Einen
"doppelten Kulturschock" erlebten die Buchhändler am Erstverkaufstag des neuen
"Harry Potter", so der
buchreport auf seiner Titelseite. "Erstens entwickelte sich
zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Buchhandels ein englischsprachiger Titel zum absoluten Verkaufsrenner. Zweitens war einen Tag lang
die deutsche Buchpreisbindung praktisch ausgehebelt: Vor allem die großen Filialisten lieferten der kleinen und mittelständischen Konkurrenz mit 'Harry Potter and the Order of the Phoenix' einen heftigen Preiskampf." Gleich am ersten Tag seien schätzungsweise
450.000 Exemplare verkauft worden - der gesamte Bestand, der nach Deutschland exportiert worden waren. Damit "schießt der englische Schmöker aus dem Stand auf Platz 1" der
Spiegel-
Bestsellerliste Belletristik. Eigens für "Harry Potter" wurden
die Kriterien für die Aufnahme in die
Spiegel-Liste verändert: "Aufgenommen werden nun
auch fremdsprachige Titel." Doch die Modifikation ist halbherzig: Gibt es von dem Titel eine deutsche Übersetzung, "so platziert sich die erfolgreichere der beiden Ausgaben".
Trotz des Erfolges habe Harry Potter den deutschen
Buchhandel gespalten, heißt es weiter: "Denn das Rennen um die Kundengunst haben vor allem
Amazon und die
großen Filialisten, die das Publikum mit Kampfpreisen angelockt haben, gemacht. Nur ein Trost bleibt den kleinen Sortimentern, die im Preisrennen nicht mithalten konnten: Viel verdient haben die Großen an dem Ansturm nicht, denn der Preiskampf hat ihre Margen weitgehend aufgezehrt." Offenbar waren
nur wenige Kleinsortimenter so pfiffig wie vier Offenbacher Buchhändler: Sie taten sich zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammen, bestellten gemeinsam und boten "The Order of the Phoenix" für 15 Euro an. "Die örtlichen Filialisten Gondrom und Weltbild haben das Buch für 16,80 Euro verkauft."
Des weiteren befasst sich der
buchreport mit den
Potter-Lieferengpässen. Außerdem listet er die
Rekordzahlen auf: In den ersten 24 Stunden nach Verkaufsstart wurde das Buch in den USA
fünf Millionen Mal verkauft, in Großbritannien in den ersten 48 Stunden
eine Million Mal. Amazon.com verkaufte innerhalb von 48 Stunden
eine Million Exemplare. Die Aktie des britischen Potter-Verlags Bloomsbury "knackte im Juni mit 9,50 £ das 52-Wochen-Hoch".
Im Kommentar fragt sich David Wengenroth, ob die Filialisten mit
"Harry Potter and the Order of the Phoenix" vielleicht auf den Geschmack gekommen sind. Künftig "könnten es die Bestseller von
Donna Leon, Minette Walters,
John Grisham oder
Michael Moore sein, die in Deutschland als Original Furore machen". Auch an anderen Produkten könnten die Großbuchhändler "
die Möglichkeiten des Preismarketings durchexerzieren. Zum Beispiel an
Hörbüchern und
Kalendern, die per se nicht preisgebunden sind". Die Beispiele von kleinen Buchhändlern, die etwa in Einkaufsgemeinschaften am Preiskampf teilnahmen, zeigten, dass auch der "preisbindungsfreie Konkurrenzkampf"
nicht grundsätzlich ohne die Kleinsortimenter stattfinden müsse.
"Der
Bertelsmann Club geht auf Konfrontation zu
Börsenverein und
Preisbindungstreuhänder Dieter Wallenfels", schreibt der
buchreport. Bereits knappe zwei Wochen nach Erscheinen von
Hillary Clintons Buch
"Gelebte Geschichte" erscheint eine
Club-Ausgabe. "Brisant daran: Die gebundene Clubversion mit Schutzumschlag ist
deutlich billiger als die Buchhandelsausgabe des Verlages." Econ verlangt 24 Euro für die 600-Seiten-Selbstdarstellung, Clubmitglieder müssen nur
19,95 Euro hinblättern. "Noch eklatanter fällt die Differenz zum 'Gold-Preis' aus, den der Club besonders treuen Kunden offeriert: Sie zahlen für den Wälzer nur noch
15,96 Euro." Mit diesem Angebot setze sich der Club über die so genannten Potsdamer Kriterien hinweg, die nach Auffassung des Treuhänders Bestandteil des Buchpreisbindungsgesetzes sind. Wallenfels zufolge dürfen Buchgemeinschaftsausgaben
normalerweise erst sechs Monate nach der deutschen Erstausgabe erscheinen. "Davon gibt es zwar eine Ausnahme für Titel mit erhöhter Aktualität. 'Wenn diese Clubausgaben aber im gleichen Monat erscheinen wie die Verlagsversion, dürfen sie
höchstens 15 Prozent billiger sein', erklärt der Jurist."
Die Initiatoren der
"Public Library of Science" (PloS) wollen "die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen", schreibt der
buchreport. "Sie haben zwei eigene Zeitschriften gegründet (
'PloS Biology' und
'PloS Medicine'), die
ab Oktober online erscheinen und kostenfrei zugänglich sein werden." Nobelpreisträger
Harold Varmus wolle damit beweisen, dass sich sein Modell des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Artikeln finanzieren lässt. Die Autoren zahlen 1.500 US-Dollar für eine Veröffentlichung, behalten aber ihre Urheberrechte.
Weitere Meldungen:
Klett baut den
ÖBV um und denkt darüber nach, Teile der Verlagsgruppe zu verkaufen. Der Niederländer
Derk Haank, bislang Vorstandsvorsitzender des Wissenschaftsverlags
Elsevier, wird Chef des neuen Fachverlagsriesen
Springer.
Bertelsmann macht Immobiliengewinne in New York.
Thomas Middelhoff ist nicht mehr arbeitslos ("Jetzt investiert er wieder", titelt der
buchreport). Der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat hat die von den Wissenschaftsverlagen bekämpften
Paragrafen 52a und 53 des geplanten Urheberrechtsgesetzes übernommen. Und
Oprah Winfrey hat ihren Buchclub wiederbelebt.
Hier der Link auf die
Bestsellerlisten.