Magazinrundschau

Es tut mir wirklich leid, Pat

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.11.2022. Der Säkularismus hilft Indien nicht, wenn er benutzt wird, um das Kastenwesen zu übertünchen, meint Outlook India. Die London Review beobachtet beklommen, wie Tunesien zum Autoritarismus zurückkehrt. Der New Yorker versucht herauszufinden, was Taiwan im Fall eines chinesischen Angriffs von den USA erwarten kann. Die Taliban lernen gerade, wie man sich als Opfer religiösen Extremismus' fühlt, notiert Himal. Der Filmdienst entdeckt das tellurische Kino.

Outlook India (Indien), 15.11.2022

Welchen Platz hat der Säkularismus in Indien, fragt Outlook India im Schwerpunkt seines neuen Hefts. Nach dem Wunsch der Väter der indischen Verfassung sollte der Säkularismus "ein Gleichgewicht zwischen Mehrheit und Minderheit sowie zwischen Tradition und Moderne herstellen", aber das hat in Indien nie funktioniert, meint der Politikwissenschaftler Ajay Gudavarthy. "Wir müssen die Funktionsweise des Säkularismus überdenken und uns fragen, warum er bei den meisten gesellschaftlichen Gruppen das Gefühl hinterließ, zu kurz gekommen zu sein. Wie konnte es dazu kommen, dass der Säkularismus Kasten-, Klassen- und Religionsgruppen sozial ghettoisiert hat, ohne dass ein Gefühl der 'emotionalen und psychologischen Identifikation' zwischen ihnen entstand? ... Säkularismus wurde zum Kürzel für 'progressive' Kasten-Hindus, die nicht über Kaste diskutieren wollten. Die Anti-Kasten-Politik geriet in ihrem Kampf gegen berechtigte Kastenprivilegien in vielerlei Hinsicht unausgesprochen in Konflikt mit dem säkularen Diskurs. Da der Säkularismus zu einem stellvertretenden Diskurs zum Schutz von Kasteninteressen wurde, gelang es ihm nie, eine Sozialethik der Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit zu schaffen. Der Säkularismus wurde zum Symbol für die Privilegien der Elite, für Klientelismus und Großzügigkeit. Als Antwort darauf entstand der Bahujanismus, der jedoch nur eine sektiererische Mobilisierung reproduzierte. Weder lieferte er uns eine Vision für bessere Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften, noch schmiedete er Brüderlichkeit zwischen den OBCs und den Dalits. Der 'Kampf' gegen den Säkularismus, der oft als Pseudo-Säkularismus bezeichnet wird, hat sich untrennbar mit der anti-elitären Mobilisierung verwoben."
Archiv: Outlook India

London Review of Books (UK), 17.11.2022

Vor einem Jahr beendet Tunesiens Präsident Kais Saied mit seinem Staatstreich die zehn Jahre der demokratischen Revolution. Er verhängte den Ausnahmezustand, entmachtete das Parlament und ließ sich eine neue Verfassung auf den Leib schneiden. Die Repressionen nehmen zu, berichtet Tom Stevenson, nur hin und wieder wagen es Tunesier, gegen die hohen Lebensmittelpreise zu protestieren: "Seit dem Putsch ist es schwieriger geworden, unabhängige Informationsquellen zu finden. Im August verurteilte ein Militärgericht Salah Attia, den Herausgeber einer Nachrichten-Website, zu drei Monaten Gefängnis, weil er den Präsidenten im Fernsehen kritisiert hatte. Im September kündigte Saied ein neues Gesetz an, das Gefängnisstrafen für die 'Verbreitung von Falschinformationen' vorsieht. Der Chefredakteur des unabhängigen Nachrichtensenders Inhiyez wurde verhaftet, nachdem die Polizei sein Haus durchsucht und seine Computer beschlagnahmt hatte. Die willkürliche Polizeigewalt und die Verhaftungen von Aktivisten, die die Polizeigewalt dokumentieren, haben zugenommen. Bevor er zum Putschisten wurde, war Saied ein Verfassungsrechtler. In den Jahren nach der Revolution trat er regelmäßig im Fernsehen als Kommentator zu Verfassungsfragen auf; eine seiner Beobachtungen war, dass Verfassungen dazu neigen, zu Werkzeugen der Exekutive zu werden. Er gewann die Präsidentschaft im Jahr 2019, indem er sich als Außenseiter präsentierte. Daran war etwas Wahres: Vor der Revolution war er ein kleiner Akademiker in der Hauptstadt gewesen. Aber es war auch eine Vereinfachung: Er hatte in Tunis dieselbe Schule wie drei frühere Präsidenten besucht. Seine Art von konservativem Nationalismus, gepaart mit äußerlicher Askese, kam gut an. Ebenso wie sein Versprechen, politische Korruption zu beseitigen und das Prestige des Staates, haybat al dawla, wiederherzustellen. Seine Gegner sagen Saied die Arroganz und Unnachgiebigkeit eines Apostels nach. Er hat sich Freunde in Ägypten und den Golfstaaten gemacht, indem er sich gegen die Islamisten positionierte. In den Medien geißelt er die Reichen und fordert mehr direkte Demokratie. Dieser Anstrich revolutionärer Rhetorik hilft ihm gegen politische Opponenten, scheint aber nie etwas zu bewirken."

Weiteres: Joanne O'Leary liest Cathy Curtis' Biografie der Kritikerin Elizabeth Hardwick, die für ihre scharfen Verdikte berüchtigt war und etwa die Vorstellung lächerlich fand, Frauen könnten literarisch mit Männern konkurrieren. David Runciman blickt ratlos auf zwölf Jahre Tory-Regierung.