Im Kino
Die Schmerzen des Exils
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
22.04.2026. Auf der Jagd nach dem Gefühl des Angekommenseins: Saïd Hamich Benlarbis "Zwischen uns das Meer" vertraut gelegentlich den eigenen Bildern nicht genug, begeistert freilich dennoch als großes Erzählkino, wie man es in Europa selten zu Gesicht bekommt.
Marseille, Anfang der 1990er Jahre: Khaled, Fadela, Nour, Houcine und Blandine schlagen sich mit kleinen Raubüberfällen und dem Verkauf der Beute auf den Märkten der Stadt durch. Die fünf sind unzertrennlich - bis Khaled als einziger der Gruppe vor einer Razzia der Polizei fliehen kann. Als die fünf sich wiedersehen, trennt er sich von Fadela, um eine andere Frau zu heiraten. Nach einer weiteren Razzia zerfällt die Gruppe endgültig. Houcine wird nach Marokko abgeschoben, Fadela verliebt sich in einen Franzosen, Blandine, die einzige gebürtige Französin in der Gruppe, wird von ihren Eltern zurück in die Mittelschichtsexistenz gezwungen und Nour landet auf der Straße. Saïd Hamichs zweiter Langfilm "Zwischen uns das Meer" hat eine doppelte Struktur: die eine besteht aus den aktuell in allen Filmformen unvermeidlichen Kapiteln, die andere aus Handlungssträngen, die ein Ende finden und so die Handlung in Gang halten. Der Zerfall der Gruppe ist das Erste dieser Enden.
Als Nour (Ayoub Gretaa) sich aus Wut und Frustration über ein Telefonat mit seiner Mutter in Marokko in einer Telefonzelle selbst ohnmächtig schlägt, ist es ausgerechnet Serge (Grégoire Colin), der ihn rettet - ein Polizist, dem er nach den beiden Razzien im Verhörraum gegenüber saß. Serge nimmt ihn mit zu sich nach Hause, wo seine Frau Noémie (Anna Mouglalis) ihn aufpäppelt. Nour kommt allmählich wieder auf die Beine und folgt Serge ein paar Mal auf dessen Streifzüge durch die schwule Subkultur der Stadt. Nour ist von der offenen Beziehung zwischen Serge und seiner Frau tief beeindruckt, fühlt sich zunehmend zu Noémie hingezogen. Die drei wachsen immer enger zusammen - bis Serge beim Geburtstag seines Sohnes von einem seiner Brüder einen Schlag abbekommt und der Besuch im Krankenhaus alles ändert.
Hamichs Film feierte bereits 2024 auf der Semaine de la critique in Cannes Premiere und wurde im Herbst des gleichen Jahres beim Filmfestival in Mannheim-Heidelberg mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Wie der Vorgängerfilm, Hamichs Debüt "Retour à Bollène" ("Rückkehr nach Bollène") ist auch "Zwischen uns das Meer" filmästhetisch klassisches Erzählkino, das in allererster Linie von einem starken Drehbuch getragen wird. Die drei Kapitel widmen sich je einem_r der drei Protagonist_innen: Nour, Serge und Noémie.

In der zweiten Hälfte des Films, gerade als Nour sich in Frankreich eingelebt zu haben scheint, schleicht sich ein Eindruck der Fremde ein. Hamich arbeitet an seinem Protagonisten und seinen marokkanischen Freund_innen präzise und unaufgeregt die Schmerzen des Exils und das beständige Gefühl der Fremdheit heraus, die nur größer werden als Nour schließlich zumindest zeitweise zu seiner Familie in Marokko heimkehren kann. In Hamichs Film ist es weniger der ständig wiederkehrende Rassismus, der dieses Gefühl der Fremde auslöst, als eine unendliche, permanent unerfüllte Jagd nach dem Gefühl des Angekommenseins.
Zwei kleine Schwächen hat "Zwischen uns das Meer": Bisweilen werden Nours Freund_innen im Verlauf des Films ein wenig arg mechanisch ein- und ausgeblendet, um Facetten sichtbar zu machen, die sich allein an der Figur Nour so nicht hätten zeigen lassen, aber eben auch, ohne dass die Freund_innen als eigenständige Personen sich weiter entwickeln würden. Und stellenweise hätte man sich von Hamich etwas mehr Vertrauen in die Bilder seines Filmes gewünscht; wobei Kameramann Tom Harari kaum mehr als solides Handwerk beisteuert, was das mit dem Vertrauen womöglich nicht leichter gemacht hat. Ohnehin kann beides dem Film letztlich nicht schaden. Wie Hamich scheinbar organisch und ohne künstliche Drehbuchtwists einen Film fertigt, der sich immer wieder neu erfindet, das ist als Erzählkino so klug, wie man es nur selten im europäischen Filmschaffen der Gegenwart findet. "Zwischen uns das Meer" ist ein gut beobachtetes Drama über Freiheiten und die Schmerzen des Exils, vor allem aber ist der Film großes Kinoglück.
Fabian Tietke
Zwischen uns das Meer - Frankreich 2024 - Regie: Saïd Hamich Benlarbi - Regie: La mer au loin - Darsteller: Ayoub Greta, Anna Mouglasis, Grégoire Colin, Omar Boulakirba - Laufzeit: 117 Minuten.
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