9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2015 - Geschichte

Die taz erinnert auf 15 Seiten an das Kriegsende vor siebzig Jahren, unter anderem sorgt sich der Historiker Norbert Frei um das historische Gedächtnis angesichts "schwindender Zeitgenossenschaft": "Während unsere politische Klasse bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Notwendigkeit des "Erinnerns" postuliert, wird überall im Land der Geschichtsunterricht zusammengestrichen. Darin zeigt sich einmal mehr die Krux einer Politik, die von historisch-politischer Reflexion nichts wissen will." Auch die SZ bringt zehn Sonderseiten zum Kriegsende.

Klaus-Helge Donath berichtet unterdessen, wie russische Staatsanwaltschaften reihenweise Teenagern hinterher jagen, die mit frivolen Tanzvideos vor geschichtsträchtigen Orten das vaterländische Gedenken besudelten: "Diese Verbindung aus Patriotismus und Konservatismus hat es in sich. Denn die Empörung über sexuelle Freizügigkeit ist künstlich. Russland ist alles andere als prüde. Die Kombination aus Laszivität und vaterländischer Untreue beflügelt jedoch Fantasien. Also wird nach allem gesucht, was sich durch Abweichung für Bestrafung und Verfolgung eignen könnte. Der Kreml muss dafür weder Verbote verhängen noch zur Wachsamkeit mahnen - die Untertanen spüren, was der Obrigkeit gefallen könnte. Und die Willkür trägt groteske Züge."

Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg ist durch den neuen russischen Imperialismus und die Vereinnahmung des "Antifaschismus" erneut zum Schlachtfeld geworden, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Von solchen Funktionalisierungen der Geschichte zeigen sich die deutsche Politik und Öffentlichkeit tendenziell überrumpelt. Klaffen in der angeblich so tiefen Geschichtskenntnis der Deutschen doch erhebliche Lücken - nicht nur in Bezug auf die Geschichte der Ukraine wie auch Ost- und Südosteuropas insgesamt. Es sind Lücken, in die propagandistische Vereinnahmungen und irrationale Fiktionalisierungen des historischen Geschehens stoßen können."

Ebenfalls zum Kriegsende: In der FAZ erinnert sich Günther Uecker im Interview mit Rose-Maria Gropp und Jürgen Kaube. Und Jürg Altwegg zeichnet neue deutschfeindliche Ausfälle des französischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon nach. Wer weitere Artikel aus der Gedenkproduktion der Zeitungen sucht, hier ein Überblick Arno Orzesseks im Dradio Kultur.

Außerdem: In der Welt unterhält sich Igal Avidan mit dem israelischen Autor Avraham Schapira, der zusammen mit Amos Oz, das berühmte Buch "Gespräche mit israelischen Soldaten" über traumatisierte Soldaten des Sechs-Tage-kriegs publiziert hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2015 - Geschichte

Die FAZ hat einen neuen freien Mitarbeiter. Er heißt Wladimir Putin und erzählt im Feuilletonaufmacher Krieg und Kriegsende aus Sicht seiner Mutter und seines Vaters: "Es gab ja keine einzige Familie, in der nicht jemand gefallen ist. Es gab viel Kummer, viel Unglück, Tragödien. Was verwunderlich ist: Sie empfanden keinen Hass gegenüber dem Feind. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht ganz begreifen. Meine Mutter war überhaupt ein sehr weichherziger, gütiger Mensch... Sie sagte: "Wie soll man diese Soldaten hassen? Es waren einfache Leute, und sie sind auch im Krieg gefallen." Das ist erstaunlich."

Passend dazu verfolgt im Zeit-Dossier Steffen Dobbert Gerüchte, wonach Putins Mutter nicht gestorben sei, sondern in Georgien lebe und mehrere Journalisten, die bei der Frau recherchiert hätten, ums Leben gekommen seien.

Während Russland zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes sein "antifaschistisches" Geschichtsbild pflegt, desowjetisiert die Ukraine ihre Geschichte durch einige neue Gesetze, schreibt Anna Dolya in der huffpo.fr. Sowjetische Symbole sollen wie nazistische Symbole verboten werden. "Seit ihrer Unabhängigkeit lebte die Ukraine in enger Verbindung mit ihrer sowjetischen Geschichte, und Russland hat in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt. Die Aufrechterhaltung des Gedächtnisses an die gemeinsame sowjetische Vergangenheit erlaubt es Russland, seinen Einfluss in vielen Ländern der ehemaligen sowjetischen Sphäre beizubehalten. Die Ukrainer lebten in vielen historischen Paradoxa. Während ihre Geschichtsbücher zum Beispiel Lenin als einen Verbrecher darstellten, hat praktisch jedes Dorf noch Lenin-Statuen und Straßen, die seinen Namen tragen."

Das Gedenken ist brüchig, schreibt Thomas Schmid in der Welt: "In der Tat, es gibt in Europa - vom großen Rest der Welt zu schweigen - 70 Jahre nach Hitlers Tod und ein Viertel Jahrhundert nach dem eigentlich befreienden Untergang der Ordnung von Jalta keine gemeinsame Deutung der Geschichte des Kontinents im vergangenen Jahrhundert. Wir sitzen nicht auf dem großen, wärmenden Kissen einer von allen geteilten Großerzählung."

Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeyer erinnert unterdes in der taz daran, dass vor hundert Jahren - also im Ersten Weltkrieg - ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff Lusitania mit 2000 Passagieren an Bord versenkte. Dem peinlichen Jubel über diese Untat enthielten sich allenfalls Mühsam, Tucholsky, Kraus und Heinrich Mann, nicht aber Thomas Mann: "Er feierte nämlich, wie er in seinen 1918 erschienenen "Betrachtungen eines Unpolitischen" freimütig bekannte, "die Vernichtung jenes frechen Symbols der englischen Seeherrschaft", mit der "einer immer noch komfortablen Zivilisation" und "dem welterfüllenden Zetermordio humanitärer Hypokrisie die Stirn geboten" werde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2015 - Geschichte

Chenva Tieu, französischer Politiker kambodschanischen Ursprungs, erinnert sich in der Huffpo.fr an einen Tag vor vierzig Jahren, "an dem ich brutal von einem Geschoss geweckt wurde, das in der Nähe unseres Hauses einschlug, als ich die Siesta machte. Die Roten Khmer hatten damals die Angewohnheit, die Innenstadt von Phnom Penh zu bombardieren. An diesem Tag entdeckte ich das Gesicht des Todes und sah einen Mann, der von dem Geschoss getroffen worden war. Ich erinnere mich an den Fall Phnom Penhs und dass mein Bruder und mein Vater es klüger fanden, getrennte Fluchtwege zu suchen. Meinen Bruder habe ich nie wiedergesehen."

Außerdem: In der Welt resümiert Hannes Stein einen Artikel des amerikanischen Literaturwissenschaftlers William J. Maxwell, der in Politico die Überwachung schwarzer Schriftsteller durch das FBI unter Edgar Hoover offenlegt. In der FAZ erinnert der Politologe Claus Leggewie daran, dass mit dem 8. Mai 1945 für die Algerier nicht der Zweite Weltkrieg endete, sondern mit den Massakern von Sétif das Vorspiel zum Algerienkrieg begann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2015 - Geschichte

"Jubiläen haben ziemlich viel mit Heilsgeschichte zu tun, mit kollektiven Erlösungswünschen plus Sinnangebot", sagt der Historiker Valentin Groebner im Gespräch mit Jan Feddersen (taz) mit Blick auf das ritualisierte Gedenken rund um den nahenden Jahrestag des Kriegsendes: "Das Gedenken an den Nationalsozialismus ist Identitätspolitik und gleichzeitig Abwehr, Schutzschirm. Es lässt sich als Verschluss einsetzen, um sehr viel gegenwärtigere Geschichten als weniger wirklich wahrnehmen zu können, gerade weil die heute vor der Haustür stattfinden. Daher die moralische Verve: Nur die vertrauten Erzählungen und Bilder 1933 bis 1945, das sind "wir". Ein direkter Vergleich zwischen Flüchtlingsschicksalen aus dem Nationalsozialismus und Flüchtlingen von heute ist weder medientauglich noch mainstreamfähig. Das muss getrennt bleiben - moralisches "Wir"-Pathos bitte nur dorthin, wo es keine Unordnung erzeugt."

Düstere Meditationen Sonja Margolinas zur Feier des 70. Jahrestags des Kriegsendes unter dem neuen Zar Wladimir Putin in der Welt: "Die Zeit zerfließt wie auf dem Zifferblatt der Uhr von Salvador Dalí, auf dem es keinen Uhrzeiger gibt. Man ist im Jahr 1919, 1936, 1941 und 1992 zugleich. Im Donbass sollen Separatisten einen Museumspanzer T-34 - dasselbe Modell steht frisch gestrichen nicht weit vom Brandenburger Tor - repariert und zum Angriff auf die Truppen der Kiewer Junta geführt haben. Das Staatsoberhaupt inszeniert sich als eine Mischung aus Mussolini und Milosevic, Franco und Stalin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2015 - Geschichte

Zum nahenden Jahrestag des Kriegsendes widmet die SZ den sowjetischen Ehrenmalen in Berlin eine Doppelseite. Neben Artikeln über die Denkmale im Treptower Park, im Tiergarten und auf den Seelower Höhen schreibt Stephan Speicher über den Soldatenfriedhof in der Schönholzer Heide in Pankow: "Denkt man aber an die Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs in Flandern, wirkt Schönholz doch eher wie ein Ehrenmal als ein Friedhof. Denn es sind nicht einzelne Grabsteine, die das Bild prägen. Das allerdings folgt nicht einer politisch-ästhetischen Absicht. Vielmehr ließ sich trotz großer Anstrengungen nur ein Fünftel der 13 200 Leichname identifizieren. Erkennungsmarken hatte die Rote Armee nicht ausgegeben. So musste sie den größten Teil ihrer Toten anonym bestatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2015 - Geschichte


Das NS-Dokumentationszentrum neben dem Sockel des nördlichen Ehrentempels und dem Führerbau (Foto: G. Reck)

Das nach jahrzehntelangen Debatten eröffnete Münchner NS-Dokumentationszentrum kommt gut an. "Jetzt weiß man endlich, was diesem Ort so lange gefehlt hat", urteilt Patrick Guyton im Tagesspiegel über den Weißen Würfel am von faschistischer Architektur geprägten Königsplatz. In der taz zeigt sich Klaus Hillenbrand mit dem Ausstellungskonzept zufrieden: "Die Ausstellung verzichtet konsequent auf die Präsentation von NS-Devotionalien, sondern zeichnet Geschichte anhand von Bildern, Dokumenten, Plakaten und Biografien nach. "Flachware" nennen das manche Museumsdidakten abwertend. Tatsächlich gelingt es dieser Präsentation so, Geschichte und Gegenwart darzustellen, ohne durch vermeintliche Schauobjekte zu banalisieren."

In der FR stört sich Erik Franzen ein wenig an der von Politikern und Zeitzeugen gleichermaßen gepflegten Sprachregelung, das Dokumentationszentrum sei "spät, aber nicht zu spät" eröffnet worden: "Wofür stehen die beiden Flat-Screens ganz am Ende der Ausstellung mit ständig aktualisierten Newstickermeldungen beispielsweise über rechtsextreme Ausschreitungen? Sind sie der mahnende Ruf "Nie wieder"? Oder sind die Nachrichten ein Zeichen dafür, dass wir viel zu viel versäumt haben?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2015 - Geschichte

"Ist das alles wirklich so neu und unerhört?", fragt sich Sonja Zekri in der SZ nach dem Besuch des gestern nach jahrzehntelangen Debatten eröffneten NS-Dokumentationszentrums in München, das ihr bisweilen "pädagogisch strangulierend eng geführt" erscheint: "Zum Schluss sieht man ein Foto, auf dem Neonazis an der Feldherrnhalle 1987 eine Totenwache für Rudolf Heß halten. Und gegenüber, genauso groß, das Bild einer Lichterkette für Frieden und Toleranz. So sieht moralisches Vollkasko aus." Auch Sven Felix Kellerhoff (Welt) und Hannes Hintermeier (FAZ) haben das Dokumentationszentrum besucht.

Weiteres: Rudolf Neumaier berichtet in der SZ von der Ausstellung "Napoleon und Bayern" im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. In der NZZ schreibt Joachim Güntner eine kleine Geschichte des Streiks.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2015 - Geschichte

In der taz erklärt sich Isolde Charim Ankaras Weigerung, den Völkermord an den Armeniern als solchen anzuerkennen, mit einem Geschichtskonzept, das keine Gegenhistorie kennt, keine Geschichte der Opfer, sondern nur das, was Foucault die Jupiter-Geschichte genannnt habe: "Sie ist jene Art von Geschichtserzählung, die die Geschichte der Sieger erzählt. Jene, die "bindet und blendet" - der Glanz des Ruhmes soll die Menschen blenden und dadurch an die Macht binden. Sie soll die Gesellschaft um den Sieg herum einen. Die Geschichte als Legende, als Glorie der Vorbilder ist also ein Machtfaktor. Jupiterhistorie, die unbefleckte Heldenerzählung, ist ein Ritual zur "Stärkung der Souveränität"."

Nach Ian Kershaw gestern in der Berliner Zeitung interviewt Martin Hesse heute in der FR den Historiker Norbert Frei zum Kriegsende. Frei erklärt die schnelle Demokratisierung zumindest der West-Deutschen nach 1945 so: "Zum einen waren der totale moralische Bankrott und die Totalität der politischen Niederlage, anders als 1918, für jedermann klar erkennbar. Das sind zwei wichtige Faktoren. Nichts von dem, was politisch bis zum Frühjahr 1945 galt, war zukunftsfähig. Das erkannten doch die meisten Deutschen, auch wenn sich manche damit schwertaten. Daher auch die rasche Bereitschaft, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Damit waren jede Menge Lügen und Beschönigungen verbunden, aber für den Erfolg einer neuen Ordnung ist diese Distanzierung bedeutsam. Zum anderen kam hinzu, dass die Amerikaner in Westdeutschland präsent blieben - militärisch und politisch, materiell und ideell."

Für die NZZ besucht Georg Renöckl die Ausstellung "Mythos Galizien" im Wien-Museum, in der er viel über Österreichs einstiges "Kronland", das tatsächlich sein Armenhaus war: "Galiziens Ende war lang und schrecklich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2015 - Geschichte

Sehr böse kommentiert in der Welt Henryk Broder die Weigerung Frank-Walter Steinmeiers, im Blick auf die Geschehnisse in der Türkei vor hundert Jahren das Wort "Völkermord" auszusprechen: "Macht es einen qualitativen Unterschied aus, ob sechs Millionen oder "nur" 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden? Haben die Armenier, die in der Wüste verdurstet sind, weniger gelitten als die Juden, die in Auschwitz vergast wurden? Steinmeiers Ansatz ist offenbar ein anderer. Abgesehen davon, dass er die Türken nicht verärgern möchte, steckt in ihm das, was der Philosoph Hermann Lübbe mit dem Begriff "deutscher Sündenstolz" belegt hat. "Den Holocaust macht uns keiner nach! Er ist unser Alleinstellungsmerkmal, das wir mit niemand teilen wollen!""

Jeannine Hayat liest für Huffpo.fr einige Neuerscheinungen, die ein neues Licht auf Albert Camus" Engagement für ein demokratisches Algerien werfen, mit dem er scheiterte - so dass er in seinen letzten Jahren zu dem Thema verstummte: "Die Liberalen, die sich als Pressure Group etablieren wollten, verfügten nur über einen sehr geringen Handlungsspielraum. Sie mussten einerseits gegen die kolonialistischen Vorurteile der extremen Algerien-Franzosen kämpfen und zugleich ihre algerischen Freunde von den Vorteilen des Pluralismus überzeugen."

Im Interview mit Michael Hesse spricht der britische Historiker Ian Kershaw in der Berliner Zeitung über das Kriegsende vor siebzig Jahren, das die NS-Führung aus Hitler, Bormann, Goebbels und Speer bis zum bittersten Ende hinauszog: "Die Tatsache, dass Deutschland eine gut ausgebildete Bürokratie und eine lange Tradition des Staatsdienstes hatte, ließ das System weiter funktionieren. Löhne und Gehälter zum Beispiel wurden noch im März und April 1945 ausgezahlt, wenn auch mit drastisch verringerter Effizienz. Das Regime versuchte alles, um die Fata Morgana der Normalität aufrecht zu erhalten - sogar als sich der totale Zusammenbruch näherte. Es ist ziemlich erstaunlich, dass ein Fußballspiel immer noch stattfinden konnte, eine Woche vor Hitlers Selbstmord."

Weitere Artikel: Barbara Oertel schreibt zum Tod Wladyslaw Bartoszewskis, der als Auschwitz-Überlebender, Widerstandskämpfer, Regimegegner und Außenminister sozusagen ein polnisches Nationaldenkmal war und politische Kontrahenten mitunter auch als "Spinner, Pseudodiplomaten, Esel" abfertigte. Im Standard zitiert der Kulturhistoriker Bernhard Kathan aus Briefen eines jungen Wehrmachtssoldaten, der unbedarft mit seinem Trupp durch Europa zog: "Tatsächlich geht Gruber in Danzig baden, er geht ins Kino, schaut sich Sehenswürdigkeiten an, flirtet mit einem Mädchen. Das Bombardement findet Gruber bestenfalls lästig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2015 - Geschichte

"Auf den Genozid der Armenier folgte ein Mnemozid. Es wurde nicht nur das Volk ausgegrenzt, verfolgt und getötet, sondern obendrein auch gleich noch das Gedächtnis an dieses Volk", sagte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrer Gedenkrede zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern in der Frankfurter Paulskirche, die beim Perlentaucher zu lesen ist. "Solange eine Opfergruppe mit der Erinnerung an das ihr zugefügte Leid und Unrecht allein bleibt, setzen sich die Bedingungen ihrer Verfolgung und Auslöschung fort. Denn das Vergessen der Vernichtung ist ein integraler Teil der Auslöschung einer Gruppe. Die einzige Möglichkeit, diesen unerträglichen Zustand zu überwinden und in eine neue Phase der Wiedergewinnung der Würde, der Identität und Sicherheit der Existenz zurückzukehren, besteht darin, dass diese tiefe Wunde anerkannt und von außen bestätigt wird."

Im Blog der NYRB liest James Reidel noch einmal Franz Werfels großen Armenien-Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" und verfolgt seine Entstehungsgeschichte, darunter Werfels gemeinsame Reise mit Alma Mahler durch den Nahen Osten: "In Damascus, Werfel toured a carpet factory with Alma. He saw a number of children working the looms, many of them maimed and crippled. When he asked the factory owner about them, he was told they were Armenian orphans. Their parents had been lost in the massacres, forced deportation marches, and concentration camps of World War I. These events would not have been a surprise to Werfel. In the years following the war, the atrocities committed against the Armenians surfaced in the news stories, some tied to the revenge shootings of Talaat Bey, Jemal Pasha, and other wartime Turkish leaders, victims of an Armenian revolutionary assassination program with the chilling name of "Operation Nemesis"."

Tigran Petrosyan besucht für die taz in Woskehat den 1910 im türkischen Kabuse geborenen Armenier Movses Aneschyan: "1915 sollten alle armenischen Christen aus dem Osmanischen Reich deportiert werden - darunter auch die Bewohner von Kabuse. "An dem Tag, an dem die türkischen Gendarmen unser Dorf überfielen, war ich mit meinem Vater zu Hause. Meine Mutter war mit meinen zwei Schwestern im Nachbardorf bei ihren Eltern", erzählt Movses. "Mein Vater und ich wurden gezwungen, auf einen Todesmarsch an die syrische Küste zu gehen.""

Weiteres: Im Guardian beklagt Giles Fraser, dass Großbritannien in der Armenienfrage zu viel strategisch motivierte Rücksicht auf die türkische Regierung nimmt. Allerdings berichten mehrere Reporter ziemlich beeindruckt vom Anzac Day im türkischen Gallipoli, wo zehntausend Australier und Neuseeländer und etliche Honoratioren in den offiziellen Feierlichkeiten an die große Schlacht im Ersten Weltkrieg erinnerten. In der FAZ zeigt sich Regine Mönch zufrieden mit der gestrigen Debatte im Bundestag zum den Völkermord an den Armeniern.