9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2019 - Geschichte

Hubertus Knabe, bis vor nicht allzu langer Zeit Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, sieht sich für die FAZ (politischer Teil) Geschichtsbücher für deutsche Schulen an und stellt fest, dass sowohl die Geschichte der DDR als auch der Mauerfall von 1989 äußerst stiefmütterlich behandelt werden: "Die friedliche Revolution bleibt in den Schulbüchern auch deshalb so blass, weil sie kein Gesicht hat. Nicht ein einziger Bürgerrechtler - oder demonstrierender 'Normalbürger' - wird den Schülern näher vorgestellt. Selbst Bärbel Bohley, die ostdeutsche Jeanne d'Arc, wird nur selten erwähnt. Schon gar nicht lernt man, warum sie sich gegen die SED wandten, welchen Preis sie dafür zahlten und wie sie ihre Machtlosigkeit in Stärke verwandelten. "

Wenn es um die juristische Aufarbeitung von Geschichte geht, werden meist Historiker als sogenannte "Wahrheitskommissionen" eingesetzt. Aber: "Die Geschichtswissenschaft ist keine Richterin, auch wenn die Vergangenheit zusehends justiziabel wird", wendet Marc Tribelhorn in der NZZ ein: "Nur: Die Logik der behördlichen Auftraggeber ist meist eine andere. Brechen gesellschaftliche Konflikte wegen vergangenen Unrechts auf, verspricht die Einsetzung von Historikerkommissionen erst einmal Ruhe. Die Politik gewinnt Zeit und kann später mit Verweis auf die wissenschaftliche Arbeit ihre 'Aufarbeitung' vornehmen. Allfällig gesprochene Wiedergutmachungen, Entschuldigungen oder Rehabilitationen haben unbestritten einen wünschenswerten heilsamen Effekt für die Opfer der Vergangenheit und deren Angehörige."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 - Geschichte

Seit Jahren kämpft die britische Organisation "Memorial 2007" dafür, dass ein Mahnmal an die britische Geschichte der Sklaverei erinnert, nun offenbar vergebens, weil die britische Regierung die Organisation nicht unterstützt. Es fehlen vier Millionen Pfund, erklärt Afua Hirsch im Guardian: "Ohne Unterstützung der Regierung sind diese vier Millionen ein unerreichbares Ziel. Memorial 2007 hat wiederholt versucht, diese Unterstützung einzuholen und hat jeden Premier von Tony Blair bis Boris Johnson darauf angesprochen. Die Ankündigung der Regierung, ein Holocaust-Mahnmal mit 50 Millionen Pfund zu unterstützen, hat im Jahr 2015 die Hoffnungen der Gruppe bestärkt. Sie schien nahezulegen, dass ein Interesse an der Erinnerung an schmerzvollen historische Ereignisse bestand. Aber dieses Interesse, so scheint sich, dehnt sich nicht auf schwarze Bürger Britanniens aus."

Tobias Bulang, Professor für Ältere deutsche Philologie an der Universität Heidelberg, erinnert sich in der FAZ an die Zeit kurz vor dem Mauerfall im Herbst 1989, den er als Abiturient in Bautzen erlebte. Die Zeichen standen damals keineswegs auf Freiheit: "Unter den Zukunftsoptionen waren durchaus auch nordkoreanische Zustände vorstellbar in einem Land mit traumatisierten Bürgern, vergifteten Flüssen und bröckelnden Plattenbauten. Steinzeit ante portas? Wer heute das Behagen in der Lebenssicherheit des DDR-Alltags gegen die Kontingenzzumutungen unserer Gegenwart politisch ins Spiel bringt, will nicht wahrhaben, dass dieses angesichts von ökologischer Krise und erheblichen Menschenrechtsverletzungen doch auch fragwürdige Wohlgefühl buchstäblich nur erborgt war und dass die Zeichen der Zukunft keineswegs auf den Ausbau solcher Behaglichkeit standen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Kersten Knipp an den Auftritt des italienischen Dichters Gabriele D'Annunzio in Fiume vor genau hundert Jahren. D'Annunzio forderte damals, dass die heute zu Kroatien gehörende Stadt Italien als Kriegsbeute zugeschlagen werden sollte: Dass er dies über Monate fordern und Massen damit begeistern konnte, "war vor allem dank des Dichters Begabung für politische Inszenierungen möglich. Ihretwegen wird der knapp anderthalb Jahre dauernde Ausnahmezustand in der Adriastadt von den meisten Historikern - zu Recht - als ästhetische Vorwegnahme des Faschismus gedeutet. Dort fanden sich nahezu alle Elemente, die später auch in den großen faschistischen Massenzeremonien verwendet wurden: die Reden des charismatischen Führers vom Balkon; die Aufmärsche und Paraden; die schwungvollen Märsche und Hymnen, die pathetischen Chorgesänge; dazu eine eigens geschaffene Symbolwelt: Flaggen, Uniformen, Abzeichen; Münzen und Briefmarken; eigene Parolen und Losungen, in Fiume etwa die Formel 'eia eia alalà', intoniert nach Art des amerikanischen 'yippie, yippie yeah'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2019 - Geschichte

Wer in Osteuropa die liberale Demokratie hochhält, rekurriert dabei meist auf den Spirit von 1989. Wenn es hilft, soll es so sein, meint der in Exeter lehrende Historiker Tobias Rupprecht in der NZZ, sieht Nexus historisch aber nicht unbedingt gedeckt: "Weder vor 1989 noch danach war liberales Gedankengut in Osteuropa jemals dominant. Verdeckt vom liberalen Mythos von '1989', waren religiöser Konservatismus und oft fremdenfeindlicher Nationalismus und Antisemitismus auch starke Strömungen der Wendezeit, nicht erst eine Reaktion auf den 'Neoliberalismus' der 1990er und frühen 2000er Jahre. In einem Punkt haben die osteuropäischen Populisten daher nicht ganz unrecht: Dass die meisten ehemals staatssozialistischen Länder ab 1989 einen liberalen, also parlamentarisch-rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen Weg einschlugen, war in der Tat Resultat eines Kompromisses von reformkommunistischen Eliten und kleinen Gruppen von Dissidenten. Andere populäre Entwicklungsvorstellungen, autoritär-nationalistische wie reformsozialistische, wurden beiseite gedrängt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 - Geschichte

Der Historiker Timothy Snyder zeichnet in der New York Times nach, wie sich Hitler 1919 zu einem großen Propagandisten entwickelte. Damals arbeitete er noch für die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), wurde aber von der Armee bezahlt: "Wie Benjamin Carter Hett in einer ausgezeichneten aktuellen Studie über Hitlers Machtergreifung feststellte: 'Der Schlüssel zum Verständnis, warum viele Deutsche ihn unterstützten, liegt in der Ablehnung einer rationalen, sachlichen Welt durch die Nazis.' In seinen Reden Ende 1919 leistete Hitler Pionierarbeit für einen Propagandastil, der einen Großteil des Jahrhunderts prägte. Es beginnt mit einer totalen Hingabe an Überzeugungstechniken, geht über die Schaffung eines reinen Mythos und endet damit, dass der Sprecher sein Land auf die Jagd nach erfundenen Phantomen führt, die über echte Gräber führt. In 'Mein Kampf' schrieb Hitler, dass sich die Propaganda 'auf einige Punkte beschränken und diese immer wieder wiederholen muss.'" Klingt unangenehm nah.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Extremismusforscher Eckhard Jesse an Günter Schabowski, der wohl als einziger SED-Politiker den Kommunismus für nicht reformierbar hielt, auch wenn ihn viele dafür als "Wendehals" verachteten: "Wer ihn länger gekannt, seine Reden gehört und Gespräche mit ihm geführt hat, kann dem nicht zustimmen. Aus Schabowski sprach authentische Überzeugungskraft, frei von Häme. Der Renegat mutierte zum Konvertiten - seinen Aussagen wohnte freilich mitunter etwas Kreuzzughaftes inne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2019 - Geschichte

Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat, und selbst die Idylle, in die sich manche zurücksehen, war Ausdruck des Zwangs, sagt der Historiker Stefan Wolle im Interview mit Marc von Lüpke bei t-online.de:  "Die DDR konnte ohne Gewalt nicht existieren. Etwa indem sie ab dem 13. August 1961 den Stacheldraht auspackte und Minenfelder anlegte. Sonst wäre der Staat regelrecht ausgeblutet. Danach war es ruhig und friedlich, die Leute haben sich irgendwie mit den Verhältnissen abgefunden. Aber wirklich akzeptiert hat die Bevölkerung die DDR nie. Das begann dann erst ab 1990: Im Rückblick wird der Sozialismus mit jedem Jahr schöner."

Dass Anetta Kahane, heute Expertin für Rechtsextremismus, einst langjährige Stasi-Mitarbeiterin (Unser Resümee), von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg eingeladen wurde, um über das Verhältnis der DDR zu Israel zu sprechen, findet Hubertus Knabe in der NZZ absurd. Er erinnert in diesem Zusammenhang an die Israelfeindlichkeit der DDR: "Schon Anfang der 1950er Jahre verhaftete die Stasi eine Reihe hochrangiger Funktionäre, die beschuldigt wurden, als 'zionistische Agenten' an der 'Ausplünderung Deutschlands' und der 'Verschiebung von deutschem Volksvermögen' mitgewirkt zu haben. Auch später gehörte antiisraelische Hetze, oft mit antisemitischem Unterton, zum Alltag in der DDR. Gern wurde der jüdische Staat dabei mit Hitler-Deutschland verglichen - etwa wenn das 'Neue Deutschland' 1982 titelte: 'Israel betreibt die Endlösung der Palästina-Frage.' Die Stasi schrieb sogar Drohbriefe an Überlebende des Holocausts in der Bundesrepublik. Und sie kooperierte mit westdeutschen Rechtsterroristen, die sie in der DDR untertauchen ließ. Sie sorgte schließlich auch dafür, dass die zahlreichen antisemitischen Vorfälle in Ostdeutschland geheim blieben."

In der SZ blickt auch der Historiker Norbert frei in die Geschichte der DDR - und geht nicht von einem langfristigen Erfolg der AfD in Ostdeutschland aus. Der Ostdeutsche sei ein Wechselwähler, schreibt er, denn: "Anders als seit 1945 im Westen gab es in der Sowjetischen Besatzungszone keine ernst zu nehmenden Möglichkeiten, an das Parteiensystem der Weimarer Republik anzuknüpfen. Zwar wurden neben den Kommunisten und den Sozialdemokraten auch 'bürgerliche' Parteien zugelassen, doch die entpuppten sich rasch als Marionetten der aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD hervorgegangenen SED. Im Osten vermochten sich jene traditionellen sozialmoralischen Milieus kaum mehr zu erholen, die - vor allem in Gestalt der Arbeiterbewegung und des politischen Katholizismus - während der NS-Zeit schwer gelitten hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2019 - Geschichte

In der taz greift Andreas Fanizadeh die Arbeit der Historiker Karina Urbach und John Röhl auf, die dem abgesetzten Kaiser Wilhelm II. einen vernichtenden Antisemitismus nachweisen konnte und seinen Sprösslingen die Anbiederung an die Nazis. 1934 erschien zum Beispiel in der dänischen Zeitschrift Berlingske illustreret Tidende eine Fotostrecke mit Kronprinz Wilhelm in SA-Uniform: "Wie der heutige Hohenzollern-Chef Friedrich von Preußen bei der historischen Faktenlage erklären will, warum ihm ein Platz auf dem Familiensofa in Schloss Cecilienhof zustünde, wird demnächst auch den deutschen Bundestag beschäftigen. Die Grünen-Bundestagsfraktion fordert in einem am 25. 9. eingebrachten Antrag die Offenlegung der bislang geheim geführten Gespräche mit den Hohenzollern. Das Parlament soll in die von Staatsministerin Monika Grütters geleiteten Verhandlungen über mögliche Restitutionen eingebunden sein."

In der taz erinnert sich auch der Reporter Thomas Gerlach an das Ende der DDR, deren Niedergang nach dem vierzigsten Jahrestag am 7. Oktober 1989 unaufhaltsam wurde. Zwei Tage später war es so weit: "Die Staatsmacht, die bis in die letzten Minuten ihre Allmacht demonstrierte, hatte sich zurückgezogen. Es hatte etwas Unwirkliches, Feierliches. Die Straße gehörte uns. Und nicht nur die Straße, die ganze Stadt. Das Land. Die Straßenbahnen, völlig unschuldig, ragten wie gestrandete Schiffe aus dem Menschenmeer. 70.000 sollen es gewesen sein. Vielleicht auch 100.000 oder mehr. Wer konnte das ermessen? Und über allem lag die bedächtige Stimme von Kurt Masur. Der Stadtfunk - Hunderte Lautsprecher, die über den Ring verteilt waren - übertrug den Aufruf in Endlosschleife. Wir ließen uns treiben. Irgendwann gingen wir zu den Rädern zurück. Mikes Frau sollte nicht im Ungewissen bleiben. Die beiden hatten einen Sohn. Wir kauften einen Rucksack Bier und fuhren heim. In einer Seitenstraße sahen wir Lkws. Polizisten standen herum. 'Jungs, geht nach Hause', ruft Mike wie ein Prophet. 'Jetzt ändert sich alles. Auch euer Leben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2019 - Geschichte

Viele Juden wurden im Holocaust nicht in Lagern ermordet, sondern durch Massenerschießungen, besonders in der Ukraine. Erst jetzt entstehen Initiativen für angemessene Mahnmale. Klaus Hillenbrand reist für die taz zu den Mordstätten. Die Stiftung "Erinnerung bewahren" musste gewissermaßen detektivische Vorarbeit leisten. "Denn in der Sowjetunion war ein Gedenken an die jüdischen Opfer nicht vorgesehen. Der Holocaust sollte im Vielvölkerstaat keine gesonderte Beachtung finden. Deshalb finden sich rund um Berdychiv immer wieder kleine Gedenksteine, auf deren Aufschrift von 'friedlichen Sowjetbürgern' die Rede ist, die dort ermordet wurden - wer da aus welchem Grund getötet worden war, das durfte nicht geschrieben stehen. Deshalb verrotteten die Grabstätten über die Jahrzehnte, bis sich kaum jemand mehr ihrer erinnerte."

Besonders im holländischen Exil hat der ehemalige Kaiser Wilhelm II. einen geradezu genozidalen Antisemitismus entwickelt, schreibt der Wilhelm-Biograf John Röhl unter Hinweis auf neue Forschungen von Karina Urbach in der FAZ und bringt zahlreiche Belege: "Als der ehemalige preußische Kultusminister Friedrich Schmitt-Ott im Juli 1921 zu Besuch nach Doorn kam, erschrak auch er über die Vehemenz des Hasses Wilhelms II. auf die Juden. Ihm setzte der Monarch seine Theorie auseinander, der Weltkrieg sei durch die jüdischen Freimaurerlogen in Frankreich, England und Italien angezettelt worden. Beim Abschied überreichte er dem Duzbruder eine silberne Brosche in Form eines Hakenkreuzes mit den Worten: 'Nun bist du in den Orden der anständigen Leute aufgenommen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2019 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren wurde Willy Brandt zum ersten sozialdemokratischen Kanzler gewählt. In der Welt tritt der Historiker Michael Wolffsohn an, den Mythos Brandt zu relativieren: Deutschlands "geschichtsmoralisches" Verhältnis zu Israel passte Brandt beispielsweise ganz und gar nicht, so Wolffsohn:  "Er sagte es im geschlossenen Kreis am 11. Februar 1970. Israel-Politik 'ohne Komplexe' strebe er an. Das bewies seine Regierung, als Israel im Oktober 1973 ums Überleben kämpfte: keine deutschen Waffen; auch keine amerikanischen über Deutschland. Dass es zwischen Brandt und dem deutschjüdischen Zentralrat sowie US-jüdischen Repräsentanten mehr als nur kriselte, überrascht daher nicht. Diese intensiven Krisen gehören zur Vorgeschichte und Erklärung von Brandts Kniefall am Warschauer Getto-Mahnmal. Ohne dieses wunderbare Demutszeichen zu programmieren, hatte Klaus Harpprecht, ein enger Freund Brandts, es am 3. Oktober 1970 dem Kanzler gegenüber für 'angebracht' gehalten, der jüdischen Welt eine öffentliche Geste der Verbundenheit zu zeigen. Gesagt, getan, Warschau, 7. Dezember 1970."