caroline Fetscher das Heft rezensiert. In der taz wurde es von Andreas Fanizadeh besprochen.

"Heute leben wir im Zeitalter des Posthistoire, der Nach-Geschichte. Auch das Vergangene soll uns gleichen, und wo es uns nicht gleicht, wollen wir nichts davon wissen", konstatiert in der Berliner Zeitung Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, der auch der Aktualisierung von historischen Romanen und Filmen nicht viel abgewinnen kann: "Das gilt insbesondere für jene 'Kultur des Löschens' (Cancel Culture), die Zeugnisse der Vergangenheit aus dem Kollektivgedächtnis tilgen will, wenn sie unser heutiges Empfinden verletzen. Diese Form geschichtlicher Zensur führt gründlich in die Irre. Denn unser zukünftiges Leben können wir nur dann bestmöglich gestalten, wenn wir, wie es der Philosoph Odo Marquard formuliert hat, unsere Herkunft kennen."