Die
FAZ hat einen neuen freien Mitarbeiter. Er heißt
Wladimir Putin und erzählt im Feuilletonaufmacher Krieg und Kriegsende aus Sicht seiner Mutter und seines Vaters: "Es gab ja keine einzige Familie, in der nicht jemand gefallen ist. Es gab viel Kummer, viel Unglück, Tragödien. Was verwunderlich ist: Sie empfanden
keinen Hass gegenüber dem Feind. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht ganz begreifen. Meine Mutter war überhaupt ein sehr weichherziger, gütiger Mensch... Sie sagte: "Wie soll man diese Soldaten hassen? Es waren einfache Leute, und sie sind auch im Krieg gefallen." Das ist erstaunlich."
Passend dazu verfolgt im
Zeit-Dossier Steffen Dobbert Gerüchte, wonach
Putins Mutter nicht gestorben sei, sondern
in Georgien lebe und mehrere Journalisten, die bei der Frau recherchiert hätten, ums Leben gekommen seien.
Während Russland zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes sein "antifaschistisches" Geschichtsbild pflegt, desowjetisiert
die Ukraine ihre Geschichte durch einige neue Gesetze,
schreibt Anna Dolya in der
huffpo.fr. Sowjetische Symbole sollen wie nazistische Symbole verboten werden. "Seit ihrer Unabhängigkeit lebte die Ukraine in enger Verbindung mit ihrer sowjetischen Geschichte, und Russland hat in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt. Die Aufrechterhaltung des Gedächtnisses an die
gemeinsame sowjetische Vergangenheit erlaubt es Russland, seinen Einfluss in vielen Ländern der ehemaligen sowjetischen Sphäre beizubehalten. Die Ukrainer lebten in vielen
historischen Paradoxa. Während ihre Geschichtsbücher zum Beispiel Lenin als einen Verbrecher darstellten, hat praktisch jedes Dorf noch Lenin-Statuen und Straßen, die seinen Namen tragen."
Das
Gedenken ist brüchig,
schreibt Thomas Schmid in der
Welt: "In der Tat, es gibt in Europa - vom großen Rest der Welt zu schweigen - 70 Jahre nach Hitlers Tod und ein Viertel Jahrhundert nach dem eigentlich befreienden Untergang der Ordnung von Jalta
keine gemeinsame Deutung der Geschichte des Kontinents im vergangenen Jahrhundert. Wir sitzen nicht auf dem großen, wärmenden Kissen einer von allen geteilten Großerzählung."
Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeyer erinnert unterdes in der
taz daran, dass vor hundert Jahren - also im Ersten Weltkrieg - ein deutsches U-Boot das britische
Passagierschiff Lusitania mit 2000 Passagieren an Bord versenkte. Dem peinlichen Jubel über diese Untat enthielten sich allenfalls Mühsam, Tucholsky, Kraus und Heinrich Mann, nicht aber
Thomas Mann: "Er feierte nämlich, wie er in seinen 1918 erschienenen "Betrachtungen eines Unpolitischen" freimütig bekannte, "die Vernichtung jenes frechen Symbols der englischen Seeherrschaft", mit der "einer immer noch komfortablen Zivilisation" und "dem welterfüllenden
Zetermordio humanitärer Hypokrisie die Stirn geboten" werde."