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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2004. In der Zeit beschreibt Cees Nooteboom die Wirkung eines Spuckebatzens in Ghom. In der FR erzählt Najem Wali, worauf im Irak die Todesstrafe stand - zum Beispiel auf den Besitz einer Schreibmaschine. In der Berliner Zeitung erklärt Luc Bondy, kein Interesse an der Intendanz des Deutschen Theaters zu haben - solange er nicht gefragt wird. Im Tagesspiegel erklärt Tahar Ben Jelloun, warum er mit Frauen nicht über Sex spricht. In der Welt gibt Papst Johannes Paul II. ein wunderbares Beispiel für positives Denken. In der SZ bekennt sich Martin Walser zur Namens-Metaphysik. Die FAZ feiert Stephen Kings Zyklus "The Dark Tower".

Zeit, 07.10.2004

Der Westen und der Orient haben Vorstellungen voneinander, leider sind es meist die falschen, glaubt Cees Nooteboom. Einige dieser Missverständnisse beschreibt er in fünf kurzen Kapiteln. Im letzten erzählt er, wie es ihm selbst ging: "Ich war jung, und ich reiste durch eine Welt, die von anderen Gefahren bedroht wurde: der Atombomben und dem Kalten Krieg. Ich war arm und reiste durch eine Welt großer Armut und unvorstellbaren Glanzes. Ich sah, wie der Sultan von Marokko auf seinem Schimmel ausritt, sah, wie seine Offiziere ihm die Hände küssten, sah die Märchenerzähler und Schlangenbeschwörer in Marrakesch, hörte den stets wiederkehrende Ruf der Muezzins in Kairouan, Tanger, Jakarta, Kuala Lumpur, Teheran, Ghom, Dubai ... ich blieb außen vor, genauso wie ich bei den Niederlagen Syriens und Ägyptens außen vor blieb oder beim verzweifelten Drama zwischen Israel und den Palästinensern, das die Wirkung eines Brennglases hat in einer extrem entflammbaren Welt. Doch dieses Außen gibt es nicht länger, der Orient ist zu uns gekommen und wird dies auch in Zukunft tun. Die erste Ahnung davon wurde mir 1976 in Form eines Spuckebatzens in der Heiligen Stadt Ghom zuteil."

Weitere Artikel: Norman Ohler war einen Monat lang Stadtschreiber von Ramallah, im Aufmacher erzählt er von seinen Begegnungen dort. (Ohlers Tagebuch finden Sie hier). Die Philosophin Susan Neiman beschreibt den religiösen Fundamentalismus in den USA und seinen Einfluss auf die amerikanische Politik: Viele fundamentalistische Christen, die den Krieg im Irak skeptisch beurteilen, sind unentschieden, wen sie wählen sollen - "weil sie sich über Fragen wie Abtreibung mehr Sorgen machen". Michael Mönninger stellt das Buch "Le requin et la Mouette" des ehemaligen französischen Außenministers Dominique de Villepin vor, der erklärt, wie man dem Irak besser helfen kann, als die USA es tun. In der Leitglosse spricht Thomas Groß das abschließende Wort zur Deutschquote im Radio: "Eine Popmusik mit nationaler Note will eindeutig das Falsche." Jörg Häntzschel war bei einem Konzert mit R.E.M. und Bruce Springsteen während der "Vote for Change"-Tournee. Wim Wenders gibt noch ein Interview. Jim Rakete schreibt den Nachruf auf Richard Avedon. Evelyn Finger hat die erste Premiere des Staatsballetts Berlin unter der neuen Intendanz von Vladimir Malakhov besucht: von seinen Fähigkeiten als Tänzer ist sie überzeugt, als Intendant findet sie ihn ohne Courage. Peter Jahn berichtet von einer russischen Fernsehserie über den stalinistischen Terror der Roten Armee, "Schtrafbat". Wolfram Goertz porträtiert den Dirigenten Markus Stenz.

Besprochen werden eine Ausstellung von Elaine Sturtevant im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, Steven Spielbergs Film "The Terminal" mit Tom Hanks, die um 180 Jahre verspätete Uraufführung von Felix Mendelssohn Bartholdys Oper "Der Onkel aus Boston" in Essen, Richard Kwietniowskis Film "Owning Mahowny" und Handkes "Untertagblues" in Berlin: "Wenn Deutschland tatsächlich so prachtvoll vergreisen wird, wie uns der einschlägige Bestseller verspricht, dann sind Handke und Peymann schon dort, wo wir alle bald ein werden, dann sind sie endlich wieder Avantgarde", schreibt Robin Detje.

Schließlich präsentiert die Zeit heute ihre Literaturbeilage. Den Aufmacher widmet Iris Radisch Irina Liebmanns Roman "Die freien Frauen" (wir werten die Literaturbeilagen in den nächsten Tagen aus).

FR, 07.10.2004

"35 Jahre lang haben sie die Welt in Irak nur durch ein Auge gesehen, es war die Welt des Diktators", erklärt der irakische Schriftsteller Najem Wali (mehr hier) in einem Gespräch mit Werner Bloch über seine Landsleute. "Sie durften keine Faxgeräte, keine Handys, keine Satellitenschüssel, nicht mal eine Schreibmaschine besitzen. Wenn Journalisten im Flughafen ankamen, mussten sie ihre Schreibmaschinen und Handys abgeben. Eine freie Presse oder Auslandszeitungen waren sowieso undenkbar. Unser Land war so isoliert wie Nordkorea. Ich habe nie eine Schreibmaschine gehabt, immer mit der Hand geschrieben. Als mein Vater mich vor neun Jahren in Jordanien besucht hat, stand er sprachlos vor dem Fax. Unter Saddam gab es 167 Delikte mit Todesstrafe, darunter der Besitz einer Schreibmaschine.

"Jeder in diesem Land trägt mit an dieser Schuld", gibt der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker in einem Interview mit Ina Hartwig zu Protokoll. "Die Leute, die wie ich gegen diesen Krieg waren, haben es nicht geschafft, ihre Argumente klar genug zu artikulieren. Wir haben es nicht geschafft, laut genug zu schreien, um ihn zu verhindern. Unsere Eingaben und Lichterketten haben nichts bewirkt. Wir alle haben uns bei der Welt zu entschuldigen. Und ich verstehe 'Checkpoint' als eine Art indirekte Entschuldigung. Wir haben der Welt ein großes Unrecht angetan. Das tut mir Leid."

Weitere Artikel: Im Buchmessendossier sinniert Akim Krebs über die Gefahren des Bücherverschenkens. Rolf-Bernhard Essig beschreibt die natürliche Feindschaft zwischen Mensch und Buch. Adam Olschewski berichtet staunend, wie eines Tages RTL in sein bayrisches Dorf einfiel und drei Profiboxer für eine Show Kindergärtner spielen sollten. Und hier gibt's Mini-Impressionen von der Frankfurter Buchmesse.

Besprochen werden ein Berliner Gastspiel der New Yorker Wooster Group und Bücher, darunter der zweite Teil der Memoiren von Wolf Jobst Siedler und Christoph Biermanns Fußballbuch "Meine Tage als Spitzenreiter. Letzte Wahrheiten über den Fußball" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 07.10.2004

In der Berliner Zeitung bekundet Luc Bondy, kein Interesse an der Intendanz des Deutschen Theaters zu haben: "Ich bin noch nie direkt angesprochen worden. Solange ich nicht gefragt werde, habe ich auch kein Interesse." Wenn er angesprochen würde, hätte er aber schon ein paar Ideen parat: "Wenn ich so ein Theater wie das Deutsche Theater machen würde, würde ich versuchen, sehr stark auf das Ensemble zu setzen. Es hängen in Deutschland zu viele gute Schauspieler herum. Man muss zum Ensemble zurück. Man muss Schauspieler binden, damit sie weniger Film und Fernsehen machen. Ich kann nicht sagen, dass ich seit Jahren Ensembletheater mache. Es ist mein Ideal."
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Tagesspiegel, 07.10.2004

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun spricht im Interview über die Einsamkeit der Einwanderer, seine Bücher und die Frauen - hier ist die Kommunikation begrenzt: "Nein, manche Dinge sind tabu, zum Beispiel alles, was mit Sexualität zu tun hat. Man redet nicht darüber, wie gut man im Bett war. Es gibt eine Barriere, eine Intimität, wie ein Schleier. Eine Freundin ist wie eine Schwester. Mit meiner Schwester kann ich mir nicht erlauben, über mein sexuelles Leben zu reden."

NZZ, 07.10.2004

Es war immer das gleiche Spiel mit der Rechtschreibreform, erzählt Joachim Güntner: erst erarbeiteten Fachleute Reformvorschläge, dann wurde protestiert, dann modifiziert und schließlich akzeptiert: "So war es, als Teile der Presse und der ergrimmte Reichskanzler Bismarck die Beschlüsse der ersten orthografischen Konferenz von 1876 zurückwiesen; so verhielt es sich mit dem Vorstoß zur Vereinfachung der Schreibung, den 1920 der Reichsschulausschuss unternahm. Die Reformversuche des nationalsozialistischen Erziehungsministers Rust erlitten 1941 und 1944 dieses Schicksal, und kaum anders erging es in den fünfziger Jahren den sogenannten 'Stuttgarter Empfehlungen' (denen der Widerspruch von Thomas Mann, Hesse und Dürrenmatt das Genick brach) sowie den 'Wiesbadener Empfehlungen', welche die gemäßigte Kleinschreibung propagierten und sich damit bei der Schweiz wie bei der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) gleichermaßen eine Abfuhr holten. Stets verschwanden die reformerischen Ideen und Köpfe nur vorübergehend, um nach wenigen Jahre wieder aufzutauchen." Auch diesmal werde es keine Rückkehr zur alten Rechtsschreibung geben. Die SZ hat bereits erklärt, nicht zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, sondern "eine modifizierte Form der neuen Rechtschreibung zu pflegen", wie es in einer Meldung heißt.

Weitere Artikel: Georges Waser stellt die neuen schottischen Parlamentsgebäude von Enric Miralles in Edinburg vor: "In den Korridoren bieten sich beim Blick durch großflächiges Fensterglas exzentrische Aussichten: da ein Gewebe aus Stahl und Aluminium, dort Gebäudestützen aus Beton, wie die Mastbäume eines Schiffes in den wolkigen schottischen Himmel ragend."

Besprochen werden eine CD-Box mit romantischer Chormusik, dirigiert von Helmuth Rilling, sowie Aufnahmen von Barockopern und Werken des Klavierkomponisten Sergei Bortkiewicz, außerdem Bücher, darunter Felicitas Hoppes Porträtstudien über "Verbrecher und Versager" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 07.10.2004

Im Feuilleton gibt Papst Johannes Paul II. ein wunderbares Beispiel für positives Denken: "Später, als der Krieg vorüber war, dachte ich mir: Gott der Herr hat dem Nazismus zwölf Jahre zugestanden, und danach ist das System zusammengebrochen. Offenbar war das die Grenze, die die Göttliche Vorsehung dieser Art von Wahnsinn gezogen hatte. In Wahrheit war es mehr als nur Wahnsinn - es war Bestialität ... Und dennoch ist es eine Tatsache, dass es die Göttliche Vorsehung war, die diese bestialische Wut nur für zwölf Jahre erlaubt hat." Das Zitat stammt aus seinem neuen Buch "Erinnerung und Identität. Gespräche zwischen den Jahrhunderten", dass im Frühjahr 2005 erscheinen soll. Die Welt druckt einen Auszug.

TAZ, 07.10.2004

Auf der Meinungsseite begründet Dilek Zaptcioglu in einem kraftvollen Kommentar, warum die EU nicht gerade eine Gnade für die Türkei ist: "Die EU hat 1995 mit der EU eine Zollunion unterschrieben - der erste Schritt zu einem Sonderstatus für die Türkei, denn kein anderes Land hat seinen Markt einseitig einem derart überlegenen Partner geöffnet. So kann die Türkei ihre Agrarprodukte und Textilien zwar nicht uneingeschränkt in die EU exportieren - aber jeder Supermarkt im Lande quillt mittlerweile von europäischen Waren über. Grünen-Chefin Claudia Roth berichtete aus den Ausschusssitzungen, wie sich die konservativen deutschen Abgeordneten damals darüber freuten, dass 'wir die Türkei so billig haben konnten'. Die Hoffnung, dass die Zollunion das Niveau der türkischen Produktion hebt und die Wirtschaft wettbewerbsfähiger macht, hat sich nicht erfüllt." Statt auf einen EU-Beitritt zu hoffen, gilt es, eigenständige Entwicklung der türkischen Republik voranzutreiben, findet Zaptcioglu.

Im Kulturteil schickt Gerrit Bartels einen Bericht von den Eröffnungsreden der Frankfurter Buchmesse. Julia Grosse stellt mit David Adjaye einen neuen Star der Londoner Architekturszene vor. Katrin Kruse berichtet von den Pariser Pret-a-Porter-Schauen über die Defilees von Vivienne Westwood und Rei Kawakubo. Cristina Nord unterrichtet uns über die Gründung des "World Cinema Fund", ein gemeinsames Förderinstrument der Berlinale und der Bundeskulturstiftung. In tazzwei kommentiert Adam Lux die Debatte um eine deutsche Popquote im Radio. Sie war "so hohl und hinfällig, dass sie umso leidenschaftlicher und lauter geführt werden musste." 

Besprochen werden Wim Wenders Film "Land of Plenty", Richard Kwietniowskis Film "Owning Mahowny" und Baltasar Kormakur Film "Die kalte See".

Schließlich Tom.

SZ, 07.10.2004

"Stellen Sie sich einmal vor", sagt die türkische Autorin Autorin Yade Kara (mehr hier) in einem Gespräch mit Katrin Schultze, "islamische Länder wie Syrien, der Irak oder der Iran würden einen moslemischen Nachbarstaat Türkei haben, der sich für die Moderne und Demokratie öffnet und seine Souveränität mit anderen EU-Staaten teilt. Stellen Sie sich die Folgen vor: Stabilität in der Region, Fortschritt - und eine geballte Faust in die Fresse der Ultra-Islamisten!" Und darum, so Yade Kara, muss die Türkei in die EU.

"Der Roman ist die Entfaltung des Namens der Hauptfigur", schreibt Martin Walser als zweiter Autor der SZ-Reihe 'Wie kommen Schriftsteller zu den Namen ihrer Figuren?' "Der Autor kann anfangen, den Roman zu schreiben, ohne schon den richtigen Namen für die Hauptfigur zu haben. Er schreibt sich auf den Namen zu. Nicht zu spät kommt er dann zu dem eigentlichen Namen. Dieses Hinfinden zum eigentlichen Namen kann natürlich passieren, bevor der erste Satz des Romans aufs Papier kommt. In Notizbüchern, zum Beispiel. Man muss sich an vorläufigen Namen vorbei und durch sie hindurchschreiben. Wenn man dann ankommt beim richtigen Namen, gibt es keinen Zweifel, dass das der richtige Name ist. Das ist dann Geburts- und Namenstag in einem. Wenn das Namens-Metaphysik sein sollte, ist es die einzige Metaphysik, zu der ich mich bekenne. Der Name als höchste Sprachpotenz."

Weitere Artikel: Gideon Greif erinnert an den Aufstand einiger Häftlinge in Auschwitz vor sechzig Jahren ("ein Fanal gegen die Lagerapathie und Ohnmacht des einzelnen Häftlings"). Willy Winkler schreibt zu siebzigsten Geburtstag von Ulrike Meinhof ("'Freiheit ist nur im Kampf um Befreiung möglich', sollte auf ihrem Grabstein stehen und durfte da nicht stehen"). Andrian Kreye hat schon mal Bob Dylans Autobiografie gelesen, die jetzt in den USA erschienen ist. Alexander Kissler war auf dem Soziologentag in München, dessen Themen er vom näherrückenden EU-Betritt der Türkei geprägt fand. Gottfried Knapp hat den Berchtesgadener Gesprächen zugehört. Dirk Peitz porträtiert den R.E.M.-Musiker Michael Stipe ("Hier ist ein Mann, der nie für das Falsche und immer unmissverständlich war"). Cornelia Vismann berichtet von einer Tagung zu den Anfängen der Computergrafik im Stuttgarter Schloß Solitude. Alex Rühle stellt das neue Kursbuch zur Krise vor. Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler verabschieden den Komiker Rodney Dangerfield, der im Alter von 82 Jahren in Los Angeles gestorben ist.

Fritz Göttler porträtiert den Filmregisseur Peter Webber, ("Das Mädchen mit dem Perlenohrring"), Rainer Gansera hat Wim Wenders zu seinem neuen Film befragt.

Besprochen werden Wim Wenders Film "Land of Plenty" ("Seine Fähigkeit, in den Menschen und der Welt um sie herum ... Zauber und Schönheit zu entdecken, ist unvergleichlich und unzerstörbar."), German Krals Film "Musica Cubana", Philipp Abreschs Foto-Projekt "Baghdad Stories" und eine Ausstellung in der Völklinger Hütte, welche die Hochkulturen der Andenregionen präsentiert.

FAZ, 07.10.2004

Der bebrillte junge Mann, der die Leserinnen und Leser der FAZ-Aufmacherseite heute großformatig anblickt, ist Stephen King. Dietmar Dath feiert ihn für die soeben erfolgte Vollendung seines großen Zyklus "The Dark Tower": "Mehr als dreißig Jahre und sieben Bücher waren nötig, um diese Geschichte zu erzählen, die kein Western, kein Roadmovie, kein Chanson de geste, kein sehr langer Reiseroman und kein romantisch-episches Gedicht ist, sondern ein bisschen von alledem. (...) Die 'beharrlichen Leser' (King), die von Anfang an auf ihn gewettet haben, empfangen jetzt die verdiente Belohnung - eine neue Erde, einen neuen Himmel und ein Ende, das wie ein Anfang schmeckt und riecht, geheimnisvoll, alles versprechend: 'Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolverheld folgte ihm'."

Weitere Artikel: In den Notizen von der Buchmesse geht es um einen Bratenwender in der arabischen Welt, um die Werke des Matthias Beltz - und es gibt einen Link zur FAZ-Buchmessen-Website. Andreas Platthaus glaubt, dass sich die türkische Elite Europa als "willkommene Zuchtstätte" wünscht, als "Institution, der man guten Gewissens das eigene Volk überantworten kann, damit es nachträglich für das fit gemacht werde, was doch Voraussetzung der Aufnahme sein müsste". Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg erklärt, welche Institutionen der deutschen Sprache gut täten - eine Kommission zur Rücknahme der Rechtschreibreform ist nicht darunter. Gustav Falke höhnt über preußenorientierte Berliner Bildungspolitik, der es nur noch um "Geld für Eintrittskarten" geht. Kurz vorgestellt werden die Pläne für die US-Botschaft am Pariser Platz. Peter Diamandis, der Direktor der weltraumprivatflugfördernden Ansari X Prize-Foundation, hofft, einen "neuen Markt", einen "neuen ökonomischen Motor" zu erschließen. Joseph Croitoru berichtet aus Israel, dass die Radikalrhetorik der Siedler jetzt am Begriff der "Vertreibung" Gefallen findet.

Auf der Filmseite stellt Bert Rebhandl das neue argentinische Kino vor und entdeckt darin "das wahre Gesicht des Kapitalismus". Im Interview spricht Wim Wenders über Musik und die Dreharbeiten zu seinem billig auf Video gedrehten neuen Film "Land of Plenty": "Ich erinnere mich, dass einmal jemand aus seiner Pappbehausung herauskroch, als wir vorbeifuhren, und anfing zu lachen und uns hinterherrief: 'Man, you're really on low budget!'". Hans-Dieter Seidel erklärt, warum die "triefende Schicksalsfabel" von "Die Zwillinge" dann doch akzeptabel ist. Auf der letzten Seite erklärt der Schriftsteller Maarten Asscher, warum nach nach hundert Jahren heute endlich ein Niederländer den Literaturnobelpreis erhalten muss. Patrick Bahners porträtiert Joschka Fischer als "Idealpolitiker", und Günter Platzdasch erinnert an die 60:40 Musik der DDR.

Besprochen werden Arthur Millers wenig aufregendes neues Marilyn-Stück "Finishing the Picture" in Chicago, 3-Minuten-Filmkunst in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, eine gelungene "Cosi fan tutte"-Inszenierung in Luzern, die Berliner Performance "Poor Theater" der New Yorker Wooster Group und Bücher, darunter Cecile Wajsbrots Roman "Im Schatten der Tiger" und William Fiennes "Der Zug der Schneegänse" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).