Im Kino
Comedy Is a Man in Trouble
Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
24.02.2026. Nach mehr als fünfzehn Jahren hat Josh Safdie erstmals einen Film ohne seinen Bruder Benny gemacht: "Marty Supreme" ist eine wahnsinnige Maschine zum Verbrauch von Ideen und Menschen.
Marty rennt. In eine Konfrontation hinein, aus einer anderen hinaus, die Bewegung ist ein und dieselbe, und auch sonst bleibt "Marty Supreme" an dem Prinzip orientiert, all das, was für einen Moment wie eine Lösung aussieht, als Anbahnung der nächsten Katastrophe zu behandeln. Comedy is a man in trouble. Aber anders als der Slapstick, dem Alan Dale ein schönes Buch mit diesem Titel gewidmet hat, ist dies kein Film über die Verschwörung der Dingwelt (Gegenstände, Fahrzeuge, Architekturen) gegen den gehetzten Helden, sondern einer über den Aufstand des Helden gegen eine Welt, die kaum Anstalten macht, seine Ansprüche ernst zu nehmen.
Diese Ansprüche sind ziemlich maßlos. Und sie beschränken sich nicht auf die Erwartung, die Weltmeisterschaft im Tischtennis und davor noch ein paar internationale Wettbewerbe zu gewinnen. Um Tischtennis geht es hier nicht (dafür gibt es andere Filme) oder allenfalls sekundär. Vielmehr geht es um Marty (Timothée Chalamet), der alles will, am besten sofort und auf einmal. Die Prioritäten: Aufmerksamkeit, Anerkennung, Triumph, Sex, Geld, ändern sich je nach Situation. Wenn ein Anspruch dem anderen in die Quere kommt, ist das so lange egal, bis wieder jemand auftaucht, der Marty verhaften, verprügeln oder umbringen will. (Wie viel dies mit der Biografie des verstorbenen Tischtennis-Stars Marty Reisman zu tun hat, auf dessen Auftritte u.a. die New York Times in ihrer Rezension verweist, ist eine müßige Frage. Das Modell für Marty Mauser ist nicht Marty Reisman, sondern Groucho Marx.)
Um die Tischtennisbälle geht es ebenso wenig: die hübschen, orangefarbenen, die viel besser sichtbar sind als die weißen und mit dem Schriftzug "Marty Supreme" verkauft werden sollen. Es gibt Pläne zur Vermarktung, einen Geschäftspartner (Luke Manley), den Dummy der Verpackung, irgendwann sogar einen ersten Batch. Aber es gibt auch die Szene, in der die Bälle mit großem Schwung aus dem Fenster und auf die Straße gekippt werden, um fortan keine Rolle mehr zu spielen. Für das dramaturgische Konzept des Films ist diese Szene emblematisch, insofern sein Verbrauch an Material und Ideen konstant hoch ist. Wer denkt noch an Tischtennisbälle, wenn kurz zuvor die Tankstelle brennt, das Geld erstmal an anderer Stelle reinkommt, der Mobster immer noch nach seinem Hund fragt.

Es gehört zu den interessanten Aspekten dieser Dramaturgie, dass in ihr für alle möglichen Auftritte Platz ist. David Mamet als Theaterregisseur. Philippe Petit als Conférencier. Abel Ferrara, der schon im Safdie-Film "Daddy Longlegs" ein Gegenüber spielte, von dem man sich besser fernhält. Ein Tischtennischampion (Koto Kawaguchi), der mehr oder weniger sich selbst darstellt, ein ehemaliger Basketball-Profi (George Gervin), der einen ehemaligen Tischtennisspieler verkörpert, dazu Rapper, Modeschöpfer, Radio Hosts, Reiseschriftsteller, Influencer in Neben- und Kleinstrollen. "Marty Supreme" ist ein Panoptikum und ein sehr homosozialer Kosmos, in dem Frauen entweder zu schwanger (Odessa A'zion) oder zu abgeklärt sind (Gwyneth Paltrow) und Sex immer irgendwie Ärger macht, was Marty nicht brauchen kann; er hat ja schon genug.
Den manchmal sehr hellen Wahnsinn, der in "Marty Supreme" regiert, in ein versöhnliches Ende zu überführen, ist eine überraschende Idee. Und nicht unbedingt die beste. Safdie-Dramaturgien sind reaktiv, das heißt: keinesfalls darauf angelegt, ihre Protagonisten zu entwickeln, sondern darauf, Situationen entstehen zu lassen, die dann andere Situationen erzeugen, um an irgendeiner Stelle abzubrechen ("Daddy Longlegs", 2009), innezuhalten ("Heaven Knows What", 2014), blinde Flecken zu erzeugen ("Good Time", 2017) oder das Hin und Her für einige Figuren zu beenden ("Uncut Gems", 2019). "Marty Supreme" hingegen sieht in seiner letzten Einstellung auf einmal aus wie ein Film, der auf ein sehr konservatives Erzählmodell umgestiegen ist. Was dies für die nächsten Projekte bedeutet (2024 haben Josh und Benny Safdie angekündigt, nicht mehr zusammen Filme zu machen), bleibt abzuwarten.
Stefanie Diekmann
Marty Supreme - USA 2025 - Regie: Josh Safdie - Darsteller: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A'zion, Kevin O'Leary, Lyler Okonma, Abel Ferrara, Fran Drescher u.a. - Laufzeit: 150 Minuten.
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