In diesen Tagen droht
Milorad Dodik, der starke Mann der serbischen Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, mit einer
Quasi-Sezession. Dieser Schritt würde "26 Jahre internationaler Bemühungen einschließlich demokratischer und rechtsstaatlicher Reformen zunichtemachen und das Land
zurück ins Chaos stürzen",
fürchtet der Westbalkan-Experte
Bodo Weber im Gespräch mit Erich Rathfelder von der
taz. Und er hat mit dem
Rückzug der Amerikaner aus der Weltpolitik zu tun: "Ab 2005 haben die Vereinigten Staaten die Führung
an die EU abgetreten. Das hatte einen Strategiewechsel zur Folge: von einer
Statebuilding- und Demokratisierungspolitik, also der Schaffung eines funktionalen Staates, hin zu einer Übertragung der Macht an die
lokalen Eliten. Man hat den ethnonationalistischen Eliten also die Verantwortung für das Land quasi über Nacht vor die Füße gekippt. Die Eliten, allen voran Dodik, nutzen das aber seitdem, um
interethnische Spannungen zu schüren. Der fehlende Wille von EU und USA zu einer politischen Korrektur, das Fehlen einer strategischen Politik, nähren seit 15 Jahren diese destruktive Dynamik."
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich bei der Gelegenheit erstmal
kopfüber in den Fettnapf gestürzt,
berichtet Peter Münch in der
SZ. Ausgerechnet der israelische Historiker
Gideon Greif sollte in diesen Tagen das Bundesverdienstkreuz bekommen. Das führte zu
schärfsten Protesten in Bosnien, denn Greif hatte einen Auftrag von Milorad Dodik aufgenommen, die
Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Serben zu "untersuchen". Natürlich kam er zum Ergebnis, dass das was in Srebrenica und anderen Orten geschah,
kein Völkermord war: "Ich bin jüdisch, ich weiß was Genozid bedeutet,", zitiert ihn Münch, "und dies war kein Genozid, in keinem Fall." Und nun "hat sich in der israelischen Zeitung
Haaretz auch die bosnische Außenministerin
Bisera Turković zu Wort gemeldet mit der Warnung, dass eine deutsche Ordensverleihung an einen Leugner des Srebrenica-Genozids zur 'Destabilisierung des gesamten westlichen Balkans' beitragen könnte. In Berlin herrscht nun erst einmal Ratlosigkeit."
Ein Kommentar von
Caroline Fourest zur Lage an der belarussisch-polnischen Grenze: "Zu sehen,
wie Kurden, die gelitten haben, um den Islamischen Staat zu besiegen und die schon von Trump den Bomben Erdogans ausgeliefert wurden, nun zynisch von Belarus und seinem russischen Verbündeten instrumentalisiert werden... Um die
prorussische Rechte zu stärken, die sie als Bedrohung darstellt. Ekel."
Memorial, Russlands älteste und renommierteste Nichtregierungsorganisation, soll aufgelöst werden, berichtet
FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt. Am 25. November soll das Oberste Gericht über einen entsprechenden Antrag der Regierung entscheiden. Vorwand für die Auflösung ist der Vorwurf, Memorial habe gegen die Statuten als "
ausländischer Agent" verstoßen. Schmidt deutet die drohende Auflösung so: "Die Ende der Achtzigerjahre im Ringen um ein Mahnmal (Memorial) für die
Opfer des Sowjetterrors entstandene Organisation steht dem in den vergangenen Jahren immer aggressiver beanspruchten
Geschichtsmonopol des Staates im Weg. Präsident Wladimir Putin fungiert als Chefhistoriker, die Geheimdienste verstehen sich als stolze Erben von NKWD und KGB. An
die Opfer des 'Repressionen' genannten Staatsterrors darf zwar erinnert werden, Putin selbst eröffnete vor vier Jahren ein Denkmal für sie im Zentrum Moskaus; doch
die Mörder sollen nicht kritisiert werden, unerkannt bleiben."
Die Meldung von der Memorial-Auflösung sollte auch die westlichen Öffentlichkeiten aufschrecken,
schreibt Jan Behrends bei den
Salonkolumnisten, "da in Moskau innenpolitische Repression und
außenpolitische Aggression zwei Seiten derselben Medaille sind. Die Radikalisierung des Regimes findet
nicht nur in Russland statt, das längst wieder hinter einem Eisernen Vorhang verschwindet. Nein, diese Verschärfungen zeigen sich auch an der Grenze der EU zu Belarus, im Luftraum über dem Baltikum und Schwarzen Meer, in Syrien und im Donbas, in den Fake News der Staatsmedien, die auch uns erreichen, in all den konzertierten Versuchen zur
Destabilisierung offener Gesellschaften, die wir täglich erleben."
Das
FAZ-Feuilleton eröffnet eine Artikelserie mit Betrachtungen zum
Ende der Merkel-Ära. Ihren Führungsstil beschreibt Jürgen Kaube im Editorial so: "Angela Merkel hatte sich früh dafür entschieden, eigene,
weichere Fassungen dessen anzubieten, worauf ihre politischen Gegner in der Mitte des Parteienspektrums hinauswollten. Das nahm jeder Gegnerschaft die
Möglichkeit zur Schärfe oder trieb das Bedürfnis nach scharfer Gegnerschaft oft in die Bereiche von Ressentiment und sachfremdem Daherreden." Wie die Serie gestaltet sein soll und wer schreibt, verrät Kaube nicht.