Im Kino
Horror-Moodboard mit Klimbim
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
16.04.2026. "Lee Cronin's The Mummy" ist ein Mumienfilm, der möglichst viel anders machen will. An Ideen mangelt es der Neuverfilmung des Horrorklassikers nicht. Was fehlt, ist eine ordnende Vision.
Es beginnt wie ein unheimliches Märchen: Wie von Geisterhand verschwindet die Tochter einer US-Familie, die vorübergehend in Ägypten lebt, beim Spielen im Garten. Dunkle Mächte haben ihre Finger im Spiel, aber als Handlanger dienen Menschen. Die Kamera rückt so nah an ihre Augen und Münder, bis sie grotesk verzerrt sind, während auf der Tonspur dissonante Bläserfanfaren wüten. Die Entführung des Mädchens wirkt wie eine Szene aus "Schneewittchen". Eine durch reichlich Gestrüpp fast unsichtbare Figur versucht mit wispernder Stimme und zittrigen, mysteriös bemalten Händen die Tochter durch den Gartenzaun mit einem Pfirsich zu verführen. Der hat es in sich, wenn auch anders als man denkt. Als die Gestalt sich mit dem ohnmächtigen Kind davon stiehlt und Vater Jack (Charlie Reynor) sie erfolglos einzuholen versucht, zieht ein Sandsturm von biblischem Ausmaß auf. "Lee Cronin's The Mummy" legt nahe, dass er Großes mit uns vor hat und zunächst besteht der Reiz des Films darin, dass unklar bleibt, was genau das sein könnte. Das beklemmende, fast schon aggressive Sounddesign lässt mit dem Schlimmsten rechnen.
Der Film ist der Versuch einer Wiederbelebung, die sich darum bemüht, möglichst viel anders zu machen. Schon dass der vergleichsweise junge und wenig erfahrene Regisseur Cronin im Titel genannt wird, mag als Versuch durchgehen, den Film von den unterschiedlichen Franchises abzugrenzen, die Karl Freunds 1932er Horrorklassiker "The Mummy" über die Jahrzehnte hervorgebracht hat. Vor allem zwei Neuerungen fallen auf: Waren es in der Vergangenheit tote Adelige und Priester aus dem Neuen Reich des Alten Ägyptens, die die Menschen terrorisierten, verschiebt sich diesmal die Aufmerksamkeit auf ein okkultes Ritual. Nicht Tote, sondern Lebende werden mumifiziert, um einen bösartigen Dämon zu bezwingen. Dabei wird die globale Bedrohung aufs Private verengt. Denn Jack und seine Frau Larissa (Laia Costa) wandeln nicht durch unterirdische Grabkammern, sondern holen sich das Böse direkt in ihr neues Zuhause in New Mexiko, wo es die gesamte Familie zu zersetzen droht.
Nach acht Jahren wird Tochter Katie (Natalie Grace) zufällig in einem Sarkophag gefunden - lebendig, aber körperlich und geistig schwer in Mitleidenschaft gezogen. Genau genommen ist das Mädchen zu einem halb verwesten, nur noch schwer ächzenden Monstrum mit vernarbtem Gesicht und runzliger Haut geworden. Mitteilen kann sie sich nicht, dafür erbricht sie regelmäßig eine dunkle, schleimige Flüssigkeit oder krümmt ihren Körper mit knackenden Geräuschen wie einst Linda Blair in William Friedkins "Der Exorzist".

Dem Dilemma der Familie widmet sich Cronin mit einer Mischung aus Drama und Horror. Die traurige Gewissheit, dass sich die geliebte Tochter in ein Chaos stiftendes Ungeheuer verwandelt hat, versucht die Familie mit sichtlicher Kraftanstrengung zu verdrängen. Bereits am Anfang des Films gibt es einen prophetischen Moment: Als Katies Puppe aus dem Fenster fliegt, versucht Jack, sie wieder zusammenkleben, aber das Mädchen merkt sofort, dass ihr Spielzeug nicht mehr dasselbe ist.
Die Entfremdung der Eltern vom eigenen Kind nimmt immer unheimlichere Züge an, gelegentlich lässt "The Mummy" den Drang, um jeden Preis Normalität vorzutäuschen, gar ins Absurde kippen. Die hilflosen Verschönerungsmaßnahmen, denen Katie ausgesetzt wird, nutzt Cronin gekonnt, um den Ekelfaktor auszureizen. Fußnägel bröseln weg, dicke Hautschichten werden versehentlich abgezogen und wer besonderes Pech hat, nach dem schnappt die vor sich hin siechende Tochter sogar. Katies unangenehme Präsenz ist nicht nur ein Verdienst der Maske, sondern auch Darstellerin Natalie Grace und ihrem außerweltlich geschnittenen Gesicht geschuldet.

Seine fantastische Prämisse dampft "The Mummy" glücklicherweise nicht auf die bloße Bewältigung eines Familientraumas ein. Dafür ist Cronin zu sehr darum bemüht, seinem Publikum etwas zu bieten. Das können scheußliche Tötungsarten sein, garstige Kinder, von denen der Dämon Besitz ergreift, eine grisselige VHS-Kassette mit grausamem Inhalt oder auch nur die monumentale Wüstenlandschaft, die das Anwesen der Familie umgibt. Als Problem erweist sich allerdings, dass uns der Regisseur zu viele Attraktionen präsentieren will. Mit zunehmender Dauer des mit 133 Minuten unnötig langen Films zeichnet sich ab, dass es "The Mummy" trotz mancher guter Einfälle und inszenatorischer Kabinettstückchen an einer übergeordneten und in sich schlüssigen Vision mangelt.
Der größte Schwachpunkt ist das von Cronin selbst verfasste Drehbuch. Der Film reiht Versatzstücke, die irgendwas mit Zombies und Besessenheit zu tun haben, aneinander, eignet sie sich aber nicht an. Die Handlung will in mehrere Richtungen gleichzeitig. Sie versucht, das Grauen in den eigenen vier Wänden zu beschwören, ohne in den Dialogszenen den Schmerz der Familie angemessen vermitteln zu können. Sie fährt mystisches Klimbim wie ein knurrendes Kojotenrudel auf als wäre man bei "Das Omen" und lässt zugleich die Polizistin Dalia (May Calamawy) in einem blaustichigen Ägypten, das mit seinen alten Autos und klobigen Computern scheinbar im analogen Zeitalter stecken geblieben ist, nach dem Ursprung der Mumie forschen. Schlimm wird es im völlig chaotischen Finale, bei dem Cronin auch nach mehrmaligem Ansetzen kein gutes Ende findet. Ein wenig fühlt sich "The Mummy" manchmal wie ein Moodboard an, auf dem erstmal wahllos Ideen versammelt werden, die noch zu keiner Geschichte verschmolzen sind. Dabei hätten sich leicht Prioritäten setzen lassen, denn Gore und Budenzauber liegen Cronin offensichtlich am besten.
Michael Kienzl
Lee Cronin's The Mummy - USA 2026 - Regie: Lee Cronin - Darsteller: Jack Reynor, Laia Costa, May Calamawy, Natalie Grace - Laufzeit: 133 Minuten.
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