9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2772 Presseschau-Absätze - Seite 119 von 278

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2021 - Gesellschaft

Sexuellen Missbrauch gab es keineswegs nur in der katholischen Kirche - auch die Linke hat hier eine schmerzhafte Geschichte aufzuarbeiten. Heike Schmoll stellt in der FAZ (politischer Teil) eine Vorstudie des Kieler Kulturwissenschaftlers Sven Reiß und der Historikerin Iris Hax zu "Programmatik und Wirken pädosexueller Netzwerke in Berlin" vor (hier als PDF-Dokument). Der Kampf gegen den Paragrafen 175 mobilisierte auch einige Trittbrettfahrer, so Schmoll, denen es um Pädophilie ging. Sie nennt "Organisationsformen wie der 'Deutsche Arbeitskreis Pädophilie' in den siebziger Jahren, verschiedene Regionalgruppen, die Humanistische Union' (HU) und die sogenannte 'Indianerkommune' in Nürnberg". Aber "Täter fanden sich auch in der Jugend- und Hausaufgabenhilfe, in der Hausbesetzerszene sowie im linksautonomen Milieu. Ihr Ziel, den Kindesmissbrauch salonfähig zu machen und ihr Narrativ einer 'Befreiung' von Kindern aus kleinbürgerlichen Unterdrückungsverhältnissen wurde von der Frauenbewegung und Vereinen wie Wildwasser e.V. bekämpft und von den Protagonisten als Missbrauchshysterie verunglimpft."

Der "Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten" startet eine Petition an den Bundestag, um den Einzug der Kirchensteuern durch den Staat zu beenden. Veröffentlicht ist sie bei hpd.de: "Durch ihren Status als 'Körperschaft öffentlichen Rechts' sind die Kirchen befugt, ihre Mitgliedsbeiträge unter der Bezeichnung 'Steuern' zu erheben. Tatsächlich sind die Kirchensteuern nichts Anderes als Mitgliedsbeiträge nichtstaatlicher Organisationen. Gleichwohl betätigt sich der Staat als Inkassounternehmen für die Kirchen und setzt die Kirchensteuern als Zwangsabgaben durch."

Der Großteil der KlimaaktivistInnen ist jung, akademisch, weiß und weit entfernt von den Lebensrealitäten der Mehrheit der Gesellschaft aus "Geringverdienern, Systemträgern, Alleinerziehenden und Menschen, die keine Zeit für ein allgegenwärtiges Klimabewusstsein haben" , ärgert sich die freie Journalistin Yasmine M'Barek in der Welt. Statt jenen ein realpolitische Perspektive zu bilden, gehe den AktivistInnen "Ideologie über Inhalt. Es geht nämlich nicht um Solidarität und das Überleben der Menschheit, sondern um den Erhalt des eigenen privilegierten Daseins, Eurozentrismus pur. In diesem Eurozentrismus sind natürlich nur weiße Menschen mitgedacht, die denselben Lifestyle haben.... Man wiegt sich in der Sicherheit, moralisch im Recht zu sein. Dazu würde aber die Erkenntnis gehören, als neokolonialisierender Kontinent erst zu diesen miserablen Zuständen überwiegend beigetragen zu haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2021 - Gesellschaft

Mit großer Bewunderung für den Mut arabischer IslamkritikerInnen schildert in der NZZ der Fernsehjournalist Samuel Schirmbeck die Versuche im Maghreb, sich einen demokratische Freiraum gegen religiöse "Gummiparagrafen wie 'Verletzung der religiösen Vorschriften', 'Beleidigung des Islam', ... 'Blasphemie', 'Profanierung des Koran'" zu schaffen. "Wenn ein Mädchen und ein Junge wegen eines im Internet veröffentlichten Kuss-Fotos vor Gericht gestellt werden und deswegen vor dem Parlament in Rabat ein Solidaritäts-'Kiss-in' stattfindet, wenn der Schriftsteller Abdellah Taia sich als erster Marokkaner öffentlich als Homosexueller outet und daraufhin ein Universitätsdekan, der eine Vorlesung zu seinen Werken gestattet, von fanatischen Gläubigen fast gelyncht wird, wenn die Journalistin Zineb El Rhazoui mit fünf anderen beschließt, mit einem öffentlichen Picknick während des Ramadan für die Gewissensfreiheit das Fasten zu brechen, wenn wenig später in Algerien dasselbe passiert, wenn Musliminnen gegen die 'Geißel der sexuellen Übergriffe' und das islamische außereheliche Sexverbot protestieren und dafür 'Frauen herabwürdigende religiöse Texte' verantwortlich machen, löst das jedes Mal stürmische Debatten aus über die 'Gebote des Islam'."

Auf Zeit online überlegt die Autorin Daniela Dröscher, wie sich die Mittelklasse, der sie ein Identitätsproblem bescheinigt, revolutionieren ließe: "Die Mittelklasse hätte das Potenzial, ein solidarischer Verbündeter zu sein. (Queer-)feministisch, postmigrantisch und aktivistisch, wie sie in vielen Teilen ist, partizipiert sie bereits jetzt an Bündnissen wie #unteilbar, Fridays For Future oder Black Lives Matter. Ihr revolutionäres Potenzial bestünde darin, sich radikal mit den Angehörigen der Armutsklasse zu solidarisieren. Für die Oberklasse würde dies bedeuten: Verdienstobergrenzen, Vermögens- und Erbschaftssteuern, für die Armutsklasse schlicht das Ende der Armut."

Weiteres: Für eine höhere Erbschaftssteuer plädiert in der FR auch der in der Klimaforschung engagierte Wirtschaftswissenschaftler Jörg Peters. Er möchte damit die "benachteiligten Schichten befrieden", für die Klimaschutz oft nur ein "Elitenthema" sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2021 - Gesellschaft

Die Ärztin Kristina Hänel hat Verfassungsbeschwerde eingerecht, um frei auf ihrer Website über Abtreibung informieren zu können. Bisher ist ihr das gesetzlich verboten. Daniela Wakonigg zitiert bei hpd.de aus Hänels Erklärung: "Vielen ist überhaupt erst bewusst geworden, welch verheerendes Ungleichgewicht im Netz zum Thema Schwangerschaftsabbruch im Laufe von Jahren entstanden ist. Die strafrechtlichen Verfolgungen zahlreicher Ärztinnen und Ärzte über Jahre hinweg waren ja ohne öffentliche Resonanz geschehen. Ich hoffe, dass in Karlsruhe nun die Weichen für eine gerechtere Regelung gestellt werden."

Den Begriff "Kulturschaffende" haben die Nazis geprägt, in der DDR hat er überwintert, heute dient er als Ausweis von Gendersensibiliät. Eine Entwicklung, die der Schriftsteller Rolf Schneider, 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, im Politischen Feuilleton des Dlf Kultur keineswegs gutheißt: "Diese zweite Diktatur habe ich von Anfang bis Ende miterlebt. Ihre sprachlichen Unsitten habe ich stets verabscheut. Als Literat zählte ich unter die Kulturschaffenden und musste es ertragen, so angesprochen und eingeordnet zu werden. Ich nahm es aufseufzend hin. Dass der Begriff, zusammen mit der Datsche und dem Verbum 'erstellen', die DDR überleben konnte, sehe ich kopfschüttelnd. Sprache hat neben einer sozialen und kommunikativen auch eine ästhetische Dimension. Viele der genannten Beispiele haben gemeinsam, dass sie entschieden unschön sind."

Die FAZ-Redakteurin Sandra Kegel hat offenbar einen veritablen Shitstorm erlebt, weil sie in einem Kommentar das Manifest der #actout-Initiative (unser Resümee) nicht ganz ernst nehmen konnte (unser Resümee). Als sie zu einem Jour fixe der SPD zum Thema "Kultur schafft Demokratie" eingeladen wurde, protestierte der Lesben- und Schwulenverband LSVD gegen ihren Auftritt und forderte die Ausladung, berichtet in der SZ Andrian Kreye, der Daniel Kahnemann bemüht um zu erklären, warum ihm das zu weit geht. (Anm. vom 26. März: Wir haben das nachfolgende Zitat der SZ gestrichen, weil es eine Falschbehauptung enthielt. D.Red.)

Florian Coulmas hat einen Brief niederländischer Behörden erhalten, die ihn fragt, ob er seiner automatischen Registrierung als Organspender widersprechen möchte. Irritierend findet er dabei vor allem, dass er nicht wählen kann, welche Organe er spenden will, erklärt er in der NZZ: "Leber, ja, weil ich wenig trinke, aber Herz, nein, denn das ist ja nur für die Erwählte. So absurd, wie das vielleicht klingt, ist es gar nicht. Mein Herzblut, das Herz aller Dinge, sich etwas zu Herzen nehmen oder es ausschütten und so viele andere Metaphern, die bis unlängst noch etwas bedeuteten: Sind sie auf dem Müllhaufen der Sprachgeschichte gelandet? Ist der eigene Körper in Gänze zum Ersatzteillager geworden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2021 - Gesellschaft

Boris Pofalla legt in der Welt eine interessante Archäologie des Wortes "Woke" vor, das neuerdings in aller Munde ist, entweder als Selbstbeschreibung eines für alle (oder zumindest einige) Ungerechtigkeiten wachen Geistes, oder als Spott über eine Ideologie. Das Wort war lange ein afroamerikanisches Slangwort, so Küveler.  Von Erykah Badu gibt es den Song "I Stay Woke" aus dem Jahr 2008:



Den Sprung ins allgemeine Publikum schaffte das Wort, so Pofalla in der Welt, "nachdem ein weißer Polizist im amerikanischen Ferguson 2014 einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschoss". "I Stay Woke" wurde zum Slogan der Demonstranten. "Was aber hat der Protest gegen Rassismus mit Bekämpfung von Sexismus, Transfeindlichkeit oder sozialer Ungerechtigkeit in vorwiegend weißen Kontexten zu tun? Wie wurde aus 'woke' ein Überbegriff für identitätspolitisch Bewegte? Es ist das passiert, was schon 1962 in Harlem befürchtet wurde: Nicht-Schwarze haben sich einen schwarzen Begriff angeeignet und ihn auf sich bezogen." Mit anderen Worten: Kulturelle Aneignung!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2021 - Gesellschaft

Denunziation auf Instagram: Die Künstlerin Moshtari Hilal und der Autor Sinthujan Varatharajah schlagen in einem Instagram-Video einen neuen Begriff vor: "Menschen mit 'Nazihintergrund'", berichtet Caren Miesenberger in der taz: "Die Bezeichnung soll für Menschen dienen, deren Vorfahren NS-Täter:innen waren. In dem Video eröffnen die beiden Kulturschaffenden eine Diskussion darüber, inwiefern Menschen mit Nazihintergrund heute noch über monetäres, soziales und kulturelles Kapital verfügen - und Einfluss haben. Varatharajah und Hilal nennen viele Beispiele. Zwei Personen aus dem Berliner Kulturbereich stehen im Fokus: die Buchhändlerin Emilia von Senger und die Galeristin Julia Stoschek. Beide sind Nachfahrinnen hochrangiger Nazis. Beide verfügen über finanzielles Erbe aus der NS-Zeit." Senger hat in Berlinen queeren Buchladen eröffnet, Stoschek, Milliardenerbin, sammelt Kunst. Die Instagram-Künstlerinnen rufen laut Miesenberger nicht direkt zum Boykott von Sengers Buchladen auf, "aber er wird suggeriert".

Hier das Video der beiden. Interessant eine Passage etwa in Minute 40, wo die beiden heutigen Rassismus zurückbeziehen auf Nazi-Idologie, wie das auch Aida Baghernejad im Tagesspiegel tut (siehe oben), um eine Kontinuität zwischen Opfern heutigen Rassismus und Naziopfern herzustellen. Senger antwortet hier.

#FFF; border:0; border-radius:3px; box-shadow:0 0 1px 0 rgba(0,0,0,0.5),0 1px 10px 0 rgba(0,0,0,0.15); margin: 1px; max-width:540px; min-width:326px; padding:0; width:99.375%; width:-webkit-calc(100% - 2px); width:calc(100% - 2px);"> #FFFFFF; line-height:0; padding:0 0; text-align:center; text-decoration:none; width:100%;" target="_blank"> #F4F4F4; border-radius: 50%; flex-grow: 0; height: 40px; margin-right: 14px; width: 40px;"> #F4F4F4; border-radius: 4px; flex-grow: 0; height: 14px; margin-bottom: 6px; width: 100px;"> #F4F4F4; border-radius: 4px; flex-grow: 0; height: 14px; width: 60px;"> Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an #F4F4F4; border-radius: 50%; height: 12.5px; width: 12.5px; transform: translateX(0px) translateY(7px);"> #F4F4F4; height: 12.5px; transform: rotate(-45deg) translateX(3px) translateY(1px); width: 12.5px; flex-grow: 0; margin-right: 14px; margin-left: 2px;"> #F4F4F4; border-radius: 50%; height: 12.5px; width: 12.5px; transform: translateX(9px) translateY(-18px);"> #F4F4F4; border-radius: 50%; flex-grow: 0; height: 20px; width: 20px;"> #f4f4f4; border-bottom: 2px solid transparent; transform: translateX(16px) translateY(-4px) rotate(30deg)"> #F4F4F4; border-right: 8px solid transparent; transform: translateY(16px);"> #F4F4F4; flex-grow: 0; height: 12px; width: 16px; transform: translateY(-4px);"> #F4F4F4; border-left: 8px solid transparent; transform: translateY(-4px) translateX(8px);"> #F4F4F4; border-radius: 4px; flex-grow: 0; height: 14px; margin-bottom: 6px; width: 224px;"> #F4F4F4; border-radius: 4px; flex-grow: 0; height: 14px; width: 144px;">

#c9c8cd; font-family:Arial,sans-serif; font-size:14px; line-height:17px; margin-bottom:0; margin-top:8px; overflow:hidden; padding:8px 0 7px; text-align:center; text-overflow:ellipsis; white-space:nowrap;">#c9c8cd; font-family:Arial,sans-serif; font-size:14px; font-style:normal; font-weight:normal; line-height:17px; text-decoration:none;" target="_blank">Ein Beitrag geteilt von moshtari (@moshtarimoshtari)


Nach der umstrittenen Sendung "Die letzte Instanz" hat der WDR nun die Sendung "Monitor studioM" mit dem Thema "Rassismus in letzter Instanz" ausgestrahlt - und es nicht viel besser gemacht, seufzt Frank Lübberding in der Welt. Eingeladen waren zwar zwei Angehörige der Sinti und Roma in Deutschland, sowie der Politikwissenschaftler Markus End, der sich mit Antiziganismus beschäftigt. Es fiel kein Wort über soziale Wirklichkeiten, dafür so viel über linguistischen Antirassismus, dass sich Lübberding in einem Proseminar wähnte: "Nur hat mit solchen sprachpolitischen Überlegungen noch niemand einem Kind zu besseren Bildungschancen verholfen. In früheren Jahrzehnten war Diskriminierung kein Thema für Linguisten, sondern der Sozialpolitik." Es "stellte sich die Frage, ob hier tatsächlich die Repräsentanten der Sinti und Roma zu Wort kamen. Oder die Perspektive eines akademischen Denkens, das nur noch um sich selber kreist."

Viele Schwarze und Menschen mit Migrationsgeschichte haben in Deutschland zwar keine Bürgerrechte, da sie keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, sie werden aber stets als "Anti-Rassimus-Pädagogen der Nation" hinzugezogen, schreibt Jagoda Marinic in der SZ: "Die Minderheitenbewegungen verstricken sich so in Endlosdebatten mit der Mehrheitsgesellschaft und schaffen ein Paradoxon: Sie reden über und mit Herkunftsdeutschen nur noch darüber, wie sehr sie, die Herkunftsdeutschen, sich öffnen. Diese aufzuklären, ist das große Anliegen. Die eigenen Bedürfnisse sowie die der Elterngeneration und anderer Marginalisierter sind öffentlich kein Thema mehr, höchstens noch Theorien über sie. Man bringt Gesellschaftskritik in einer Sprache vor, die Betroffene kaum erreicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2021 - Gesellschaft

Thea Dorn wendet sich in der Zeit gegen die radikalen No-Covid- beziehungsweise Zero Covid-Strategien, die im Zeichen einer verabsolutierten "Fürsorge" nicht enden wollende Einschränkungen verlangen. "Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich halte sowohl den Klimawandel als auch die Covid-19-Pandemie für dramatische Herausforderungen, denen wir uns mit Klugheit und Tatkraft stellen müssen. Dennoch halte ich es für gefährlich, zwischen dramatischen Herausforderungen und Katastrophen keinen Unterschied mehr zu machen. Dramatische Herausforderungen lassen abwägende Überlegungen und differenziertes Handeln nicht nur zu: Sie verlangen danach. Katastrophen hingegen kennen nur noch Gebote der Not."

A propos Fürsorge. Für Männer gilt sie in der Coronakrise generell weniger. Jens Jessen findet es in der Zeit schon interessant, "dass in dem neuen Corona-Wertesystem, das Menschen nach ihrer Vulnerabilität sortiert, Männer nicht eigens aufgeführt werden, obwohl sie statistisch vulnerabler als gleich alte Frauen sind - jedenfalls wenn man darunter das Infektionsrisiko versteht. Wer als vulnerabel bezeichnet wird, ist nicht einfach nur medizinisch besonders 'gefährdet', sondern hat auch besonderen Anspruch auf Anteilnahme, Fürsorge, öffentliche Zuwendung. Vulnerabilität ist eine Art Bezugsschein für Sympathie." Laut Robert-Koch-Institut sterben knapp doppelt so viele Männer wie Frauen an Covid 19, mehr hier. Jens Jessen rät den Männern aber, ritterlich zu sein, und in der Impfschlange nicht zu drängeln.

Ein Positives mag die Pandemie haben. Historische Erfahrungen zeigen, dass Seuchen zu zivilisatorischen Fortschritten führen können, schreiben der Altphiloge Tobias Bulang und der Arzt Falk Kiefer in der FAZ: "Man bedenke beispielsweise, dass erst nach der Choleraepidemie im 19. Jahrhundert die Städte Europas konsequent mit Kanalisationen für Abwasser und Fäkalmaterie versehen wurden, eine städtebauliche Revolution unterirdischer Klinkerbauten, die enorme Folgen für die Lebensdauer der Menschen und die Verminderung der Kindersterblichkeit hatte."

Ebenfalls in der Zeit führen mehrere Redakteure ein Gespräch mit Bill Gates über seine Visionen zur Klimakrise. Er rät den ängstlichen Deutschen zu Atomkraft: "Das Einzige, was ich den Deutschen sagen würde, ist dies: Falls es eine komplett neue Generation von Kernkraftwerken geben sollte, deren Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Müllbilanz dramatisch besser sind, dann solltet ihr angesichts des Klimawandels vielleicht dafür offen sein, zu schauen, ob sie Teil der Lösung sein könnten."

"Rassismus ist kein Gefühl, sondern etwas das man analysieren kann", sagt die Kulturwissenschaftlerin und Romanautorin ("Identitti") Mithu Sanyal im SZ-Gespräch mit Nadja Schlüter. Sie hält es für falsch, dass nur von Rassismus Betroffene über Rassismus reden dürfen - zumal dann auch Weiße von Rassismus betroffen sein können, meint sie: "Weil man privilegiert ist und man auf der Seite der Schuldigen steht. Da muss man doch darüber nachdenken dürfen, was das mit einem selbst und mit dem eigenen Verhältnis zur Welt macht! Die Forderung 'Ihr müsst den Mund halten und euch schämen!' finde ich politisch absurd. Obwohl ich natürlich auch Menschen kenne, bei denen ich mir denke: 'Halt bitte den Mund.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2021 - Gesellschaft

Dass Wissenschaftler immer öfter genervt sind vom aktuellen Diskurs oder sich gar missbraucht fühlen, hat auch mit einem schlicht falschen Verständnis von Wissenschaft zu tun, meint Johannes Schneider auf Zeit online: "Wissenschaftlerinnen treten an die Öffentlichkeit und werden Teil eines Aushandlungsprozesses um mögliche Lösungen eines Problems. In diesem Prozess ist ihre Expertise erstens (und berechtigterweise) nur ein Faktor unter vielen und unterliegt zweitens oft dem Missverständnis, die Expertise müsse selbst Teil dieses Prozesses werden. Die wissenschaftlich belegte Erkenntnis müsse sich wandeln, müsse nachgeben, einräumen, Kompromisse anstreben, die sogenannten gesellschaftlichen Realitäten anerkennen und überhaupt: sich nicht nur wissenschaftlich, sondern auch nicht wissenschaftlich be- und hinterfragen lassen. ... Die Wissenschaft sinkt so herab zu einem Medium unter vielen und erfolglose pandemische (oder auch Klima-)Politik ist richtiggehend darauf angewiesen, die begleitenden Fachdisziplinen zu einer Art Lyrik des öffentlichen Diskurses zu entwürdigen: manchmal ganz augenöffnend für den Privatgebrauch, aber doch erschütternd weltfremd mit Blick auf das große Ganze."
Stichwörter: Kompromisse

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2021 - Gesellschaft

"Rechtskonservative Kreise wollen Burka und Nikab im öffentlichen Raum verbieten", titelte die SZ vor einigen Tagen über eine Abstimmungsinitiative in der Schweiz. Heute erklärt in der NZZ die Philosophin Katja Gentinetta, warum sie als Feministin ebenfalls für ein Verbot der Vollverschleierung ist: Für sie ist es "nicht nur aus liberaler und menschlicher Sicht schwer vertretbar, die Unterdrückung (oder Beherrschung, um den Begriff der Theorie zu verwenden) der Frau aus 'kulturellen' Gründen zu akzeptieren. Auch von Rassismus kann keine Rede sein, da kulturelle und religiöse Praktiken nicht angeboren sind wie eine Hautfarbe. Im Gegenteil: Man kann sich für sie entschließen, ihnen aber auch abschwören." Und auch an die immer wieder beschworene Freiwilligkeit des Kopftuchtragens will sie nicht so recht glauben, zumal diese kaum zu überprüfen sei.

Die Hamas setzt jedenfalls nicht auf Freiwilligkeit. Sie kontrolliert im Gazastreifen seit Jahren, ob Frauen sich an den religiösen Kleidercode halten, der auch eine Verschleierung vorsieht. Nach einem neuen Gerichtsentscheid dürfen Frauen jetzt außerdem nur in Begleitung einer männlichen Aufsichtsperson reisen, meldet der Guardian. "Die Entscheidung des Scharia-Rats, die am Sonntag veröffentlicht wurde, besagt, dass eine unverheiratete Frau nicht ohne die Erlaubnis ihres 'Vormunds' reisen darf, womit normalerweise ihr Vater oder ein anderer älterer männlicher Verwandter gemeint ist. Die Erlaubnis muss beim Gericht registriert werden, aber der Mann ist nicht verpflichtet, die Frau auf der Reise zu begleiten. Der Wortlaut des Urteils deutet stark darauf hin, dass eine verheiratete Frau nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes verreisen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2021 - Gesellschaft

Tapfer hält die Berliner SPD am Neutralitätsgebot des Staats fest, das ein Kopftuch für Lehrerinnen an Schulen ausschließt. In den Prozessen von Arbeitsgerichten hat der Berliner Senat immer wieder verloren - aber sie ficht die Urteile vor dem Bundesverfassungsgericht an. Die SPD-Abgeordnete Maja Lasić begründet diesen Schritt im Interview mit Anna Klöpper von der taz aus der sozialdemokratischen Tradition: "In einer pluralen Gesellschaft wie Berlin hat man die Wahl, sich entweder auf das bloße Nebeneinander verschiedener Lebensentwürfe zu beschränken, oder man sucht die Klammer, die unsere Gesellschaft zusammenhält. Und wenn man diese gemeinsame Klammer und unsere gemeinsamen Werte sucht, spielt ein neutraler Staat, der über allem schwebt und in seinem Agieren die gemeinsamen Werte verkörpert, eine zentrale Rolle."

Bloß nicht aufhören mit den Corona-Einschränkungen. Man könnte sie gleich weiter laufen lassen, um die Toten aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe vermindern zu helfen, suggeriert Joachim Müller-Jung in der FAZ unter Bezug auf eine neue Studie zum Thema. "Kurz gesagt: Die Zahl der Opfer ist noch viel gewaltiger als bislang angenommen. Schätzungsweise 8,7 Millionen Menschen waren im Jahr vor Beginn der Covid-19-Krise vorzeitig an den Folgen der fossilen Brennstoffemissionen gestorben. Viermal so viel, wenn man so will, wie die offizielle Pandemie-Sterbebilanz für das Jahr 2020 ausweist. Jeder fünfte Todesfall weltweit stand demnach im Zusammenhang mit der Kohle-, Gas- und Ölverbrennung. Und besonders betroffen, neben Süd- und Ostasien sowie dem Osten der Vereinigten Staaten: Europas Ballungszentren." Müller-Jung rät, weniger Fleisch zu essen und das Rad zu nutzen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2021 - Gesellschaft

Männer infizieren sich nicht häufiger als Frauen mit Covid-19, aber sie sterben doppelt so häufig. Ein vorrangiger Impfschutz für sie, wie ihn Ralf Bönt in der Zeit forderte, sei vielleicht nicht gerecht durchführbar, aber auf keinen Fall illegitim, schreibt die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Nele Pollatschek in der SZ. Im Gegenteil: "'Dann sollen sie doch Hände waschen' schallte es durch die sozialen Medien. Das war nicht nur schlecht gedacht - Schmierinfektion spielt eine untergeordnete Rolle, Händewaschen bringt wenig, und die meisten von Bönt erwähnten Faktoren sind biologisch. Es war vor allem sexistisch. Selbst wenn Männer maßgeblich selbstverantwortlich sind, was sie wahrscheinlich nicht sind, macht das sie nicht weniger schützenswert. Medizin bedient sich nicht der Schuldfrage. Nach der gleichen Logik müsste man Übergewichtigen sagen, sie sollen weniger essen, statt bevorzugt geimpft zu werden. Wir können nicht von Männern eine Verhaltensänderung erwarten und von anderen gefährdeten Gruppen nicht, ohne damit zu sagen, dass wir Männer für überlegen halten. Wenn wir auf die Schutzforderung einer gefährdeten Gruppe nicht mit Schutz, sondern mit 'dann benehmt euch anders' reagieren, dann haben wir ein Empathie-Problem."

Nie hätten wir den Karneval nötiger gehabt als nach diesem Corona-Jahr, seufzt Manuel Müller in der NZZ, aber natürlich ist er nicht nur in Köln und Rio abgesagt, sondern auch in Luzern. Den Verächtern des Karnevalesken erklärt er noch einmal das Utopische an der Idee: "Bachtin sagt es so: 'Der Karneval ist das zweite, auf dem Lachprinzip beruhende Leben des Volkes, er ist sein festliches Leben.' Was heißt das? Die Fasnächtler treten nach Bachtin eine Zeitlang in ein utopisches Reich ein, wo Freiheit, Gleichheit und Überfluss herrschen. Alle hierarchischen Verhältnisse seien dabei aufgehoben, es gebe keine Privilegien, keine Normen und keine Tabus mehr. Ihre Stelle nehme ein universales Lachen ein, das sich auf alles richte - auch gegen sich selbst."