9punkt - Die Debattenrundschau

Jetzt ändert sich alles

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2019. Auf ZeitOnline beklagt Leïla Slimani Marokkos Kultur des Lügens. In der FR erklärt Heinrich August Winkler, dass es die Schamlosigkeit ist, die Nazis von Populisten unterscheidet. Im Tagesspiegel fordern die Frankreich-Kennerinnen Claire Demesmay und Christine Pütz ein Ende der permanenten Krittelei an Emmanuel Macron. Die NZZ leistet nach einem großen Schluck Kraftbrühe Abbitte bei Vilém Flusser. Und die taz erinnert an jenen Tag vor vierzig Jahren, als sich die Staatsmacht der DDR von Leipzigs Straßen zurückziehen musste. Außerdem erklärt Daniel Ellsberg in der taz: "Alle Behörden lügen."
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2019 finden Sie hier

Politik

Im taz-Interview mit Dorothea Hahn stellt sich Daniel Ellsberg, der Enthüller der Pentagon-Papiere, voll hinter den Whistleblower aus dem amerikanischen Geheimdienst, der über Donald Trumps Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski informierte. Ellsberg würde sich zwar nicht unbedingt auf den Kongress verlassen, sondern sich gleich an die Medien wenden, aber macht auch klar, dass hier nicht eine anonymer Geheimdienstler versucht, ein Spiel zu treiben: "Die Person versucht nicht, Trump loszuwerden. Sondern schlägt vor, dass ihm der Prozess gemacht wird. Entweder vor Gericht. Oder im Kongress. Auch Donald Trump verdient einen fairen Prozess. Ich kann hier nichts erkennen, was auch nur im Entferntesten fragwürdig wäre. Diese Person kommt aus dem Geheimdienst. Ich kam aus dem Verteidigungsministerium. Alle Behörden lügen. Zum Glück gibt es in einer repräsentativen Demokratie Wege, um das herauszubringen. Nur sind die meisten Menschen nicht bereit, ihre Karriere, ihre Familie, die Bildung ihrer Kinder, und alles aufs Spiel zu setzen, um die Gesellschaft und die Behörden zu informieren."
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Gesellschaft

Auf ZeitOnline fordert die Schriftstellerin Leïla Slimani, die zusammen mit der Filmemacherin Sonia Terrab in einem Manifest die überkommenen Gesetze zu außerehelichem Sex und Abtreibungen in Marokko anprangerte (unsere Resümees hier und hier), ein Ende der Heuchelei. Die Mehrheit der Marokkaner, erklärt Slimani, verstoße sowieso gegen eines dieser Gesetze: "Zunächst einmal wollen wir eine Debatte. Wir wollen Menschen helfen, aus der Kultur des Lügens und der Scham auszusteigen: Niemand soll sich schlecht fühlen, weil er Sex hat. Wir kämpfen für das Recht, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen. Und natürlich hoffen wir, auch politische Parteien zu überzeugen, die dann ebenfalls dafür kämpfen, dass jeder in diesem Land ein Recht auf Intimität und ein Privatleben hat."
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Europa

Im FR-Interview mit Michael Hesse geht der Historiker Heinrich August Winkler scharf ins Gericht mit Boris Johnsons brachialem Brexit-Kurs. Winkler glaubt aber, dass die britische Demokratie diesen Premierminister überstehen wird, auch wenn sie wirklich getestet werde: "Ein großer Unterschied zwischen den faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit und den nationalpopulistischen Bewegungen der Gegenwart liegt darin, dass die Faschisten keinen Hehl aus ihrer Verachtung der Demokratie machten, während die Populisten sich als Gralshüter der Demokratie aufspielen. Sie vergessen nur, dass Demokratie mehr ist als Mehrheitsherrschaft, nämlich die Beachtung von Spielregeln, von 'Checks and Balances', von Gewaltenteilung und Streitkultur, was eben auch die Rechte der Opposition einschließt."

Im Tagesspiegel fordern die beiden Frankreich-Expertinnen Claire Demesmay und Christine Pütz von Berlin wieder mehr europäisches Engagement. Besonders ungehalten macht sie die kleinkarierte, permanente Krittelei an Emmanuel Macron, die jede Initiative des französischen Präsidenten im Sande verlaufen lässt: "Statt sich an vermeintlichen Chefposen des französischen Partners abzuarbeiten, sollte Deutschland selbst wieder eine aktive Europapolitik betreiben. Man muss nicht alles mögen, was europapolitisch aus Paris kommt, doch darf die Bundesregierung Initiativen aus Paris nicht weiter unambitioniert aussitzen und hoffen, dass sie sich totlaufen. Berlin sollte endlich reagieren und bei Bedarf Alternativkonzepte anbieten - Zuviel steht auf dem Spiel."
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Ideen

Der Autor Felix Philipp Ingold leistet in der NZZ Abbitte beim Kommunikationsphilosophen Vilém Flusser, dessen "Lob der Oberfläche" in den achtziger Jahren als ironisch-frivoles Spiel mit dem Bedeutungsverlust abgetan wurde: "Flusser war es, der die heute übliche, von ihm einst angekündigte Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -produktion bildhaft mit einer Kraftbrühe verglich: Man werde sich künftig kaum noch für den Fond, das eigentlich Nahrhafte und Bedeutungsvolle, interessieren, das die Brühe zu bieten habe, vielmehr für die obenauf schwimmenden Fettaugen, die in ständiger Bewegung und gegenseitiger Durchdringung unentwegt neue Konstellationen bilden, mithin auch immer wieder neue Lesarten eröffnen. Eine Vielzahl möglicher Welten, so mutmaßte er, werde die wirkliche Welt allmählich überblenden und eine Fülle von nie da gewesenen, kaum noch verifizierbaren 'Wahrheiten' aufkommen lassen, welche die Unterscheidung von echt und unecht erschwere, vielleicht aber auch entbehrlich mache."
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Internet

Die USA, Britannien und Australien fordern von Facebook, ihnen eine Hintertür zur Verschlüsselung offen zuhalten. Auf ZeitOnline gibt Lisa Hegemann dem Konzern nicht gern recht, aber in diesem Falle schon. Perfide findet sie die Argumentation der Behörden, die vorgeben, die Sicherheit der Bürger erhöhen zu wollen: "Was die Regierung fordert, würde die Nutzer nicht schützen, sondern im Gegenteil gefährden. Sind Nachrichten nicht verschlüsselt, werden sie im Klartext übertragen, weshalb andere mitlesen können. Das ist vergleichbar mit einer Postkarte, die nicht nur der Empfänger, sondern auch die Zustellerin lesen kann. Ermittlungsbehörden gefällt das natürlich. Aber sie sind eben nicht die Einzigen, die eine Nachricht verfolgen und speichern können."

(Via Turi2) Tagesschau.de meldet, dass PayPal aus Facebooks Plänen für die Kryptowährung Libra aussteigt, Mastercard und Visa nehmen auch schon wieder Abstand.
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Stichwörter: Facebook, Verschlüsselung

Religion

Der Theologe Jan-Heiner Tück beschreibt in der NZZ, wie schwer sich die katholische Kirche nach dem Missbrauchsskandal mit Reformen tut: "Die katholische Kirche ist als Weltkirche von einer Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Denkweisen geprägt. Nicht nur in Afrika denkt, tickt und fühlt man anders als in Deutschland, das ist schon in Polen und Kroatien so. Hinzu kommt die Polarisierung der deutschen Ortskirche. Während manche Akteure bereits zum Ungehorsam aufrufen, sprechen andere vom 'Missbrauch des Missbrauchs' und wittern Traditionsverrat. Tatsächlich könnte das Pochen auf universalkirchliche Rückbindung auch eine Immunisierungsstrategie sein, Reformen einfach auszusitzen. "
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Geschichte

In der taz greift Andreas Fanizadeh die Arbeit der Historiker Karina Urbach und John Röhl auf, die dem abgesetzten Kaiser Wilhelm II. einen vernichtenden Antisemitismus nachweisen konnte und seinen Sprösslingen die Anbiederung an die Nazis. 1934 erschien zum Beispiel in der dänischen Zeitschrift Berlingske illustreret Tidende eine Fotostrecke mit Kronprinz Wilhelm in SA-Uniform: "Wie der heutige Hohenzollern-Chef Friedrich von Preußen bei der historischen Faktenlage erklären will, warum ihm ein Platz auf dem Familiensofa in Schloss Cecilienhof zustünde, wird demnächst auch den deutschen Bundestag beschäftigen. Die Grünen-Bundestagsfraktion fordert in einem am 25. 9. eingebrachten Antrag die Offenlegung der bislang geheim geführten Gespräche mit den Hohenzollern. Das Parlament soll in die von Staatsministerin Monika Grütters geleiteten Verhandlungen über mögliche Restitutionen eingebunden sein."

In der taz erinnert sich auch der Reporter Thomas Gerlach an das Ende der DDR, deren Niedergang nach dem vierzigsten Jahrestag am 7. Oktober 1989 unaufhaltsam wurde. Zwei Tage später war es so weit: "Die Staatsmacht, die bis in die letzten Minuten ihre Allmacht demonstrierte, hatte sich zurückgezogen. Es hatte etwas Unwirkliches, Feierliches. Die Straße gehörte uns. Und nicht nur die Straße, die ganze Stadt. Das Land. Die Straßenbahnen, völlig unschuldig, ragten wie gestrandete Schiffe aus dem Menschenmeer. 70.000 sollen es gewesen sein. Vielleicht auch 100.000 oder mehr. Wer konnte das ermessen? Und über allem lag die bedächtige Stimme von Kurt Masur. Der Stadtfunk - Hunderte Lautsprecher, die über den Ring verteilt waren - übertrug den Aufruf in Endlosschleife. Wir ließen uns treiben. Irgendwann gingen wir zu den Rädern zurück. Mikes Frau sollte nicht im Ungewissen bleiben. Die beiden hatten einen Sohn. Wir kauften einen Rucksack Bier und fuhren heim. In einer Seitenstraße sahen wir Lkws. Polizisten standen herum. 'Jungs, geht nach Hause', ruft Mike wie ein Prophet. 'Jetzt ändert sich alles. Auch euer Leben.'"

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