18.05.2026. Hagai Levi verfilmt die Tagebücher Etty Hillesums und versetzt sie ins Amsterdam der Gegenwart. Trotz kleiner Längen ist ihm ein würdiges filmisches Denkmal für eine beeindruckende junge Frau gelungen, die es konsequent ablehnte, sich retten zu lassen, zu sehen in der Arte Mediathek.
Als mir irgendwann während meines Studiums die Tagebücher der Etty Hillesum (die deutsche Übersetzung erschien als Gesamtausgabe 2023) in die Hände fielen, war ich, wie viele vor mir, von den ersten Zeilen an gebannt von der Persönlichkeit, die sich da auf dem Papier entfaltete. Eine sensible, hochintellektuelle junge Frau, mit nagenden Selbstzweifeln, einem kaum stillbaren Wissens- und Erfahrungshunger, Latenz zur Depression und einer mitreißenden, originellen Schreibsprache. So intensiv ist die Lektüre der Tagebücher, die Etty 1941 bis 1943, mit Ende Zwanzig, verfasst, dass man das Gefühl hat, die Verfasserin am Ende ganz gut zu kennen. Auch hat man noch heute beim Lesen nicht das Gefühl, etwas aus einer vergangenen Zeit zu lesen. Ja, wäre nicht der grausame historische Kontext, der diese Zeilen erst so berühmt gemacht hat, man könnte sich gut vorstellen, Etty auf einen Kaffee und eine Zigarette in der Bar nebenan zu treffen und anregende Gespräche mit ihr zu führen.
Julia Windischbauer als Etty. Foto: Anne Wilk/Mark de Blok Vielleicht hat auch das den israelischen Regisseur Hagai Levi dazu veranlasst, seine Verfilmung der Tagebücher nicht vor historischer Kulisse, sondern mehr oder weniger im heutigen Amsterdam spielen zu lassen oder sagen wir, in einem fiktiven Amsterdam unserer Zeit. Die Nazis werden als solche nicht benannt, sie treten auch kaum auf, man sieht nur immer wieder schwarze Uniformen im Hintergrund, gepanzerte Polizeiwagen Streife fahren, die Bedrohung bleibt abstrakt, aber immer präsent. Etty selbst macht sich keine Illusionen über ihre Lage, in Tagebüchern wie Serie ist es beeindruckend zu sehen, mit welcher Klarheit sie die Situation einschätzt: "Gut, diese neue Gewissheit, dass man unsere totale Vernichtung will, nehm ich hin."
Über die Entscheidung, die Serie in der Gegenwart spielen zu lassen, kann man, ähnlich wie bei Christian Petzolds "Transit", sicherlich streiten. Doch die erzielte Wirkung ist stark: Levi entgeht dadurch der Gefahr, durch Kostüme und historische Schauplätze das Ganze zu einer optisch aufwändigen Geschichtslehrstunde werden zu lassen, wie sie ja nicht selten im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu bedauern sind. Vielmehr rückt in beklemmender Weise die Erkenntnis in den Vordergrund, dass diese Historie noch gar nicht lang vergangen ist. In einer der beeindruckendsten Szenen der Serie werden alle Amsterdamer Jüdinnen und Juden zum Schrottplatz zitiert, wo sie ihre Fahrräder abgeben müssen. In den gigantischen Berg an übereinandergeworfenen Fahrrädern fährt dann eine Baggerkralle, die sie zerquetscht und mit ihnen die Freiheit, sich selbstbestimmt in der Stadt bewegen zu können, während Etty und ihre Freundin zusehen. Fast dystopisch mutet das an, denkt man, bis einem sofort einfällt, wie viel monströser die Realität war.
Der Holocaust wird von Levi nicht anhand marodierender Nazis, nicht anhand von Gewalt oder öffentlichen Demütigungen dargestellt. Er erscheint vor allem in Form von Bürokratie und Dokumenten: Formularen, die zur Registrierung ausgefüllt werden müssen, verzweifelt ersuchten Attesten, die vielleicht vor der Deportation bewahren könnten, amtlichen Aufforderungen, sich zum Abtransport in den Tod einzufinden. Und auch in Form jener kleinen, Rechtfertigungs-Floskeln, die in der Summe einen Massenmord möglich machen: Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer.
Therapeutischer Zweikampf zwischen Etty und Dr. Julius Spier (Sebastian Koch). Foto: Anne Wilk/Mark de Blok Nun geht es in Ettys Tagebüchern ja aber auch um ganz viele andere Dinge, zum Beispiel die Therapie beim Jung-Schüler Dr. Julius Spier, einem Vorreiter der Körperpsychotherapie und Anhänger der "Psycho-Chirologie", also der psychologischen Handlesekunst. Die Schilderungen Ettys über das therapeutische "Rangeln" mit Spier, das durchaus eine erotische Komponente hatte, sind interessant und verwirrend, wahrscheinlich weil diese Art der Überschneidung von Körperlichkeit, Spiritualität und Arzt-Patienten-Verhältnis für uns heute, im Gegensatz zu vielem anderen, kaum noch vorstellbar ist. Ob für den charismatischen Psychoanalytiker, der später auch Ettys Geliebter wurde, der gutmütig-väterlich dreinblickende Sebastian Koch die beste Schauspieler-Wahl gewesen ist, sei dahingestellt. Julia Windischbauer überzeugt mit ihrem wuscheligen Lockenkopf und ihrem trotzig-wachen Blick jedenfalls durchaus als Etty, in all den Facetten dieser Person, von fast wahnsinniger Verzweiflung hin zur beinahe kühlen Gelassenheit, mit der sie sich am Ende entscheidet, allen Rettungsversuchen ihrer Familie und Freunde zum Trotz, ins Lager Westerbork zu fahren, um dort ihren Mitmenschen, so gut es geht, zu helfen.
Denn ja, Etty Hillesum hätte vielleicht gerettet werden können, sie hätte untertauchen können, vielleicht sogar fliehen, vielleicht hätte ihre Stelle im Jüdischen Rat sie vor der Todesmaschinerie bewahren können, aber sie schlug alles aus. Es ist vielleicht das beeindruckendste Moment an diesem Denken, die kompromisslose Weigerung, das eigene Leid oder Leben über das von anderen zu stellen, der absolute Unwille, sich selbst zu retten, wenn es für andere nicht möglich ist. Man rauft sich beim Lesen sowie Sehen fast die Haare angesichts dieser trotzigen und konsequenten Selbstaufgabe und bleibt antwortlos mit der Frage zurück, was man selbst in dieser Situation getan hätte.
Szene aus "Etty". Foto: Anne Wilk/Mark de Blok Hagai Levi lässt sich viel Zeit beim Erzählen, er trägt damit dem Schreiben Etty Hillesums Rechnung, indem er viel Wert auf die Entfaltung ihrer psychischen Zustände und Gedanken legt. Manchmal wünschte man sich, die Serie hätte sich bei der Formulierung von Dialog und Plot noch ein wenig mehr an Ettys sprudelndem Geistreichtum orientiert, manch ein Gespräch ist doch ein wenig zu platt und hölzern geraten (Die Frage "Bist du okay?" kommt häufig vor). Demgegenüber stehen brillante Sprachduelle, die sich nah an den Tagebüchern orientieren, wie der Streit, den Etty mit ihrem ehemaligen Studienkollegen Klaas hat, als sie ihm eröffnet, dass sie am Ende ihrer durch Spier inspirierten spirituellen Reise nicht nur zu Gott gefunden hat, sondern sich außerdem weigert, unterzutauchen. Da lässt der überzeugte Klassenkämpfer sogar seine innersten politischen Überzeugungen fahren: "Scheiß auf den Sozialismus", ruft er Ettys Aufopferungswillen fassungslos entgegen. Im September 1943 wurde Etty Hillesum gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder Mischa in einen überfüllten Zugwaggon im "Durchgangslager" Westerbork gezwungen. Am 30. November 1943 wurde sie im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Ihre Eltern starben schon kurz nach der Ankunft, ihr Bruder laut Rotem Kreuz etwa ein halbes Jahr später. Aus dem Zugwaggon warf sie eine Postkarte, deren letzte Zeilen so lauten:
"Ein plötzlicher Befehl für uns aus Den Haag. Singend haben wir dieses Lager verlassen, Vater und Mutter sind tapfer und ruhig. Mischa ebenfalls. Wir werden drei Tage auf der Reise sein … Auf Wiedersehen von uns vieren. Etty."
Nicht alles an Hagai Levis Serie ist gelungen, es gibt einige Längen, manches ist doch ein bisschen klischeehaft geraten. Trotz allem setzt Hagai Levi der beeindruckenden Persönlichkeit und dem wachen Denken Etty Hillesums mit seiner Serie ein würdiges filmisches Denkmal. Außerdem erinnert er daran, und das ist die eigentliche Botschaft, die man hier mitnehmen kann, dass Geschichte niemals wirklich vergangen ist.
"Etty". Buch und Regie: Hagai Levi. 6 Folgen, zu sehen in der Arte-Mediathek.
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