Während deutsche Journalisten die Zulassung des Kopftuchs bei Lehrerinnen im Unterricht feiern, kämpft in Kairo die Bürgerrechtlerin
Rabab Kamal für einen säkularen Staat. Als junge Frau stand sie den Muslimschwestern nahe,
erzählt sie im Interview mit der
NZZ. Heute fordert sie eine Trennung von Staat und Religion: "Sie habe gar nichts gegen Religion, sei selbst ein spiritueller Mensch, betont Rabab Kamal. Es gebe
4.500 Glaubensrichtungen auf der Welt, jeder solle frei sein, einer anzugehören oder nicht. 'Doch Religion sollte
etwas Persönliches zwischen einem Menschen und Gott sein. Sobald Religion in die Gesetzgebung einfließt, haben wir ein großes Problem.' Die ägyptische Verfassung basiert auf der
Scharia, dem religiösen Gesetz. Daraus erwachsen vor allem den
Frauen und Minderheiten Nachteile. Rabab Kamal, die sich sonst vorsichtig ausdrückt, greift zu heftigeren Worten: 'Eine männlich chauvinistische Kultur hat Religion in eine männlich chauvinistische Religion verwandelt.'"
Die "Initiative Säkularer Islam", der unter anderen Necla Kelek, Ahmad Mansour, Hamed-Abdel Samad oder Ahmad Mansour angehören, protestiert gegen das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das Lehrerinnen nun
auch in Berlin das Kopftuch gestattet (unsere
Resümees). Es im Namen der Religionsfreiheit zu begrüßen, greife zu kurz, heißt es in einer per Mail verschickten Erklärung: "Zum Artikel 4 des Grundgesetzes gehört auch die
negative Religionsfreiheit, das heißt, frei von Religion zu sein. Auch Schüler haben mithin das Recht, in der Schule unter anderem vor demonstrativer
Zurschaustellung von Religiosität geschützt zu werden. Grundrechte können nicht gegeneinander ausgespielt, aber doch gegeneinander abgewogen werden. Der aktuelle Streit Infektionsschutz der Bevölkerung versus Versammlungsrecht illustriert dies ja ausreichend... Die Grundrechte sind ein persönliches Gut, aber sie zu schützen ist auch Auftrag staatlichen Handelns. Aus diesem Grund wurde nach Artikel 7.1. des Grundgesetzes das Schulwesen unter die Aufsicht des Staates gestellt. Dies soll gewährleisten, dass in der Schule nicht nur Wissen und Bildung vermittelt werden, sondern Kinder
freiheitliche und demokratische Haltungen und Einstellungen einüben können."
Bei
emma.de findet sich eine ähnliche Erklärung der "Initiative PRO Berliner Neutralitätsgesetz" (mehr
hier), in der es heißt: "In zunehmendem Maße werden
muslimische Schüler*
innen von Mitschüler*innen, aber auch aus Moscheen heraus, unter Druck gesetzt,
das Kopftuch zu tragen oder andere religiös motivierte Verhaltensvorgaben (etwa Einhaltung der Fastenvorschriften) zu befolgen. Ein solcher Druck würde sich durch eine religiöse Bekleidung der Lehrkräfte erhöhen."
Irgendwie beunruhigt
schreibt Theresa Bäuerlein über die Tatsache, dass unter den
Coronaleugnern bei der Berliner Demo am Samstag eine Menge Leute rumliefen, die gar nicht aussahen wie Nazis, sondern eher wie die
Späthippies, die sie aus dem Bioladen und ihren Yoga-Kursen kennt: "Auf der Suche nach Antworten bin ich immerhin auf einen Begriff gestoßen, der mir sehr geholfen hat, das Problem beim Namen zu nennen:
Conspirituality. Es setzt sich aus den englischen Worten '
Conspiracy' (Verschwörung) und '
Spirituality' (Spiritualität ) zusammen und beschreibt ein Phänomen, das es nicht erst seit Corona gibt. Wie bei vielen Erscheinungen unserer Zeit war es auch hier das
Internet, das alles verstärkt hat." Dann wäre der übliche Verdächtige ja wieder verhaftet!
Welt-Autor Thomas Schmid
hatte dagegen einen eher diffusen Eindruck: "Daraus wird wohl
keine kraftvolle Bewegung hervorgehen. Das Unbehagen, das hier in die Öffentlichkeit Berlins getragen wird, ist viel zu unspezifisch, auch ziellos. Doch so komisch das alles im Einzelnen auch wirkt, eine Tendenz ist klar erkennbar. Eine Tendenz ins
Autoritäre,
Rabiate. Wie schon bei der Demonstration am 1. August machen die Teilnehmer aus der 'bürgerlichen Mitte' keinerlei Versuche,
rechtsradikale und verschwörungstheoretische Plakate und Parolen zu unterbinden."
Auch Klaus Hillenbrand
beobachtet in der
taz: "Die Bandbreite an Vorbildern reichte dabei von
Mahatma Gandhi bis zu
Adolf Hitler. Und so paradox es ist, es gibt Gemeinsamkeiten. Eine davon ist die Ignoranz gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, eine andere der Hang zur Vermutung einer Verschwörung gegen ein als per se als gut bezeichnetes Volk, die dritte schließlich der zur Schau getragene
Hass auf Andersdenkende."
Eins aber war klar und deutlich: Bei den Demonstranten hatte kaum jemand das Bedürfnis, sich von der
extremen Rechten abzusetzen,
beobachtet Frank Jansen im
Tagesspiegel: "Der Versuch, die
Bundesregierung als Nazi-Diktatur zu delegitimieren, scheint bei vielen Demonstranten Konsens zu sein. Ein Mann zeigt ein Schild mit der Aufschrift 'Verbrecher Hitler ließ Deutschland untergehen. Merkel lässt Deutschland untergehen'. Erstaunlich gelassen reagieren die Neonazis in der Menge. Drei junge Kerle, auf den schwarzen T-Shirts steht 'Division Erzgebirge', ignorieren, dass ihr Idol ein Verbrecher genannt wird. Wichtiger ist offenkundig, von der Masse nicht als unerwünscht ausgegrenzt zu werden.
Rechtsextremisten sind Mainstream auf der Friedrichstraße."
"Ich
gendere nicht, ich möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt",
erklärt die
Schriftstellerin Nele Pollatschek im
Tagesspiegel, die dennoch die meisten Argumente gegen das Gendern für falsch hält. "Im Grunde gibt es nur
ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist
leider sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern, sind grundsympathisch. Wer gendert, tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen."