Im Kino
Ins Mundgerechte verpflanzt
Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
17.09.2024. Ruth Beckermanns "Favoriten" ist ein politisches Statement im Jahr der österreichischen Nationalratswahl. Der Film über eine Schulklasse in einem migrantisch geprägten Wiener Bezirk vergisst vor lauter Diskurs bisweilen, dass Kinder auch jenseits von Diskursen ein Leben haben.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist Favoriten ein migrantisch geprägter Bezirk in Wien. Für die Stadtgeschichte entscheidende Betriebe wie die Wienerberger Ziegelfabrik, die Heller-Schokoladenfabrik, die Ankerbrot-Fabrik oder die Wiener-Automobilfabrik sorgten dafür, dass sich Arbeiterfamilien in der Gegend ansiedelten. Aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen kam es im späten 19. Jahrhundert zu zahlreichen Protesten und Unruhen. Nach dem Krieg lag Favoriten in der sowjetischen Besatzungszone Wien. Heute leben weit mehr als 200000 Menschen im Bezirk, 14% haben keine Arbeit. Geht man dort spazieren, entkommt man der üblichen wohlständischen Bequemlichkeit der österreichischen Hauptstadt. Zwischen Kebabbuden (den besten der Stadt), aus Lautsprechern dröhnender Musik und auf der Straße spielenden Kindern wirkt alles lebendiger, intensiver. Auch der Hauptbahnhof ist hier gelegen, das letzte, was man von Wien sieht, bevor man verschwindet.
Der Bezirk ist, wenn man den hiesigen Medien glauben schenkt, ein "Problembezirk". Fast wöchentlich wird von Messerstechereien, Schlägereien oder Schießereien berichtet. Selbstredend wird dieses Thema auch politisch aufgegriffen, vor allem von rechten Parteien. Schuld seien die Migranten, man kennt die Leier. Wenn Ruth Beckermann, die gewichtigste Stimme des österreichischen Dokumentarfilms der letzten dreißig Jahre, in einem Wahljahr einen Film herausbringt, der den Titel "Favoriten" trägt, darf man das also durchaus als politisches Statement verstehen. Ihr filmischer Ansatz aber ist das Gegenteil eines verkürzten politischen Statements, er ließe sich etwas salopp zusammenfassen mit "Schauen wir doch einmal hin, bevor wir uns Meinungen bilden". Beckermann hat allerdings keinen Film über den Bezirk gedreht, sondern einen über eine Volksschulklasse (entspricht der deutschen Grundschule) und deren Klassenlehrerin in eben jenem Favoriten. Sie hat auch keinen Problemfilm gedreht, sondern eine unterhaltsame Studie kindlichen Denkens und Tuns. Das klingt etwas verniedlichend, bedenkt man die mitschwingenden Konflikte, die im Film keineswegs ausgespart werden. Ein bisweilen jauchzendes, dann wieder angestrengtes Ziehen zwischen der kindlichen Direktheit, die immer wieder zu Lachern führt und der darunterliegenden gesellschaftlichen Komplexität ist die große Aufgabe des Films.
Über drei Jahre hinweg hat Beckermann die Kinder und deren Lehrerin, Ilkay Idiskut, mit einer meist beobachtenden Kamera immer wieder einige Tage lang begleitet. Dann musste Idiskut in Mutterschutz. Der Film endet in einer Ungewissheit. Aber das spielt keine Rolle, weil die ohnehin die ganze Zeit mitschwingt. Die Bedingungen sind, was sie sind. Es gibt zunächst keinen Ersatz für Idiskut. Man merkt, wie schwer das wirkt, wenn Kinder sowieso schon nicht die gleichen Chancen haben wie andere. Nicht nur in diesem Sinn ist "Favoriten" eben doch ein Film über den Bezirk. Diesen Eindruck wird man auch deshalb nicht los, weil sich in den Beobachtungen des Schulalltags (morgendliche Tanzrituale, Kopfrechnen, Notenvergabe und so weiter) ein Prisma an Konflikten öffnet, die nahelegen, dass das, was wir sehen, immer auch für etwas anderes steht. Da geht es um Hidschab-Regeln und Sexismus und Klimawandel und den Ukrainekrieg und so weiter. Die Kinder spiegeln die reißerischen Titelzeilen der Zeitungen. Und sie führen vor, wie Konflikte ausgehandelt werden könnten. Nun könnte man sagen, dass diese Themen ganz natürlich vorkommen, weil so eine Schulklasse eben im Herzen der Gesellschaft existiert und folglich von all diesen Angelegenheiten berührt wird. Man könnte aber auch eine filmische Konstruktion erkennen, die diese Elemente anstatt anderer betont, womöglich sogar in den Kindern forciert.

So zeigt Beckermann eine längere Sequenz, in der die Kinder danach befragt werden, was ihre Eltern beruflich machen. Die Kamera hält auf die Gesichter und macht unmissverständlich klar, für wen dieser Film ist: Nicht für die, die darin vorkommen, sondern für die, die sich eine politische Meinung bilden oder gar die ihre bestätigt wissen wollen. Was damit gewonnen werden kann, ist klar: Populistische Diskurse lockern sich in der Kinderperspektive, man lernt mit ihnen, anders zu denken. Aber man schaut auch ein bisschen herab, erkennt einen fast metaphorischen Anteil im kindlichen Gebaren, womöglich ist das immer so, vielleicht ist es aber auch ein Problem des Films. Wenn ein Junge beispielsweise darauf beharrt, dass Gewalt eine mögliche Lösung für Konflikte ist, versteht man ihn anders, als wenn Erwachsene so handeln. In ihm gibt es noch das Potenzial für Veränderung, es gibt eine Naivität, der Bildung entgegentreten kann. Aber es gibt auch eine Naivität, die den Diskursen entwischt, die zeigt, dass es Wichtigeres gibt, etwa wenn ein anderer Junge lieber über einen Besuch im Fastfood-Restaurant spricht, als über das, was er im Stephansdom gelernt hat. Letztere Szene ist dem Film bekömmlicher, weil sich die Kinder in ihr nicht dem erwachsenen oder politischen Subplot beugen, sondern einfach sein können.
Womöglich hängt dieser Eindruck auch an der Geschwindigkeit des Films, dieser Tendenz einer dramaturgischen Arbeit, in der ein Lachen der allzu schwierigen Wirklichkeit etwas Erlösendes entgegenstellt. Vielleicht ist das auch das Leben, die Gleichzeitigkeit von Auf und Abs, nur ist das Leben nicht so verdichtet. Das mit der Kamera und Kindern ist ohnehin eine spezielle Sache. Selbst Reinhold Vorschneider, der vor einigen Jahren Maria Speths "Herr Bachmann und seine Klasse" mit großem Einfühlungsvermögen fotografierte, bewegte sich gelegentlich an der Grenze, wenn er Schülerinnen filmte, die sich schämten oder nicht im Bild sein wollten. Dieser geschützte Raum der Unmündigen wird von der Kamera infiltriert. Das ist bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, verlangt aber nach höchster Sensibilität. Favoriten bewegt sich ständig an dieser Grenze, gerade dann, wenn es scheinbar am lustigsten ist.
Beckermann und ihr Stammkameramann seit einigen Jahren, Johannes Hammel, wählen verschiedene Perspektiven: Sie interessieren sich für die Lehrerin, dann wieder für die Schüler, denen sie irgendwann auch selbst Kameras geben. So entstehen Bilder aus dem Park, verspielte Selbstbefragungen, die manchmal angeleitet wirken. Gleichzeitig macht sich Beckermann bemerkbar, sie spricht mit den Schülern, spendet Trost bei schlechter Benotung. Das sind schöne Momente, in denen klar wird, dass sich die Filmemacherin nicht herausnimmt aus dieser Begegnung. Die Bildauswahl und der bisweilen abrupte Schnitt werfen jedoch Fragen auf. So schneidet der Film plötzlich weg, als zwischen Idiskut und einem Vater, der seine Tochter am liebsten zurück in die Türkei in die Schule schicken würde, ein Konflikt entbrennt. An anderer Stelle zeigt eine Nahaufnahme Idiskuts Erschöpfung, als sie erfährt, dass wieder neue Schüler ohne Deutschkenntnisse in ihre Klasse kommen, nimmt dieses Thema aber nur noch einmal am Rand bei einer Streiterei über das Tischfußballspiel im Klassenzimmer auf. Stattdessen dient die Szene als Vorlauf für eine andere, in der ein Mädchen eine Matheaufgabe nicht lösen kann und Idiskut ein wenig die Geduld verliert. Als müsste man mit dramaturgischen Schnitten erklären, dass diese Arbeit schwierig ist, dass sie einem alles abverlangt. Es überrascht nicht, dass diese Lehrerin der Star des Films wird. Das Mitfühlen wird unausweichlich, nicht immer wird der Intelligenz des Publikums vertraut. Die Kamera reagiert auf Tränen, ist manchmal nah, sehr nah. Alles ist pointiert und das eigentlich Unverdauliche wird allzu beiläufig ins Mundgerechte verpflanzt. Wenn es schmerzt, wechselt der Film die Fronten.
Aufgrund der extremen Verdichtung der Ereignisse bekommt man das Gefühl eines Durchrauschens, eines Highlightreels. Wenn die Kinder etwas Lustiges gesagt haben, ist es im Film gelandet, so der Eindruck. Das verleiht "Favoriten" eine womöglich gegen die Aufgeblasenheit der Diskurse intendierte Leichtigkeit, nährt aber auch den Zweifel, ob ein genaueres, geduldigeres, weniger sprunghaftes Schauen vielleicht ein anderes Favoriten zeigen würde, eines, in dem Menschen leben und nicht in Menschen lebende Konflikte. So ist "Favoriten" ein Film, der gegen die eigene analytische Tendenz versucht, Bilder zuzulassen. Der den Meinungen Bilder entgegenstellen will und dabei merkt, dass das nicht ganz möglich ist. Wir sind schließlich keine Kinder mehr.
Patrick Holzapfel
Favoriten - Österreich 2024 - Regie: Ruth Beckermann - Laufzeit: 118 Minuten.
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