Ob Amerikaner oder Iraner - beide behandeln den Irak als wäre er
ihr Protektorat,
klagt der irakische
Schriftsteller Ahmed Saadawi im
Guardian nach der Tötung des iranischen
Generals Soleimani. "Nach dem Anschlag verurteilten
Demonstranten in Bagdad und anderen Städten die Ermordung Suleimanis und wünschten den Märtyrern, 'die eine Rolle im Kampf gegen die Isis gespielt haben', Gnade. Diese Erklärungen offenbaren den Widerstand gegen die amerikanischen Aktionen im Irak. Aber sie weisen auch auf Vorsicht hin, wie die pro-iranischen bewaffneten Gruppen, die im Irak operieren, reagieren könnten - denn das sind Gruppen, die ursprünglich die
jüngste irakische Protestbewegung beschuldigt hatten, von der amerikanischen Botschaft in Bagdad kontrolliert zu werden. Im Gegensatz zu der düsteren und trauernden Reaktion im Iran scheint ein Teil der
irakischen Schiiten die Ermordung von Suleimani und al-Muhandis nicht zu berühren. Sie, insbesondere die Anhänger der Protestbewegung, könnten
sogar erleichtert sein. Schließlich waren dies die beiden Männer, die für die brutale Niederschlagung der Proteste seit ihrem Beginn im Oktober verantwortlich waren. Dabei wurden mehr als
500 friedliche Demonstranten getötet und mehr als 19.000 verletzt, von denen einige nun mit dauerhaften Behinderungen leben."
In der
SZ bereitet Tomas Avenarius die Tötung Soleimanis
wenig Bauchschmerzen. Er ist eher erleichtert, dass die USA Ansätze machen, wieder als Ordnungsmacht im Nahen Osten aufzutreten. Denn was ist die Alternative? Der
Iran als neue Ordnungsmacht in Jemen, Syrien und Irak, wo er überall Krieg führt? "Die Bürger der Islamischen Republik darben zwar wegen Wirtschaftssanktionen, doch das Regime kommt voran auf dem Weg,
regionales Schwergewicht zu werden. Eine Vormacht betreibt aber nicht nur Krieg, sie muss Frieden und Stabilität
auch ohne Gewalt garantieren können. Die Mehrheit der Menschen im Nahen Osten sind allerdings Sunniten und Araber; die religiösen Gegensätze sind durch das Aufkommen des Fundamentalismus auf allen Seiten noch härter geworden. Eine
nichtarabische Nation, die sich selbst als schiitisch-revolutionär darstellt, kann kaum Nummer eins sein. Eine Pax Irana ist unter diesem Regime nicht vorstellbar."
Für Soleimani,
verantwortlich für unzählige Tote, "sollte man wirklich keine Tränen vergießen",
meint auch
Niall Ferguson in der
NZZ. Er fragt sich allerdings,
welchen Nutzen das Attentat tatsächlich hatte. "Der Nachteil von Soleimanis Ermordung liegt darin, dass der
Irak nun in die Luft fliegen wird. Die Demokratie, die nach der Befreiung von der Tyrannei durch die US-Invasion von 2003 entstanden ist, genießt nur eingeschränkte Sicherheitsunterstützung durch die USA. Die iranische Unterwanderung schiitischer Milizen und politischer Parteien bedeutet, dass das Land gefährlich nahe daran ist, zu einem
Vasallen Teherans zu werden. Bezeichnenderweise hat der irakische Ministerpräsident Adel Abdul-Mahdi den Angriff auf Soleimani verurteilt. Es droht die
Rückkehr des Bürgerkrieges." Und, so Ferguson, am Einfluss Russlands in der Region ändert das Attentat auch nichts.
Ebenfalls in der
NZZ überlegt der Anwalt Josef Alkatout, wie die gezielte Tötung des iranischen Generals durch die Amerikaner
juristisch zu bewerten ist.
Dass Donald Trump im Falle einer Vergeltungsaktion
iranische Kulturstätten bombardieren will,
empört Peter von Becker im
Tagesspiegel: "Damit begibt sich ein amerikanischer Präsident rhetorisch
auf eine Stufe mit ausgemachten Terroristen. Die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan 2001 durch die Taliban oder die späteren Zerstörungen von Tempeln und Kulturgütern im Irak und in Syrien (Palmyra 2015-17) durch den IS gelten der zivilisierten Welt als barbarische Gräueltaten. Derartige Angriffe auf nicht-militärische Ziele sind durch die Genfer Konvention geächtet. Sie sind
Kriegsverbrechen."
Auch Andreas Platthaus greift in der
FAZ Donald Trumps Tweet auf, in dem er androhte,
Kulturstätten im Iran zu beschießen: "An das gezielte Hinrichten von Feinden der Vereinigten Staaten überall auf der Welt haben wir uns bereits gewöhnt; darauf hat schon Trumps Amtsvorgänger Barack Obama gesetzt - auch das ein massiver Bruch des Völkerrechts, ungeachtet der Rolle, die die jeweils Getöteten zuvor gespielt haben. Mit der Ankündigung von Militärschlägen gegen die Kultur eines Landes ist die westliche Wertegemeinschaft endgültig aufgekündigt."
Die Medien zeigen riesige
Massen trauernder Menschen im Iran. Meist völlig kritiklos übernehmen sie das Material des
iranischen Staatsfernsehens, das die Menschen von weit oben zeigt, wohl um die große Zahl zu zeigen, aber auch, um nicht ins Detail zu gehen.
Masih Alinejad, Erfinderin der Kampagne "My Stealthy Freedom"
warnt in der
Washington Post: "Für jeden, der das sieht, habe ich einen Rat: Nehmen sie es
nicht für bare Münze... Medien sind im Iran strikt kontrolliert. Öffentliche Versammlungen sind nur erlaubt, wenn sie für das Regime sind. Kritiker kommen ins Gefängnis oder werden erschossen (selbst ich, die nicht im Land lebt, erhielt Morddrohungen für meine Berichte über die Tötung Soleimanis). So ist es nicht schwer, einen Trauermarsch zu organisieren... Viele iranische Stimmen denken, dass Soleimani ein Kriegsverbrecher war, aber westliche Journalisten sprechen kaum mit ihnen. Ironischer Weise sind westliche Medien bei
solchen Staatsinszenierungen skeptischer, wenn sie aus Russland oder Nordkorea kommen, aber legen scheinbar ihren kritischen Geist ab, wenn sie in die Islamische Republik kommen."