Mit ihrer neuen
Migrationspolitik schürt die Bundesregierung nicht nur
rassistische Ressentiments in der Gesellschaft und untergräbt die Rechte gefährdeter Gruppen, sondern sie gefährdet auch die EU selbst,
warnt der Migrationsforscher
Maurice Stierl im
Guardian: "Scholz' Plan droht ... eine
Kettenreaktion in ganz Europa auszulösen, die dazu führen könnte, dass die '
postnationale'
Idee selbst ins Wanken gerät. In den Niederlanden hat
Geert Wilders, Vorsitzender der rechtsextremen Freiheitspartei, die jetzt an der Regierung beteiligt ist, bereits die Frage gestellt: 'Wenn Deutschland das kann, warum nicht auch wir?', und fügte hinzu: 'Was mich betrifft, je früher, desto besser.' Andere Parteien der extremen Rechten jubeln. Indem sie der Anti-Migrations-Stimmung nachgeben, tun vermeintlich 'zentristische' politische Parteien den Willen der extremen Rechten und legitimieren ihre Vision von einem Europa mit härteren Grenzen. Es ist keine große Überraschung, dass Ungarns autoritärer Führer,
Viktor Orbán, Scholz gratulierte und twitterte: '@Bundeskanzler, willkommen im Club! #StopMigration.'"
Die
taz versammelt derweil Stimmen von Schauspielern, Wissenschaftlerinnen, Künstlern und Publizistinnen, die sich gegen die aktuelle
Migrationspolitik wenden. Darunter
Michel Friedman: "Die Vorstellung einer in sich geschlossenen 'Festung Europa', auch einer 'Festung Deutschland', in allen Dimensionen ist nicht zukunftsfähig. Europa bedeutet für mich
Offenheit,
Begegnung von Kulturen und Völkern, Integration, Aufnahme neuer Ideen, Neugierde. Mich prägt darin das starke Wort von Johannes Paul II.: Wenn man Europa sagt, soll das Öffnung heißen - apertura!" Und
Ilko-
Sascha Kowalczuk: "Es ist kein Verdienst, zu leben, wo man lebt / solidarité avec les sans-papiers." Oder
Rahel Jaeggi: "Für mich ist völlig klar, dass nur ein offenes Europa der Kooperation die Lösungen für eine sichere und stabil versorgte Zukunft bieten kann. Aus kurzfristiger Wahltaktik heraus den gesellschaftlichen Zusammenhalt, diplomatische Beziehungen und internationales Recht zu zertreten, ist Parteipolitik ohne Weitsicht - aber nicht, was die Mehrheit in Deutschland will. Wirkungsvolles Regieren geht anders."
Die
AfD hat einen "fantastisch selbst verstärkenden Mechanismus in Gang gesetzt …, bei dem die
Demokraten ihr Projekt rasant selbst
sabotieren",
warnt ebenfalls in der
taz der Sozialwissenschaftler
Berthold Franke, denn die Rechtsextremen haben mit dem Thema Migration die "Diskurshoheit" selbst übernommen: "Der
neue Faschismus darf niemanden überraschen, er ist uns bekannt als zuverlässiger Begleiter der politischen Moderne, als gewissermaßen hässlicher Bruder der Demokratie. Wann immer diese ihre großen Versprechen der Freiheit, Fairness und Partizipation nicht erfüllt, versucht ihr Zwilling die Ängste der Menschen in seine Regie zu nehmen. (...) 75 Jahre nach ihrer Gründung und 35 Jahre nach der Vereinigung steht die zweite deutsche Republik vor ihrer ersten, wirklich harten
Bewährungsprobe. Für deren Bestehen bedarf es zuallererst nüchtern analysierender Medien und unerschrocken handelnder politischer Eliten mit einem Navigationssystem, das sich statt an kleinlichem Kalkül unbedingt am Ziel der
Erhaltung unserer Freiheit orientiert."
Ganz anders sieht das Jacques Schuster in der
Welt: "Richtig und sinnvoll" findet er die Migrationspolitik der Bundesregierung, nur zu spät: "Wir sind mittendrin in einer
selbst verschuldeten politischen Krise, die im Begriff ist,
staatsgefährdend zu werden. Haben Sozialdemokraten, Grüne und Liberale noch immer nicht begriffen: Wenn sie darauf beharren zu meinen, nur Faschisten seien für die robuste Abwehr von Flüchtlingen an der Grenze, dann werden die Wähler am Ende auch
Faschisten zur Macht verhelfen, um eben das zu tun, was Sozialdemokraten, Grüne und Liberale sich zu tun weigerten."
Gibt es kein anderes Thema als Migration, fragt Caterina Lobenstein auf
Zeit Online: "
Altersarmut und
Niedriglöhne, hohe Lebensmittel-, Energie- und Wohnkosten - auch das hat viele Ostdeutsche zu Wutbürgern gemacht." Dazu kommen
Lehrer- und
Ärztemangel, so Lobenstein: "Jenseits der großen Städte fehlt es im Osten fast überall an Fach- und Allgemeinärzten; in Sachsen hat sich die Zahl der
unbesetzten Hausarztstellen zwischen 2015 und 2022 mehr als
verdoppelt. In Brandenburg fand sich in den letzten Jahren nur für jede zweite Arztpraxis ein Nachfolger; vor einem 'Praxenkollaps' warnt die Kassenärztliche Vereinigung. In Thüringen gaben laut infratest dimap 60 Prozent der Wähler an, die ärztliche Versorgung in ihrer Gegend habe sich verschlechtert - 18 Prozent mehr als bei der Landtagswahl 2019. Viele Praxen und Krankenhäuser versuchen mittlerweile, Ärzte aus dem Ausland anzuwerben. Doch die Behörde, die für die Anerkennung der Abschlüsse zuständig ist, arbeitet so
umständlich und langsam, dass viele Interessenten wieder abspringen."
Das "öffentliche Wetteifern um eine strengere Asylpolitik führt jetzt zur absolut bizarren Situation, dass SPD und Grüne öffentlich damit punkten wollen, wer die entschiedenere
rechte Symbolpolitik präsentiert", sekundiert Samira El Ouassli auf
Spon: "Eine strengere Asylpolitik wird
keine einzige neue Kita bauen, Abschiebungen werden keinen bezahlbaren Wohnraum herbeizaubern, die systematische Entrechtung von Menschen auf der Flucht wird nicht unsere sanierungsbedürftigen Straßen und Schulen reparieren. Der mutmaßlich bevorstehende
Kollaps der Sozialsysteme ist eine populistische Fiktion, der kausale Zusammenhang zwischen einer angeblichen Überbelastung und der Einwanderung und Asylpolitik eine politische Finte, die Entrechtung von Menschen und der kollektive Rechtsruck als Reaktion darauf ein Desaster."
Sie würde das "
Label links" nicht mehr benutzen, sagt
Sahra Wagenknecht im großen
Tagesspiegel-Interview, das gleich drei RedakteurInnen mit ihr führen und in dem sie dafür plädiert, die
Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufzuheben und der deutschen Politik angesichts des Kriegs in der Ukraine "
hehre Moral" vorwirft: "Jeder Krieg ist Unrecht, ist ein Verbrechen. Aber wie viele Staaten wurden durch US-Kriege in failed states verwandelt, mit Millionen Opfern? Wie viele Familien bei US-Drohnenangriffen ermordet? Die USA besetzen noch heute große Teile der syrischen Ölfelder. Die Türkei besetzt Gebiete in Syrien und im Nordirak. Aber
damit Putin bloß nicht Recht behält, müssen weitere hunderttausende Menschen sterben?" Die Ukraine müsse "bereit sein, zu verhandeln und Kompromisse zu schließen: vor allem bei ihrem Ziel einer Nato-Mitgliedschaft."