Die USA haben zwar keine Impfdosen exportiert, sprechen sich jetzt aber für eine
Freigabe der Patente auf Impfstoffe aus,
berichtet unter anderem Andreas Zumach in der
taz. Eric Bonse
ergänzt, dass der
Druck auf die EU nun stark ist: "Bisher gilt die von Merkel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verabredete Linie: Massenproduktion in Deutschland und Europa sowie Export in alle Welt - doch die
Patente sind tabu. Diese Linie hat die EU-Kommission bekräftigt. 'Wir haben schon
200 Millionen Impfdosen exportiert', sagte eine Sprecherin. 'Damit haben wir genauso viel in die Welt geliefert wie an unsere eigenen Bürger.'"
Özlem Türeci, Miterfinderin des Biontech-Impfstoffs und Miteignerin der Firma spricht sich in diesem
CNN-Interview nachvollziehbarerweise
gegen eine Freigabe aus. Die Installation von Fabriken, die Beschaffung von Rohstoffen und die Weitergabe von Knowhow würden die Sache ohnehin nicht beschleunigen:
Es gibt eine Alternative zur Patentfreigabe, schreibt der Experte Axel Metzger im
FAZ-Feuilleton, nämlich
Zwangslizenzen, die bereits jetzt bei öffentlichem Notstand vergeben werden können. Firmen wie Biontech seien aber zur internationalen Kooperation bereit. Und es sei zu bedenken, "dass eine Zwangslizenz allein noch niemanden in die Lage versetzt,
technisch komplexe Impfstoffe sicher herzustellen. Wirksamer wäre die Förderung der Kooperation forschender Pharmaunternehmen mit lokalen Herstellern in den betreffenden Ländern."
Im
Tagesspiegel nennt Anna Sauerbrey Bidens Vorstoß zwar "
historisch", sieht aber vor allem
geopolitische Interessen am Werk: "Indem sie sich für eine Freigabe von Impfstoffpatenten aussprechen, sammeln die USA international politisches Kapital für den '
Systemkonflikt'
mit China. Wie Russland nutzt China die Pandemie für eine Art Impfstoff-Diplomatie. Anders als die USA exportiert das Land Teile seiner Impfstoffe Sinovac und Sinopharm, oft mit großem öffentlichkeitswirksamem Tamtam. China-Kenner sprechen von einer '
Gesundheitsseidenstraße'."
"Haben nicht monatelang ausgerechnet die USA nur an sich selbst gedacht, Masken beschlagnahmt, Impfstoff gehortet?", fragt Marc Beise in der
SZ. Auch er fragt sich, ob die Freigabe von Lizenzen wirklich helfen würde: "Impfstoffproduktion ist so komplex, dass die Vorstellung weltfremd ist, man könne hier
mal eben schnell Wissen abziehen und dort eine neue Produktion hochziehen."
Anders
sieht es Leonhard Dobusch bei
Netzpolitik: "Letztlich stellt sich angesichts der enormen öffentlichen Investitionen in die Impfstoffentwicklung die Frage, warum Impfstoffe und Medikamente in Zeiten von Pandemien
nicht überhaupt Open Source entwickelt werden? Bestehende Versuche offener Impfstoffentwicklung, etwa jene der 'Open Source Pharma Foundation' (OSPF) und deren Covid19-Projekt OpenVAX, scheitern an fehlender Finanzierung vor allem der
kostenintensiven Phase-3-Studien sowie an Haftungsfragen."
Tja, vielleicht ginge es dann schneller, sich in Algier impfen zu lassen als in Berlin. Dort sieht man seit 24 Stunden nur dieses Bild:

Die neuseeländische Ministerpräsidentin
Jacinda Ardern wurde zur Ikone, als sie sich nach dem Anschlag auf die Moschee von Christchurch mit Hidschab zeigte, um ihre Verbundenheit zu bekunden. Bei der Verfolgung der
muslimischen Uiguren durch China agiert sie nicht ganz so dezidiert,
schreibt Guled Mire im
Guardian. Neuseeland spricht hier nur von "
Menschenrechtsverstößen", nicht von "Genozid": "Ja, wir mögen ein kleines Land sein und
starke Handelsbeziehungen bedeuten, dass Neuseeland anfällig für Vergeltungsmaßnahmen von China ist. Aber letztlich wäre es für Neuseeland besser, sich in dieser Frage mit anderen gleichgesinnten Staaten zu verbünden, als der wirtschaftlichen Macht Chinas zu erliegen, denn das
schützt uns letztlich vor Chinas zunehmender Aggression und Missachtung eines auf Regeln basierenden internationalen Systems."