9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2020 - Ideen

Jonathan Rauch entwickelt auf der von Yascha Mounk ins Leben gerufenen Plattform Persuasion einen Kriterienkatalog, um kritische Kultur von "Cancel Culture" zu unterscheiden. Eines seiner Kreterien ist "Deplatforming": "Eine kritische Kultur toleriert Dissens, statt ihn zum Schweigen zu bringen. Sie versteht, dass Dissens unausstehlich, schädlich, hasserfüllt und, ja, unsicher erscheinen kann. Um unnötigen Schaden zu minimieren, unternimmt sie große Anstrengungen, damit die Menschen sich in zivieler Weise äußern. Sie versteht aber auch, dass selbst ein unausstehlicher Andersdenkender von Zeit zu Zeit Recht hat - und lehnt es daher ab, ihn zum Schweigen zu bringen und von der Plattform zu verbannen. Cancel Culture hingegen versucht, ihre Ziele niederzuschreien. Ihre Anhänger definieren den bloßen Akt der Uneinigkeit mit ihnen oft als eine Bedrohung ihrer Sicherheit oder sogar als einen Gewaltakt."

In der NZZ fühlt der Literaturwissenschaftler Hans-Dieter Gelfert dem tief verwurzelten Erbe des amerikanischen Puritanismus auf den Zahn. War der ursprüngliche Puritanismus noch von Intellektualität geprägt, zeichnet er sich heute durch eine "erschreckende geistige Dürftigkeit" aus, schreibt Gelfert etwa mit Blick auf das amerikanische Gesundheitssystem: "Die Puritaner waren gemäß der calvinistischen Prädestinationslehre einerseits von der Hoffnung beseelt, zu den von Gott Erwählten zu gehören, während sie andererseits in der Ungewissheit lebten, ob dies auch wirklich der Fall sei; denn sie selber konnten gemäß der Lehre nichts zur Erlangung dieses Gnadenstands beitragen. So bildete sich früh die Überzeugung heraus, dass irdischer Erfolg ein göttliches Zeichen für Erwähltheit sei; denn weshalb sollte Gott Erfolg an Menschen verschwenden, die er für die Hölle bestimmt hatte? Durch diese Überzeugung wurde der Puritanismus zum Motor der kapitalistischen Marktwirtschaft, deren Wettbewerbscharakter nirgendwo so extrem ausgeprägt ist wie in den USA. Ein so universaler, das ganze Leben bestimmender Wettbewerb setzt aber voraus, dass keine menschliche Instanz und schon gar nicht der Staat in ihn eingreift und damit unfaire Bedingungen schafft."

Ebenfalls in der NZZ versucht Eduard Kaeser zu erklären, weshalb Staaten wie USA, China oder die Türkei die "guten alten Zeiten" beschwören: "Gerade in der globalen Dynamik, die althergebrachte Futterale der Identität auflöst, stellen heute viele Menschen einen Identitätsmangel fest, und diesen Mangel suchen sie mit Geschichten über eine fiktive Identität zu beheben, die sie früher zu haben glaubten, in ihrer Familie, Kultur, Religion, Nation. Dieses Phantasma einer reinen und homogenen Gruppe, in der man aufgehoben war, ist zugleich Balsam und Gift."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Ideen

Die junge Autorin Ronya Othmann predigt in der taz  zu jenen, zu denen sie gehören möchte, und die doch ihre Kritk am Islamismus nicht hören wollen: "Der Kampf gegen den Islamismus ist Teil des antifaschistischen Kampfes." Othmann, die aus eine deutsch-jesidischen Familie kommt, hält all jenen, die vor allem "antimuslimischen Rassismus" fürchten, entgegen:  "Auch in Antira- und Bipoc Communitys wird geschwiegen und relativiert, etwa mit dem Argument, es gebe weitaus mehr Todesopfer rechter als islamistischer Gewalt in Deutschland. Ich finde es zynisch, Todesopfer gegeneinander aufzurechnen. Oft habe ich Muslim*innen klagen hören, es werde zu viel über den 11. September, den Terror des 'Islamischen Staats' in Irak und Syrien geredet. Das würde doch nur antimuslimische Ressentiments verstärken. Auch das finde ich als Ezîdin, deren Familie von diesem Terror betroffen ist, zynisch." Othmann veröffentlicht demnächst ihren ersten Roman, in dem es auch um diese Thematik geht.

Wie ein Maulwurf wühlt der Hegelsche Weltgeist im Erdreich der Geschichte, schreibt Thomas Assheuer in einem Zeit-Essay zum 250. des Philosophen, oder auch wie ein Virus und bringt am Ende das Gute hervor: "Wenn nicht alles täuscht, dann sind es die Folgen des Coronavirus, die unterdrückte Konflikte ans Licht holen. Gewiss, das Virus ist nicht der Weltgeist, aber es befeuert eine globale Revolte. Das Verlangen nach einer sozialen Demokratie, hätte Hegel gesagt, ist die 'Rose im Kreuz' der Gegenwart."

In einem seltsamen FAZ-Essay über das Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgrichts vom Febraur beschwert sich Edo Reesnts über den seiner Meinung nach gefühllosen Säkularismus der Richter: "Ein Verfassungssystem, das auch in Gerichtssälen keine Kreuze mehr zulässt, kann sich um einen geistigen Überschuss, ob nun philosophischer oder religiöser Art, nicht mehr kümmern... Ungerührt hat Karlsruhe die letzten Reste eines metaphysischen Schleiers entfernt, den die Menschen noch um Fragen des Lebens und des Sterbens gehüllt haben mögen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2020 - Ideen

Die SZ druckt die Rede, die Achille Mbembe auf der Ruhrtriennale gehalten hätte, wenn die nicht abgesagt worden wäre. Darin macht er mehr oder weniger den Kapitalismus verantwortlich für allen Schlamassel auf der Erde, inklusive Covid 19. Die Corona-Toten sieht er denn auch als "Blutopfer" auf dem Altar des Kapitalismus. Egal ob die Politik Schutzmaßnahmen beschließt oder nicht, am Ende sterben immer die Armen, am Hunger oder an Corona: Das "Recht auf Existenz wird immer weniger zu trennen sein von seinem Gegenpart: der Frage, wer die Ansteckung in sich trägt, wer also eliminiert werden kann, damit die Masse überlebt. Dass die scheinbar gesundheitspolitischen Entscheidungen letztlich das Überleben derer bedrohen, die unerwünscht sind, ist momentan das große Risiko. Dieses Risiko liegt den von der Ökonomie entliehenen Maßstäben ebenso zugrunde wie den neuen staatlichen Maßnahmen, die durch die Pandemie möglich wurden."

Mit Rechten reden ist so eine Sache. Aber lesen, was Rechte schreiben, ist aufschlussreich - und geschieht viel zu selten. Florian Sprenger studiert für die Pop-Zeitschrift die rechte ökologische Zeitschrift Die Kehre, die von einem Mitarbeiter eines AfD-Abgeordneten im Bundestag betrieben wird. "Zurückgekehrt werden soll zu der einen Ökologie, die einer Metaphysik des Ganzen gehorcht, dieses holistisch über den Zusammenhang seiner Bestandteile stellt und dabei berücksichtigt, dass man ein Volk nicht von seinem Lebensraum trennen kann, ohne ihm die (Über-)Lebensgrundlage zu entziehen. Damit sind jene ökologischen Ansätze angesprochen, die in der Zwischenkriegszeit ihre Blüte hatten und nicht zufällig an nationalsozialistische Ideologien anschlussfähig waren, sondern diese Nähe aktiv gesucht haben - zumeist, dies sei jedoch gesagt, mit wenig Erfolg. Die Nähe von Holismus und Faschismus ist jedoch nicht nur ein Verhältnis der Rezeption, sondern eine Geistesverwandtschaft."

In der FAZ kritisiert Simon Strauß die reflexhafte Ablehnung aller Vorschläge rechter Politiker, auch wenn sie mal was nicht Kritikwürdiges tun. Wie jetzt der neue rechte Bürgermeister von Perpignan, Louis Aliot, der ankündigte, das brachliegende "Centre d'Art Contemporain Walter Benjamin" als Erinnerungsort für Flucht und Vertreibung wieder zu eröffnen. Für die Berliner Akademie kommt das laut Präsidentin Jeanine Meerapfel "einer neuen Schändung und Verfolgung seiner Person gleich". "Geht's noch?", fragt Strauß empört. "Würde sich eine Akademie-Präsidentin in anderem Zusammenhang so eine Geschmacklosigkeit leisten, würde ihr Rücktritt gefordert. Hier aber werden die meisten Empfänger des Schreibens die Sache überfliegend abtun und davon überzeugt sein, es diene ja einer guten Sache, sei irgendwie gegen rechts und damit sowieso gerechtfertigt. Ist es aber nicht. Wer hat denn welches Recht, sich an wen wie zu erinnern?"

Im stramm linken amerikanischen Magazin Jacobin erinnert Leigh Phillips die Linke daran, dass die Verteidigung der Meinungsfreiheit immer ein urlinkes Anliegen war: "David Goldberger, der jüdische ACLU-Anwalt, der sich der Redefreiheit so sehr verpflichtet fühlte, dass er 1977 eine Gruppe von Chicagoer Nazis vor Gericht vertrat, um ihr Recht zu verteidigen, durch Skokie, Illinois, zu marschieren, erkannte, dass gerade in solchen Fällen der Kampf um Freiheit gewonnen oder verloren wird. Viele Progressive sind sich heute nicht bewusst, dass der Kampf für freie Meinungsäußerung ein zentrales Projekt der Linken war... Heute sind zu viele moderne Linke, vor allem jüngere, der Redefreiheit gegenüber gleichgültig geworden oder, schlimmer noch, sie betrachten die Verteidigung der Redefreiheit als etwas, das der Linken fremd ist, als eine Waffe der Unterdrückung. Dies ist eine historische Katastrophe. Jahrhundertelang, von den Säuberungen Stalins über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Tötungsfeldern Kambodschas, begingen diejenigen, die den Mantel der Emanzipation beanspruchten, ihr größtes Übel, als die Linke die bürgerlichen Freiheiten aufgab und sich dem Gruppendenken verschrieb, das angeblich im Dienste eines 'höheren Gutes' stand."

Die Entscheidungen, die Wladimir Putin über die Krim gefällt hat, Xi Jinping über Hongkong, Recep Erdogan über die Hagia Sophia und Benjamin Netanyahu über das Westjordanland, werden nicht mehr rückgängig gemacht werden können, fürchtet der Ökonom Branko Milanovic in der NZZ. Am Beispiel der Hagia Sophia beschreibt er das so: "Wer auch immer an Erdogans Stelle tritt, wird es, selbst wenn er der weltlichsten und am wenigsten konfessionsgebundenen Partei angehört, überaus schwer finden, diese Moschee-Entscheidung rückgängig zu machen. Käme eine solche Partei an die Macht, müsste sie andere und dringendere Probleme lösen. Würde sie versuchen, Erdogans Aktion zurückzunehmen, würde sie damit eine unnötige Front eröffnen, an der die wahrscheinlichen Verluste überproportional höher als die möglichen Gewinne sind. Also hat Erdogan gesiegt - und es könnte hundert Jahre dauern, seine Moschee-Entscheidung rückgängig zu machen." Es bleibt etwas unklar, welche Lehren Milanovic daraus zieht.

"Nicht alles, was in den ersten Jahrzehnten der Republik Türkei auf den Weg gebracht wurde, wird sich zurückdrehen lassen", meint in der FAZ auch der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski und empfiehlt einen langen Atem im Umgang mit der Türkei. "Die AKP-Regierung hat alles Erdenkliche dafür getan, sich tief in den Schaltstellen der Macht einzugraben. Eine einfache Übergabe der Regierungsgeschäfte bei den nächsten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2023, dem Jahr, in dem die Türkei zudem ihr einhundertjähriges Bestehen als Republik feiern wird, erscheint derzeit kaum möglich. ... Ist also die Entwicklung in der Türkei als eine schicksalshaft eingetretene tektonische Verschiebung hinzunehmen? Ganz sicher nicht. Die Türkei verfügt über eine schwierige, aber jahrzehntelange Erfahrung mit der Demokratie."

Wird Corona zu einer Gesellschaft der digitalen Überwachung führen? Zum Teil ja, aber es kommt auch darauf an, wie die Gesellschaften damit umgehen, schreibt der österreichische Autor Leopold Federmair, der in Hiroshima lebt. Die Unterschiede zwischen den Mentalitäten wurden so schon deutlich: "Was Italien angeht, so hat man als Grund für die hohe Sterblichkeit aufgrund von Covid-19 die Überalterung der Bevölkerung genannt. In Japan werden die Leute noch älter, aber die Corona-Sterblichkeit ist vergleichsweise gering. Warum sie hier so alt werden, dass die Gesellschaft in berechenbarer Zeit implodieren wird, hat mit vielerlei zu tun, besonders aber mit Vorsorge und Vorsicht, regelmäßigen Checks, der Vermeidung von allem, was schädlich oder gefährlich sein könnte. Die meisten Japaner sind ängstlich und werden leicht Opfer von Paranoia."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2020 - Ideen

Amerika hat zur Zeit nur zwei Themen, die auf komplizierte Weise verwoben sind: Trump und Rassismus. Sehr schön dokumentiert das Dwight Garners hymnische New-York-Times-Besprechung von Isabel Wilkersons Essay "Caste", der für ihn ein "instant American classic" und überhaupt das "entscheidende amerikanische Sachbuch des bisherigen Jahrhunderts" ist (nebenbei ist sie eine Kollegin, die ebenfalls für die Times schreibt). Die Argumente Wilkersons, die er zitiert, klingen dann aber nicht unbedingt, als sei hier gerade der neue Kant geboren: Unter anderem stelle sie sich wie viele andere die Frage, warum die armen Weißen gegen ihre Interessen stimmten, als sie für Trump votierten. "Sie geht mit dem Begriff des weißen Vorurteils weiter als alle bisherigen Kommentatoren es getan haben oder tun wollten, und der Saft ihrer Argumente folgt dem Schnitt ihres Messers. Was diese Experten nicht bedacht hatten, schreibt Wilkerson, 'ist, dass die Leute, als sie so stimmten, durchaus ihren Interessen folgten. Das Kastensystem zu erhalten, wie es war, hatte immer in ihrem Interesse gelegen. Und einige waren willens, kurzfristige Unannehmlichkeiten zu ertragen, auf Krankenversicherung zu verzichten, die Verschmutzung von Wasser und Luft zu ertragen, ja zu sterben, um ihr langfristiges Interesse an der Hierarchie, wie sie sie kannten, zu schützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2020 - Ideen

Pierre Bourdieu wäre in diesen Tagen neunzig Jahre alt geworden, und seine Theorie ist aktueller denn je, findet Jens Kastner in der taz: "Herrschaft manifestiert sich nicht nur in ökonomischer Ungleichheit. Nicht nur reich und arm, oben und unten sind die Koordinaten, innerhalb derer sich Machtprozesse abspielen. In seinem Hauptwerk 'Die feinen Unterschiede' (1979, Dt. 1982) war Bourdieu den alltäglichen und subtilen Formen nachgegangen, mit denen Über- und Unterordnung reproduziert wird. Ob der Musikgeschmack oder das Kunsturteil, die Freizeitsportart oder das Mittagessen: Es gibt nichts, was nicht auf unsere soziale Herkunft verweist."

Ein bisschen ähnliche Fragen stellt sich in der taz Peter Weissenburger anhand aktueller Debatten und ist zuversichtlich, dass sich Identitätspolitik und Diskurse einer eher sozial denkenden Linke vereinbaren lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2020 - Ideen

135 Euro zahlt man derzeit in Frankreich, wenn man ohne Mundschutz zum Bäcker geht - und die Franzosen üben sich in Gehorsam, weiß Joseph Haniman in der SZ. Nun regt sich aber Widerspruch unter Frankreichs Intellektuellen - allen voran von Bernard-Henri Levy, der in seinem neuen Buch "Ce virus qui rend fou" (Dieses Virus, das uns alle verrückt macht) schreibt, die individuelle Freiheit sei im Kampf gegen das Virus geopfert worden, zudem müsse "zwischen potenziell verlorenen Leben durch die Epidemie und solchen durch den gesellschaftlichen Stillstand" abgewogen werden. Hanimann atmet auf, dass die Philosophen wieder zu gesellschaftskritischen Fragen zurückfinden, aber dass der sonst so "unerbittliche" Levy Populisten das Wort spreche, wundert ihn dann doch: "BHL war zwar nie prinzipiell gegen die sanitären Sicherheitsmaßnahmen, liefert aber Argumente für die Anhänger von individuellem Eigensinn, Obrigkeitsaversion und diversen Verschwörungstheorien. Dabei teilt Bernard-Henri Lévy in alle Richtungen aus. Seine Kritik gilt auch den Weltverbesserern von ganz links und ganz rechts, die in der Pandemie die rettende Krise für unsere zwischen Neoliberalismus und allgemeiner Grenzschließung zaudernden Gesellschaft sähen und, 'sich auf die Schultern der Corona-Toten schwingend', verkünden, sie hätten ja schon immer gewusst, wo das Problem liege."

In der FAZ verteidigt der Philosoph Michael Wolff nochmals Immanuel Kant gegen den Vorwurf des Rassismus. Auch der Reisende Georg Forster könne ihm nicht entgegengehalten (unser Resümee) werden, denn bei Forster habe es Kant "mit einem Kritiker tun, der die Urbevölkerung Afrikas für eine selbständige Gattung hielt und Kants Hauptsatz von der Einheit der Menschengattung bestritt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2020 - Ideen

Levent Tezcan, Professor für Soziologie in Münster, und 1988 als Flüchtling nach Deutschland gekommen, analysiert in der taz die Paradoxien des grassierenden "Antirassismus": "Die westliche Zivilisation ist wohl die erste, deren Selbstverständnis es nicht nur zulässt, sondern geradezu vorschreibt, dass die Schwachen den Mächtigen vorwerfen dürfen, dass diese eben die Mächtigen sind. Als Nachfahre von Osmanen, deren Eroberungssinn dem der Europäer lange in nichts nachstand, kann ich mir schwer vorstellen, dass so etwas dort, aber auch bei den Römern, antiken Griechen, Mongolen, in den Hindureichen, um vom Reich der Mitte ganz zu schweigen, je denkbar gewesen wäre. Für viele People of Color beginnt aber die Geschichte mit dem westlichen Kolonialismus und sie wird auch, darin belehren uns täglich die Postkolonialen, nie enden." Auch Isolde Charim macht beim Thema Antirassismus in ihrer heutigen taz-Kolumne einen "Unterschied zwischen notwendigem Widerstand und überschießendem Exzess".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2020 - Ideen

Auch Muslime können republikanische Tugenden wie Rationalismus, Pluralismus, Säkularismus und Toleranz pflegen, antwortet der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze in der NZZ auf einen Kommentar Bassam Tibis (unser Resümee). "Tatsächlich rechtfertigen viele Muslime diese Tugenden ebenso, wie Atheisten, Christen oder Agnostiker. Sie tun dies nicht, um Europäer zu sein, sondern aus dem allgemeinen Bedürfnis, das sittliche Gute zu gestalten. Sie sehen im Islam eine Ressource, dem Geltung zu verschaffen. Ihr Islam übersetzt, wie Wolfgang van der Daele es formulierte, Wirklichkeiten in Möglichkeiten, Handlungsgrenzen in Handlungsoptionen, Substanzen und Wesenheiten in Funktionen, absolute Werte in Präferenzen. ... Statt den islamischen Traditionsgebrauch zu delegitimieren, wäre es daher angebracht, die Musliminnen und Muslime bei einer Neubegründung der republikanischen Tugendordnung gleichberechtigt mitwirken zu lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2020 - Ideen

Amerika und Europa trennt doch mehr als ein Ozean, ahnt Florian Meinel in der FAZ: Ausgerechnet eine linke Intellektuelle wie die Philosophin Danielle Allen greift auf auf Aristoteles zurück und attackiert John Rawls, um eine sozialere und gerechtere Demokratie einzufordern: "Allen geht es nicht um Pragmatik, sondern um ein radikales Programm der Versöhnung von individueller und kollektiver Freiheit und Gleichheit. Nun ist es allerdings gerade die Freiheit, die in kapitalistischen Gesellschaften Ungleichheitsdynamiken erzeugt. Gerade besonders liberale und diverse Gesellschaften bilden extreme soziale und ökonomische Ungleichheiten aus. Abhilfe schaffen kann daher nach Allen nur eine Sozialpolitik, die weniger verteilt, als an der Grundstruktur der Gesellschaft ansetzt. Vieles davon ist allerdings eher in den Vereinigten Staaten als in Europa ernsthaft strittig."

Alexander Grau warnt in der NZZ von um sich greifender "gefährlicher Gefühlsduselei" in der Politik: "Politischer Kitsch ist nicht einfach nur eine besonders emotionale oder rührselige Art politischer Kommunikation. Kitschphrasen von der Sorte 'Menschlichkeit kennt keine Grenzen' sind mehr. Sie sind Ausdruck eines Denkens, das selber kitschig geworden ist. Emotionen und Rührseligkeiten sind hier nicht länger Posen des politischen Handelns, sondern strukturieren das politische Denken selbst. Das ist ein wesentlicher Unterschied."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2020 - Ideen

Den konservativen Zeit-Vordenker Josef Joffe erinnern die Proteste der "Woke"-Bewegung in den USA in ihrer Unbedingtheit an die 68er-Zeit: "Der Kniende von heute trägt keine Schuld an der Sklaverei, die der Kongress 1865 per Verfassungszusatz ächtete. Der Preis der Emanzipation waren 600.000 gefallene Amerikaner, mehr als in allen Kriegen danach. Wie kann der Bußfertige nach 150 Jahren den historischen Horror sühnen? In der Morallehre ist Schuld immer persönlich, deshalb wurden Nazi-Verbrecher einzeln in ordentlichen Verfahren verurteilt. Wokeness aber signalisiert Kollektivschuld ohne Ausweg. Wenn Rassismus 'systemisch' ist, hilft keine Reform, sondern nur die Revolution, die seit 1789 in neuer Unterwerfung mündet."

Ebenfalls in der Zeit empfiehlt Thomas Assheuer Richard Hofstadters Klassiker "Social Darwinism in American Thought" und eine Kolumne von Fintan O'Tooles in der NYRB um den Sozialdarwinismus Trumps zu verstehen. Außerdem, nachgetragen: Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, antwortet in der Berliner Zeitung auf die Attacke von Aleida Assmann (unser Resümee) und verteidigt die  Antisemitismusdefinition der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) , die neben Deutschland von 33 Staaten unterzeichnet wurde.