Die
Bundesrepublik ist eines der wichtigsten
Einwanderungsländer der Welt", sagt
Bonaventure Ndikung, Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, im
Spon-Gespräch mit Tobias Rapp: "Rund ein Viertel aller Deutschen hat eine Einwanderungsgeschichte, bei Kindern sind es noch mehr. Aber in der Art und Weise wie in der Politik, auch am vergangenen Sonntag, über Deutschland und die Deutschen gesprochen wird, kommen sie so gut wie nicht vor.
Es gibt sie nur als Problem, als Bedrohung oder als Arbeitskraft." Den Westdeutschen falle es schon schwer, "zu respektieren, dass 'der Osten' anders ist, und das auf Augenhöhe anzuerkennen. Und dass diese Blindheit nicht einmal bemerkt wird. Zum Beispiel, wenn bei Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit ausschließlich Westdeutsche auf der Bühne stehen. Das ist ein Problem. Ein Teil der deutschen Geschichte und ihre Versäumnisse werden unter den Teppich gekehrt. (…) Wenn es schon so schwierig ist, den Osten zu sehen, wie ist es dann erst mit anderen Unterschieden? Es gibt ein
schwarzes Deutschland, ein
jüdisches Deutschland, ein
arabisches Deutschland, und noch viele mehr."
"Wir fordern einen Stopp der Waffenlieferungen und
Friedensverhandlungen"
mit Russland, sagt
Sevim Dagdelen, Außenpolitikerin des
Bündnis Sahra Wagenknecht, im großen
Interview mit Michael Maier von der
Berliner Zeitung, in dem sie ankündigt, sollte das BSW gemeinsam mit der AfD die Opposition bilden, auch
AfD-
Anträge anzunehmen. Olaf Scholz wirft sie vor, einen "Kotau" vor der USA zu machen: "Wenn wir uns aber die bundesrepublikanische Realität anschauen, sehen wir: Es gibt selbst auf Länderebene den Versuch, Parteien, die natokritisch sind oder
nicht unterwürfig alles mitmachen wollen, was in
Washington entschieden wird, von einer Regierungsbeteiligung fernzuhalten. So wird auch von der Wochenzeitung
Die Zeit gefordert, das Ja zur Westbindung und Stationierung von US-Raketen zur Bedingung eines Regierungseintritts zu machen. Einen solchen Kotau wird es vom Bündnis Sahra Wagenknecht nicht geben."
Im deutlich kritischer geführten
taz-
Interview mit Benno Stieber positioniert sich auch der Grünen-Politiker und Verkehrsminister in Baden-Württemberg
Winfried Hermann, über den auch ein Artikel in der
SZ erschienen ist, ähnlich wie Dagdelen. Es sei "fatal, dass die Abrüstungs- und Friedenspolitik in den 2000er Jahren nicht weiterverfolgt wurde", meint er und spricht sich ebenfalls gegen die
Stationierung amerikanischer Waffen aus: "Es muss andere Lösungswege geben. Ich bin kein Putin-Versteher, kann aber nachvollziehen, dass Raketen, die auf Russland gerichtet sind, dort als Bedrohung gedeutet werden. Wer Friedenspolitik macht, muss die
Interessen der anderen Seite verstehen, nicht rechtfertigen." Ebenfalls "fatal" findet er, "dass wir seit dem Krieg alle zivilgesellschaftlichen Kontakte, Städtepartnerschaften und Forschungsgemeinschaften aufkündigen und boykottieren. Wie soll dann noch die andere Sicht der Dinge nach Russland gelangen? Aber auch die einfachen Soldaten, die gezwungen oder von Ideologie verblendet im Krieg fallen, können uns doch nicht egal sein."
Die Tatsache, dass
Russland am 2. September einen weiteren
Raketenangriff auf die Ukraine startete, war den Zeitungen nur noch eine Meldung wert, schreibt derweil der ukrainische Schriftsteller
Artem Tschech resigniert in der
FAS: "Es ist normal, dass die Tragödie, die sich seit nunmehr zweieinhalb Jahren tagtäglich abspielt, zu einer
Selbstverständlichkeit geworden ist. Ich bin ja auch
abgestumpft und sehe über das fremde Leid, das mich umgibt, hinweg, der Albtraum, der sich im Osten und Süden meines Landes zuträgt, erschüttert mich nicht mehr. Ich habe mich daran gewöhnt, Freunde und Bekannte zu Grabe zu tragen,
der Tod ist zu einer Routine geworden, in der man existiert. Was ist dann erst mit jenen, die hinter einem hohen Zaun leben und denen die Nachbarn, in deren Hof eine Rakete eingeschlagen hat, herzlich egal sind? Die Hauptsache, die Donau mündet noch immer ins Schwarze Meer, dann ist die Welt also weiterhin im Lot."
Bei seinem Besuch beim Großmufti Tschetscheniens
küsste Putin den Koran - es ist bereits das zweite mal,
schreibt Oranus Mahmoodi, der bei
hpd ganz klar
Kalkül dahinter vermutet: "In den vergangenen Jahren hat Russland engere Verbindungen zu Ländern wie dem
Iran, der
Türkei und
Saudi-
Arabien aufgebaut. Diese Beziehungen sind zwar auch von wirtschaftlichem Interesse, aber geopolitisch versucht Putin sich gegen die
westliche Hegemonie in diesen Regionen zu positionieren. Die westliche Welt wird aus islamischer Sicht als Gegner islamischer Werte wahrgenommen. Putin inszeniert Russland als Gegenteil davon, als eine
Schutzmacht des Islam. Putins symbolische Gesten scheinen zu fruchten, sie bergen aber auch Risiken: Die orthodoxen Kirchen und nationalistischen Kräfte, die jede Annäherung an den Islam kritisch sehen, sind mächtig und ein strategisch wichtiger Bündnispartner des Präsidenten. Es wäre für ihn ein großer Fehler, die
orthodoxen Christen zu brüskieren."
Ebenfalls in der
taz gibt Ulrike Herrmann der
AfD, die vor allem die Angst vor Migration schürt, ein paar
Nachhilfestunden in Demografie: "Es stellt sich die Frage, was in Thüringen oder Sachsen passierte, sollte das rassistische Programm tatsächlich umgesetzt werden. Können die beiden Länder ohne neue Einwanderer auskommen? Die AfD selbst stellt sich vor, dass sie erst einmal 'die
inländischen Personalressourcen mobilisieren' will. Doch so viele Arbeitslose gibt es gar nicht. Im August waren es 68.843 in Thüringen, das entspricht einer Quote von 6,2 Prozent. Hinzu kommen 87.079 'Unterbeschäftigte', also Menschen, die einen Job haben, aber gern mehr arbeiten würden. Selbst wenn jede Arbeitslose und Unterbeschäftigte vermittelt würde, könnte die
Personallücke nicht gestopft werden. Wie Studien errechnet haben, werden im Jahr 2035
bis zu 250.
000 Fachkräfte in Thüringen fehlen, auch weil bis dahin etwa 385.000 ArbeitnehmerInnen in Rente gehen. Zunächst mag es harmlos klingen, dass in zehn Jahren 'nur' 250.000 Fachkräfte fehlen. Doch werden in ganz Thüringen im Jahr 2035 wohl nur noch 1,9 Millionen Menschen leben, von denen dann etwa ein Drittel in Rente ist."
Mit der
Brandmauer hat die CDU ihre Koalitionsoptionen schon besiegelt, bevor sie überhaupt verhandelt hat, schreibt Anna Schneider in der
Welt. "Wie man als CDU dem geneigten konservativen Wähler allerdings erklären will, dass mit Sahra Wagenknecht
eine ehemalige Stalinistin, der die AfD zu wenig Friedenspartei ist, zu Wirtschaftsliberalismus oder westgebundener Russlandpolitik passen soll, müsste auch erst einmal jemand schlüssig erklären können." Das Konzept der Brandmauer könnte deshalb nur einer Partei nutzen: "Obwohl die Mehrheit - insbesondere aufgrund großkoalitionärer und ampelseitiger Minderleistungen im Bund - Mitte-rechts wählt, bekommt sie
immer wieder mitte-linke Politik, und das dürfte sich nicht so schnell ändern. Auch deswegen, weil mit der FDP in naher Zukunft wohl eher nicht mehr zu rechnen sein wird. Es braucht eigentlich gar nicht so viel Fantasie, um sich auszumalen, was passiert, wenn es so weitergeht.
Der AfD gefällt das."
Die
Spon-Korrespondenten blicken nach den Wahlen derweil in andere Länder Europas und auf deren Erfahrungen mit Rechten an der Macht. Zum Beispiel in Italien, wo sich Giorgia Melonis Politik gemäßigt hat. "Wenn die Rechte mit populistischen Sprüchen erst einmal
ihren Wahlkampf gewonnen hat, kann es sein, dass ihr der jahrelang gepflegte Europa-Hass plötzlich nicht mehr so wichtig ist. Im Regierungsalltag setzt sich die Erkenntnis durch, dass es ohne Brüssel nicht geht und man besser Kontakt nach Berlin und Paris sucht." Von der jetzigen polnischen Regierung unter Donald Tusk lässt sich überdies lernen, wie man die Rechten auf Distanz hält: "Tusk hat wie kein Zweiter in Europa gezeigt, wie man die Nationalkonservativen besiegen kann. Sein Rezept ist einfach: einer
überhitzten Kulturkampfrhetorik eine unaufgeregte Sachpolitik gegenüberstellen und sich von den Rechten nicht die Themen setzen lassen."
Alan Posener staunt in der
Welt über die Ergebnisse einer Umfrage des
Pilecki-Instituts, die ihm zeigt, wie wenig die Deutschen über Polen wissen. 59 Prozent der befragten Deutschen gaben etwa an, die Mehrheit der Holocaust-Opfer sei aus Deutschland gewesen, was faktisch nicht stimmt. "Auch was die 'ewige Selbstanklage' angeht, ist es nicht so weit her. 57 Prozent der Befragten meinen, die Deutschen und ihre
Kollaborateure in den besetzten Ländern seien 'in ähnlichem Maße' schuldig. Nur 34 Prozent meinen, vor allem Deutsche seien schuldig. Lediglich neun Prozent denken, dass nur Deutsche am Massenmord schuldig waren. (...) Zum Unwissen über die Fakten kommt ein völlig deplatzierter Stolz auf die eigene Aufarbeitung der Geschichte des Weltkriegs und der Shoah. Bei der Frage, wer
von wem dabei lernen könne, meinen 36 Prozent, die Polen könnten von den Deutschen lernen, nur 27 Prozent sehen es andersherum. Polen ist neben Frankreich unser wichtigster Nachbar. Aber das Wissen über dieses Land ist noch von Vorurteilen und Ressentiments geprägt. Vor allem wissen wir zu wenig über die Besatzungszeit, die Versuche von Sowjets und Nazis, die
polnische Intelligenz auszurotten, den Widerstand jüdischer und nichtjüdischer Polen gegen die Schoah."