9punkt - Die Debattenrundschau

Hier fängt kritisches Denken an

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.11.2019. Die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich, des Neuverlegers der Berliner Zeitung, treibt die Medien weiter um: Seine beste Chance hat Friedrich schon verpasst, meint Robert Ide im Tagesspiegel. In der SZ denkt Jill Lepore über Demokratie und Wahrheit nach.  Hört auf, die Geisteswissenschaften zu attackieren, ruft Markus Gabriel in der NZZ. Nur sie schützten die Werte der Aufklärung. In der FAS gibt die Venezianerin Petra Reski der Politik die Schuld am Untergang der Stadt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2019 finden Sie hier

Medien

Im Gespräch mit Verena Mayer von der SZ hält Michael Maier, Herausgeber der Berliner Zeitung, dem jetzigen Besitzer Holger Friedrich zugute, dass er sehr jung war, als er von der Stasi angeworben wurde (unser Resümee) und dass er wegen des Vorwurfs der versuchten Republikflucht erpressbar war: "Den Schaden abzuschätzen, ist schwierig, ohne die Betroffenen zu kennen. Friedrich war jung, er war in der Armee, er stand vor einer Existenzentscheidung. Ich fand seine Darstellung glaubwürdig. Ich weiß nicht, wie viele Leute damals gesagt hätten: Na klar, ich gehe in den Knast. Systeme wie die DDR haben Leute in moralische Dilemmata gebracht. Und der Zeitraum ist wichtig." Maier ist zum zweiten Mal in leitender Funkion bei der Zeitung tätig und war in den Neunzigern für eine dezidierte Aufklärung bei der Stasivergangenheit von Mitarbeitern.

Auch Robert Ide vom Tagesspiegel will durchaus Verständnis für die damalige Situation Holger Friedrichs aufbringen - allerdings müssten seine Aussagen noch überprüft werden - , aber er hält auch fest: "Diese schwierige Situation zumindest hätte Friedrich - wie so viele einstige Mitarbeiter der Stasi - verhindern können: durch eigene Offenbarung, durch Reue und Einsicht, auch durch die Bitte ums Verzeihen und Empathie für die Opfer. Von Holger Friedrich war dies alles bisher nicht zu vernehmen. Und der richtige Moment dafür ist jetzt schon vorbei."

In der Berliner Zeitung selbst legen die Chefredakteure Jochen Arntz und Elmar Jehn eine Erklärung vor: "Die Redaktion debattiert seit diesem Tag intensiv über diesen Fall und die Frage, wie sie damit umgehen soll. Unsere Antwort: Wir werden damit umgehen wie mit anderen Fällen auch, wir werden diesen Fall journalistisch aufbereiten. Wir werden Fakten sammeln, wir wollen die Akten - die Opfer- und die Täterakte - einsehen."

Und bei Horizont schreibt Uwe Vorkötter, einst Chefredakteur der Berliner Zeitung: " Wer die Berliner Zeitung nur aus der Ferne oder aus dem Westen kennt, kann kaum ermessen, wie sehr die Enthüllung der Welt am Sonntag, dass ihr neuer Verleger als IM Peter Bernstein Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit war, diese Redaktion erschüttert. Konnte Friedrich das auch nicht ermessen?"

Deutsche Zeitungen sollen 40 Millionen Euro Subventionen jährlich bekommen, um Zustellkosten  zu bewältigen, berichtet Horizont mit dpa: "Hintergrund der staatlichen Hilfen sind auch rückläufige Auflagenzahlen von Tageszeitungen in Deutschland und der digitale Wandel. Die Lieferung gedruckter Zeitungen muss weiterhin bis in die hintersten Winkeln Deutschlands funktionieren. Verlage beklagen gestiegene Kosten. Dies auch wegen Veränderungen in den Verlagsstrukturen durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns für Zeitungszusteller, der seit 2018 gilt. Im aktuellen Branchenbericht des BDZV ist von jährlichen Mehrkosten für die Verlage von rund 400 Millionen Euro die Rede." Der Zeitungsverlegerverband BDZV kritisiert die Subvention als viel zu gering.

Viele Journalisten, die über die Szene berichten, werden von Rechtsextremen oft direkt bedroht und angegriffen. Einige sind gezwungen, immer wieder umzuziehen. Es betrifft natürlich am ehesten die Freien. Ein Aufruf von Redaktionen und Journalisten fordert mehr Schutz, berichtet Peter Weißenburger in der taz: "Freie Journalisten, die eine Webseite oder ein Blog betreiben, unterliegen der Impressumspflicht. Sie sind gesetzlich verpflichtet, ihre berufliche Adresse ins Netz zu stellen - die bei vielen mit der Privatadresse identisch ist. Der Aufruf fordert hier eine Ausnahmeregelung für gefährdete Personen. Aber auch über eine 'einfache Auskunft' beim Melderegister lässt sich jemandes Anschrift herausfinden."
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Ideen

Wie schwierig die Findung der Wahrheit sein kann oder die angemessene Reaktion in einer Demokratie auf ihre Leugner, erklärt die amerikanische Historikerin Jill Lepore, die gerade in ihrem Buch "Diese Wahrheiten" eine politische Geschichte der USA von 1492 bis 2017 erzählt, im Interview mit der SZ: "1925 wird in Tennessee ein Lehrer verurteilt, weil er Evolutionstheorie unterrichtete. Und die war in dem Bundesstaat per Gesetz verboten. Da stellte sich also die Frage: Ist es legitim, das Ergebnis wissenschaftlicher Methoden zu ächten, wenn die demokratische Mehrheit das so will? Es ist ein bisschen eine Präfiguration der heutigen Klimadiskussion. Die Mehrheit der Amerikaner hat einen Klimawandelleugner gewählt. Das macht sein Leugnen nicht wahr. Aber es macht es schwieriger, sich den Leugnern politisch zu widersetzen."

Hört auf, die Geisteswissenschaften zu attackieren, ruft in der NZZ der Philosoph Markus Gabriel. Nur sie schützen die Werte der Aufklärung, warnt er. "Was nützen Naturwissenschaften und Technik, wenn sie - wie in China - zur Unterwerfung der Bevölkerung eingesetzt werden? Was nützen diese Disziplinen dem Menschen, wenn sie, wie bisher, weitgehend ohne ethische Reflexion voranschreiten? Und was nützt Machine Learning, wenn es Cambridge Analytica und soziale Netzwerke hervorbringt, die gerade systematisch zur Selbstzerstörung des demokratischen Rechtsstaats führen? Hier fängt kritisches Denken an, das in der gegenwärtigen Diskussion aufgrund eines unbegründeten Abgesangs auf die Geisteswissenschaften zu kurz kommt."
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Politik

In der Welt hätte sich der Aktivist Joshua Wong mehr Solidarität mit den Demonstranten in Hongkong gewünscht, ganz besonders am Jahrestag des Mauerfalls. Doch eine Resolution zur Unterstützung Hongkongs scheiterte, statt dessen "fielen merkwürdige Kommentare. Zum Beispiel wurde die Gewalt der Demonstranten verurteilt - ohne auf die Polizeigewalt einzugehen. Manch ein Abgeordneter glaubte sogar, dass Ziel der Proteste sei die Unabhängigkeit Hongkongs. Das ist falsch. Was wir fordern, sind freie Wahlen und den Schutz von Menschenrechten - für diese Werte steht auch das deutsche Grundgesetz."

In China ist eine patriotische und sehr materialistische junge Generation herangewachsen, die Außenstehende ganz schön verwirren kann. Selbst die chinesische Journalistin und Unternehmerin Franka Lu staunt auf Zeit online über die Widersprüche: "Viele von ihnen würden gern in westlichen Ländern studieren und arbeiten oder tun es schon, glauben aber, dass die westlichen Demokratien gegen das chinesische Einparteiensystem keine Chance haben. Ihr Respekt gilt Machthabern wie Wladimir Putin, Xi Jinping und Donald Trump, obwohl die beiden Letzteren inzwischen Kontrahenten sind. Die Z-Patrioten behaupten, in China gebe es mehr Freiheit als im Westen, und sagen gleichzeitig, zu viel Freiheit sei nicht gut - wie man am Westen sehen könne. Der geringste Anschein antichinesischen Rassismus bringt sie zur Raserei, sie glauben aber trotzdem, dass Schwarze intellektuell unterlegen seien und die westliche Political Correctness die Wahrheit verschleiere."

Klimakrise und Kolonialismus hängen zusammen, schreiben die Aktivistinnen Imeh Ituen und Rebecca Abena Kennedy-Asante in der taz. Die Länder des Südens tragen weniger Schuld an der Krise und sind stärker von ihr betroffen: "Nicht nur, dass es vor allem Länder des Globalen Nordens sind, die für die historischen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind und von ihnen profitiert haben - auch der Prozess, in dem diese Emissionen zustande kamen, ist von Gewalt gezeichnet. Die Forscherin Françoise Vergès spricht daher nicht vom Anthropozän, sondern vom rassistischen Kapitalozän."
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Europa

Nicht eine  Naturkatastrophe, sondern Gier, Korruption und eine falsche Politik, für die auch der jetzige Bürgermeister der Stadt steht, sind schuld am katastrophalen Hochwasser in Venedig, schreibt die Krimiautorin und Reporterin Petra Reski in der FAS: "Wie viele Venezianer fahre auch ich ein Boot und spüre am eigenen Leib, wie sich die eigentlich durch Inseln und Landzungen weitgehend vom Meer abgetrennte, Venedig umgebende Lagune in einen offenen Meeresarm verwandelt hat: Um Venedig zu retten, müsste als Erstes der in der Lagune liegende Hafen geschlossen und die in der Lagune nun zum Teil bis zu 59 Meter tiefen Kanäle wieder aufgefüllt werden: Die Lagune war ursprünglich im Schnitt nur 1,50 Meter flach und für Schiffe mit Tiefgang nicht gemacht - nicht für Erdöltanker, nicht für Containerfrachter und erst recht nicht für Kreuzfahrtschiffe."

In Le Monde blickt der Schriftsteller Roberto Ferrucci auf die etwas abseits gelegene Via Garibaldi in Venedig, "die von einer Flutwelle begraben wurde, die aus einem Schwarzweißfoto des zu trauriger Berühmtheit gelangten 4. November 1966 zu stammen scheint. Nur dass 53 Jahre seit dieser historischen Flut vergangen sind. Schwarzweißfotos existieren nicht mehr und sind durch digitale HD-Videos ersetzt worden. Aber die Katastrophe ist da, mehr als ein halbes Jahrhundert später, ein halbes Jahrhundert, in dem sich fast überall Fortschritte abgespielt haben, während in Venedig nichts getan wurde, um dieses tragische Ereignis zu verhindern. Nichts und wieder nichts."
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Kulturpolitik

Wenn das sündhaft teure Museum der Moderne fertig ist, müssen die Berliner Museen aber auch endlich liefern, schreibt im Tagesspiegel Frederik Hansen, der offenbar noch sieben Jahre warten will, bis es endlich mal wieder eine größere Ausstellung in Berlin gibt: "Derzeit sieht es eher trübe aus in der Hauptstadt. Wer die Top-Ausstellung zu El Greco sehen will, muss nach Paris pilgern, wer Leonardo da Vinci nahe kommen möchte, nach London. Die Hamburger Deichtorhallen locken mit einer fantastischen Quadrupel- Schau zu Richter, Kiefer, Polke und Baselitz, in Potsdam glänzt das Museum Barberini mit van Goghs Stillleben. Und was bietet Berlin? 'Die Armbrust - Schrecken und Schönheit' im Deutschen Historischen Museum."