Bert Schulz
wundert sich in der
taz über die doch fast unheimlich
große Anti-Corona-Demo in Berlin am Samstag, wo er übrigens viel
schwäbischen Akzent hörte: "Wahrscheinlich ist es gar nicht so schwer, auch als aufgeklärter Mensch in diese Gruppe abzurutschen. Genervt sein über den Mund-Nasen-Schutz; dazu ein gesundes Misstrauen gegenüber dem Staat oder Frust über eine Steuernachzahlung, und dann vielleicht eine gute Freundin, die
ein bisschen esoterisch drauf ist und die mensch dann auf eine solche Demo begleitet. Jedenfalls ist es unmöglich geworden, den Protest - wie weite Teile der Debatte zum Umgang mit Corona - auf einem
Rechts-links-Schema einzuordnen."
Viele der Parolen auf der Demo waren "
antisemitisch konnotiert" oder zumindest verschwörungstheretisch,
sagt Levi Salomon vom "Jüdischen Forum für Demokratie" im Interview mit Christian Jakob in der
taz: "Der häufigste Inhalt auf den Plakaten am Samstag war: '
Gib Gates keine Chance'. Dahinter steckt die Vorstellung, der Milliardär Bill Gates habe Corona entweder selbst in die Welt gesetzt oder nutze es aus, um Menschen
zwangsweise zu impfen und damit zu unterjochen. Viele Menschen haben sich mit dieser Verschwörungstheorie lange auseinandergesetzt. Es gab Faktenchecks dazu und viel sachliche Aufklärung. Trotzdem wurden diese Plakate am Samstag vielfach getragen. Denn es gibt Menschen, die sich verschlossen haben. Was nicht passieren darf, ist, dass sie neue Anhänger für ihre Ideen gewinnen."
Als für keinerlei Argumente zugänglich erlebte auch
FAZler Hannah Bethke die Demonstrierenden: "Man
dürfe hier ja gar nichts mehr, sagt eine Frau, die siebzig Jahre alt ist. Das Tragen der Maske sei furchtbar lästig, und die Lokale seien alle geschlossen, und demonstrieren dürfe man auch nicht. Aber das tue sie doch gerade? 'Na, wir machen das eben einfach.' Dass das
Versammlungsverbot nicht mehr gilt und die Lokale längst wieder geöffnet sind, beeindruckt sie nicht. Sie weiß, wer ihr die Freiheit klaut: die Regierung und die Lügenpresse."
Die Wirtschaft schrumpft. Aber können die Prediger des "
Degrowth" jetzt jubeln? Die "Nachhaltigkeitsforscherin"
Maja Göpel steht mit ihrem
Buch "Unsere Welt neu denken" auf Platz 4 der
Spiegel-Bestsellerliste, auch der Bestseller-Autor
Richard David Precht möchte ohne Kreuzfahrten auskommen.
Spiegel-online-Kolumnist Alexander Neubacher
widerspricht. "Auch wenn es in Göpel- und Precht-Büchern anders steht: Die beiden Ziele 'Weniger Wachstum' und 'Weniger Armut' gehen leider nicht Hand in Hand. In der echten Welt sieht der statistische Zusammenhang so aus: Schrumpft die Wirtschaft,
wächst die Not. Zigtausende Firmen stehen vor der Pleite, Hunderttausende Menschen fürchten um ihren Job. Precht mag ohne Kreuzfahrten prima leben können. Die
Beschäftigten von MV Werften in Rostock und Meyer in Papenburg sehen das anders."
Die
Deutsche Forschungsgemeinschaft hat ein Video des Kabarettisten
Dieter Nuhr gelöscht, das zu den Promi-Stimmen gehört, die die DFG für ihre Kampagne #fürdas Wissen sammelt. (Unter diesem Hashtag lassen sich nun die vielen
Äußerungen gegen Nuhr nachlesen.)
Irgendetwas Anstößiges ist in dem Beitrag Nuhrs eigentlich nicht zu hören - er mokiert sich allerdings sanft über das Motto "
Folgt der Wissenschaft" der Follow-Friday-Bewegung. Auf Twitter hat es darum einen Shitstorm gegeben, vielen gilt Nuhr
als "
rechts", weil er sich nicht ausschließlich über Rechte lustig macht. Nicht die Angriffe auf Twitter, sondern das
Zurückweichen der DFG halte er für den eigentlichen Skandal, notiert Nuhr in einem
empörten Facebook-Post: "Es gibt nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter Klimawissenschaftlern unterschiedliche Szenarien und verschiedenste Lösungsstrategien. Es ist sogar Grundbedingung von freier Forschung, dass
unterschiedliche Thesen zugelassen sind und diskutiert werden. Das passiert ja auch in der Wissenschaft. In der Öffentlichkeit aber wird Meinungsvielfalt zunehmend aktiv
durch Denunziation unterdrückt. Einzelne Gruppen proklamieren unantastbare Wahrheiten, behaupten, die Wissenschaft sei auf ihrer Seite und behandeln dementsprechend kritische Denker als Ketzer."
Im
FAZ.Net kommentiert Michael Hanfeld: "Damit gibt die DFG
auf erbärmliche Weise ihre Prinzipien preis. Sie leistet als Wissenschaftsorganisation einen Offenbarungseid." Felx Hütten
findet Nuhr auf
sueddeutsche.de dagegen problematisch: "So lässt er sich gerne über die Maskenpflicht aus, unterstellt Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie sei dem Virologen Christian Drosten verfallen, und insinuiert, dass Aktivistin Greta Thunberg mit ihren Forderungen nach mehr Klimaschutz den Hungertod von Millionen Menschen in Kauf nehme. Das Publikum findet's lustig,
haha."
Ein bisschen ähnlich die Aufregung um die Feministin
Güner Balci, die in Berlin-Neukölln zur Integrationsbeauftragten ernannt wurde - Grüne und Linkspartei wetterten dagegen,
berichtet die
BZ Berlin: "'Was für eine bizarre Fehlbesetzung! Hey, hier ist
nicht mehr Buschkowsky-Time',
postete auf Facebook die Grünen-Abgeordnete Susanna Kahlefeld."
Außerdem: In der
taz greift Peter Weissenburger nochmal den Streit zwischen der Rechtsextremismexpertin
Natascha Strobl und dem
Welt-Kolumnisten Don Alphonso auf, dessen ergebene Gefolgschaft Strobl auf Twitter mit seinem Shitstorm überzogen (unser
Resümee) - aber das sind ja schon die Aufgeregtheiten von vor dem Wochenende.