Im Kino
Männer, wimmernd und verloren
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
16.04.2025. Soldaten nicht als Handelnde, sondern im Zustand der Hilflosigkeit: Ray Mendoza und Alex Garland konzentrieren sich in ihrem Irakkriegsfilm "Warfare" ganz auf die Konkretion des Schlachtfeldes.
Nach "MAMs" hält der Soldat Ausschau. MAM steht für "military-age male", manche halten den Ausdruck für entmenschlichend, weil er zur Rechtfertigung der Tötung von Zivilisten im Rahmen militärischer Auseinandersetzungen benutzt werden kann. In der konkreten Situation, die der Film "Warfare" zeigt und die sich so oder so ähnlich tatsächlich zugetragen hat, im Jahr 2006 im Irak, im Zuge des Gefechts um Ramadi, leitet der Begriff sich jedoch schlicht aus der Realität asymmetrischer Kriegsführung ab: Die Kämpfer der Rebellentruppen, gegen die die amerikanische Armee während ihrer Invasion im Irak vorgeht, tragen keine Uniformen und sind von harmlosen Passanten zunächst nicht zu unterscheiden. Sie können nur durch genaue Beobachtungen identifiziert werden, und eben solche stehen am Anfang von Ray Mendozas und Alex Garlands "Warfare".
In der Tiefe der Nacht hat eine kleine amerikanische Einheit bei Nacht und Nebel in einem Wohnhaus Stellung bezogen - die irakischen Bewohner der Hauses kauern ängstlich in einem Hinterzimmer, kein freundliches Wort zuviel haben die Soldaten für ihre unfreiwilligen Gastgeber übrig. Wir befinden uns in einem Gebiet, das von Aufständischen kontrolliert wird - der Straßenzug, der von einem der Soldaten durch das Fernglas seines Gewehrs hindurch beobachtet wird, schaut zunächst harmlos aus. Bis irgendwann immer mehr junge Männer auftauchen und beginnen, Blicke in Richtung des Verstecks der Amerikaner zu werfen. Als sich die Straße vor dem besetzten Haus plötzlich zu lehren beginnt, wissen die Soldaten: gleich geht es los.
Wir haben zu diesem Zeitpunkt schon einiges mitbekommen über die pragmatische Gemeinschaft der uniformierten Amerikaner, über die funktionale Sprache, in der sie sich verständigen, über die psychische und auch körperliche - der Schweiß fließt beim durchs Zielfernrohr schauen in Strömen - Anspannung, unter der die jungen Männer stehen. Über die Gründe, die hinter ihrer Berufswahl stehen, lernen wir hingegen nichts und auch die diversen militärischen, politischen oder ideologischen Kontexte, in die die dargestellte Militäroperation eingebettet werden könnte, bleiben außen vor. "Warfare" konzentriert sich strikt auf die Perspektive der einfachen, mit der Unmittelbarkeit kriegerischer Gewalt konfrontierten Soldaten. Der Film basiert auf Mendozas Erinnerungen - der Koregisseur und Koautor war selbst an dem im Film nachgestellten Gefecht beteiligt - sowie auf Interviews mit anderen Überlebenden der Kämpfe.

Angenehm hebt sich der Film in dieser Hinsicht von Garlands Vorgänger "Civil War" ab, der ein fiktives und allzu abstraktes Bürgerkriegsszenario mit raunend-allegorisierender Bedeutungshuberei verband (und bei dem Mendoza als militärischer Berater fungierte); "Warfare" setzt ganz im Gegenteil auf welthaltige Konkretion bei gleichzeitigem Verzicht auf weltdeuterisches Mackertum. Die einzige "diskursive" Spielerei, die sich Mendoza und Garland gönnen, steht gleich am Anfang: Die knallige Eröffnungsszene zeigt, wie sich die Soldaten ein Musikvideo anschauen, in dem leichtbekleidete junge Frauen sexuell hochgepitchte Gymnastikübungen vorführen. "Das ist, wofür wir kämpfen!", meint da zwar einer der enthusiastischen Soldaten; aber im Film ist die Szene offensichtlich vor allem dafür da, der homosozialen soldatischen Gemeinschaft von Anfang an einen direkten Körperbezug beizufügen.
Eben diese soldatische Körperlichkeit rückt endgültig ins Zentrum, wenn es schließlich knallt. Zunächst fliegt eine Handgranate zum Fenster hinein, es folgen heftige Schusswechsel - und einige Minuten der kompletten Desorientierung. Wo die meisten Kriegsfilme, selbst jene, die sich dem Realismus verpflichtet fühlen, Soldaten fast durchweg als Handelnde ins Bild setzen, nimmt "Warfare" hochgerüstete, hochspezialisierte Kämpfer im Zustand der Hilflosigkeit in den Blick. Männer, die gefühlt minutenlang wimmernd und verloren im Granatennebel liegen, die sich nicht mehr orientieren können, denen selbst einfache, zigfach erprobte Handgriffe plötzlich misslingen, Männer, deren Penisse in Blut schwimmen. Männer, die gepflegt und in Sicherheit gebracht werden müssen, koste es, was es wolle.
Mit einem triumphalistischen Kriegsfilm kann "Warfare" schon deshalb nicht verwechselt werden, weil das, was wir zu sehen bekommen, de facto ein einziges Rückzugsgefecht ist. Zunächst die Verletzten, dann die ganze Truppe muss abgezogen werden, die Feinde sind überall und sie kommen immer näher. Faktische technische und militärische Überlegenheit übersetzt sich, das lässt der Film nachvollziehen, unter den Bedingungen eines asymmetrischen Konflikts allzu schnell in ein Gefühl der Kontrolle, das illusionär bleibt. Dafür stehen im Film unter anderem immer mal wieder eingeblendete Luftaufnahmen, die sich die amerikanischen Soldaten auf ihren Bildschirmen anschauen und die Truppenbewegungen in der Umgebung des Hauses darstellen sollen. Letztlich schauen sie und auch wir lediglich auf flackernde Lichtpunkte, die alles oder nichts bedeuten können.
Es mag Gründe geben, die Selbstbeschränkungen, die der Film sich auferlegt, zu kritisieren. Sein unbedingter Verismus findet im Abspann seinen Höhepunkt, in dem die realen Soldaten, die den Kampf damals ausgefochten hatten, auf ihre Darsteller im Film treffen. Er repräsentiert sicherlich nicht alles, was das Genre des Kriegsfilms leisten kann. Oder zumindest: leisten konnte. Anders als einst Filme von Regisseuren wie William Wellman oder Sam Fuller taugt "Warfare" kaum als Medium demokratischer Selbstverständigung. Fragen nach Sinn und Unsinn einer Institution wie der Armee, nach den Zwängen, die sie Individuen antut, nach der ethischen Verantwortung des einzelnen Soldaten, stellen sich bei Mendoza und Garland gar nicht erst. Aber vielleicht würde man mit solchen Ansprüchen dem Kino der Gegenwart, das realer Komplexität allzu oft mit rein intellektuellen Überlegenheitsgesten begegnet, zu viel zumuten. Vielleicht ist es nicht das Schlechteste, wenn es ab und zu zu den Basics zurückkehrt. In diesem Fall: zum Versuch, darzustellen, was Krieg, eine der Grund- und gleichzeitig Extremerfahrungen menschlicher Sozialität, in unserer Gegenwart bedeutet.
Lukas Foerster
Warfare - USA 2025 - Regie: Ray Mendoza, Alex Garland - Darsteller: D'Pharaoh Woon-A-Tai, Will Poulter, Cosmo Jarvis, Kit Connor, Finn Bennett - Laufzeit: 95 Minuten.
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