Im Kino

Satire als Pflichtwerk

Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
22.04.2026. Inzestuös und anderweitig degeneriert ist der Rosenbusch von einer Familie, den Karim Aïnouz in "Rosebush Pruning" seziert. Mehr als eine krawallig-lustlose Abrechnung mit der Milliardärskaste kommt dabei am Ende leider nicht heraus.

Ein bisschen dümmlich ist Eds Familienphilosophie: Familien sind Rosenbüsche. Rosenbüsche müssen gestutzt werden. Als Absichtserklärung aber ist sie griffig. Der von Callum Turner gespielte Protagonist formuliert sie aus dem Off, auch wenn er alles andere als ein Außenstehender ist. So oder so: Ed ist derjenige, der die Rosen im Garten des spanischen Luxusanwesens seiner Familie trimmt. Und auf ihre Blätter masturbiert.

Der Film braucht nicht lange, um zu erklären wie überfällig ein wirklich radikaler Rückschnitt des Familienstammbusches ist. Nicht, weil hier einem gesunden Organismus wieder zum Gedeihen verholfen werden soll, sondern weil dieser Organismus, den Ed "Familie" nennt, innerlich so vollumfänglich verrottet ist, dass alles, was ihn am Leben erhält, abgetrennt gehört. Das Trimmen selbst ist also erst einmal Pflichtwerk, die einzige verbleibende Maßnahme, die die Fäulnis noch einzudämmen vermag. Der Film "Rosebush Pruning" wiederum ist Satire als Pflichtwerk, launisch angegangen wie die Gartenarbeit, die der Teenager für seinen Vater verrichten muss. Das Ergebnis ist entsprechend fahrig. Dass Ed dennoch einige Lusttropfen auf den Blättern hinterlässt, ist nur ein weiteres Symptom der Fäulnis.

Efthymis Filippous Drehbuch zieht die Geschichte der überreichen und gelangweilt in der spanischen Luxusvilla vegetierenden Familie entlang inzestuöser oder anderweitig degenerierter Beziehungen auf. Anna (Riley Keough) will ihren Bruder Jack (Jamie Bell) begatten. Er selbst möchte die Finger lieber in blutige Löcher stecken. Mehr noch als der Sex mit Freundin Martha (Elle Fanning), erregt es ihn, im vakuumverpackten Opferlamm herumzufummeln, das der Schlachter einmal die Woche liefert. Die Familie opfert es den Wölfen, die angeblich die Mutter (Pamela Anderson) gerissen haben. Der dritte Bruder im Bunde, Robert (Lukas Gage), findet seine eigene Befriedigung, indem er Jack mit aufgeritztem Oberschenkel bereitwillig auf dem Kellerbett posierend erwartet.


"Rosebush Pruning" zählt die inzestuösen Familienverbindungen bis zum Ursprung herunter. Den findet der Film in der Vaterfigur (Tracy Letts). Ein Mann, der seine Söhne zu Zahnputzritualen zwingt, bei denen sie ihn mit Hand und Mund befriedigen müssen, während ihm die Zahnpasta vor Geilheit aus dem Mund schäumt. Die zunächst verstorben geglaubte Mutter (Pamela Anderson) trägt das zum Missbrauch gehörende Lächeln, das so hell zu strahlen vermag, dass es dem Patriarchen das Augenlicht nimmt.

"Rosebush Pruning" ist um derartige Motive herum gebaut, erzählt aber nicht wirklich eine Geschichte. Als loses Remake von Marco Bellocchios Erstlingsfilm "Mit der Faust in der Tasche", der 1965 das italienische Bürgertum und seine sicher geglaubte Bastion der Familie in Stücke riss, geht der Film knapp 60 Jahre später auf die Milliardärskaste in Zeiten des Spätkapitalismus los. Von Wut und Dringlichkeit ist dabei nichts mehr zu spüren. Der ätzendem Spott bespielt nur noch eine leere und dezidiert amerikanische Schaukasten-Welt, die die Idee eines Außen gar nicht erst zulässt. 

Schön hässlich ist sie: im Garten strahlt das künstliche Sonnenlicht so grell, dass es leblos wirkt, im Inneren separieren die Low-Key-Kontraste die Familienmitglieder auch dort noch, wo sie intim aneinander gedrängt sitzen. Vielleicht repräsentiert die stylische Vitrine des Films tatsächlich eine Idee der isolierten Lebensrealität der Überreichen. Für jegliche Form filmischer Dynamik ist sie aber schlicht Gift und selbst die bittersten Auswüchse der Verdorbenheit, die serviert werden, machen weniger betroffen, als sie es sollten.

Die Probleme des Films gehen vor allem darauf zurück, dass Aïnouz lediglich an einer Bestandsaufnahme und nicht an der Zersetzung oder gar der Perversion interessiert ist. Jede Transgression ist vom Ergebnis her gedacht. Niemand empfindet wirklich Ekstase, wenn er den eigenen Körper an den Geschwistern reibt. Seinlassen kann es trotzdem niemand. Es fällt entsprechend schwer, "Rosebush Pruning" als etwas anderes wahrzunehmen, als eine Abfolge mehr oder weniger ausgefeilter inszenatorischer Taschenspielertricks, die der lustlosen Abrechnung ein wenig Laufleistung verpasst.

Mal sind es massiv hochgepegelte Technobeats oder die ebenfalls mehrfach auf Maximallautstärke gedrehten Pet Shop Boys. Oft aber schlicht nur mechanisch verschränkte satirische und erzählerische Motive: eine Rolex, die betrauert wird, wo der Tod eines Familienmitglieds nur ein Prusten erntet; Menstruationsblut, das anderen unter die Nase gehalten wird oder eben der Zahnhygiene-Missbrauch. Im gediegenen Rahmen eines Berlinale-Wettbewerbs mag das mit seinem konsequenten Nihilismus noch als einigermaßen reizvoller Akt des Trollens durchgehen, abseits dessen wohl eher als ein schnelles In-die-Büsche-Wichsen.

Karsten Munt

Rosebush Pruning - GB 2026 - Regie: Karim Aïnouz - Darsteller: Callum Turner, Riley Keough, Elle Fanning, Jamie Bell - Laufzeit: 97 Minuten.