9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2020 - Gesellschaft

Hinter der Debatte um "Cancel culture" verbirgt sich in Wirklichkeit ein Konflikt zwischen einer kulturell homogenen Kultur- und Debattensphäre und Menschen mit Migrationshintergrund, die mitreden wollen, meint Jagoda Marinic in der taz: "Die Vielfalt des aktuellen Diskurses ist dem Bildungsaufstieg einiger talentierter Einwandererkinder zu verdanken, die entgegen allen statistischen Prognosen ihren Weg gegangen sind und in der Mehr- und Minderheitsgesellschaft ihre Fans gefunden haben. Ihre Präsenz ist auch den sozialen Medien zu verdanken und der Kraft, mit der sie nun ihre Perspektive vorbringen. Zu behaupten, Widerspruch sei ein 'Wegbrüllen' oder 'Canceln' bezeugt eher: Man war gewohnt, alles sagen zu dürfen und dafür wenig Gegenrede zu erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit der SZ erklärt der britische Autor JJ Bola, der gerade sein Buch "Sei kein Mann" veröffentlicht hat, wie schwer es ihm selbst fiel, die Rolle des harten Mackers abzulegen. Er erinnert sich, wie eine Gruppe kongolesischer Männer aus seiner Kirchengruppe ihn als junger Mann zum Essen eingeladen hatten. Auf dem Weg zum Restaurant in Tottenham kamen sie an seinen Freunden vorbei. Bola wie üblich in Hoodie und Sneaker, "meine Begleiter aber waren nach kongolesischer Mode in exzentrische Designs gekleidet und zogen durch laute Gespräche und Gelächter Aufmerksamkeit auf uns. Was für mich noch schlimmer war: Wir gingen in Zweierpaaren, wie das unter kongolesischen Männern üblich ist, Hand in Hand. Ich bemerkte, wie einige Jugendliche aus der Siedlung uns musterten. Einer rief in meine Richtung: 'Na, biste am Händchenhalten?' Es war, als ob sich in diesem Moment all der Respekt, den ich mir als großer, muskulöser Mann verdient hatte, in Luft auflöste."

In der FR versteht Arno Widmann natürlich, warum Social Distancing heute nötig ist. Aber er versteht auch, dass das ein Problem ist: Manche Leute ... haben das Gefühl, nicht leben zu können in einer Welt, die sie, einfach weil sie sind, als lebensbedrohlichen Feind ansieht. Sie sind angewiesen auf Vertrauen. Sie fühlen sich ausgestoßen durch 'Abstandsregeln'. Es mag sein, dass die Anti-Corona-Maßnahmen nur das bereits vorhandene Gefühl, ausgestoßen zu sein, verstärken. Vergessen Sie das 'nur'. Unsere Gesellschaft wird dem Virus erliegen, wenn sie diese Gefühle nicht ernst nimmt. Das Abkanzeln verstärkt sie. Oben und unten wird dadurch noch einmal deutlich gemacht."

Im Guardian warnt Jeremy Farrar, Leiter des Wellcome Trust: Auch mit einem Impfmittel wird es nicht sofort wieder eine Rückkehr zum Vor-Corona-Leben geben: "Der 'erste' Impfstoff oder sogar die erste Generation von Impfstoffen wird höchstwahrscheinlich nicht perfekt sein; in dieser Hinsicht müssen wir pragmatisch und transparent sein. Die Realität ist, dass wir mit diesen Impfstoffen kleine Schritte Richtung Normalität gehen werden ... aber es besteht kein Zweifel, dass die ersten wirksamen Impfstoffe, selbst unvollkommene, eine große Wirkung haben und ein kostbares Gut sein können."

Der Lyriker und Publizist Max Czollek bleibt bei seinen Thesen: Integration ist abzulehnen, sagt er im Gespräch mit Susanne Romanowski in der FAS: "Ein Viertel dieser Gesellschaft hat heute das, was auf Beamtendeutsch Migrationshintergrund heißt, Tendenz steigend. Solange wir mit einem Modell wie Integration operieren, schließen wir dieses Viertel systematisch aus dem Bereich der Anerkennung und der demokratischen Teilhabe an dieser Gesellschaft aus. Damit produziert der Integrationsbegriff ein Demokratieproblem. Konzepte wie Integration und Leitkultur, die die Dominanz einer bestimmten Gruppe voraussetzen, sind dann nicht mehr adäquat."

Natalie Mayroth berichtet in der taz aus Bombay über das - auch von der Industrie geförderte - Ideal heller Haut in Indien und and anderen Ländern: "Die bekannteste Marke, die Weißsein verspricht, gehört zu Unilever. 'Fair & Lovely' habe seit über 40 Jahren ein schädliches Schönheitsideal verstärkt, sagt die südindische Sozialarbeiterin Kavitha Emmanuel, die 2009 die Kampagne 'Dark is Beautiful' startete. Ältere Werbeclips von 'Fair&Lovely' zeigen, wie südasiatische Frauen, die Weißmacher nutzen, vermeintlich attraktiver und beruflich erfolgreicher sind, was den Inbegriff von 'Colorism' darstellt. Eine Folge einer rassistisch geprägten Körperpolitik: Hellsein wird als höher geachtet und belohnt, auch unter Schwarzen Menschen und People of Color."

In Leipzig hat es in den vergangenen drei Tagen gewaltsame Proteste gegen die Räumung eines besetzten Hauses gegeben. "Wie die Polizei mitteilte, warfen am Samstagabend Demonstranten im Stadtteil Connewitz Steine und Pyrotechnik auf Polizisten und Gebäude und verletzten zwei Polizeibeamte", heißt es in einer kurzen Tickermeldung des Stern (mehr dazu in der FR). Warum wird das nicht verurteilt, fragt Hannelore Crolly in der Welt: "Linksextreme Gewalt wird weniger thematisiert, sie empört fast nicht, sondern findet im Gegenteil oft Verteidiger selbst in bürgerlichen Milieus. Dabei halten linke Angreifer kaum mehr von der freiheitlichen Demokratie als ein Reichsbürger."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2020 - Gesellschaft

Die BuzzFeed-Redaktion teilt in ihrem Newsletter mit, dass sie von "QAnon" künftig nicht mehr bloß als Verschwörungstheorie, sondern als "kollektiven Wahn" ("Collective Delusion") sprechen will. Zu gefährlich, bis hin zum Terrorismus, sei die Wirkung des Phänomens trotz seiner scheinbar bizarren Theorien etwa über die Demokraten als Kinderschänder. Der Begriff "Delusion" sei nicht perfekt, "aber 'Wahn' beschreibt die Realität besser als 'Verschwörungstheorie'. Wir sprechen hier über eine Menge Leute, die sich zu gemeinsamen Werten und Ideen bekennen, aus denen sie ihre Überzeugungen  und Handlungen ableiten. Die Auswirkungen von QAnon sind ein Beispiel für 'die Folgen unseres zerbrochenen Informationsökosystems in der realen Welt', schrieb kürzlich die New York Times. Die Ausbreitung dieses Wahns ist zum Teil ein Problem der Medienkompetenz - das zu einem Problem mit der Realität geworden ist."

Rechtsextremistische Attentäter wurden von Polizei und Gerichten häufig verharmlosend als "Einzeltäter" eingestuft, schreibt Ulrich Chaussy, der jahrlang über das Oktoberfest-Attentat recherchierte, in der taz (der Essay ist ein Vorabdruck aus seinem Buch zum Thema) - aber die Wahrnehmung ändert sich: "Der Mythos vom Einzeltäter begleitet die halbherzige polizeiliche, juristische und politische Bekämpfung des Rechtsextremismus bis heute. Aber seit der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 wird Verharmlosungen, Individualisierungen und Personalisierungen mit wacher Skepsis begegnet. Die kritische Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nimmt allmählich zu. Polizeiliche Ermittler vermeiden heute meist den traditionellen Reflex, sich frühzeitig auf einen Einzeltäter festzulegen."

Und nochmal Rechtsextremismus. Ein Autorenteam der taz begibt sich auf eine intensive Recherche nach der Gruppe (oder dem Einzeltäter?), die unter dem Namen "NSU 2.0" Drohbriefe mit privaten Informationen verbreiten und offensichtlich Polizeicomputer benutzen: "Im Juli 2020, zwei Jahre nach dem ersten Fax, prüft der Generalbundesanwalt, ob er den Fall übernimmt. Der hessische Polizeipräsident wird entlassen, ein Sonderermittler eingesetzt. Bis heute werden immer neue Mails mit Beschimpfungen und Drohungen verschickt. Inzwischen sind es mehr als 80. Unerträglich für die Betroffenen - und wie ein Stinkefinger in Richtung Polizei."

Der in der hiesigen Mitte zirkulierende Antisemitismus ist nicht mehr ein gefestigtes Weltbild wie zu Nazizeiten, aber Versatzstücke davon finden sich immer noch, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog. Hinzukommen spezifisch deutsche Pathologien, besonders in Bezug auf Israel: "In Deutschland weist das Sprechen über Israel nach wie vor seine besonderen Fallstricke auf. So impliziert die Rede von der 'besonderen Verantwortung' des heutigen Deutschland für den jüdischen Staat unterschwellig, das Land der Täter, das aus seiner unheilvollen Geschichte die richtigen Lehren gezogen zu haben glaubt, besäße auch eine besondere Verpflichtung, den jüdischen Staat zur Ordnung zu rufen, wenn er seinerseits auf Irrwege zu geraten droht."

"Wir haben es noch nicht geschafft", schreibt Ahmad Mansour in Anlehnung an Angela Merkels berühmten Satz von 2015 in der Welt. "Wir" schaffen es nur, wenn sowohl die Ankömmlinge als auch die hiesige Gesellschaft sich miteinander auseinandersetzen, insistiert er: "Wenn ich nun lese, dass der Berliner Bezirk Charlottenburg vorhat, einen ganzen Wohnungskomplex nur für Flüchtlinge zu bauen, dann haben wir als Gesellschaft scheinbar nichts gelernt. Welches Gefühl erzeugt ein abgeschotteter Komplex, der mehr nach schlichter Duldung der Flüchtlinge aussieht als nach ehrlicher Akzeptanz in der Gesellschaft? Integration funktioniert nur über Inklusion, und dazu gehören Begegnungen. Parallelgesellschaften müssen dagegen verschwinden, und sie verschwinden dann, wenn man gesellschaftlich durchmischt wird."

"Wir haben es geschafft", ruft dagegen Alan Posener in einem Zeit-online-Essay. Die Demokratie sei gefestigt, trotz einiger Anfechtungen von rechts, versichert er: "Die Wiederbelebungsversuche einiger Epigonen der Konservativen Revolution in Schnellroda wirken eher wie eine Séance als eine Renaissance. Nach wie vor beherrschen linke Theorien fast unangefochten die intellektuellen und künstlerischen Institutionen der Republik. Die politische, wirtschaftliche, juristische und militärische Elite ist aus Überzeugung demokratisch und liberal gesonnen."

Der Unternehmer Wolfram Klingler fragt in der NZZ, ob die Maßnahmen gegen Corona nicht zu rigide sind (inzwischen spreche man nicht mehr über Todes-, sondern nur noch über Infektionszahlen): "Ein Ende ist nicht absehbar, wir werden schon in den nächsten Monaten erste Anzeichen davon zu spüren bekommen, wie hoch der tatsächliche wirtschaftliche Schaden ist. Das Erwachen wird böse sein. Die Pandemie wird uns dabei noch lange weiter begleiten, womöglich gerade wegen der jetzigen Politik, welche darauf abzielt, die Anzahl Infektionen so niedrig wie möglich zu halten."

Außerdem: Der Konfliktforscher Andreas Zick empfiehlt im Gespräch mit Tom Wolfarth von der taz mehr politische Bildung, um der Verbreitung immer neuer Verschwörungstheorien etwa zu Corona vorzubeugen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2020 - Gesellschaft

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt will es Juristinnen in der Ausbildung erlauben, im Gerichtssaal ein Kopftuch zu tragen, wenn sie von ihren Ausbildern begleitet werden. Im Tagesspiegel begrüßen Malte Lehming und Jost Müller-Neuhof den Vorstoß. "Früher oder später wird man auch in Berlin Lehrerinnen mit Kopftuch an die allgemeinbildenden Schulen lassen müssen - es sei denn, man erklärt die Stadt gerichtsfest zum permanenten kulturell-religiösen Krisen-, Konflikt- und Gefahrengebiet. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Stattdessen wäre zu erwägen, was denn so schlimm sein soll, muslimischen Frauen samt ihren Kopftüchern den Dienst an Schulen und möglicherweise auch in Polizei und Justiz zu erlauben. Insbesondere bei der Polizei gibt es mutmaßlich Bereiche, in denen solche Begegnungen toleranzfördernd wirken können, letztlich zum Wohle aller", meint Müller-Neuhof.

"Juristisch ist das Berliner Neutralitätsgesetz kaum zu halten", sekundiert Lehming: "Das Bundesverfassungsgericht hat (...) in seinem wegweisenden Urteil aus dem Jahr 2015 festgestellt, dass es keinen Anspruch darauf gibt, 'von der Wahrnehmung anderer religiöser oder weltanschaulicher Bekenntnisse verschont zu bleiben'. Wenn der Gesetzgeber dennoch die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit etwa von Lehrern an öffentlichen Schulen einschränkt, muss er die konkrete Gefahr, die davon für den Schulfrieden ausgeht, belegen und begründen."

Auch in London gab es am Wochenende Corona-Proteste, wenn auch nicht so massiv wie in Berlin. Für den Guardian-Autor  Stephen Buranyi repräsentieren sie trotzdem eine neue Qualität, weil sie ein Aufweichen der Mitte gegenüber (meist rechtsextremen) Verschwörungstheorien bezeugten: "Wenn Sie mir selbst ein bisschen konspiratives Denken zugestehen: Diese Proteste sind kalkulierter, als es den Anschein hat, und sie sind nicht nur ein Symptom einer verständlichen, aber fehlgeleiteten öffentlichen Frustration über die Ereignisse der letzten Monate. Vielmehr zeigen  sie die anhaltende Abwendung großer Teile der Öffentlichkeit von dem, was man als unsere gemeinsame Realität oder öffentliche Sphäre bezeichnen könnte, und deuten darauf hin, dass die jüngste Tendenz, dass Randgruppen und konspirative Positionen rasch in die Mainstream-Politik einfließen und aufbrechen, nicht so bald ein Ende haben wird."

Außerdem: Protestbewegungen gegen das "System" gab es in der Geschichte der Bundesrepublik immer, sowohl von rechts als auch von links, schreibt der Politologe Werner Patzelt in der Welt. Nur werde bei linken Protesten nie von "Populismus" gesprochen, "weil Linke sich immer als intellektuell durchdacht, dem wahren Gemeinwohl verpflichtet und somit allem Populismus wesensfremd versteht. Ist das aber wirklich so?" Ebenfalls in der Welt hat Jan Küveler bei dem Historiker Mark Sedgwick angerufen, um ihn zu fragen, wie es sein kann, dass bei den aktuellen Protesten neben Reichsbürgern, Neonazis und Corona-Leugnern auch Anthroposophen, Esoteriker und Impfgegner einem QAnon-Anhänger hinterherrennen: Er diagnostiziert eine "Amerikanisierung der deutschen Politik".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2020 - Gesellschaft

Daniel Cohn-Bendit hat (zusammen mit seinem Bruder Gaby) einen autobiografischen Film gemacht: "Nous sommes tous juifs allemands". In der Zeit unterhält er sich mit Giovanni di Lorenzo über sein Leben und über sein anfänglich schwieriges Verhältnis zu Deutschland, das er als Kind anfangs nur selten besuchte. Er spricht auch darüber, wie sich sein Verhältnis  gewandelt hat: "Ich bin zum Glück auf die Odenwaldschule gekommen. Ich weiß, dass an dieser Schule Ungeheuerliches passiert ist und sie deshalb vor einiger Zeit schließen musste. Dennoch war sie meine Rettung. Denn damals war der pädagogische Leiter Ernest Jouhy, ein ehemaliger jüdischer Widerstandskämpfer. Seine Ehefrau Lydia und er waren Freunde meiner Eltern. Und deshalb konnte ich mir auch vorstellen, diese Schule zu besuchen, obwohl sie in Deutschland lag."

Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das Berliner Verbot von religiösen Symbolen in öffentlichen Schulen zu kippen (unsere Resümees), ist ein "Triumph für reaktionäre islamische Kräfte", ärgert sich Ninve Ermagan in der Welt. Wo bleibt der Protest der Parteien, die sich angeblich für Frauenrechte einsetzen, fragt sie: "Uns Frauen aus patriarchalischen Kulturkreisen wird von klein auf eine rigide Sexualmoral abverlangt und eine untergeordnete Rolle auferlegt. Unser Kampf gegen den Keuschheitswahn, Geschlechterapartheid und Misogynie ist noch ein weiter Weg. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, dem wird nicht entgangen sein, dass immer mehr Frauen ein Kopftuch tragen - mitten im liberalen Europa. Das ist umso bedauerlicher vor dem Hintergrund, dass immer mehr Frauen in islamischen Ländern versuchen, sich von der muslimischen Verschleierung und einer rigiden Sexualmoral zu lösen. Kopftuchträgerinnen werten all die anderen Frauen ab, die sich dem Kopftuch widersetzen."

Ja, das Kopftuch spricht für eine höchst konservatives Frauenbild, konzediert Susanne Memarnia in der taz, aber Lehrerinnen sollen es trotzdem tragen dürfen. "Was man tun kann: Die Vorgabe machen, dass sich alle LehrerInnen auf den Boden des Grundgesetzes stellen - und dies im Einzelfall prüfen. Andersherum gesagt: Die Unschuldsvermutung gilt für alle, auch für Musliminnen mit Kopftuch. Das ist auch die Maßgabe, die inzwischen in allen Bundesländern (außer Berlin) gilt, in denen es Regelungen dazu gibt."

Die Demonstranten auf den Corona-Demos eint der "Hass auf die Eliten", sagt der Sozialpsychologe Ernst Lantermann im Zeit-Online-Gespräch mit Maria Mast. Stärker gespalten als früher sei die Gesellschaft aber nicht, die Spaltung sei nur sichtbarer, meint er: "Auch in früheren Jahren war die Gesellschaft gespalten, vor allem in die Arbeiterklasse und das Kapital. Seitdem aber werden die Gruppen, die sich gegenseitig ausschließen, immer zahlreicher. Und ich beobachte eine starke Tendenz zur Identitätspolitik, also ein starkes Verlangen, die Unterschiede zur anderen Gruppe maximal zu betonen."

Ebenfalls auf Zeit Online kann Mely Kiyak die Betroffenheitstexte über die Corona-Demos nicht mehr sehen. Nazis? Gab es immer, auch unter Vegetariern und Hippies. Höchste Zeit zu handeln, schreibt sie: "Dieser Staat und seine Politiker sollten aufhören, ihre Trauerarien in Mikrofone zu sprechen, sondern endlich Gesetze mit Polizeigewalt durchsetzen, also politisch handeln. Man ist diesem Demokratieprekariat derart weit entgegen gekommen, aber jetzt wird das ein unappetitlicher Kampf. Denn die Rechtsextremen sind vorbereitet, haben Geld, Unterstützung, Allianzen." Nun ja, vorerst haben wir ja den Bundestag kaum verkleinert und die AfD damit schön gepäppelt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 - Gesellschaft

In Beirut ist nach der Explosion nichts mehr wie es war, erzählt Lena Bopp in der FAZ. Während die einen deprimiert den Schutt beiseite räumen, wollen die anderen nur weg: "Denn so groß die Solidarität gleich nach der Explosion war, so entschieden der Wille zum Weitermachen bekundet wurde, so unverkennbar hat sich schon bald die Atmosphäre in der ganzen Stadt geändert. Die Wut wich der Erschöpfung. Der Schock mündete in eine Ratlosigkeit über den Weg, der in die Zukunft führen soll, die umso ungewisser scheint, als die Explosion des Hafens bei weitem nicht das einzige Problem darstellt. Mit monatelangen Protesten gegen das Regierungssystem, mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Corona-Krise hat das Land ein Jahr hinter sich, das schlimmer kaum hätte laufen können. Man fürchtete schon vor der Explosion eine neue Migrationswelle. Auf viele, die noch gezögert hatten, wirkte die Explosion wie ein Weckruf."

Das Masken tragen verändert uns, glaubt Manuel Müller in der NZZ. Man ist dahinter so schön verborgen: "Wir sind nur noch Augen. Solange man deren Ausdruck im Vagen hält - was nun doch kein Kunststück ist -, bleibt man auf der sicheren Seite. Wie bequem!  ... Die Vereinzelung hat sich also ein neues Stück der Welt erobert. Das verheißt nichts Gutes, denn wir kennen dieses Szenario bereits. Die sogenannten sozialen Netzwerke der digitalen Sphäre sind ein abschreckendes Beispiel. Wir werden nicht zu besseren Menschen, wenn wir andere nicht als unmittelbar reagierende soziale Wesen wahrnehmen. Im Gegenteil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2020 - Gesellschaft

Während deutsche Journalisten die Zulassung des Kopftuchs bei Lehrerinnen im Unterricht feiern, kämpft in Kairo die Bürgerrechtlerin Rabab Kamal für einen säkularen Staat. Als junge Frau stand sie den Muslimschwestern nahe, erzählt sie im Interview mit der NZZ. Heute fordert sie eine Trennung von Staat und Religion: "Sie habe gar nichts gegen Religion, sei selbst ein spiritueller Mensch, betont Rabab Kamal. Es gebe 4.500 Glaubensrichtungen auf der Welt, jeder solle frei sein, einer anzugehören oder nicht. 'Doch Religion sollte etwas Persönliches zwischen einem Menschen und Gott sein. Sobald Religion in die Gesetzgebung einfließt, haben wir ein großes Problem.' Die ägyptische Verfassung basiert auf der Scharia, dem religiösen Gesetz. Daraus erwachsen vor allem den Frauen und Minderheiten Nachteile. Rabab Kamal, die sich sonst vorsichtig ausdrückt, greift zu heftigeren Worten: 'Eine männlich chauvinistische Kultur hat Religion in eine männlich chauvinistische Religion verwandelt.'"

Die "Initiative Säkularer Islam", der unter anderen Necla Kelek, Ahmad Mansour, Hamed-Abdel Samad oder Ahmad Mansour angehören, protestiert gegen das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das Lehrerinnen nun auch in Berlin das Kopftuch gestattet (unsere Resümees). Es im Namen der Religionsfreiheit zu begrüßen, greife zu kurz, heißt es in einer per Mail verschickten Erklärung: "Zum Artikel 4 des Grundgesetzes gehört auch die negative Religionsfreiheit, das heißt, frei von Religion zu sein. Auch Schüler haben mithin das Recht, in der Schule unter anderem vor demonstrativer Zurschaustellung von Religiosität geschützt zu werden. Grundrechte können nicht gegeneinander ausgespielt, aber doch gegeneinander abgewogen werden. Der aktuelle Streit Infektionsschutz der Bevölkerung versus Versammlungsrecht illustriert dies ja ausreichend... Die Grundrechte sind ein persönliches Gut, aber sie zu schützen ist auch Auftrag staatlichen Handelns. Aus diesem Grund wurde nach Artikel 7.1. des Grundgesetzes das Schulwesen unter die Aufsicht des Staates gestellt. Dies soll gewährleisten, dass in der Schule nicht nur Wissen und Bildung vermittelt werden, sondern Kinder freiheitliche und demokratische Haltungen und Einstellungen einüben können."

Bei emma.de findet sich eine ähnliche Erklärung der "Initiative PRO Berliner Neutralitätsgesetz" (mehr hier), in der es heißt: "In zunehmendem Maße werden muslimische Schüler*innen von Mitschüler*innen, aber auch aus Moscheen heraus, unter Druck gesetzt, das Kopftuch zu tragen oder andere religiös motivierte Verhaltensvorgaben (etwa Einhaltung der Fastenvorschriften) zu befolgen. Ein solcher Druck würde sich durch eine religiöse Bekleidung der Lehrkräfte erhöhen."

Irgendwie beunruhigt schreibt Theresa Bäuerlein über die Tatsache, dass unter den Coronaleugnern bei der Berliner Demo am Samstag eine Menge Leute rumliefen, die gar nicht aussahen wie Nazis, sondern eher wie die Späthippies, die sie aus dem Bioladen und ihren Yoga-Kursen kennt: "Auf der Suche nach Antworten bin ich immerhin auf einen Begriff gestoßen, der mir sehr geholfen hat, das Problem beim Namen zu nennen: Conspirituality. Es setzt sich aus den englischen Worten 'Conspiracy' (Verschwörung) und 'Spirituality' (Spiritualität ) zusammen und beschreibt ein Phänomen, das es nicht erst seit Corona gibt. Wie bei vielen Erscheinungen unserer Zeit war es auch hier das Internet, das alles verstärkt hat." Dann wäre der übliche Verdächtige ja wieder verhaftet!

Welt-Autor Thomas Schmid hatte dagegen einen eher diffusen Eindruck: "Daraus wird wohl keine kraftvolle Bewegung hervorgehen. Das Unbehagen, das hier in die Öffentlichkeit Berlins getragen wird, ist viel zu unspezifisch, auch ziellos. Doch so komisch das alles im Einzelnen auch wirkt, eine Tendenz ist klar erkennbar. Eine Tendenz ins Autoritäre, Rabiate. Wie schon bei der Demonstration am 1. August machen die Teilnehmer aus der 'bürgerlichen Mitte' keinerlei Versuche, rechtsradikale und verschwörungstheoretische Plakate und Parolen zu unterbinden."

Auch Klaus Hillenbrand beobachtet in der taz: "Die Bandbreite an Vorbildern reichte dabei von Mahatma Gandhi bis zu Adolf Hitler. Und so paradox es ist, es gibt Gemeinsamkeiten. Eine davon ist die Ignoranz gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, eine andere der Hang zur Vermutung einer Verschwörung gegen ein als per se als gut bezeichnetes Volk, die dritte schließlich der zur Schau getragene Hass auf Andersdenkende."

Eins aber war klar und deutlich: Bei den Demonstranten hatte kaum jemand das Bedürfnis, sich von der extremen Rechten abzusetzen, beobachtet Frank Jansen im Tagesspiegel: "Der Versuch, die Bundesregierung als Nazi-Diktatur zu delegitimieren, scheint bei vielen Demonstranten Konsens zu sein. Ein Mann zeigt ein Schild mit der Aufschrift 'Verbrecher Hitler ließ Deutschland untergehen. Merkel lässt Deutschland untergehen'. Erstaunlich gelassen reagieren die Neonazis in der Menge. Drei junge Kerle, auf den schwarzen T-Shirts steht 'Division Erzgebirge', ignorieren, dass ihr Idol ein Verbrecher genannt wird. Wichtiger ist offenkundig, von der Masse nicht als unerwünscht ausgegrenzt zu werden. Rechtsextremisten sind Mainstream auf der Friedrichstraße."

"Ich gendere nicht, ich möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt", erklärt die Schriftstellerin Nele Pollatschek im Tagesspiegel, die dennoch die meisten Argumente gegen das Gendern für falsch hält. "Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern, sind grundsympathisch. Wer gendert, tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2020 - Gesellschaft

Wenn Unternehmensberatungen der Politik jetzt empfehlen, die Stadt zum Erlebnisraum zu machen, kann Niklas Maak in der FAZ nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Denn mit solchen Konzepten - und nicht erst mit dem Onlinehandel - fing das Elend der Innenstädte ja an: "Die Umwandlung der Stadtzentren in hochpreisige 'Erlebnisräume' für Touristen und all diejenigen, die sich ein Leben dort längst nicht mehr leisten können, ist bei genauem Hinsehen der eigentliche Grund der Misere, die mit gesteigertem Erlebnischarakter abgemildert werden soll. Kleine Läden, Bäckereien, Werkstätten und andere lebendige Stadtorte starben ja schon vor der Digitalen Revolution - an den explodierenden Ladenmieten. In den sieben größten Einkaufsstädten Deutschlands hat sich der Quadratmeterpreis in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Schnitt verdoppelt und in begehrten Lagen teilweise verzehnfacht, was zur Verdrängung der kleinen Läden durch die immergleichen öden Filialen großer Konzerne führte." Maaks Mantra: "Wenn mehr Leute im Zentrum leben, wächst dort auch der Bedarf an Gemeinschaftsorten wie Bars, Restaurants, Bibliotheken, Parks, Schwimmbädern - und an Läden, wo man lokal herstellbare Dinge wie Brot, Essen, Kleidung kauft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2020 - Gesellschaft

Tilman Baumgärtel plädiert in der taz dafür, die abstrusen Verschwörungstheorien der QAnon-Anhänger als einen Protest gegen Ungleichheit zu deuten: "Leider finden sich immer auch Beispiele, die solche - oft antisemitisch konnotierten - Ansichten scheinbar unterfüttern. Der Banker Jeffrey Epstein konnte wirklich jahrzehntelang Minderjährige missbrauchen und war mit Celebritys von den Clintons über Trump bis Prinz Andrew befreundet. Nach seiner ersten Verurteilung 2006 wurde er von einem Richter, der später unter Donald Trump Arbeitsminister der USA wurde, vor einer ernst zu nehmenden Strafe bewahrt und konnte über ein Jahrzehnt weiter Halbwüchsige missbrauchen." Dann wäre noch die Frage, warum diie QAnon-Anhänger ausgerechnet Trump-Wähler sind.

Das mit Sex und Gender ist ganz einfach, erklärt Peter Weißenburger in der taz: "Sexuelle Orientierung hat mit trans Geschlechtern erst mal nichts zu tun. Auch die Frage, ob sich eine Person in den binären Geschlechtern verortet, ist nochmal eine andere. Es gibt trans Menschen, deren Geschlecht binär ist - nur eben nicht das, das man ihnen bei Geburt zugewiesen hat. Eine trans Frau ist also eine Frau. Non-binäre Menschen hingegen befinden sich außerhalb der Binarität. Sie mögen Begriffe wie 'Mann' oder 'Frau' oder entsprechende Pronomen für sich verwenden oder auch nicht. Manche trans Menschen sind non-binär, aber es ist nicht dasselbe. Wer da verwirrt ist, kann sich leicht helfen: einfach fragen, wie Menschen angesprochen werden möchten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2020 - Gesellschaft

Was geschieht, wenn ein Land sich entlang konfessioneller Identitäten organisiert, kann man gerade prächtig im Libanon studieren. Haben die Menschen davon jetzt genug? Sarah El Bulbeisi hat sich für die NZZ mit fünf libanesische Intellektuelle unterhalten, die darauf eine Antwort suchen. Lina Abirafeh, Direktorin des Arab Institute for Women, setzt all ihre Hoffnungen auf die Jungen und vor allem auf die Frauen, die die Nase voll hätten: "Besonders Frauen leiden unter der Absenz eines säkularen staatlichen Rechts, weil sie einstweilen dem durchwegs patriarchalisch geprägten religiösen Recht der verschiedenen Konfessionen unterstellt sind. Die Aufstände sind deshalb auch als Ausdruck eines Generationen- und Geschlechterkampfs zu lesen: Mit ihrem Kampf für einen säkularen, auf einem zeitgemäßen nationalen Selbstverständnis gründenden Staat lehnen sich die Jungen auf gegen eine politische Klasse, die aus alten Männern besteht und sie nicht mehr repräsentiert."

Die Autorin Ronya Othmann schreibt heute ihre letzte taz-Kolumne "Orient-Express", die sie anfangs zusammen mit ihrer Kollegin Cemile Sahin betrieb und zitiert am Ende nochmal alle Namen, die ihr in den sozialen Medien unehrenhalber verpasst wurden: "Ein Jahr Kolumne, die 'Zionistin', 'AfD-Wählerin', 'Islamhasserin', 'Kafir', 'Lutz-Bachmann-Preisträgerin', 'PKK-Terroristin', 'Barzani-Anhängerin', 'Konservative', 'Schlampe', 'Miststück', 'Schwachmatin' und 'Hirntod-Patientin Ronya Othmann' verabschiedet sich und sagt Danke!"

Arno Widmann hat für die FR die Rede der US-Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez übersetzt, mit der sie auf die Beleidigungen des republikanischen Abgeordneten Ted Yoho reagierte, der sie auf den Stufen des Capitols als "fucking bitch" beschimpfte: "Ich stehe hier, weil ich sagen möchte: Bei der Verletzung, die Mr. Yoho mir zuzufügen versuchte, ging es nicht um mich. Wer so etwas sagt, in aller Öffentlichkeit, vor der Presse, der erlaubt damit anderen, seine Frau und seine Töchter genauso anzugreifen. Ich stehe hier, um zu erklären: Das ist nicht akzeptabel. Völlig gleichgültig, welche Ansichten man hat."

Zeit, mal über Bauern nachzudenken. Neulich beklagte Rudolf Neumaier in der SZ die endlosen Maisfelder in unseren ehemaligen Kulturlandschaften (unser Resümee). Heute verteidigt Gunda Bartels im Tagesspiegel nach Lektüre von Uta Ruges Buch "Bauern, Land - Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang" (Vorabdruck im Perlentaucher) die Bauern und kritisiert die "urbane Perspektive": "Die stellt - angefacht von den längst spürbaren Folgen der Klimakatastrophe und diversen Lebensmittelskandalen - den ganzen Berufszweig unter Generalverdacht. Der altehrwürdige Bauernstand hat sich im öffentlichen Bild zu einer agroindustriellen Bande von Grundwasservergiftern und Tierquälern verwandelt. Dem gegenüber steht der romantisch verklärte neue Kleinbauer, der, frustriert von urbanen Leben, im entvölkerten ländlichen Raum aufgelassene Höfe pachtet, alte Ziegen- und Schafsrassen züchtet und eine Käserei für Connaisseure unterhält."

Volkan Agar beschreibt "Cancel Culture" in der taz als eine Logik des letzten Mittels, zu dem angeblich Unterdrückte greifen: "Weil der Glaube an universelle Justiz verbraucht ist, greifen sie kommunikativ zu Selbstjustiz: Wer sich rassistisch und misogyn äußert oder soziale Ausbeutung zum Normalzustand erklärt, soll nicht einfach damit weitermachen. Aber Selbstjustiz ist gefährlich. Sie kann ein Zurückfallen hinter Rechtsstaatlichkeit bedeuten, Willkür ermöglichen. Zugleich wird Selbstjustiz aber zur Notwehr, wenn die bestehende Ordnung nicht alle Menschen gleich behandelt."

Außerdem: Hannah Bethke unterhält sich in der FAZ mit StipendiatInnen der Eles-Stiftung, die hochbegabte jüdische Studenten fördert, über Antisemitismus in Deutschland heute.