9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2020 - Gesellschaft

Wer endlich mal wissen, worum es sich bei dem überall irrlichternden Begriff "QAnon" handelt - eine komplett verrückte, aber einflussreiche Szenerie rechtsextremer Trump-Anhänger - sollte Elke Wittichs Artikel bei golem.de lesen. Die Verschwörungstheorien, an die die Anhänger mit religiöser Inbrunst zu glauben scheinen, sind bekannt - etwa die Behauptung, die Demokraten betrieben in Washington einen Kinderschänder-Ring. Aber QAnon funktioniert als Sekte, isoliert die Anhänger von der Umwelt und führt zu grotesken Wahnsinnstaten. "13. März 2019: Frank Cali, Mafiaboss der Gambino-Familie, wird vor seinem Haus von einem zunächst Unbekannten erschossen. Dieser erste Mord an einem hochrangigen New Yorker Mafioso seit 1985 weckt zunächst Befürchtungen, dass blutige Abrechnungen folgen könnten. Kurze Zeit später steht jedoch fest: Der Täter war kein Mafiamitglied, sondern ein junger QAnon-Fan, der glaubte, Cali sei in Deep-State-Machenschaften verstrickt." QAnon hat einige prominente Anhänger in der Republikanischen Partei, berichten Matthew Rosenberg und Maggie Haberman in der New York Times, Trump ist der Bewegung wohlgesonnen und unterstützt sie mit Retweets. Hier einige Links zu "Longreads" über "QAnon".

Der Autor Arye Sharuz Shalicar wurde von einer Gruppe von Intellektuellen um Wolfgang Benz und Michael Brumlik angegriffen, weil er den Israelkritiker Reiner Bernstein seinerseits kritisiert hatte. Weil Shalicar, der in Berlin-Wedding aufgewachsen ist, heute im Büro Netanjahus arbeitet, wurde daraus gleich ein Angriff der israelischen Regierung konstruiert (unsere Resümees, siehe auch den Essay von Matthias Küntzel im Perlentaucher). In der Welt wehrt sich Shalicar nun auch persönlich: ""Ich äußere mich in Deutschland und zu Deutschland, weil ich in der Bundesrepublik aufgewachsen bin und mich diesem Land noch immer verbunden fühle. Aber das tue ich nicht als Sprachrohr der israelischen Regierung, sondern als Privatmann und Publizist, der ich auch schon vor meiner Tätigkeit für den Staat Israel war. Meine Bücher, Zeitungsartikel, Facebook- und Twitter-Posts werden weder von der israelischen noch von der deutschen Regierung in irgendeiner Weise gefördert oder 'unterstützt', wie es Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau behaupten darf."

Die Journalistin Jodi Kantor veröffentlichte 2017 ihr erstes Buch "She said", das maßgeblich dazu beitrug, den Weinstein-Skandal ans Licht zu bringen. Im Gespräch mit der taz-Autorin Barbara Junge erinnert sie daran, wie #MeToo aussah, bevor es zur breiten Bewegung wurde: "Es gibt so viele gute Gründe, nicht für eine Story wie diese on the record zu gehen. Heute, drei Jahre später, wissen wir, wie es ausgegangen ist, aber damals gingen diese Frauen ein enormes Risiko ein. Ashley Judd setzte ihre Karriere aufs Spiel, als sie als erste Schauspielerin öffentlich gegen Harvey Weinstein aussagte. Wir wussten nicht, ob die Öffentlichkeit darauf reagieren würde. Würde es jemanden kümmern? Mit welchen Mitteln würde Weinstein zurückschlagen?"

Mit der Maisifizierung der gesamten deutschen Landwirtschaft geht auch die "Landeskultur" verloren, schreibt Rudolf Neumaier in der SZ in einem verzweifelten Artikel über die Auswirkungen der Agrarpolitik auf eine Kulturlandschaft. "Jahrzehntelang hat der Vorrang der bedingungslosen Produktivitäts- und damit der Profitmaximierung das bäuerliche Selbstverständnis geprägt. Wer lässt sich schon von ein paar Schmetterlingszählern reinreden in seine Feldhygiene, wenn er doch das ganze Land ernährt? Ackerrandstreifen, Düngebeschränkungen? Solche Vorgaben sind für viele Bauern ein Affront. Deshalb die leblosen abgehäckselten Feldraine. Deshalb die Maisschluchten möglichst bis zur Straße."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2020 - Gesellschaft

Der Rassismus kategorisiert Menschen nach Hautfarben. Der Antirassismus auch. Tigran Petrosyan erklärt in der taz die heiklen Unterscheidungen: "Inzwischen wird in der Regel unterschieden zwischen den Begriffen PoC und Schwarz, um den unterschiedlichen Rassismuserfahrungen von Schwarzen Menschen und anderen nicht-weißen Personen Rechnung zu tragen. Ob PoC dabei Schwarze Personen implizit mitmeint, darüber besteht keine Einigkeit. Vor allem in Nord- und Südamerika sind inzwischen die erweiterten Abkürzungen BPoC (Black and People of Color) und BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) hinzugekommen, die gruppenspezifische Rassismuserfahrungen von Schwarzen Menschen, indigenen sowie ehemals kolonialisierten oder versklavten Gruppen verbinden - und gleichzeitig jeweilige Spezifika anerkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2020 - Gesellschaft

Sehr ausführlich berichtet Hadrien Mathoux bei Marianne über die scharfen Auseinandersetzungen zwischen eher klassischen Feministinnen und "nicht-binären" oder "Transpersonen", die lieber von "Personen, die menstruieren", sprechen, um nicht Transfrauen auszuschließen, das heißt Frauen, die zwar Männerkörper haben, sich aber als Frau definieren. "Die Spannungen kristallisieren sich bei bestimmten Themen. Einige für den Artikel befragte Aktivistinnen erklären bereits, 'nicht gemischte lesbische Räume' schaffen zu wollen, weil sie sich 'nicht sicher fühlen', wenn Transfrauen, die einen Männerkörper haben, anwesend sind. Einige Gesprächspartnerinnen malen uns eine nachgerade barocke Szenerie aus: Personen mit dem Körper eines Mannes, sexuell von Frauen angezogen, begeben sich in lesbische Treffen und behaupten, keine Cis-Männer zu sein, sondern homosexuelle Transfrauen! Ihre Avancen zurückzuweisen, weil sie einen Penis haben, wäre darum... Transphobie." Transakvisten bezweifeln allerdings, dass sich solche Szenen jemals abgespielt haben.

Auch der Transmann und Buchautor Linus Giese insistiert im Gespräch mit Stefan Hochgesand von der taz: Man ist, was man angibt zu sein. "Es gibt kaum trans Männer in der Öffentlichkeit, die noch nicht operiert sind. Balian Buschbaum legt in seinem Buch Wert darauf, dass er all diese OPs brauchte, um ein richtiger Mann zu werden. Ich betone eher, dass nicht jeder das alles unbedingt braucht. Ich habe auch jetzt schon das Recht zu sagen: Ich bin ein Mann - und ich möchte so akzeptiert werden."

Das Washingtoner Nationalmuseum für afroamerikanische Kultur und Geschichte (NMAAHC) präsentierte eine Zeitlang eine inzwischen zurückgezogene Grafik, in der es darstellt, was "Whiteness" sei: Barbiepuppen-Ästhetik, Pünktlichkeit, christliche Werte und eine Vorliebe für fade Kartoffeln und Steaks. Die Grafik wurde nach Kritik zurückgezogen, für Marc Neumann in der NZZ offenbart sie selbst ein rassistisches Denken, das heute weit verbreitet sei. Er schließt sich einer Deutung Ross Douthats in der New York Times an, der diesen Diskurs gerade mit dem Machtverlust der amerikanischen weißen Mittelklasse erklärt: "Lange Zeit waren meritokratische Mantras sowohl zu Hause als auch an den Universitäten Teil eines Pakts: Protestantische Arbeitsethik, das Streben nach Perfektion und Sekundärtugenden garantierten eine gute Ausbildung und früher oder später eine komfortable Jobsituation, Eigenheim und Familie. Solche Szenarien sind mittlerweile für die von der großen Rezession geplagten Generationen von Millennials und Gen Z ziemlich unrealistisch geworden." Hier die jetzige Seite des Museums über "Whiteness".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2020 - Gesellschaft

Eine Gruppe um den Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat neulich einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben. Anlass war ein Angriff des Autors Arye Sharuz Shalicar auf den Autor und BDS-Unterstützer Reiner Bernstein, der sich gegen Gericht wehrte und verlor. Da Shalicar ein israelischer Regierungsbeamter ist, konstruierte die Gruppe daraus einen Angriff der israelischen Regierung und eine Unterwerfung eines deutschen Gerichts. Lächerlich, meint Matthias Küntzel in einer Rekonstruktion im Perlentaucher: "Es sind gerade einmal zwei von 160 Seiten, auf denen sich Shalicar mit Bernstein befasst. Eineinhalb Seiten davon bestehen aus einem kritischen Zitat des Autors Gerd Buurmann über Bernstein, das Shalicar von Buurmanns Blog tapferimnirgendwo.com übernahm. In erster Linie hätte sich der 'Offene Brief' also über Buurmann, ein langjähriges nichtjüdisches FDP-Mitglied, beschweren müssen. Dann aber hätte die Kampagne die von ihren Initiatoren gewünschte Stoßrichtung verfehlt - ging es ihnen doch darum, die 'Strategie der israelischen Regierung' entlarven."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2020 - Gesellschaft

In China (wie auch an vielen anderen Orten der Welt) ist während der Pandemie die Gewalt gegen Frauen deutlich angestiegen. Allerdings ist es schwierig in China, an genaue Zahlen zu kommen, schreibt Franka Lu auf Zeit online. Soviel aber könne man sehen: "Die wachsende Misogynie in der chinesischen Gesellschaft ist durch die Bemühungen der Regierung in den letzten Jahrzehnten massiv befördert worden: Sie fördert die konfuzianische Ethik, und die ist das perfekte Abbild einer patriarchalen Ordnung. Xi Jinping hat die Rückwärtsbewegung sogar noch beschleunigt", lernt Lu aus Leta Hong Finchers Buch "Betraying Big Brother: The Feminist Awakening in China". "Schulen und Universitäten, die offiziellen Medien und die der Zensur unterworfenen Unterhaltungsprogramme führen jungen Frauen vor, wie sie perfekte Erwachsene nach konfuzianischer Vorstellung werden. Eine wachsende Anzahl von Müttern schickt ihre Töchter in höchst misogyne Frauentugendkurse (女德班), in denen diese lernen, 'gute Mädchen' zu sein und Misshandlung durch Männer zu ertragen. Die Folge ist, dass die Generation der heute jungen Chinesen und Chinesinnen mit unglaublich rückwärtsgewandten moralischen Vorstellungen aufgewachsen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2020 - Gesellschaft

"Dieser Beschluss ist Irrsinn!", ruft Daniel Cohn-Bendit in der FR zur Entscheidung des Bundestags die Israelboykottkampagne BDS als antisemitisch einzustufen. Und führt im Gespräch mit Bascha Mika fort: "Der Bundestag soll Gesetze verabschieden, die antisemitische Straftaten ahnden. Aber Meinungen zu sanktionieren ist immer sehr, sehr gefährlich. Politik zu machen, nur um sein Gewissen zu reinigen, ist politischer Unsinn. Ich fordere eine radikale Auseinandersetzung mit BDS - aber nicht unsinnige Beschlüsse."

"Cancel Culture" kann auch schwarze Denker treffen, die von anderen schwarzen Denkern beschuldigt werden, ihrer Theorie des Rassismus nicht ausreichend zu huldigen, wie jetzt den marxistischen Autor Adolph Reed, der bei den "Democratic Socialists of America" (DSA) in New York, einem linken Club, der Politikerinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez hervorbrachte, einen Zoom-Vortrag halten wollte. Darin sollte es um die Bekämpfung von Corona gehen, bei der der Aspekt der Hautfarbe nach Reeds Meinung gegenüber anderen sozialen Faktoren überbetont werde, berichtet Michael Powell in der New York Times: "Mails wurde hin- und hergeschickt, Ärger staute sich auf. Wie konnte wir einen Mann einladen, fragten Mitglieder, der in einer Zeit der Seuche und des Protests den Rassismus herunterspielt? Ihn sprechen zu lassen, sagte der 'Afrosocialists and Socialists of Color Caucus' des Clubs, war 'reaktionär, klasse-reduktionistisch und milde gesagt unsensibel. Wir dürfen keine Angst haben von 'Rasse' und Rassismus zu reden, nur weil das von Rassisten missbraucht werden könnte' so der Caucus weiter. 'Das ist feige und gibt rassistischen Unternehmen Macht.'"

Selbst in Corona-Zeiten steigt die Zahl der MeToo-Hilferufe aus der Kultur, lernt Welt-Autorin Cosima Lutz von der Juristin Maren Lansink und der Psychologin Marina Fischer von der Beratungsstelle Themis. "'Wir haben in der heißen Corona-Zeit, also März, April, Mai, Juni, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 25 Prozent mehr Beratungen durchgeführt', sagt Lansink. 'Obwohl die Theater geschlossen waren und die Filmproduktionen gestoppt.' Wie kann das sein? Dafür gebe es zwei Gründe. Gerade in dieser Branche, so die Psychologin Fischer, sei der Zeitdruck während der Probenprozesse und Dreharbeiten in der Regel so enorm, 'dass manche Vorfälle gar nicht so zeitnah reflektiert werden können'. Die quälende Gedankenspirale aus Selbstvorwurf, Scham,Wut und Hilflosigkeit kam in der Zeit des Innehaltens mit voller Wucht. ... Corona habe noch auf eine andere Weise die Zahlen hoch schnellen lassen, sagt Juristin Lansink. 'Wir haben gemerkt, dass in dieser Krisenzeit Betroffene noch vulnerabler geworden sind. Da ist dann einfach die Existenznot vieler ausgenutzt worden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2020 - Gesellschaft

Der Antirassismus ist eine ethnozentrische Ideologie. Der Rassismus in muslimischen Gesellschaften wird dagegen kaum thematisiert, schreibt der schwarze Araber Malcolm Ohanwe bei bento.de: "Fast jeder nicht-schwarze Muslim und/oder Araber hat schon mal mitbekommen, dass die Tochter bloß keinen Schwarzen Freund nach Hause bringen darf, weil das unsittlich wäre. Was aber viel zu wenige Leute mitbekommen: Wie grausam der 1.300 Jahre lang andauernde muslimische Sklavenhandel war. Wie im Libanon oder den arabischen Emiraten noch heute Menschen mit dunklerer Haut auf widerlichste Art für ihre Arbeit als Kindermädchen oder Bauarbeiter ausgebeutet und ihrer Menschenrechte beraubt werden. Oder wie verschwiegen wird, dass viele bedeutsame Errungenschaften in der 'Islamischen Welt' auf Schwarze Personen zurückgehen."

Das sieht Mohamed Amjahid, Autor des Buchs "Unter Weißen - Was es heißt, privilegiert zu sein" und selbst marokkanischer Herkunft, anders. Selbst arabischer Rassismus ist für ihn nur ein abgeschwächter Reflex des weißen, schreibt er in der taz: "Die Kehrseite von Rassismus sind .. weiße Privilegien. Sie gelten überall auf der Welt. Denn der Kolonialismus und die postkoloniale Weltordnung danach haben eine konstruierte Hautfarbenskala global etabliert: weiß = privilegiert, nichtweiß = weniger oder gar nicht privilegiert. Deswegen versuchen viele Nichtweiße, Weißsein zu performen. Zum Beispiel beim antischwarzen Rassismus in nordafrikanischen Gesellschaften, die sich angesichts Schwarzer Geflüchteter als 'weißer' konstruieren."

Aber Diskriminierung ist schließlich überall, selbst in den wohlgeordneten nordischen Ländern, erzählt der estnische Komponist Jüri Reinvere in der FAZ: "Die Liste ist endlos; man kann ein amüsantes Scherzo daraus machen oder eine Valse triste..." Und schreibt über ein paar Erfahrungen, die er in Finnland, Schweden und auch Deutschalnd machte. "Ich kann die Beispiele sprudeln lassen wie die Fontäne im Genfer See: Zu einer Zeit, da es in Schweden niemand für etwas Skurriles hielt, dass Liv Ullmann mit norwegischem Akzent in den Filmen von Ingmar Bergman spielte, untersagte man mir, im finnischen Radio zu sprechen - wegen meines estnischen Akzents. Das wurde mir offen mitgeteilt, das blieb nicht im Geheimen. Ich will damit keinesfalls behaupten, dass der Rassismus einseitig gewesen wäre. Umgekehrt nämlich haben die Esten ein durch und durch zynisches Verhältnis zu den Finnen. Sie sehen sie nur als kulturlos-prollige cash cows, die über den Tourismus - und den Alkoholkonsum - Riesenmengen an Geld ins Land bringen."

Yascha Mounk hat sein Online-Magazin Persuasion gegründet, um mit Vernunft auf kommunitaristische Diskurse antworten zu können. Drei Mediziner wehren sich heute gegen die Behauptung, der "Body Mass Index" sei eine rassistische Erfindung, die der Demütigung einer Gruppe diene. Gerade bei Schwarzen in Amerika werde die Diagnose der Adipositas für rassistische Schlussfolgerungen missbraucht. Dies sei zwar nicht zu bestreiten, so die Autorinnen. "Wie die meisten medizinischen Messgrößen ist der BMI ein unvollkommener Indikator für das Risiko einer schweren Erkrankung oder Sterblichkeit und muss mit anderen Informationen kombiniert werden, um eine individuelle Beurteilung zu ermöglichen. Aber die Behauptung, der BMI solle auf den Müllhaufen der Medizingeschichte geworfen werden, ist dennoch gefährlich falsch. Weit davon entfernt, den Schwächsten zu schaden, ist er ein entscheidendes Instrument zum Schutz der Gesundheit der schwarzen Bevölkerung und anderer Minderheiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2020 - Gesellschaft

Erst wird links skandalisiert, dann rechts der Tugendterror kritisiert, dann geht es wieder andersherum. Das ist keine Art zu debattieren, meint Deniz Yücel in der Welt. Er sieht eine Menge Gratismut, aber auch Gratisangst bei den Streitenden: "Die Empörung könnte sich gar nicht als Dauerzustand festsetzen,wenn sie nicht auf das Unvermögen von Institutionen aller Art stoßen würde, Empörung und Kritik auszuhalten. Den wenigsten gelingt es, sich nicht treiben zu lassen und zu unterscheiden, wo die Empörung berechtigt ist, was einer Erwiderung bedarf, was es wert ist, eine Diskussion zu organisieren und was man einfach mal stehen lassen kann. Alle, selbst kulturindustrielle Betriebe, die mit der Ware Kritik (oder einem Abklatsch) handeln, möchten den eigenen Laden unbefleckt von Diskussionen wissen - und reagieren umso kopfloser, sobald sich mehr als ein Dutzend Leute im Internet aufregen."

Und noch ein Artikel zur Debatte über die Debatte. Losgelassene Intellektuelle à  la Giorgio Agamben, die sich von einer Epidemie wie Corona nicht einfach ihre schönen Theorien über die "Biopolitik" kaputtmachen lassen, bekommen nun ihre Quittung von der Realität, notiert der Medienkritiker Bernhard Pörksen in der NZZ: "Jetzt kommt es, gewollt oder ungewollt, zu Empiriekontakten, werden gerade aktuelle Forschungsergebnisse zu Ansteckungswegen und Mortalitätsraten allerorten diskutiert. Alle schauen jetzt, getrieben von eigenen Fragen und Ängsten, genauer hin, zentrieren sich um ein einziges Thema. Regierungseffizienz und Regierungsversagen lassen sich unmittelbar vergleichen. Und man erkennt die Selbstdemontage der Leugner und Bullshitter."

Ausgerechnet in Afrika, wo sich die Klimaerwärmung am schlimmsten bemerkbar macht, können Umweltaktivisten kaum mit Unterstützung rechnen, erzählt Jonathan Fischer in der SZ. In den westlichen Medien kommen nur weiße Klimaschützer zu Wort und in Afrika wittern die Leute oft eine westliche Verschwörung hinter den Forderungen nach mehr Klimaschutz, erzählt Fischer der malische Klimaaktivist Fousseny Traoré: "'Die Alten klauen uns unsere Zukunft', sagt Traore, 'aber wenn wir sie ansprechen, sagen sie uns: Du bist jung, du musst dich unterordnen.' Gerade weil die Altershierarchien in Afrika so erdrückend seien, sei er froh 'um die Ehrlichkeit und Respektlosigkeit unserer Schwester Greta'." Aber auch international gebe es wenig Unterstützung: "'Wir jungen afrikanischen Umweltaktivisten', sagt Traoré, 'kämpfen denselben Kampf wie unsere Brüder und Schwestern im Westen, aber wer gibt uns eine Bühne? Wer lädt uns zu den großen internationalen Gipfeln ein?'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2020 - Gesellschaft

In der von Thomas Mann inspirierten und vom Thomas Mann House in LA veranstalteten Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie denkt die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Heike Paul über Demokratie und Gleichberechtigung nach und plädiert für Transnationalität und die "Zukunft eines intersektionellen Feminismus". Zur Verwirklichung empfiehlt sie einen Blick in neuere Manifeste: "Die Manifeste von Chimamanda Ngozi Adichie, Mary Beard, Marie Rotkopf und Sara Ahmed oder der kollektiv verfasste Band 'Feminism for the 99%', um nur einige zu nennen, mögen bisweilen Genrekonventionen aufbrechen und politisch vielstimmig sein. Ganz sicherlich jedoch versuchen sie alle, der düsteren Politik eines dystopischen, aktuell immer realer anmutenden Heteropatriarchats mit einem programmatischen Ruf nach alternativen horizontalen Zugehörigkeiten zu begegnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Gesellschaft

Der Streit zwischen Dieter Nuhr und der DFG (unsere Resümees) hat sich am Ende nach einer vermittelnden Intervention von Ranga Yogeshwar zum Guten gewendet - Dieter Nuhrs Statement zum Geburtstag der DFG darf auf ihrer Website wieder erscheinen, es war nach Interventionen eines Tugendmobs in den sozialen Medien gelöscht worden. Peter Schneider zieht den Fokus in der Welt  etwas weiter und sieht den Streit als ein Symptom: "Nicht nur der Einzelkämpfer Nuhr, auch Bürgermeisterinnen kleiner und großer Gemeinden, Landtagsabgeordnete, Notärzte, Polizisten, Feuerwehrleute, Journalisten beklagen sich darüber, dass sie ihre Arbeit in einem Klima verbaler Ausfälle bis hin zu physischer Bedrohung verrichten. Offenbar ist es gefährlich geworden, einem Meinungskartell oder auch einzelnen Wutbürgern entgegenzutreten, die sich anmaßen, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein. Dabei geht die Drohung nicht etwa von staatlicher Zensur und Verfolgung aus, sondern von Bürgern, die ihre Überzeugung absolut setzen und jede Verhandlung darüber für eine unerträgliche Zumutung halten."

Die russischen Frauen sind oft unglaublich: Was sie wagen, was sie im Alltag stemmen, wieviel Mut sie oft zeigen, kann einem den Atem verschlagen. Aber in einem Punkt gehen viele leider oft konform, bedauert Elena Chizhova in der NZZ. In der Politik verlassen sie sich auf die Männer, Veränderungen fürchten sie: "Die meisten russischen Frauen, vor allem in der Provinz, haben eine harte Schule des Überlebens durchlaufen, und sie wissen keineswegs abstrakt, sondern aus eigener Erfahrung, was radikale politische Veränderungen für sie ganz persönlich bedeuten können. Die jungen Reformer um Boris Jelzin (zumeist Männer) haben dies leider nicht berücksichtigt. Ebenso wenig haben sie etwas anderes berücksichtigt: Der seelische Bruch, der dort entsteht, wo eine wahrhaft patriarchale Gesellschaft ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln muss (was ein russisches Sprichwort lakonisch so ausdrückt: 'Mein Mann ist mein Bollwerk'), verleitet die Frauen - in der sehnlichen, wenn auch illusorischen Hoffnung auf Ruhe und Frieden - dazu, nicht nach rechts oder nach links, sondern nach oben zu blicken: dorthin, wo im Gleißen von Macht und Ruhm der einzige 'richtige Mann' sitzt."